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»Nein, nein,« sagte sie, vor übernatürlichen Dingen weniger in Furcht als vor natürlichen, »es ist ein Mensch wie wir. Um Gottes willen, Freund, steht, uns bei!«

Das Gesicht starrte sie an, der Mund gab aber keine Antwort. Im andern Augenblick erschien ein anderes Gesicht daneben: das eines jungen Burschen, ebenfalls schwarzbraun und rußig, mit schwarzem, borstigen Haar, das in dichten, wirren Locken um den Kopf wallte, ihm ein wildes, grimmiges Ansehen gebend. Lady Staunton, sich fester an den Felsen klammernd, wiederholte ihre Bitten, die aber von der brausenden Wasserflut dem Anschein nach verschlungen wurden, denn auch sie sah wohl, daß die Lippen des Jünglings sich bewegten, aber kein Laut gelangte bis an ihr Ohr; ihre Gebärden hatten jedoch den Sinn ihrer Worte verdolmetscht; der Bursche verschwand, ließ aber gleich darauf eine Leiter aus Weidengeflecht zu ihnen hinunter, dem Knaben winkend, sie festzuhalten. Verzweiflung macht Mut; die Lady zögerte nicht, das schwanke Werkzeug zur Rettung zu benutzen; der wilde Bursche, der ihr auf so seltsame Weise zu Hilfe gekommen, stand ihr auch weiter bei, so daß sie glücklich den Gipfel wieder erreichte. Doch wagte sie erst wieder zu atmen, als sie auch ihren Neffen oben sah, der ihr gewandt und behend folgte, obgleich jetzt niemand mehr die Leiter unten hielt. Schaudernd betrachtete sie nun den Ort, wo sie sich befanden, und die Menschen, die dort hausten. Sie standen auf einer Art von Felsaltan, der, von allen Seiten mit schroffen Klüften und Schluchten umschlossen, keinen Weg weder hinauf noch hinunter zeigte. Ein mächtiger Felsblock, der zwischen zwei Kuppeln eingeklemmt lag, daß er ein schräges Dach über der hinteren Felsplatte bildete, auf der sie standen, hinderte jeden Blick, von außen hierher, und von hier nach außen. Ein paar Haufen dürren Laubes boten unter diesem rauhen Obdach den Bewohnern dieses Geierhorstes – denn einen anderen Namen verdiente die Stätte nicht – ein karges Lager. Zwei von ihnen sah Lady Staunton jetzt hier. Der eine, eben der, der ihr zu so rechter Zeit zu Hilfe gekommen, ein langer junger Bursche, aussehend wie ein Wilder, stand vor ihr, in einem zerrissenen Schottenmantel, mit kurzem Unterkleid, barfuß, barhäuptig – aber mit einem Haarbusch so dicht, daß er wohl einen künstlichen Helm ersetzen und einen Schwerthieb abhalten konnte, – darunter wölbte sich eine stolze Stirn und blitzte ein kühnes Augenpaar – und die Haltung, in der er dastand, war frei und edel. Er schenkte David Butler kaum einen Blick, stierte aber mit maßloser Verwunderung auf die Dame, die wohl das schönste Wesen sein mochte, das er bis jetzt gesehen. Der Alte, dessen wildes Gesicht zuerst über den Felsen geguckt hatte, lag noch immer auf den Boden der Felsplatte gestreckt, mit träger Gleichgültigkeit, die im schroffen Widerspruch zu dem wilden Ausdruck seines rauhen Gesichtes stand, das er ihnen zukehrte. Es schien ein Mann von ungewöhnlicher Größe zu sein, und sein Anzug, nur wenig besser als der seines jungen Gefährten, bestand aus einem weiten Oberrock, wie er im Unterlande, und Unterkleidern, wie sie im Hochlande getragen wurden.

Die ganze Umgebung zeigte ein Bild seltsamer, unheimlicher Rauheit: unter dem Schirmdach des überhängenden Felsblockes brannte ein Steinkohlenfeuer, auf dem ein Brennkolben dampfte, dessen Glut den Gischt des Wasserfalles rötlich überhauchte; Blasebalg, Hämmer und Zangen, ein beweglicher Amboß und anderes Schmiedewerkzeug lagen oder standen daneben; an der Felsmauer lehnten drei Flinten, ein paar Säcke und Tonnen, auch ein Dolch, zwei Schwerter und eine Streitaxt. Nachdem der junge Wilde die Dame lange genug angestiert hatte, schleppte er einen irdenen Krug und einen großen Hornbecher heraus. Von dem Getränk, das eben erst aus dem Brennkolben gekommen schien, goß er aus dem Kruge in den Becher und bot den letztern erst der Dame, dann dem Knaben. Aber beide dankten, worauf er den Becher selbst in einem Zuge leerte. Dann verschwand er in einen Winkel der Höhle, kam mit einer andern Leiter wieder, die er an den quer überhängenden Felsblock lehnte, und winkte, während er die Leiter hielt, der Dame, hinaufzusteigen. Sie gelangte auf diesem schwanken Werkzeuge zu einer breiten Felskuppe, nahe dem Rande des Schlundes, in den sich der gewaltige Wasserstrom mit Schaumstreifen, die an die Mähnen eines wilden Renners erinnerten, hinunter ergoß. Allein die niedriger liegende Felsenfläche, die sie eben getragen hatte, lag ihren Blicken vollständig verborgen. David wurde der Aufstieg nicht so leicht gemacht der wilde Bursche mit dem wilden Haarbusch schüttelte, sei es aus Schadenfreude oder aus Schabernack, die Leiter, an der Angst sich weidend, die den Knaben und die Dame erfüllten, kräftig hin und her – was erklärlicherweise zur Folge hatte, daß sie einander mit nichts weniger als freundlichen Blicken maßen, als beide endlich oben waren. Der junge Zigeuner, oder was er sein mochte, half der Dame fürsorglich zu einer zweiten gefährlichen Höhe hinauf, wohin auch David folgte, bis sie endlich, den Klüften und Abgründen entronnen, auf dem Gipfel eines nicht übermäßig steilen Berges standen, dessen Hänge dicht mit Heidekraut bedeckt waren. Der Kamin aber, den sie eben überwunden hatten, war so schmal und eng, daß nur am äußersten Bergrande eine Spur davon sichtbar war; auch der Wasserfall war nicht mehr sichtbar, aber sein dumpfes Brausen traf noch immer das Ohr.

Eben den dräuenden Felsen und Bergströmen entronnen, fand Lady Staunton hier neuen Grund zu Angst und Bangen. Die beiden Knaben, die ihr als Führer gedient, standen sich zornsprühend gegenüber. David, wenn auch jünger und kleiner als der wilde Bursche, war kühn und mutig und scheute vor niemand zurück.

»Du bist der Pfarrersjunge von Knocktarlitie,« sagte der Zigeuner; »kommst Du mir hier oben noch einmal ins Gehege, so schmeiße ich Dich in den Schlund wie einen Ball.« – »Oho, Bursche, Du bist tatsächlich so kurz wie Du lang bist,« versetzte David unerschrocken und maß des Gegners Höhe mit zornigen Blicken; »gehörst doch sicher zur Bande des schwarzen Donacha? Kommt ihr uns unten noch einmal ins Gehege, so schießen wir euch nieder wie wilde Böcke.« – »Sag nur Deinem Vater,« sagte der andere wieder, »daß er die Bäume zum letztenmal hat grün werden sehen. Uns verlangt's nach Rache für den Schaden, den er uns angetan hat.« – »Hoffentlich geht noch mancher Sommer drüber ins Land,« sagte David, »daß wir euch noch öfter 'mal was zu Schaden tun können!« ' ,

Um dem Zwist ein Ende zu machen, trat Lady Staunton mit der Börse in der Hand dazwischen, nahm eine Guinee heraus und bot sie dem Zigeunerjungen.

»Das weiße Geld, das weiße Geld,« rief der junge Wilde, der vermutlich mit dem Werte des Goldes unbekannt war, als er das Silbergeld durch das Netz der Börse schimmern sah. – Lady Staunton schüttete ihm alles Silbergeld, das in der Börse war, in die Hand; gierig langte er danach und machte etwas wie eine Verneigung zum Zeichen des Dankes und Abschieds.

»Lassen Sie uns eilen, Lady,« sagte David, »denn seit der Kerl Ihre Börse gesehen, wird uns die Bande, zu der er gehört, nicht lange Ruhe lassen.«

So schnell sie konnten, rannten sie den Abhang hinunter, aber schon nach wenigen Schritten hörten sie lautes Geschrei hinter sich. Ein Blick rückwärts zeigte ihnen die beiden Zigeuner im wilden Rennen hinter ihnen her, den älteren mit einer Flinte auf der Schulter. Zum Glücke zeigte sich im selben Augenblick ein herzoglicher Jäger auf der Berghöhe. Als die Räuber ihn sahen, machten sie Halt, und Lady Staunton winkte ihn heran und bat ihn um sein Geleit nach dem Pfarrhause, das sie aber erst in später Stunde erreichten.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

In Edinburg, wohin uns der Verlauf unserer Erzählung nunmehr zurückführt, wurde die große Synode abgehalten, deren wir bereits erwähnten. Es ist Landesbrauch im alten Königreich Schottland, einen Vertreter des Königs aus dem alten Hochadel des Landes hierzu zu wählen, der bei den Verhandlungen den Vorsitz führt. Alle in der Hauptstadt anwesenden Personen von Rang und Würden pflegen diesen Vertreter des Königs zu den Sitzungen zu begleiten und ihm auch sonst durch ihre Gegenwart zu erhöhtem Glanze zu verhelfen. Der Edelmann, dem diesmal dieses Stellvertreter-Amt zufiel, gehörte zu Georg Stauntons intimeren Bekannten. Zum erstenmale seit der unglücklichen Nacht, wo der Stadthauptmann am Galgen verblutete, nahm Georg Staunton den Weg wieder durch die High-Street von Edinburg, und zwar an der Seite des Vertreters königlich britischer Majestät, in prächtiger Staatstracht, mit Orden und allen äußerlichen Zeichen von Rang und Reichtum. Er war noch immer ein Mann von hervorragender Schönheit, wenn auch Kränklichkeit ihre Spuren auf seinem Gesicht hinterlassen hatte. Aber wer erkannte wohl in diesem vornehmen Manne den Anführer jenes groben Pöbelhaufens wieder, der in Madge Wildfires Lumpen den Genossen seiner Laster auf so furchtbare Weise rächte? Und selbst wenn einer, der ihn damals kannte, die knappe Spanne Zeit überlebt hätte, die Uebeltätern vom Schicksal zugemessen zu werden pflegt, so hätte er ihn ganz sicher in dem hohen Herrn nicht wiedererkannt, der jetzt ganz Edinburg durch seine Vornehmheit blendete. Ueberdies war die Affaire jetzt so gut wie vergessen, so daß Georg Staunton keine Entdeckung mehr zu fürchten hatte. Und doch – mit welchen Gefühlen betrat er den Schauplatz jener verwegenen Tat, wenngleich es nur ein Fall von höchster Bedeutung war, der ihn bewogen hatte, sich an dieser Stätte so schmerzvoller Erinnerungen wieder zu zeigen. Auf Jeanies an die Schwester gerichteten Brief hin hatte Staunton sich nach Carlisle verfügt, um dort den Geistlichen Archidiakonus Fleming aufzusuchen, der der alten Murdockson vor ihrem gewaltsamen Tode die Beichte abgenommen. Er hatte den würdigen Greis noch am Leben getroffen und demselben offenbart, daß er der Vater des Kindes sei, das einst von der wahnsinnigen Madge geraubt worden. Der Geistliche, sich in die wilde Zeit zurückversetzend, die ihn auch mit anderen Missetätern in so betrübsame Gemeinschaft geführt, rief sich allmählich ins Gedächtnis, daß die Murdockson vor ihrem Tode an Georg Staunton nach Willingham einen Brief gerichtet, den er von dem dortigen Pfarrer Ehrwürden Staunton aber zurückerhalten habe, mit dem Bescheide, dort sei kein solcher Staunton bekannt. – Der Brief, der ihm nun von dem Archidiakonus ausgehändigt wurde, gab von der Zigeunerin Annaple Bailzou, die das Kind an sich genommen, ein genaues Signalement und allerhand weitere Auskunft: unter anderm, daß die alte Sünderin dieses Geständnis weniger aus Reue ablegte, als in der Hoffnung, von Georg Staunton oder seinem Vater Schutz für ihre Tochter Madge zu erlangen, die sie völlig hilflos zurücklassen mußte.