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Der Archidiakonus berichtete weiter,»daß die alte Murdockson bis an ihr Ende in Verstocktheit verharrte, ihre Tochter aber während der Mutter Hinrichtung entsprungen, von dem Pöbel ergriffen und zu Tode mißhandelt worden, und am andern Tage im Arbeitshaus gestorben sei, am Vormittag aber noch Besuch von mehreren weiblichen Personen bekommen habe, die dem Anscheine nach mit ihr bekannt gewesen seien, wenn sie auch gesagt hätten, sie nur unterwegs auf einer Reise getroffen zu haben. Was nun auch Staunton fühlen mochte, als er diese traurige Mitteilung, besonders von dem schrecklichen Tode jenes unglücklichen Mädchens, vernahm, das er ins Verderben gestürzt, so blieb ihm doch noch Willensfestigkeit genug, den Blick ausschließlich auf den Zweck seiner Herkunft, die Wiederauffindung seines Sohnes, zu richten. Da es die Klugheit verbot, über seine Geburt und die Schicksale seiner Eltern die Wahrheit zu sagen, stand freilich zu erwarten, daß es mancherlei Schwierigkeit bereiten werde, seine Legitimität durchzusetzen. Aber Lord Staunton hoffte hierzu Mittel und Wege zu finden; und gewöhnt, seinen Willen in allem, was er vornahm, durchzusetzen, verschob er alles Weitere, bis es ihm gelungen, den Sohn wiederzufinden; aber von diesem Vorhaben sollte ihn nichts abbringen, auch nicht die Gefahr, eine neue Kette von Unglück durchleben zu müssen, gleich denen oder größer als die, die ihm den Sohn geraubt hatten. – Allein wo war der Jüngling, dem Gut und Habe dieses alten Geschlechtes anheim fallen sollte? Welche niedrige Hütte war ihm Herberge? Verdiente er sich sein häusliches Brot im Tagelohn, oder trieb er sich vagabondierend im Lande herum? oder führte er etwa gar ein Diebs- oder Räuberleben? Alles Fragen und Forschen Stauntons blieb fruchtlos; es sollte ihm keinerlei Licht über den Verschollenen werden. Von anderer Seite erfuhr er, daß Annaple Bailzou sich mit Betteln und Wahrsagen das Leben gefristet habe, aber seit mehr denn zehn Jahren in der Gegend nicht mehr gesehen worden und wahrscheinlich wohl nach einem fernen Distrikt Schottlands gezogen sei, wohin sie zuständig sei. Staunton nahm sich vor, ihr dorthin zu folgen; da aber sein Aufenthalt in Edinburg mit der Synode zusammenfiel, und der Königsstellvertreter, wie erwähnt, zudem ein intimer Bekannter von ihm war, ließ sich seine Beteiligung an den mit der Synode zusammenhängenden Feierlichkeiten, so gern er dieselbe auch vermieden hätte, nicht umgehen. Bei Tafel lernte nun Lord Staunton einen würdigen Geistlichen kennen, der ihm als Reuben Butler vorgestellt wurde. Seinen Schwager in sein Geheimnis einzuweihen, dazu hätte sich Staunton nie entschlossen, und mit Befriedigung hatte er von seiner Frau gehört, daß ihre Schwester, die Redlichkeit und Zuverlässigkeit selbst, sogar ihrem Manne gegenüber kein Wort habe verlauten lassen. Infolgedessen war es ihm nicht unangenehm, daß sich jetzt eine Gelegenheit bot, einen so nahen Verwandten kennen zu lernen, ohne von ihm gekannt zu sein, zudem ihm, was er sah und hörte, die günstigste Meinung von Butler gab; dem die allgemeine Achtung gehörte, sowohl von seiten der Geistlichkeit als auch der weltlichen Mitglieder der Synode; hatte er sich doch in den bisherigen Sitzungen durch Verstand, Kenntnis und Freimut ausgezeichnet, und war er doch auch als einsichtiger und wohlbeschlagener Kanzelredner geschätzt. So war es wohl erklärlich, daß Georg Staunton, der anfangs nichts davon hatte wissen wollen, daß sich die Schwester seiner Frau mit einem Manne von so geringer Stellung verheiratete, jetzt um vieles besser darüber dachte, ja sogar fand, daß im Falle der Auffindung seines Sohnes es mit der bescheidenen Finanzlage der Familie seiner Frau doch recht verträglich sei, daß Lady Stauntons Schwester die Ehe mit einem Geistlichen eingegangen sei, dessen hohes Ansehen seine verhältnismäßig kleine Pfründe reichlich wett mache. Nach Aufhebung der Tafel ersuchte der Lord den Pfarrer, ihm nach seiner Wohnung am Grasmarkt das Geleit zu geben und den Kaffee bei ihm zu trinken. Butler dankte für die große Ehre und bat nur, im Vorübergehen bei Bekannten, wo er abgestiegen sei, vorsprechen zu dürfen, um dort zu sagen, daß man nicht mit dem Tee auf ihn warten solle. Sie gingen durch die High-Street, traten unter die Buden am Rathause und kamen zu dem Gefängnis, wo die Almosenbüchse für die im Kerker schmachtenden Gefangenen aufgestellt war. Staunton trat hinzu, und am andern Tage wurde in der Büchse eine Banknote von zwanzig Pfund gefunden.

Butler stand unterdes in tiefen Gedanken, die Augen auf die Kerkerpforte gerichtet. »Es scheint ein recht festes Tor zu sein,« bemerkte Staunton, als er wieder zu dem Pfarrer trat, bloß um etwas zu sagen. – »Freilich,« erwiderte Butler, sich zum Weitergehen anschickend, »vor Jahren war es einmal zu meinem Unglücke, daß sie nicht fest genug war.« – Sein Blick streifte zufällig seinen Begleiter, der ihm auffallend bleich aussah, aber auf die Frage, ob ihm etwas zugestoßen sei, antwortete, er habe sich verleiten lassen, etwas Eis zu nehmen, trotzdem er wisse, daß er es nicht vertragen könne. Diensteifrig führte Butler den Lord in das Haus seines Bekannten, bei dem er abgestiegen, der aber kein anderer war, als Herr Bartel Saddletree; ehe Staunton sich noch recht klar wurde, wohin ihn Butler führe, befand er sich in jenem Hause, wo seine Gemahlin einst als Ladenmamssell gedient hatte. Da wich die Blässe, die aus Furcht vor Entdeckung sein Antlitz entfärbte, jäher Schamröte. Die brave Frau Saddletree eilte geschäftig herbei, den reichen, mit Herrn Butler bekannten Baronet in ihrem bescheidenen Hause willkommen zu heißen, nachdem sie eine ältliche Dame, die tiefschwarz ging, gebeten hatte, sich nicht stören zu lassen. Diese hatte aufstehen wollen, um den vornehmeren Gästen den Platz nicht zu rauben. Als aber Frau Saddletree vom Pfarrer hörte, dem Lord sei nicht recht wohl, eilte sie, ohne sich um die Dame in Schwarz weiter zu kümmern, nach der Küche, eine kleine Erfrischung zu holen; und ihre Abwesenheit hatte die Dame benutzen wollen, sich zu entfernen, war aber im Eifer über die Schwelle gestolpert; der Lord, der gerade in der Nähe stand, hatte sich beeilt, ihr aufzuhelfen, und geleitete sie jetzt bis zur Haustür.