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»Die alte Frau Porteous,« sagte Frau Saddletree, als sie mit einem Fläschchen in der Hand zurückkam, »ist schon gar nicht mehr recht bei sich; dabei ist sie doch noch gar nicht so alt; aber das gräßliche Schicksal ihres Mannes ist ihr gar tief zu Herzen gegangen. – Ja, Herr Butler, Ihnen hat die Affäre ja auch gerade genug Kummer bereitet. Aber, Mylord, Sie sollten, doch noch ein Paar Tropfen nehmen,« – sie reichte Staunton nochmals von der stärkenden Arznei, »ist's mir doch fast, als hätte sich Ihr Aussehen gegen vorhin noch verschlimmert.« – Der Gedanke, daß ihn der Zufall dazu geführt, die Frau zu stützen, die durch seine Schuld zur Witwe geworden, hatte ihm tatsächlich alle Farbe aus dem Gesicht getrieben.

»Die Porteous-Affäre,« nahm da der alte Saddletree das Wort, den jetzt Gicht an seinen Lehnstuhl fesselte, »ist ja verjährt und verschollen.« – »Ich dächte doch noch nicht, Nachbar,« meinte Plumdamas, »Mord verjährt nach unserem Recht, meines Wissens, in zwanzig Jahren; wir stehen jetzt Anno einundfünfzig, und Porteous wurde Anno siebenunddreißig durch den Pöbel vom Leben zum Tode gebracht.« – »Sie werden doch mir nicht Recht und Gesetz eintrichtern wollen, Nachbar? Ich sage Ihnen, und wenn jetzt die ganze Porteous-Rotte dastünde, wo jetzt der fremde Herr steht, so könnte ihr kein königlicher Anwalt mehr an den Kragen.« – »Aber so laß doch bloß einmal Deine Rechthaberei,« fiel ihm seine Frau ins Wort, »Mylord kann nicht einmal in Ruhe seine Tasse Tee trinken.« – Staunton aber hatte genug von der Unterhaltung; er winkte Butler, daß er gehen wolle, und Butler sagte Frau Saddletree ein paar entschuldigende Worte, um sich mit dem Lord nach dessen Wohnung zu verfügen. Hier fanden sie einen neuen Gast, der auf die Rückkehr des Lords wartete. Es war kein anderer als Ratcliffe, der es mittlerweile bis zum Posten eines Oberaufsehers gebracht, und den man Staunton als einen Mann genannt hatte, von dem er vielleicht die beste Auskunft über die Zigeunerin Bailzou bekommen könnte. Das war für Staunton eine neue, nur noch bösere Unterhaltung! Stand er doch jetzt seinem alten Bekannten, James Ratcliffe, gegenüber, dessen Züge ihm sogleich in die Erinnerung traten. Der gewaltige Abstand aber, der zwischen Georg Robertson und Sir Georg Staunton lag, täuschte auch Ratcliffes Scharfblick, so daß er sich tief vor dem Lord und dem Pfarrer verneigte, welch letzteren er demütig um Entschuldigung bat, daß er sich ihm als Bekannter aus früherer Zeit vorzustellen erlaubte. »Ich weiß, Sie haben einst meiner Frau einen nicht geringen Dienst geleistet,« sagte Butler, »und meine Frau sandte Ihnen eine kleine Erkenntlichkeit. Hoffentlich ist's Ihnen richtig zugegangen und auch zurecht gekommen.« – »Ei, das wollt ich meinen, Hochwürden,« versetzte Ratcliffe, indem er pfiffig dabei nickte; »aber Sie haben sich recht zu Ihrem Vorteil verändert, Hochwürden, in den vielen Jahren, seit ich Sie nicht mehr gesehen habe.« – »Ja, ja, so sehr, muß ich sagen, daß ich mich wundere, von Ihnen noch erkannt zu werden.« – »Oho, Hochwürden. Ich vergesse kein Gesicht, das ich einmal im Leben gesehen habe.« – Lord Staunton stand wie auf der Folter, alle Gedächtnisschärfe aus tiefstem Herzen verwünschend. »Und doch,« fuhr Ratcliffe fort, »irrt sich auch das schärfste Gedächtnis dann und wann; und wenn ich's mir herausnehmen darf, von der Leber weg zu sprechen, so sehe ich hier in der Stube noch ein anderes Gesicht, das mir vorkommt, als hätt ich's schon einmal im Leben gesehen – bei einem guten, recht guten, aber längst verschollenen Bekannten; und wüßte ich nicht, wen ich in dem hohen Herrn vor mir habe, so könnt ich mich fast versucht fühlen.« – »Es würde für mich nicht eben schmeichelhaft sein,« versetzte der Baronet, erregt durch die Gefahr, in der er sich sah, mit strenger Stimme, »wenn sich Ihre seltsamen Komplimente auf mich beziehen sollten.« – »Durchaus nicht, Mylord,« versetzte Ratcliffe, sich tief verbeugend, »ich komme lediglich, um Euer Gnaden Befehle zu vernehmen, nicht aber um Euer Gnaden Ohr durch ein paar demütige Bemerkungen zu verletzen.« – »Man hat mir gesagt, Sie seien in Polizeisachen nicht unbewandert. Ich bin auch ein wenig darin zu Hause – und um Ihnen klingenden Beweis dafür zu geben, so zahle ich Ihnen zehn Guineen als Aufgeld, die ich aber um das fünffache erhöhe, wenn ich durch Sie über ein gewisses Frauenzimmer Aufschluß erhalte, dessen Signalement Sie hier in diesem Papier finden. Schriftliche Antwort lassen Sie mir durch meinen Edinburger Geschäftsträger zugehen. Hier sein Name und seine Wohnung!«

Damit wandte er Ratcliffe den Rücken, der sich abermals tief verbeugte und dann ging. – »Es hat den hochnäsigen Wicht verdrossen,« meinte Ratcliffe bei sich, »daß ich die Aehnlichkeit herausgefunden habe. Aber wenn Georg Robertsons Vater nicht weit von seiner Mutter gelebt hätte – der Teufel sollte mich holen, wenn ich dann wüßte, was ich denken sollte, und möchte er sich noch sehr aufs hohe Roß mir gegenüber setzen!«

Lord Staunton, jetzt mit Butler allein, ließ Tee und Kaffee bringen und erkundigte sich nach einigem Zögern, ob er kürzlich Nachricht von den Seinigen bekommen habe. Butler, über die Frage einigermaßen erstaunt, sagte, »es sei einige Zeit her, seit er Nachricht bekommen, seine Frau schreibe nicht gern.« – »So bin ich denn leider derjenige, aus dessen Munde Sie zuerst hören, daß die Ruhe Ihres Hauses während Ihres Fernseins getrübt worden ist. Meine Frau, die der Herzog von Argyle eingeladen hat, in Roseneath die Molkenkur durchzumachen, hat es vorgezogen, sich in Ihrem Hause einzuquartieren; sie schreibt zwar, um gleich bei den Ziegen zu sein, ich vermute aber, weil ihr die Gesellschaft Ihrer Frau lieber sein wird als die des alten Knasterbarts Knockdunder,« – Butler sagte, daß ihn dies doch nur freuen könne. Der Lord dankte ihm für diese Gastfreiheit und fragte, wann er nach Hause zu reisen gedenke. – »In ein paar Tagen,« sagte Butler; denn nachdem er seine Geschäfte sämtlich erledigt habe, treibe es ihn wieder nach seinen Penaten; da er aber eine beträchtliche Geldsumme mitnehme, wolle er, um nicht allein zu reisen, mit ein paar Amtsbrüdern zusammen reisen. – »Mein Geleit dürfte Ihnen bessere Sicherheit sein,« antwortete Staunton; »ich denke morgen abzureisen, und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich mir anschlössen; auf alle Fälle übernehme ich es, Sie ungefährdet in Ihre Heimat zu geleiten.« – Butler nahm das Anerbieten dankbar an; Staunton schickte einen Bedienten nach dem Pfarrhause voraus, ihre Ankunft dort zu melden, und bald verbreitete sich die Nachricht durch das ganze Kirchspiel, der Herr Pfarrer komme mit einem vornehmen Herrn aus England und bringe auch den Kaufschilling für Craigsture mit. Lord Staunton hatte sich zu diesem schnellen Entschluß, so schnell nach Knocktarlitie zu reisen, durch die letzten Begebenheiten bestimmen lassen; er sah jetzt ein, wie verwegen es von ihm gewesen, sich auf den Schauplatz seines früheren Sündenlebens zu begeben, und Ratcliffes Klugheit war ihm viel zu sehr bekannt, als daß er sich zum zweitenmale in seine Nähe hätte wagen mögen. Unter dem Vorwand einer Unpäßlichkeit hielt er sich am zweiten Synodaltage zu Hause und verabschiedete sich am dritten schriftlich von seinem Freunde, dem königlichen Abgeordneten. Seinem Agenten gab er Auftrag, alle über die Annaple Bailzou einlaufenden Nachrichten durch einen Eilboten nach Knocktarlitie nachzuschicken. . Die Reise dorthin gestaltete sich für Lord Staunton über Erwarten angenehm. Als ihm Edinburg aus dem Gesicht kam, wurde es ihm leichter ums Herz; und Butlers ruhige und schlichte Unterhaltung war so recht dazu angetan, ihm die trüben Betrachtungen aus dem Sinne zu bringen. Ja sie führte ihn, um ihn immer um sich zu haben, auf den Gedanken, ihm die reiche Pfründe von Willingham zuzuwenden; durfte er doch auch rechnen, daß sich seine Frau dann mehr als bisher mit dem Leben auf dem Lande befreunden werde.