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Er fragte Butler, ob ihm eine Pfarre mit zwölfhundert Pfund jährlicher Einkünfte genehm läge, wenn die Bedingung daran geknüpft würde, zur englischen Kirche überzutreten. Butler erwiderte, »in den Lehren der Kirche, von deren Wahrheit er überzeugt, und in denen er erzogen sei, zu seinem Gott eingehen zu wollen.« Staunton fragte ihn nun, was ihm seine gegenwärtige Pfarre einbringe? – »Im Durchschnitte hundert Pfund jährlich, den Ertrag von den Aeckern und Wiesen nicht gerechnet.« – »Und dagegen schlagen Sie eine Pfründe aus, die Ihnen das zwölffache sichert?« – »Meine kleine Pfarre hat mir bislang das Leben gedeckt – durch die mir vom Schwiegervater zugefallene Erbschaft und einige Ersparnisse meiner Frau mehren sich die Einkünfte um reichlich das doppelte, und ich weiß wirklich noch nicht, wie wir das Hinzugekommene verwerten sollen. Nun sollte ich, da ich weder den Wunsch noch Anlaß habe, dreihundert Pfund jährlich mehr aufzuwenden, den Besitz einer vierfachen Summe erstreben, wenn ich höhere Rücksichten dagegen opfern soll?« – »Das ist echte Lebensweisheit,« erwiderte Staunton. »Ich habe wohl gehört, daß sie bei Menschen noch zu finden sei, bislang aber umsonst danach gesucht.« – Staunton fühlte sich von der Reise angegriffen und entschloß sich deshalb zu einem Rasttag in einer kleinen Ortschaft zwischen Edinburg und Glasgow. In Dumbarton wurde ein Boot gemietet, das sie den Loch Care hinauf nach dem Pfarrhause bringen sollte. Zwei Lakaien sollten die Wasserfahrt mitmachen, die übrigen bei dem Wagen bleiben. Kurz vor der Abfahrt trat der Eilbote aus Edinburg von Lord Stauntons Geschäftsführer ein, mit verschiedenen Schriftstücken, deren Inhalt Lord Staunton lebhaft zu erregen schien. Staunton schrieb sogleich nach Edinburg zurück und gab dem Boten ein reichliches Trinkgeld, legte ihm aber die Verpflichtung auf, die Rückreise ohne allen Aufenthalt zu bewirken.

Da die Fahrt stromabwärts ging, hatten die Ruderer schwere Arbeit. Unterwegs erkundigte sich Lord Staunton mit auffälligem Eifer nach den im Hochlande noch aufhältlichen Räubern; Butler gab ihm, soweit er konnte, Auskunft, und ließ dabei den Namen Donacha fallen. Sogleich erkundigte sich Staunton nach diesem Banditen wie den zu ihm haltenden Kameraden. Butler wußte auch nur, daß Donacha selten mehr als drei bis vier Leute um sich habe und nicht die Ambition besitze, als Haupt einer eigentlichen Räuberbande zu gelten; er persönlich spüre kein Verlangen, die flüchtige Bekanntschaft, die er mit ihm gemacht, irgendwie zu erneuern...«

»Und doch möchte ich den Mann einmal sehen,« erklärte Staunton. – »Solche Begegnung, Sir Georg, ist eine sehr gefährliche Sache; Sie müßten ihn denn gerade dann sehen, wenn ihn die Strafe trifft; das sind aber traurige Augenblicke, nach denen es einen besser nicht verlangt.« – »Wen träfe, wenn jedem nach Verdienst gemessen würde, keine Strafe, Herr Pfarrer? Nun ich spreche in Rätseln – will mich aber deutlicher erklären, sobald ich mit meiner Frau über den Fall gesprochen... Setzt die Ruder ein, Bursche,« rief er, »am Himmel droht Sturm.«

Schwere Wolkenmassen hingen am westlichen Himmel, von der untergehenden Sonne mit tiefem Rot gefärbt, die Luft war schwer wie Blei, und bange Stille herrschte in der ganzen Natur, den Ausbruch eines Ungewitters verkündend. Bald fielen große, schwere Tropfen, aber es kam zu keinem richtigen Regen, trotzdem eine drückende Hitze, in Schottland ganz ungewöhnlich um Ende Mai herum, herrschte. Die Fahrt wurde immer beschwerlicher. Wilde Böen jagten über die Wasserfläche und machten alle Arbeit der Ruder vergeblich. Noch ein schmales Vorgebirge galt es zu umschiffen, um zu einem Landungsplatz, der Mündung eines kleinen Flusses, zu gelangen. Aber der schwere Sturm machte es ihnen außerordentlich schwer, vorwärts zu kommen.

»Könnten wir nicht diesseits vom Gebirge landen und Schutz finden?« fragte Staunton. – Butler kannte keinen Landungsplatz in der Nähe, von wo aus man an den steilen Felsen, die das Ufer umgaben, empor gelangen konnte. – »Wir müssen eine Zuflucht finden,« rief Staunton, »der Sturm wird immer stärker.« – »Je nun,« sagte einer von den Bootsleuten, »so bleibt uns bloß die Zigeunerbucht; aber dem Herrn Pfarrer darf man nichts davon sagen wegen des Schmuggels; auch weiß ich nicht, ob ich das Boot dorthin steuern kann; die Bucht wimmelt von Untiefen und versunkenen Felsblöcken.«

»Versuch's,« befahl Staunton, »eine halbe Guinee, wenn wir die Bucht gewinnen.« Der alte Fährmann griff nach dem Steuer; »sind wir erst mal drin,« sagte er, »werden wir bald den steilen Pfad finden zu den Bergen hinauf – und das Pfarrhaus erreicht haben.« – »Vor fünfzehn Jahren, als Andrew Wilson mit seinem Kutter die Buchten befuhr,« sagte der Mann, »wußte ich freilich hier bessern Bescheid. Er hatte damals einen jungen Engländer bei sich, einen gar wilden Patron mit Namen.« – »Wenn Du soviel plapperst,« fiel ihm Lord Staunton ärgerlich ins Wort, »rennt der Kutter auf den Wetzstein! Halt das Segel scharf auf die weiße Kuppe dort!«

»Mord und Brand,« rief der Alte und starrte ihn an wie den leibhaftigen Gottseibeiuns. »Euer Gnaden wissen in der Bucht so gut Bescheid wie ich. Euer Gnaden müssen die Nase schon früher am Wetzstein gehabt haben.« ,

Sie kamen der kleinen, durch Klippen geschützten, hinter Felsen verborgenen Bucht langsam näher, die nur von Leuten benutzt werden konnte, die genau mit der Schiffahrt in diesen Gewässern vertraut waren. Ein altes gebrechliches Boot lag dort, hinter Gebüsch und vorspringenden Felsen versteckt. Butler sagte, als er dasselbe erblickte, zu dem Lord, wie schwer es ihm würde, die Leute in der Gegend von der Gesetzwidrigkeit des Schleichhandels zu überzeugen, obgleich sie seine schädlichen Folgen täglich vor Augen hätten. Staunton meinte, der Schmuggel übe auf jugendliche Gemüter eine gewisse Romantik, und im reiferen Alter käme wohl auch hier die Besserung? .

»Dies trifft nicht immer zu,« versetzte Butler, »besonders bei denen nicht, die sich zu Blutvergießen haben hinreißen lassen; freilich kommt jeder dabei früher oder später zu einem schlimmen Ende. Lehrt uns doch schon die heilige Schrift, daß die Hand der Vergeltung den Gewalttätigen ereilt, und daß wer nach Blut dürstet, nicht die Hälfte seiner Tage erlebt. Aber wollen Sie sich nicht meines Armes bedienen, auf das Ufer zu steigen?«

Lord Staunton tat wirklich Beistand not, denn die Worte des schlichten Pfarrers, die seine früheren Gesinnungen so herbe straften, gingen ihm so nahe, daß er sich einem Schwindel nahe fühlte.

Nur dumpfer Donner dröhnte noch, als sie den Fuß ans Land setzten. – »Das ist ein böses Omen, Herr Butler,« sagte Staunton. – »Intonuit laevum [Es donnert links]. Und das bedeutet Gutes,« versetzte Butler lächelnd. – Den Bootsleuten wurde befohlen, das Boot mit dem Gepäck um das Vorgebirge herum nach dem gewöhnlichen Landungsplatze zu steuern; die beiden Herren hingegen von einem Lakaien begleitet, suchten sich auf wild verworrenem Pfade durch dichtes Gebüsch den Weg zum Pfarrhaus zu bahnen, wo man in banger Sorge auf sie seit dem verflossenen Tage wartete. Auch der Abend des dritten Tages nahte, und noch immer kamen sie nicht, die beiden Gatten! Lady Staunton fürchtete, Unmut halte den ihrigen fern, da er sich vor der Begegnung mit ihrer Schwester, der seine unglückliche und schmachvolle Lebensgeschichte bekannt war, scheue; wußte sie doch nur zu gut, welchen Zwang er sich in Gegenwart anderer auferlegen mußte, um seine Ruhe zu wahren! Sie bat Jeanie wiederholt, sich zu stellen, als ob sie ihn nicht wiedererkenne, ihn ganz wie einen Fremden zu behandeln; und Jeanie versprach es ihr neuerdings, sich ganz nach ihrem Willen zu richten. Auch Jeanie wurde unruhig, wenn sie sich die Verlegenheit ausmalte, in die eine solche Zusammenkunft beide Teile setzen mußte; aber ihr Gewissen war rein, und so sah sie trotz allem der Heimkunft ihres geliebten Mannes nach so langer Abwesenheit mit inniger Sehnsucht entgegen.