In dem Bündel von Briefen und Schriftstücken, das ein Eilbote für Sir Staunton gebracht hatte, fand Reuben Butler weitere höchst befremdliche Nachrichten, so daß er Gott innig dankte, ihn von dem Schritte, zu dem ihm seine Frau geraten, nicht abgehalten zu haben.
Ratcliffe nämlich, der Fühlung mit allen Verbrechern im Lande besaß, hatte, angespornt durch die ihm verheißene Belohnung, schnell eine Spur von dem abhanden gekommenen Kinde des unglücklichen Elternpaares gefunden: jenes Weib, dem die am Galgen gestorbene Megg Murdockson das Kind überantwortet hatte, hatte es bis zu seinem achten Lebensjahre mit sich im Lande herumgeschleppt und, wenn nicht zu Schlimmerem, sicher zum Betteln angehalten. Als sie darauf wieder in das Edinburger Zuchthaus wandern mußte, hatte sie das Kind an Donacha Dhuna Dunaigh verkauft, der damals noch als Kesselflicker im Lande umherzog. Ein hartgesottener Bösewicht wie er, stand natürlich jenem schrecklichen Handel nicht fremd, der damals zwischen England und Amerika getrieben wurde. Um Leute zur Arbeit auf den Pflanzungen zu bekommen, schreckte man damals nicht zurück, auch Weiße, und zwar vornehmlich Kinder beiderlei Geschlechts, dorthin zu verschachern. Bis hierher führte Ratcliffes Spur; er war nicht im Zweifel, daß Sir Staunton weitere Nachricht durch Donacha-Dhuna erlangen könne. Aus diesem Grunde hatte der schon öfter im Verlaufe dieser Erzählung genannte Rechtsanwalt ein Schreiben an Sir Staunton und gleichzeitig an den Hauptmann Knockdunder einen Haftbefehl gegen Donacha-Dunca durch Eilboten gesandt.
Was nun Reuben Butler weiter erfuhr, als er sich zu Knockdunder begab, um an der noch im Gange befindlichen Zeugenvernehmung teil, wie von dem bereits aufgenommenen Protokoll Kenntnis zu nehmen, war folgendes: Donacha hatte tatsächlich den unglücklichen Knaben, dem Effie bei der Megg Murdockson das Leben geschenkt, gekauft, in der Absicht, ihn mit erklecklichem Profit an eines jener amerikanischen Scheusale von Menschenhändlern zu verkaufen. Es hatte sich aber nicht sogleich eine hierzu günstige Gelegenheit geboten, und da er inzwischen an dem Knaben gewisse Charakterzüge merkte, die nach seinem Sinne waren, kam er auf den Einfall, ihn bei sich zu behalten. Er wurde, wie Donacha mit besonderer Freude feststellte, das richtige Satanskind: prügelte er ihn, so jammerte er nicht wie andere Kinder und bettelte auch nicht wie andere Kinder, sondern fluchte und drohte, sich dafür bitter zu rächen; in allen Schlichen und Ränken war er früh zu Hause, und die nichtsnutzigsten Lieder und Zoten waren ihm geläufig. Vom elften Jahre gehörte er der Bande Donachas unter dem Spitznamen »Pfeiferhans« als regelrechtes Mitglied an und nahm regen Teil an ihren Beutezügen. Den letzten derselben hatten die von seinem wirklichen Vater angestellten Nachforschungen nach seinem Verbleib veranlaßt.
Donacha war schon eine Zeitlang durch die strengen Maßregeln, die gegen alles rechtlose Gesindel in den Grenzdistrikten verhängt worden, zu äußerster Vorsicht gemahnt worden, und hatte sich, da sich die Verhältnisse nach dieser Richtung immer mehr verschärften, vorgenommen, überhaupt aus dem Lande zu flüchten und die alten Freunde und Bekannten unter den Schleich- und Sklavenhändlern Amerikas aufzusuchen. Aber einen letzten Streich wollte er zuvor noch ausführen. Er hatte Kenntnis davon bekommen, daß im Pfarrhause zu Knocktarlitie ein reicher Engländer eintreffen sollte; was ihm sein Zögling von dem Golde erzählt, das er in der Börse der Lady gesehen, war ihm auch nicht aus dem Sinne gekommen, und was der Pfarrer auf dem Kerbholze bei ihm hatte, auch nicht; obendrein ging die Rede, daß derselbe aus Edinburg viel Geld mitbringe, und aus all diesen Gründen war Donacha bestimmt worden, in dem Walde bei der Zigeunerbucht, wo man ihn, der Nähe halber, am wenigsten vermuten dürfte, die Nacht abzuwarten und von dort in die Pfarrei einzubrechen, nach verübter Untat sogleich in See zu stechen und die Beute mit nach Amerika hinüberzunehmen.
Dieser verwegene Plan wäre ihm wahrscheinlich gelungen, wäre sein Versteck nicht zufällig durch Sir Georg und Reuben Butler auf ihrem Wege nach dem Pfarrhause entdeckt worden. Donacha, der die Reisenden als sichere Opfer betrachtete, war ohne Bedenken über sie hergefallen, aber in dem Kampfe infolge des tapfern Widerstandes, den Sir Georg leistete, schnell unterlegen; leider aber war Sir Georg, und allem Vermuten nach durch die Hand des eignen Sohnes, den er so lange gesucht, und den er auf solch unglückselige Weise wiederfinden sollte, dabei um sein noch verhältnismäßig junges Leben gekommen. Während Butler, von dem schrecklichen Ereignisse wie zu Eis erstarrt, dastand, wetterte Knockdunder, sein Entsetzen noch verstärkend, wie ein Rasender gegen die gefangenen Räuber.
»Die Glockenstränge laß ich aus dem Turme holen,« schrie er, »und knüpfe das Diebespack an Ort und Stelle auf, damit im Lande wieder Respekt vor Recht und Gesetz einzieht.« – Butler hielt ihm vor, daß die Gefangenen, da in Schottland alle erbliche Jurisdiktion abgeschafft sei, nach Glasgow oder Inverary transportiert werden müßten, da sie nur dort gerichtet werden könnten. Aber Duncan wollte hiervon nichts hören; Rebellen gegenüber seien Ausnahmegesetze am Platze und im Brauche, und vor allem in Argyle gelte nach wie vor herzogliches Recht; er lasse sich unter keinen Umstanden davon abbringen, die drei Kerle vor dem Fenster von Lady Stauntons Schlafzimmer aufzuknüpfen, damit die hohe Dame sähe, daß er, Duncan von Knockdunder, noch nicht verlernt habe, wie in Schottland Blutrache geübt werde. Endlich aber gelang es Reuben Butler doch, ihm solchen Verstoß gegen das jetzt im Lande herrschende Gesetz soweit auszureden, daß er sich einverstanden erklärte, die beiden Männer nach Glasgow bringen zu lassen; den Pfeiferhans aber wollte er »am Galgen pfeifen lassen«, damit es im Lande nicht heiße, ein Freund des Herzogs sei im Distrikte des Herzogs ungerächt ermordet worden.
Die Nacht hatte sich niedergesenkt, und alles im Hause war still und ruhig, als Jeanie, um das ihrem Neffen drohende Schicksal, wenn sie ihn der Besserung fähig erkennen sollte, abzuwenden oder wenigstens zu verzögern, die Kammer, in die ihn Knockdunder gesperrt hatte, mit einem Hauptschlüssel öffnete und vor den auf dem Estrich liegenden Zigeunerburschen trat. In seinem sonnverbrannten, durch Schmutz und Ruß verunstalteten, von rauhem schwarzen Haar halb verdeckten Gesicht suchte sie vergeblich nach einer Spur von Aehnlichkeit mit seinen durch Schönheit ausgezeichneten Eltern. Und doch, wie konnte sie einem so jungen, elenden Wesen ihr Mitleid versagen: war sein Elend ja viel größer, als er selbst es ahnte oder ahnen konnte, da der Mord, den er, wenn nicht aller Wahrscheinlichkeit selbst begangen, doch mit verschuldet hatte, ein Vatermord war! Sie setzte Speise und Trank neben ihn, richtete ihn auf, lockerte die Bande, die ihm die Hände fesselten, damit er essen könne. Er streckte die Hände nach der Speise aus, – Hände, an denen Vaterblut noch klebte, – und verschlang gierig und schweigend Speise und Trank.
»Wie lautete Dein erster Name?« fragte sie, um das Gespräch mit ihm zu beginnen. – »Pfeiferhans!« – »Und Dein Taufname?« – »Ich habe, so viel ich weiß, kein Taufbecken gesehen. Ich heiße Pfeiferhans und nicht anders.« – »Armer unglücklicher Mensch,« rief Jeanie; »was tätest Du, wenn Du von hier flüchten, wenn Du dem Tode, der Dir morgen droht, entrinnen könntest?« – »Zu Rob Roy oder More Cameron schlüge ich mich durch, und rächte Donachas Tod an all und jedem!« – »Unglückseliger,« rief Jeanie, »weißt Du auch, was aus Dir wird, wenn Du stirbst?« – »Dann friert's mich nicht mehr!« versetzte der Jüngling verstockt.