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»Ihn in solcher Beschaffenheit hinrichten zu lassen,« sprach Jeanie bei sich, »bedeutet Leib und Seele zugleich vernichten – aber entfliehen lassen darf ich ihn auch nicht. Gott! was soll ich beginnen? und doch ist er meiner Schwester Sohn, mein Neffe, von unserm Fleisch und Blut! und Hände und Füße sind ihm so fest geschnürt, daß sie ihm schier ins Fleisch schneiden.«

»Pfeifer, schmerzen Dich die Stricke?« fragte sie. – »Sehr,« klagte er. – »Wenn ich sie Dir löse, tätest Du mir was zuleide?« – »Nein, hast Du doch mir und den Meinen auch nichts zuleide getan.« – »Vielleicht ist doch noch ein Funke von Gutem in seinem Gemüte,« dachte Jeanie, »ich will versuchen, was Milde über ihn vermag.«

Sie löste seine Bande, und er sprang auf, blickte mit wilder Miene um sich und klatschte in die Hände, wie außer sich vor Freude, daß er frei war. Er sah so wild aus, daß Jeanie vor dem, was sie getan, zitterte. – »Laß mich hinaus,« rief der junge Wilde. – »Nicht eher, als bis Du mir versprichst.« – »So sollst Du schnell froh sein, wenn wir beide draußen sind!« rief er, nahm das brennende Licht und warf es in den Flachs, daß im Nu die Flammen hoch schlugen. Jeanie schrie und rannte aus der Kammer. Der Zigeunerbursch sprang an ihr vorbei, riß ein Fenster auf, war mit einem Satze unten, im Garten, mit einem zweiten über den Zaun hinüber, durch den Wald und hatte im Nu das Seeufer erreicht.

Es gelang, den Brand zu löschen; aber da Jeanie über ihr Geheimnis nichts verlauten ließ, ahnte auch niemand, daß sie es gewesen, die dem Zigeuner zur Flucht verholfen hatte. Was aus ihm geworden, erfuhren sie erst Wochen nachher; sein Leben verlief so wild, wie er es begonnen hatte. Das Schiff, auf dem sich Donacha einschiffen wollte, nahm den Pfeiferhans mit; sein habsüchtiger Kapitän aber, ergrimmt über den Verlust der reichen Beute, die Donacha an Bord zu bringen versprochen hatte, hielt sich am Pfeiferhans schadlos, indem er ihn an einen virginischen Pflanzer als Sklaven verkaufte. Reuben Butler schickte, als ihn diese Kunde erreichte, eine Geldsumme nach Westindien, die ihn loskaufen sollte; allein die Hilfe kam zu spät; Pfeiferhans war ausgebrochen und, nachdem er seinen grausamen Herrn ums Leben gebracht, zu einem Indianerstamm geflohen. Dort ist er umgekommen, wahrscheinlich gewaltsam – gehört hat niemand mehr etwas von ihm. Reuben und Jeanie hielten es nicht für geraten, Effie von dem schrecklichen Schicksal ihres Sohnes Kenntnis zu geben. Ueber ein Jahr nach dem Tode ihres Mannes war sie im Pfarrhause geblieben. Zuerst hatte sie wahren Kummer gefühlt; in den letzten Monaten hatte sich mehr Verdruß und üble Laune über die Einförmigkeit ihres friedlichen Landlebens ihrer bemächtigt. Effie neigte nun einmal von frühester Jugend, im Unterschied von ihrer Schwester, zu Unterhaltung und Zerstreuung. Als sie Knocktarlitie den Rücken wandte, fand sie sich auf das freigebige bei ihrer Schwester für alles, was sie an ihr getan, ab; aber als der erste Trennungsschmerz vorüber war, erschien Effies Abreise nicht bloß ihr, sondern auch Jeanie und deren Manne als eine Wohltat. In die stille Glückseligkeit von Knocktarlitie drang mit der Zeit die Nachricht, daß die reiche, schöne Lady Staunton ihren Rang in der vornehmen Welt wieder eingenommen habe; aber sie vergaß der treuen Schwester nicht, denn durch sie erhielt David eine Offiziersstelle im britischen Heere, und da der soldatische Geist Bibel-Butlers in ihm wieder aufgelebt zu sein schien, machte er rasch Karriere. Sein Bruder Reuben widmete sich der Rechtswissenschaft, ebenfalls mit großem Erfolge. Euphemia Butler, ihrer Tante an Schönheit gleich und durch dieselbe aufs reichste ausgestattet, vermählte sich mit einem hochländischen Laird und wurde mit Hochzeitsgeschenken so reich bedacht, daß man sie weit und breit in Dumbarton und Argyleshire um ihr Glück neidete.

Noch etwa zehn Jahre glänzte Lady Staunton in der vornehmen Welt als ein bewunderter Stern; aber wie so viele dort unter einer glänzenden Außenseite ein blutendes Herz verbergen, so fand auch Effie nie das wahre Glück. Höchst ehrenvolle Heiratsanträge schlug sie aus und zog sich endlich, nicht mehr im stande, ihre Herzenswunde zu verbergen, auf den Kontinent und in das Kloster zurück, in welchem sie ihre Bildung erhalten. Den Schleier nahm sie nicht, lebte aber hinfort abgeschieden von der Welt und in strenger Ausübung des katholischen Glaubens, zu welchem sie, zu Jeanies und Reubens tiefem Leidwesen, übergetreten war.

Glücklich in ihrer Liebe, geehrt von allen, die sie kannten, am glücklichsten aber über das Glück ihrer Kinder, lebten die ehrsamen Pfarrersleute von Knocktarlitie viele Jahre noch nach Effies Heimgange, und als auch sie dem Leben ihren Tribut zahlten, blieb ihnen die Liebe aller, die sie kannten, auch über das Grab hinaus treu.

Ende

Ivanhoe

Übersetzt und bearbeitet von Richard Zoozmann

Ivanhoe. A Romance.

Edinburgh 1819

Erstes Kapitel

In der anmutigen Provinz des glücklichen England, die der Don durchströmt, dehnte sich in alter Zeit ein großer Wald aus, der die lieblichen Hügel und Täler zwischen Sheffield und der freundlichen Stadt Doncuster bedeckt. Überreste dieses mächtigen Forstes findet man noch in der Umgegend der Rittersitze Wentworth, Warncliffe-Park und bei Rotherham. Hier hauste einst der sagenhafte Drache von Wantley, hier wurde manche blutige Schlacht im Bürgerkrieg der weißen und roten Rose ausgefochten, hier trieben vor alten Zeiten die tollkühnen Räuberhorden ihr Wesen, deren Taten durch die englischen Volkslieder überall bekannt geworden sind. Und hier liegt auch der eigentliche Schauplatz dieser Erzählung und die Zeit, zu der sie spielt, reicht bis zum Ende der Regierung Richards des Ersten, als seine Untertanen, die während seiner langen Gefangenschaft auf jede mögliche Weise bedrückt und geknechtet waren, seine Rückkehr wohl von Herzen wünschten, doch nicht zu erhoffen wagten. Der Adel, der während Stephans Regierung zu unbegrenzter Macht gelangt war, und den Heinrich der Zweite durch kluge Politik der Krone etwas von neuem untertänig gemacht hatte, schlug jetzt wieder völlig über die Stränge, kümmerte sich nicht um den ohnmächtigen Protest des englischen Staatsrates, befestigte seine Schlösser, verstärkte die Zahl seiner Hörigen und Reisigen, machte sich alles in seiner Umgebung zu Vasallen und bot alle Kraft auf, um, jeder in seinem Kreise, zu Macht und Gewalt zu gelangen und in den aller Voraussicht nach nahe bevorstehenden staatlichen Katastrophen eine hervorragende Rolle spielen zu können. Die Angehörigen des niederen Adels oder die Franklins, wie man sie nannte, die von Gesetzes wegen und durch den Geist der englischen Verfassung berechtigt waren, von der Feudaltyrannei unabhängig zu bleiben, wurden durch diese Zustände mehr als je in ihrer Existenz gefährdet. Wenn sie sich, was meist der Fall war, dem Schutze eines der kleinen Könige aus ihrer Umgebung unterstellten, an seinem Hofe Lehnsdienste taten, oder sich in einem gegenseitigen Schutz- und Trutzbündnis verpflichteten, ihm in seinen Unternehmungen Beistand zu leisten, so hatten sie sich allerdings wohl eine vorübergehende Sicherheit erkauft, aber eben dafür die Unabhängigkeit hingegeben, die jedem englischen Herzen lieb und teuer ist, und sie konnten mit Bestimmtheit darauf rechnen, in ein unbesonnenes Unternehmen hineingezogen zu werden, zu dem sich ihr Schutzherr aus Ehrgeiz hinreißen lassen würde. Auf der anderen Seite standen den mächtigen Baronen soviele Mittel zu Gebote, die kleinen Adligen zu knechten und zu schurigeln, daß sie nie um einen Vorwand verlegen waren und nur in seltenen Fällen darauf verzichteten, mit ihren Feindseligkeiten alle die unter ihren weniger mächtigen Nachbarn zu verfolgen, die es wagten, sich ihrer Oberherrschaft zu entziehen und in diesen gefahrvollen Zeiten ihren einzigen Schutz in ihrer makellosen Führung und in den Gesetzen des Landes zu suchen.