Der drohenden Gefahr inne werdend, versetzte der Ritter dem Templer einen gewaltigen Stoß, riß sein Roß zurück und wich so dem Anprall der beiden neuen Gegner aus. Indessen war damit nur für einen Augenblick Hilfe geschaffen, und wenn der Enterbte nicht ein so schnelles und kraftvolles Pferd gehabt hätte, so wäre er schon jetzt verloren gewesen. Die Vorzüge dieses Tieres kamen ihm umsomehr zu statten, als das Pferd Bois-Guilberts verwundet war und die Rosse Athelstanes und Front-de-Boeufs unter der Last ihrer gigantischen Reiter, die beide in voller Rüstung waren, zu versagen drohten. So entsprachen einander die bewundernswerte Reitkunst des Enterbten und die edle Kraft des Pferdes, und der Ritter vermochte eine Zeitlang seine drei Gegner von sich abzuhalten. Flink wie ein Falke wandte er sich bald gegen den einen, bald gegen den anderen.
Unausgesetzt hallte die Luft vom Beifall wider, aber es war doch unausbleiblich, daß der Enterbte der Übermacht schließlich erliegen mußte, und die Herren um den Prinzen verlangten einstimmig, daß Johann den Stab senken solle, dem so tapferen Ritter die Schmach einer unverdienten Niederlage zu ersparen.
»Fällt mir nicht ein, beim Lichte des Himmels!« versetzte der Prinz, »dieser hergelaufene Ritter, der seinen Namen verhehlt, hat schon einen Preis gewonnen, nun mögen die anderen an die Reihe kommen.«
Kaum hatte er dies gesagt, so änderte ein unvorhergesehener Vorfall den Ausgang des Tages. Unter den Reihen der Enterbten war ein Ritter in schwarzer Rüstung, mit schwarzem Pferde, breitschultrig, hochgewachsen, und allem Anschein nach kraftvoll und stark. Dieser Ritter, der auf seinem Schilde keine Devise trug, hatte bisher geringe Teilnahme an dem Ausgange des Kampfes bekundet. Die Ritter, die ihm entgegengetreten waren, hatte er mit Leichtigkeit niedergeworfen, aber er hatte seinen Vorteil nie ausgenutzt und keinen Gegner selber angegriffen. Er schien sich selber mehr als einen Zuschauer zu betrachten, daher hatte ihm auch das Publikum sofort den Beinamen gegeben: Le Noir-Fainéant, der schwarze Faulpelz. Aber mit einem Male schien diesen Ritter die Teilnahmlosigkeit zu verlassen; als er den Anführer seiner Partei so hart bedrängt sah, gab er seinem fast noch völlig frischen Pferde die Sporen. Wie ein Donnerkeil flog er heran. Aus seinem Munde klang hell wie Trompetenstoß der Ruf: »Desdichado, ich bringe Hilfe!«
Es war die höchste Zeit, denn während der Enterbte den Templer angriff, kam Front-de-Boeuf mit erhobenem Schwerte auf ihn los. Ehe aber der Hieb herniedersauste, traf ihn der schwarze Ritter, und Front-de-Boeuf mitsamt seinem Pferde stürzte zu Boden. Der Noir-Fainéant warf sofort sein Roß herum und griff Athelstane von Conningsburgh an. Da er im Kampf mit Front-de-Boeuf sein Schwert zerbrochen hatte, entriß er dem Sachsen die Streitaxt und versetzte dem ungeschlachten Riesen einen solchen Schlag, daß er bewußtlos zu Boden stürzte. Als der schwarze Faulpelz diese Tat vollbracht hatte, verfiel er wieder in seine alte Trägheit, und langsam nach dem nördlichen Ende der Schranken zurückreitend, überließ er es dem Führer seiner Partei, allein mit Bois-Guilbert fertig zu werden. Das war nun nicht mehr schwer. Das Pferd des Templers hatte viel Blut verloren und sank unter dem nächsten Stoße des Enterbten zu Boden. Im Steigbügel verwickelt, vermochte der Templer nicht, sich unter seinem Pferd hervorzuarbeiten. Sein Gegner sprang ab und befahl dem Templer, sich zu ergeben – da senkte Prinz Johann den Stab, rascher bereit, dem Templer die Kränkung, sich für überwunden zu erklären, zu ersparen als früher dem Enterbten – und somit war das Zeichen zur Beendigung des Turniers gegeben. Die Knappen, die nur mit Mühe und Gefahr während des Kampfes ihren Herren hatten beistehen können, eilten jetzt in die Schranken und brachten den Verwundeten Hilfe, die nun behutsam und mit Sorge in die nahen Zelte getragen wurden oder in die Wohnungen der nächsten Ortschaft.
Und so war denn das berühmte Turnier von Ashby de la Zouche vorüber – eines der größten Waffenfeste jener Zeit, denn wenn auch nur vier Ritter tot auf dem Platze geblieben waren, von denen einer durch das Gewicht seiner Rüstung erdrückt worden war, so waren doch etwa dreißig schwer verletzt, von denen etwa fünf nie wieder genasen. Einige blieben Krüppel zeit ihres Lebens, einige wurden zwar wieder gesund, behielten aber bis zum Tode die Male dieses Kampfes an ihrem Leibe.
Nun war es die Pflicht des Prinzen, den Ritter zu ernennen, der an diesem zweiten Tage am tapfersten gekämpft hatte. Er sprach den Preis dem Ritter zu, den das Publikum den schwarzen Faulpelz genannt hatte. Es wurde dagegen eingewendet, daß eigentlich der Enterbte der Sieger sei, denn er habe mit eigener Hand fünf Kämpfer niedergeworfen und zuletzt noch den Führer der Gegenpartei besiegt, aber Prinz Johann blieb bei seiner Entscheidung. Er meinte, der Enterbte und seine Partei hätten verloren, wenn ihm nicht der Ritter in der schwarzen Rüstung zu Hilfe gekommen wäre, daher gebühre ihm der Preis. Zur allgemeinen Verwunderung aber stellte es sich heraus, daß der Noir-Fainéant verschwunden war. Gleich nach dem Schlusse des Turniers hatte er die Schranken verlassen, und einige aus dem Publikum hatten ihn in eine der Lichtungen im Walde hinabreiten sehen mit eben jener Nachlässigkeit und Gemächlichkeit, die ihm den Beinamen schwarzer Faulpelz eingetragen hatte. Zweimal wurde er durch Trompetenstoß und Heroldsruf aufgefordert, zurückzukehren, da er dennoch nicht erschien, mußte ein anderer ernannt werden, und es blieb nun dem Prinzen Johann nichts weiter übrig, er mußte dem enterbten Ritter den Preis zusprechen. Der Boden, über den die Marschälle den Sieger zu den Füßen des Prinzen führten, war von Blut getränkt und bedeckt von toten Rittern und Pferdekadavern und übersät mit zerbrochenen Waffen und Lanzensplittern.
»Enterbter Ritter,« sprach Prinz Johann ihn an, »denn dies ist der einzige Name, bei dem wir Euch nennen können, Ihr selber wollt es ja nicht anders, zum zweitenmal sprechen wir Euch die Ehre des Turniers und das Recht zu, den so wohlverdienten Ehrenkranz aus den Händen der Königin der Minne und des Liebreizes zu empfangen.« Der Ritter verneigte sich tief, gab aber keine Antwort. Laut schmetterten die Trompeten, die Herolde riefen: »Ehre dem Tapferen! Ruhm dem Sieger!«, die Damen winkten mit Tüchern und Schleiern, während die Marschälle den Enterbten zum Ehrenthrone geleiteten, auf dem Lady Rowena saß, und auf den untersten Stufen mußte der Sieger niederknien.
Voll Anmut und Majestät stieg Rowena von ihrem Throne hernieder und wollte eben den Kranz, den sie in der Hand hatte, auf den Helm des Knienden setzen, als die Marschälle riefen: »Nicht so! Sein Haupt muß unbedeckt sein!« Der Ritter murmelte ein paar Worte, die unverstanden in der Wölbung seines Helmes verklangen. Er hatte wohl den Wunsch äußern wollen, daß man ihm nicht das Haupt entblößen möge. Aber ob es die Vorschrift erheischte, oder ob es die Marschälle aus Neugierde taten, sie achteten nicht seines Sträubens und nahmen dem Ritter den Helm ab, und da zeigte sich das sonnverbrannte, doch hübsche Gesicht eines etwa fünfundzwanzigjährigen Mannes mit kurzem, vollem Haar. Er war bleich wie der Tod, sein Antlitz war an mehreren Stellen von Blut bedeckt. Kaum sah Rowena sein Gesicht, so stieß sie einen Schrei aus, aber sie faßte sich sogleich wieder, und obwohl sie unter der jähen Erschütterung am ganzen Leibe bebte, drückte sie doch dem Sieger auf das zur Erde gesenkte Haupt den Kranz und sprach mit klarer, deutlicher Stimme die Worte: