»Sie kostet sie schon,« sagte Ulrika und trat vor das Lager Front-de-Boeufs hin, »lange hat sie aus diesem Becher getrunken, und der herbe Trank wird versüßt, wenn du mit daraus trinkst. Knirsche nicht mit den Zähnen, Front-de-Boeuf, und rolle nicht mit den Augen! Was ballst du die Faust und drohst mir? Die Faust, die einst stark war wie die deines berühmten Ahnen, der den Namen deines Geschlechts erhielt, weil er mit der Faust den Schädel eines Bergstiers zerschmettern konnte, diese Hand ist nun kraftlos und machtlos.«
»Verfluchte mörderische Hexe!« schrie Front-de-Boeuf. »Gräßliche Nachteule! Also bist du gekommen, um über den Trümmern, die du untergraben hast, dein Gespött zu singen?«
»Ja, Reginald Front-de-Boeuf. Es ist Ulrika, die Tochter des ermordeten Torquil Wolfganger, die Schwester seiner erschlagenen Söhne! – Sie fordert von dir und deines Vaters Hause Vater und Angehörige, Namen und Ehre und alles, was sie durch die Front-de-Boeufs verloren hat. – Denk an deine Sünden! – Du warst mein böser Engel, ich will der deine sein! Ich will dich peinigen bis zu dem Augenblicke des Todes!«
»Gräßliche Furie!« schrie Front-de-Boeuf. »Nimmer sollst du diesen Augenblick sehen! He, Sklaven, ergreift die verfluchte Hexe, stürzt sie kopfüber von den Zinnen herab! – verraten hat sie uns an die Sachsen! He, Sklaven, was zaudert ihr!«
»Rufe sie nur, du mächtiger Baron!« höhnte die Alte. »Rufe sie und drohe ihnen mit der Geißel und Kerker, wenn sie zögern! – Aber wisse, sie werden dir weder antworten, noch gehorchen, noch helfen! Hörst du die furchtbaren Töne? Rings von den Mauern her schallt der Sturm, der von neuem losbricht! Horch! dieses Kriegsgeschrei bedeutet den Untergang deines Hauses, und Front-de-Boeufs Macht, die mit Blut festgekittet ist, erzittert in ihren Grundfesten und wankt vor den Feinden, die ihm sonst die verächtlichsten waren. Der Sachse, Reginald, der verachtete Sachse erstürmt deine Wälle! Was liegst du hier wie ein müder Knecht, während der Sachse dein festes Schloß erstürmt?«
»Gott und Teufel!« tobte der verwundete Ritter. »Nur einen Augenblick Kraft, nur daß ich mich ins Gefecht schleppen und einen meines Namens würdigen Tod finden könnte!«
»Schlage dir das aus dem Sinn, tapferer Krieger,« erwiderte sie, »diesen Tod sollst du nicht sterben. Du sollst verrecken wie der Fuchs in seinem Bau, wenn die Bauern Feuer ringsherum gelegt haben.«
»Verfluchte Hexe, du lügst!« schrie der Normann. »Meine Mannen kämpfen tapfer. Laut hör ich den Ruf des Templers und de Bracys. Meine Mauern sind stark und hoch – meine Kameraden fürchten eine ganze Herde Sachsen nicht. Ja, bei meiner Ehre! Wenn wir das Freudenfeuer anzünden und unsern Sieg feiern, dann sollst du mit Haut und Haar darin verbrannt werden!«
»Dir selber,« war die Antwort der Alten, »ist jetzt ein Grab bereitet, dem du bei all deiner Macht, Beherztheit und Kraft nicht zu entgehen vermagst, obgleich es dir nur diese schwache Hand bereitet hat. – Merkst du es nicht, wie erstickender Qualm das Gemach erfüllt? Meinst du, das scheine dir nur so, weil deine Augen brechen und dein Atem verendend keucht? Nein, Front-de-Boeuf, dem ist anders. Denke daran, was für Vorräte an Fett und Öl unter diesen Gemächern aufbewahrt wurden!«
»Weib!« brüllte er mit entsetzlicher Stimme. »Du hast doch nicht etwa Feuer dort angelegt? Beim Himmel! das hast du getan – das Schloß steht in Flammen!«
»Sie schlagen hoch empor,« sagte Ulrike mit gräßlicher Ruhe. »Front-de-Boeuf, fahr wohl! Ulrika verläßt nun dein Totenbett, mögen jetzt Mitta, Skogula und Zernebock, Götter der alten Sachsen und böse Feinde, wie sie die Priester nennen, ihre Stelle einnehmen. Aber das magst du noch wissen, falls es dich trösten kann – Ulrika fährt zu demselben finstern Gestade als Genossin deiner Schuld und deiner Strafe. – So leb denn wohl auf immer, Vatermörder! Fände doch jeder Stein in dieser Halle und diesen Mauern eine Zunge, um dir dieses Wort entgegenzudonnern!«
Mit diesen Worten ging sie hinaus, und Front-de-Boeuf hörte den wuchtigen Schlüssel sich zweimal im Schloß umdrehen. So war denn jede Hoffnung auf Entkommen abgeschnitten. In der höchsten Todesangst rief er den Dienern zu, aber ungehört verhallte seine Donnerstimme in dem Gewölbe.
»Ihr Sklaven, zu Hilfe! ich verbrenne hier! – Zu Hilfe, tapferer Bois-Guilbert! ritterlicher de Bracy, Front-de- Boeuf ruft! – Euer Verbündeter, euer Waffenbruder, ihr meineidigen Ritter! Alle Flüche, die der Verräter verdient, auf euer Haupt! – Wollt ihr mich hier elendiglich krepieren lassen? – Sie hören mich nicht, sie können mich nicht hören, meine Stimme verhallt im Kampfeslärm! – Der Qualm wird immer stärker, schon dringt das Feuer durch den Fußboden. O, nur einen Zug Himmelsluft! sollte ich auch daran zugrunde gehen!« Und im Wahnsinn seiner Verzweiflung rief er bald nach den Streitern, bald überhäufte er mit Verwünschungen sich selber, die Menschen und sogar den Himmel.
»Die Flamme schlägt rot durch den dicken Rauch! Der Teufel rückt gegen mich an unter dem Banner seines Elements! Hinweg! Ich will nicht ohne meine Genossen gehen, alle gehören dir, die auf diesen Wällen stehen. Meinst du, Front-de-Boeuf ginge allein? Der Templer, der leichtsinnige de Bracy, die schändliche Hexe Ulrika, die Spießgesellen meiner Streifzüge, die Hunde von Sachsen, die verdammten Juden, meine Gefangenen, alle, alle sollen mit. Wahrlich, eine so stattliche Kumpanei, wie sie je den Weg zur Hölle gepilgert ist! Hahaha!« Und er lachte, daß das Gewölbe widerhallte. »Wer lacht hier?« schrie er. »Bist du es, Ulrika? Sprich, Hexe! Nur du und der höllische Feind können jetzt lachen! Hinweg! Hinweg!«
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Als der Brückenkopf erobert war, sandte der schwarze Ritter diese Nachricht an Locksley und ließ ihn gleichzeitig auffordern, das Schloß scharf im Auge zu behalten, daß sich die Verteidiger nicht etwa zu einem Ausfall vereinigen könnten, um das Außenwerk wieder an sich zu reißen. Der schwarze Ritter war darum so sehr bedacht darauf, dies zu verhindern, weil er sehr wohl wußte, daß die Mannschaft, die er anführte, zwar aus tapferen, aber unkundigen, ungeübten und schlecht bewaffneten Männern bestand, die bei einem heftigen Angriff der erprobten Normannen im Nachteil sein mußten. Der Ritter machte sich die kurze Waffenruhe zunutze und ließ ein Floß bauen, mit dem er und die Seinen trotz dem Widerstand des Feindes über den Graben setzen wollten. Die Anführer waren es zufrieden, daß dies geraume Zeit in Anspruch nahm, da inzwischen Ulrika Zeit gewinnen konnte, zu ihren Gunsten den Plan auszuführen, den Cedric mitgeteilt hatte. Als aber das Floß fertig war, sagte der schwarze Ritter:
»Es ist nicht ratsam, länger zu warten. Die Sonne sinkt, und meine Zeit erlaubt mir nicht, noch einen Tag länger hier zu verweilen. Es wäre auch ein Wunder, wenn uns die Räuber nicht von York her überfielen, sobald wir unser Unternehmen nicht zu schleunigem Ende führen. Locksley soll also einen Pfeilregen nach der andern Seite des Schlosse schicken und einen Scheinangriff dorthin unternehmen, und ihr, treue englische Herzen, steht zu mir, schafft das Floß in den Graben und folgt mir! Wir wollen uns den Zugang zum Hauptwall des Schlosses erzwingen. Wer unter euch nicht das Herz hat, daran teilzunehmen oder zu schlecht bewaffnet ist, der soll aufs Außenwerk steigen und dort den Bogen spannen und alles niederschießen, was sich auf den Wällen zeigt. Edler Cedric, wollt Ihr die Führung der Zurückgebliebenen übernehmen?«
»Nein, gewiß nicht!« versetzte der Sachse. »Ich verstehe das Anführen nicht, aber die Nachwelt soll mir noch im Grabe fluchen, wenn ich Euch nicht in den vordersten Reihen folge. Mich vor allen geht dieser Kampf an, und mir geziemt es, da zu sein, wo die Schlacht am heftigsten tobt.«