Um das bißchen Hausgerät brauchten sich die beiden Schäfersleutchen nicht zu bekümmern. Ein alter abgetriebner Gaul, den die Soldaten wohl nicht gemocht hatten, weil er scheute und sich von keinem Fremden einfangen ließ, obendrein das Futter wohl nicht wert war, erhielt die Aufgabe, die paar Decken und sonstigen Dinge zu tragen, die des Mitnehmens verlohnten. Shagram hieß der Gaul, und als er auf den Pfiff des Schäfers herankam, da fand der alte Mann, daß er durch einen Pfeil, den gewiß irgend solch ein Rotrock aus Aerger darüber, daß er ihn nicht hatte fangen können, in den Leib geschossen, verwundet worden war.
»Ach, du armer Kerl,« klagte Martin, »mußt du auch noch lernen, was die langen Bogen von diesem Gesindel auf sich haben? mußt dus auf deine alten Tage auch noch lernen, wie wir alle?«
»Ach, in welcher Schlucht, in welchem Tale wehklagt man nicht darüber?« sagte die Witwe von Avenel.
»Ja, ja, gnädige Frau,« erwiderte der Schäfer, »Gott behüte bloß die Schotten vor diesen schrecklichen Waffen! denn vor flinken Hieben wissen sie sich zu schützen. ... Aber machen wir uns nur auf den Marsch! das bißchen Kram, das wir noch in der Hütte lassen, kann ich schon ein ander Mal nachholen. Vergreifen wird sich hierherum wohl niemand dran, es wohnt ja bloß gute Nachbarschaft im ganzen Tale ... und mit andrer ...«
»Lieber Mann, sprecht nicht solche Gedanken aus,« bat die Witwe, »wir müssen noch über manch einsame, gefährliche Stelle, ehe wir am Gatter von Glendinnings sein werden. Um Gottes willen, haltet vor allen Dingen Frieden!«
Der Mann versprach es ihr durch ein Nicken, denn es hatte schon seine Gefahr, von den Feen und Hexen des Talgrundes als guter Nachbarschaft zu reden, vor allem, wenn man an Plätzen vorbei mußte, die in dem Rufe standen, von ihnen bewohnt zu sein.
Es war der letzte Tag des Oktobermonats, an welchem die drei Leute mit dem kleinen Freifräulein die Wanderschaft antraten.
»Heut ist grade Dein Geburtstag, meine süße Mary,« sagte die Witwe, und der Stachel bittrer Erinnerung traf ihr Herz. »O, wer hätte ahnen sollen, daß das kleine Köpfchen, das heute vor wenig Jahren im Schoße fröhlicher Verwandten gewiegt wurde, in dieser Nacht vielleicht umsonst nach einem Obdach suchen wird?«
Die Flüchtlinge machten sich nun auf den Weg. Das liebliche kleine Mädchen, Mary Avenel, ein Kind zwischen fünf und sechs Jahren, ritt nach Zigeunerart, zwischen Betten gepackt, auf dem Gaule, die Witwe von Avenel schritt neben dem Gaule, die Schäfersfrau führte den Gaul am Zügel, und der alte Martin ging ein Stück voraus, um den besten Weg zu ermitteln.
Aber sobald man die erste Wegstunde hinter sich hatte, wurde dieses Amt mühseliger und schwieriger, als er sich vielleicht gedacht oder als er es hatte sagen wollen. Das große Stück von Weidefläche, wo er jeden Winkel kannte, mußten sie im Westen liegen lassen, denn das Tal von Glendearg lag in östlicher Richtung, und in den rauheren Strichen von Schottland ist der Uebergang von einem Tal ins andre, wenn man nicht über die Berge steigen will, in der Regel nur schwer zu finden. Der Wanderer muß über Schroffen und Klüfte, und Sümpfe und Klippen halten ihn auf oder bringen ihn vom Wege ab. So erging es auch dem Schäfer Martin, und wenn er auch im allgemeinen sich nicht im unklaren darüber war, daß er die rechte Richtung inne behielt, so wurde ihm doch mit der Zeit bange, und er mußte sich langsam eingestehen, daß er den graden Weg verfehlt habe. Noch immer aber meinte er versichern zu dürfen, daß man nicht mehr weit vom Ziele ab sein könne.
»Wenn wir bloß erst über den großen Sumpf hinüber wären,« sagte er, »dann könnt ich einstehen, daß wir die Turmspitze von Glendearg sehen müßten.«
Aber diese Aufgabe zu lösen, war keine geringe Schwierigkeit, denn je weiter sie vordrangen, unter der äußersten Behutsamkeit, die Martin gebot, um so gefährlicher wurde der Weg, um so tiefer sanken sie ein; aber da sie die gleichen Gefahren zu überwinden hatten, wenn sie wieder umdrehten, wurde es für besser erachtet, den Weg fortzusetzen und nicht umzudrehen.
Lady Avenel war freilich für solche Strapazen nicht erzogen worden, aber was vermag eine Mutter nicht zu vollbringen, wenn sie ihr Kind in Gefahr weiß! Sie klagte weniger über die Beschwerden der Wanderung als Martin und seine Frau, die an dergleichen Dinge doch von Kindesbeinen an gewöhnt waren. Sie blieb dicht an der Seite des Pferdes, achtete fürsorglich auf jeden seiner Tritte, immer ängstlich bedacht, ihr Kind in die Arme zu heben, wenn dem Pferde der Boden unter den Füßen verschwinden sollte.
Endlich gelangten sie an eine Stelle, wo der Schäfer nicht mehr aus und ein wußte, denn rings um die Wanderer her zeigte sich zerrissener Heideboden, nach allen Seiten hin liefen tiefe Furchen, die mit schwarzem, zähem Moor gefüllt waren.
Nach langer Ueberlegung entschied sich Martin endlich für einen Pfad, der in schrägerer Richtung lief als die andern, und damit das Kind noch besser geschützt sei als bisher, nahm Martin das Pferd selbst am Zügel. Aber Shagram fing an zu schnaufen, die Vorderfüße zu strecken und die Hinterbeine anzuziehen und weigerte sich, auch nur einen Schritt noch weiter zu tun. Martin stand in Verwirrung und Zweifeln da, er wußte nicht, ob er Gewalt gegen das Tier brauchen oder ihm den Willen lassen solle, und was ihm seine Frau darauf sagte, als er unschlüssig fragte, was wohl am besten sei, war auch nicht danach angetan, ihn mutiger oder gescheiter zu machen, denn als sie sah, daß Shagram die Nüstern blähte und ängstlich zusammenschauerte, sagte sie leise:
»Du, glaub mir, der sieht mehr als ein Mensch sehen kann.«
Als sie nun unschlüssig standen und keiner wußte, was zu tun sei, rief das Kind plötzlich:
»Die schöne Dame winkt uns zum Turme hinauf!«
Alle blickten nach der Stelle, die des Kindes Finger wies, aber sie nahmen nichts wahr, als ein aufsteigendes Gekräusel von Dunst, aus dem bloß eine Kindesphantasie sich eine menschliche Gestalt zurechtgliedern konnte, und der Martin bloß noch die weitere Gefahr im Anzuge befindlicher Nebel vor die Augen rückte.
Noch einmal versuchte er, das Pferd in der Richtung, die er für die beste hielt, vorwärts zu treiben, aber er mußte das Vergebliche solcher Bemühung erkennen. Das Tier weigerte sich, auch nur noch einen Schritt weiter zu machen.
»Na, dann lauf Deinen eignen Weg, dummes Biest,« rief Martin, »und zeig, wohin Du uns bringst.«
Als das Tier seinen eignen Weg gehen durfte, schlug es kühn die Richtung ein, die das Kind gezeigt hatte. Es braucht das weiter nicht zu verwundern, auch nicht, daß das Pferd auf diesem Pfade die Wanderer glücklich über den Sumpf brachte, denn der »Sumpfinstinkt« von Pferden, die in Sumpfgegenden geboren sind, ist eine seltsame, vielbemerkte Eigenschaft dieses an sich zu den klügsten Tieren gehörenden Geschöpfes. Aber merkwürdig blieb es, daß das Kind noch mehrmals der »schönen Dame« Erwähnung tat, wie auch der Winke, die sie ihm gebe, und daß anderseits das Pferd sich beflissen zeigte, genau die angedeutete Richtung einzuhalten. Die Lady achtete im Augenblicke jedoch wenig darauf, denn ihre ganze Aufmerksamkeit war auf die Gefahr gerichtet, die sie zu bestehen hatten, dagegen tauschten die beiden Schäfersleute bedeutungsvolle Blicke miteinander.
»Aller Heiligen Abend,« flüsterte Frau Tibbie ihrem Manne zu.
»Um der heiligen Gottesmutter willen jetzt kein Wort hiervon,« sagte Martin ebenso leise, »sprich Dein Gebet, Frau, wenn Du sonst nicht zu schweigen vermagst!«
Als sie auf festen Grund gelangt waren, gewahrte Martin auf der Spitze der nächstliegenden Hügel die rohen Grenzsteine, die ihm zeigten, in welcher Richtung er gehen müsse, und nun erreichten sie bald den Turm von Glendearg. Bei dem Anblick der kleinen Feste fühlte sich die unglückliche Dame von den herben Unglücksschlägen, die sie getroffen hatten, tief erschüttert. Mit welcher Ehrerbietung war sie sonst begrüßt worden, wenn sie sich in der Kirche oder auf Märkten oder sonst im öffentlichen Leben gezeigt hatte! alle Weiber der Vasallen und Lehensmänner sahen in ihr die Gemahlin des angesehenen, mächtigen, aus uraltem Geschlecht stammenden Ritters von Avenel, und nun war ihr Stolz so tiefgebeugt, nun war sie in ihrem Range so tief gestürzt worden, daß sie um Unterstand betteln mußte bei der Witwe eines solchen Vasallen, um Unterstand, der vielleicht gar keine Sicherheit für sie bot! ... Martin, der wohl merken mochte, was in ihrem Innern vorging, blickte zu ihr auf mit flehendem Ausdruck, wie wenn ihn die Furcht beschliche, sie könnte ihren Entschluß am Ende noch ändern, aber die Dame beschwichtigte, indem sie mehr auf seine Mienen einging als auf seine Worte hörte, diese Regung in dem Gemüte des schlichten Mannes, wenn auch der alte Stolz nur mühsam bezwungen ward und hin und wieder noch immer in ihren Augen aufleuchtete: