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Daß sich die Bewohner, als sie sich allein sahen, sogleich mit der übernatürlichen Erscheinung, für die sie den Vorfall ansahen, weiter beschäftigten, war bei dem abergläubischen Charakter, der den Schotten überhaupt eigentümlich ist, nicht zu verwundern.

»Mir wärs lieber gewesen, ich hätte den Gottseibeiuns – die heilige Jungfrau möge uns schützen – leibhaftig gesehen, als daß ich diesen Christie von Clinthill in meinen vier Pfählen vermuten sollte. Wie die Rede im Lande geht, ist der Kerl ein ganz vermaledeiter Spitzbube, wie kaum je einer im Sattel gesessen hat.«

»Na, na, Frau Elspath, der Christie tut Euch nichts zu leide. Ihr wißt doch, jede Kröte hält ihr Loch sauber. Ihr Kirchenleute erhebt auch gar zu viel Lärm, wenn sich einer um sein bißchen Brot drehen und wenden muß. Wenn unsre Grundherren die flinken Jungen aus dem Hause jagten, dann ritten sie gar bald mit kleinem Gefolge.«

»Besser wärs schon, sie ritten allein, als daß sie bloß Not und Elend damit übers Land bringen!«

»Wer soll denn aber die aus dem Süden vom Lande fernhalten?« fragte Tibbie, »wenn Ihr Lanzen und Schwerter aus dem Lande bringt? .... Wir alten Weiber mit Rocken und Spindel könnens doch, weiß der Himmel, nicht machen, und die Mönche mit dem Weihrauchwedel und dem Gebetbuch doch auch nicht!«

»Und wann habt Ihrs erlebt, daß Schwerter und Lanzen sie vom Lande fern gehalten hätten?« fragte Elspath, »wenn ich dazu was sagen soll, dann stritte wohl niemand mir ab, daß mich einer aus dem Süden besser behütet hat als all die Grenzreiter mit all ihren Andreaskreuzen! und der Mann aus dem Süden war Stawarth Bolton! ... An der ganzen Feindschaft mit England ist nach meinem Dafürhalten weiter nichts schuld, als die ewigen Ausfälle und Einfälle an der Grenze; weiter nichts als das hat meinem guten Manne und so vielen andern noch das Leben gekostet! ... Da wird immer geschwatzt von einer Heirat zwischen unsrer Königin und dem Prinzen drüben; aber das ist doch immer bloß der Deckmantel, um die Leute drüben in Cumberland auszuplündern, die dann wieder über uns herfallen.«

Frau Tibbie wäre unter andern Umständen die Antwort auf solch verächtliche Bemerkungen ihrer Landsleute nicht schuldig geblieben, aber sie zog in Betracht, daß die Frau, die es ihr sagte, die Hausherrin sei, und deshalb schluckte sie die Bemerkungen, so heftig sie sie auch wurmten, hinunter und wechselte, ihre Vaterlandsliebe unterdrückend, eilends den Gesprächsgegenstand.

»Ist es nicht seltsam, daß die Erbtochter von Avenel in dieser heiligen Nacht ihren Vater gesehen hat?« fragte sie.

»Meint Ihr denn wirklich, daß es ihr Vater gewesen sei?« fragte Frau Glendinning.

»Was soll man sonst glauben?« fragte Frau Tibbie.

»Vielleicht hat irgend ein Unhold sich in seine Gestalt gesteckt?« meinte Frau Elspath.

»Das ist für mich nicht leicht zu sagen,« erwiderte die Tibbie, »aber daß es eine Gestalt war, das steht fest, darauf möcht ich jeden Eid tun! grade so hat er ausgesehen, wenn er auf die Jagd ritt, und wenn Feinde in der Nähe waren, legte er selten den Brustharnisch ab. Ich meinesteils bin immer der Meinung gewesen,« setzte die Tibbie hinzu, »ein Mann, der keinen Brustharnisch trägt, ist kein ganzer Mann.«

»Ich habe an Eurem Brustharnisch durchaus keinen Gefallen,« erwiderte Frau Glendinning, »aber ich weiß, daß auch solchen Gesichtern an solch heiligen Tagen kein großer Segen kommt.«

»Meint Ihr?« fragte die Tibbie.

»Das ist meine Meinung ganz entschieden,« – erklärte die Glendinning ... »mir ist übrigens auch solch Gesicht gekommen.« »Wirklich? was Ihr sagt!« und mit diesen Worten rückte die Tibbie ihren Schemel näher an die Hausherrin heran; »ach, erzählt doch bitte, von so was hör ich gar zu gern.«

»Na, Tibbie, Ihr müßt nämlich wissen,« hub Frau Glendinning an, »daß ich in meinem neunzehnten und zwanzigsten Jahr auf keinem Tanzfest, bei keiner Lustbarkeit gefehlt habe, wenn ich nur irgend von daheim hab abkommen können.«

»Das ist doch weiter nicht verwunderlich,« sagte die Tibbie, »aber seitdem seid Ihr um vieles gesetzter geworden, sonst hätten sich doch auch unsre jungen Burschen nicht so arg um Euch gerissen.«

»Mir sind Dinge passiert, die wohl jedem die Lust ausgetrieben hätten!« meinte die Glendinning, »aber recht habt Ihr, Tibbie, an Freiersleuten hats mir nicht gefehlt, denn so ungestalt war ich eben nun nicht grade, daß alle Kälber hinter mir hergeblökt hätten.«

»Das muß wohl gewesen sein,« pflichtete die Tibbie bei, »seid Ihr doch heut noch eine stattliche Frau!«

»Ach, redet doch nicht!« verwies sie die Herrin über Glendearg, indem nun auch sie ihren Ehrenschemel ein Stückchen näher an den der Gevatterin rückte ... »mit meiner Schönheit ists längst vorbei, aber es mag ja früher anders damit ausgesehen haben; ich hab mich ja auch immer ganz manierlich herausstaffiert und hatte ja doch auch ein ganz hübsches Eckchen Land mit als Zugabe unterm Mieder. War doch mein Vater Eigentümer von Littledearg ...«

»Richtig, das habt Ihr mir schon ein paarmal gesagt,« erwiderte die Tibbie, »jetzt erzählt aber lieber, wies am heiligen Abend sich verhalten hat!«

»Na, gut, gut!« lenkte Frau Glendinning ein, »ich hatte mehr als einen Freiersmann, aber besonders gewogen war ich keinem. Nun saß da am heiligen Abend der Pater Niklas, der Kellermeister – er wars vorm Pater Klement, ders jetzt ist – mit bei uns, knackte Nüsse und trank seinen Krug Braunbier, und wir waren gar lustig miteinander. Da haben sie mich geneckt, ich sollt doch einen Spaß mitmachen und sollt mal sagen, wen ich wohl mal freien möcht! und der Pater, der sagte, es wäre doch dabei gar nichts Sündhaftes, und wenn ers am Ende gar selber wäre, dann wollt er mir gleich vorher den Ablaß erteilen. ... So bin ich denn in die Scheune hineingegangen, um dreimal die Fruchtkelle zu schwingen, dabei ist mir aber gar bange geworden, daß ich was Schlimmes anstellen oder was Schlimmes erleiden könnt ... und ich hatte kaum die dritte Kelle geschwungen, der Mond schien blitzhell auf die Tenne, da stand mein lieber Simon Glendinning vor mir, der nun auch eingekehrt ist zu seinem Herrgott. Leibhaftiger hatt ich ihn mein Lebtage nicht gesehen als damals. Er hielt einen Pfeil in die Höhe, während er vor mir einherging, und da fiel ich in Ohnmacht. Es hat viel Mühe gekostet, bis sie mich wieder zur Besinnung gebracht hatten, und sie wollten mir nun durchaus einreden, daß es ein schlechter Streich vom Pater Niklas gewesen sei, den er mit dem Simon verabredet gehabt hatte, und daß der Pfeil nichts weiter zu bedeuten hätt, als der von dem Schelm Cupido ... und auch nach der Heirat hat mir der Simon das noch immer einreden wollen ... du mein liebe Zeit, erklärlich ists doch, daß er sich nicht gern nachreden lassen mocht, er sei schon bei Lebzeiten mal als Geist umgegangen! ... Na, Tibbie, wie die Sach ausgegangen ist, das wißt Ihr ja, wir haben uns geheiratet, der Simon und ich, und aus dem Liebespfeil, mit dem er mir damals erschienen ist, ist gar schnell sein Todespfeil geworden.«

»Wie für gar viele andre auch!« seufzte die Tibbie, »ach, wenns bloß diese verwünschten Pfeile in der Welt gar nicht geben möcht!«

»Aber, Tibbie, sagt doch bloß, warum liest denn Eure Herrin immer in dem schwarzen Buch mit den eisernen Schließen? es kommen zwar manche recht schönen Worte drin vor, aber die schicken sich doch für niemand als für einen Priester. Ja, wenn vom roten Robin drin stünd oder ein paar Balladen vom David Lindsay, dann könnt man eher wissen, was man sich drunter zu denken hätt. Ich bin ja durchaus nicht mißtrauisch gegen Eure Frau, aber gefallen wills mir durchaus nicht, daß in meinem rechtschaffnen Hause Gespenster und Kobolde ihr Wesen zu treiben anfangen!«

»Ihr habt gar keine Ursache, meiner lieben Frau mit Mißtrauen zu begegnen,« sagte die treue Tibbie, fast entrüstet; »und wenn sie spricht oder tut, was sie will. Was aber das kleine Ding von Mädchen anbetrifft, so wißt Ihr ja, daß sie zu Allerheiligen vor neun Jahren das Licht der Welt erblickt hat, und daß solche Sonn- und Festtagskinder mehr sehen als andre Kinder.«