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»Drum hat auch das Kind gar nicht gestört getan, als sie erzählt, was sie gesehen hatte. Wäre es mein Halbert oder gar mein Edward gewesen, der ja von Natur viel weicher und zarter ist, die hätten doch die ganze Nacht hindurch geschrien ohne Aufhören. Solche Gesichter sind dem Kinde aber jedenfalls was alltägliches.«

»Das kann schon sein,« antwortete die Tibbie, »wie ich Euch ja gesagt hab, sie ist am Allerheiligen geboren, und unser alter Pfarrer war immer froh, wenn er um die Nacht herum war und der Tag nach Allerheiligen dämmerte. Außerdem ist ja das liebe Kind beschaffen, wie jedes andre, das könnt Ihr doch selbst sehen; auch weiß ich mich nicht zu besinnen, daß es, ausgenommen diese Nacht, und dann den Tag, als wir den Weg durch das Moor gemacht haben, mehr Gesichter gesehen hätt als andre Kinder und Menschen.«

»Was hat sie denn im Sumpfe damals gesehen?« fragte Frau Glendinning neugierig.

»Ein Gesicht von einer weißen, schönen Dame, die uns, als wir in Gefahr waren, im Morast zu versinken, das Tor gezeigt hat. Na, so viel steht fest, unser Gaul stutzte, und ich weiß es ganz gewiß, daß mein Martin gedacht hat, das Tier säh allerhand Zeug.«

»Aber wer war denn die weiße Dame?« fragte Frau Elspath. »Wißt Ihr davon nichts?«

»O freilich weiß ich davon,« erwiderte Tibbie, »und hättet Ihr mehr unter vornehmen Herrschaften gelebt, so wüßtet Ihr auch von solchen Dingen.«

»Dafür hab ich auch immer meine eigne Haushaltung geführt,« antwortete Frau Elspath, und zwar nicht ohne Nachdruck, »und wenn ich nicht zu vornehmen Leuten gekommen bin, so sind doch vornehme Leute zu mir gekommen.«

»Gut, gut, liebe Frau Glendinning,« sagte Frau Tibbie beschwichtigend, »übel wars ja nicht gemeint, und nehmts nur nicht für ungut! ... aber Ihr müßt doch wissen, daß die alten edlen Geschlechter nicht bedient werden von den gewöhnlichen Heiligen, wie etwa dem heiligen Antonius oder dem heiligen Cuthbert – übrigens Lob und Preis ihnen, wie allen andern! – nein! die haben ihre besondern Heiligen oder Schutzengel ... und die weiße Maid von Avenel ist doch bekannt in der ganzen Umgegend. Soll jemand sterben aus dem alten Geschlecht, so sieht man sie wandeln und hört sie jammern und klagen tagelang, wie an die zwei Dutzend Leut bezeugen können, daß sie gesehen worden ist, ehe der hochgeborne Ritter Walter von Avenel – Gott segne seine Asche! – erschlagen wurde.«

»Kann sie nichts bessers,« rief Frau Glendinning fast grimmig, »so werden wohl nur wenig Gebete zu ihr dringen.«

»O die weiße Maid von Avenel kann noch weit Herrlicheres verrichten, wie in den alten Geschichten zu lesen steht,« erwiderte Tibbie, »ich hab aber selbst nichts weiter drüber erfahren, als wie das Kind sie drüben im Moorbruch gesehen hat.«

»Nun gut, gut, Tibbie,« antwortete Frau Glendinning, stand auf und brannte die eiserne Lampe an, »da haben Eure vornehmen Herrschaften freilich gar große Vorrechte. Aber für mich reichen die Jungfrau Maria und der heilige Paul hinreichend aus. Es sind große Heilige, die mich sicherlich auch nicht im Sumpfe stecken lassen werden, sobald sie mir helfen können, denn ich unterlaß es nie, zu Lichtmeß vier Wachskerzen in ihre Kapelle zu schicken; und wenn sie über meinen Tod auch nicht jammern werden, so werden sie sich doch freuen bei meiner fröhlichen Auferstehung, wozu uns Gott allen verhelfen möge. Amen!«

»Amen,« erwiderte die Tibbie andachtsvoll. »Und nun wirds wohl Zeit sein, ein Stück Torf nachzulegen, damit das Feuer nicht ganz und gar ausgeht.«

Sie verrichtete ohne Verzug diese Arbeit. Die Witwe Glendinning indessen sah sich noch einmal um, ob in der Halle alles am richtigen Platze stünde, dann sagte sie Frau Tibbie gute Nacht und begab sich zur Ruhe.

»Weiß der liebe Himmel,« sagte die Tibbie, »weil ihr Mann hier in dem Loche sein eigner Herr war, dünkt sie sich auch gleich für besser gebacken, als eine, die wie ich einmal Kammerfrau gewesen ist bei einer vornehmen Herrschaft.«

Als die Frau ihrem Unmut in diesen kurzen Worten Luft gemacht hatte, begab sie sich gleichfalls zur Ruhe.

Fünftes Kapitel

Seit dem schweren Schlage, der die Dame von Avenel getroffen hatte, hatte sich der Stand ihrer Gesundheit allmählich sehr verschlechtert, und es nahm mehr und mehr den Anschein, als seien seit dem Heimgange ihres Gemahls nicht erst wenige Jahre, sondern ein halbes Menschenalter hingegangen. Es kam ihr die Elastizität der Glieder, die Hautfarbe, die Frische abhanden und sie bekam ein bleiches, müdes, erschöpftes Aussehen, Schmerzen schien sie nicht zu leiden, aber jedem, der sie sah, mußte es auffallen, wie schnell sich ihr Kräfteverfall vollzog. Endlich entschwand auch das Rot von ihren Lippen, das Feuer aus ihren Augen, aber noch immer bezeigte sie kein Verlangen, einen Priester bei sich zu sehen. Frau Glendinning konnte sich jedoch in ihrem frommen Eifer nicht enthalten, einen Punkt zur Sprache zu bringen, der ihr für das ewige Seelenheil von hohem Belang dünkte, und Alice von Avenel nahm die Erinnerung mit freundlichem Dank hin.

»Sollte sich ein frommer Mann bereit finden lassen, den mühsamen Weg hierher zu wandeln,« sagte sie zu Frau Glendinning, »so wäre er mir freilich willkommen, denn die Gebete und Ermahnungen der Frommen sind ja doch immer von Segen.«

Zwar war diese gleichgültige Antwort gar nicht nach dem Sinne der Fragestellerin, aber ihre schwärmerische Begeisterung bestimmte sie, den Mangel an Eifer, den die Dame von Avenel an den Tag legte, dadurch wett zu machen, daß sie selbst einen geistlichen Beistand zur Stelle schaffte. Zu diesem Zweck wurde der Schäfer Martin auf dem alten Klepper Shagram, der noch immer das Gnadenfutter bekam, nach dem Kloster geschickt, mit dem Auftrage, einen geistlichen Herrn mit herüber zu bringen, der der Witwe des Ritters von Avenel die letzten Tröstungen erteilen könne.

Als der Sakristan den Klosterabt benachrichtigte, daß die Gemahlin des unglücklichen Ritters von Avenel in der Burg Glendearg krank darniederliege und nach dem Trost eines Beichtvaters begehre, verhielt sich der Abt eine Weile lang schweigend.

»Wir gedenken Walters von Avenel als eines wackern und tapfern Ritters, der von den Männern aus dem Süden seiner Güter beraubt und getötet wurde. ... Aber kann die Dame den geistlichen Trost nicht hier im Kloster nehmen? Der Weg nach Glendearg ist weit und beschwerlich.«

»Die Dame ist schwer krank, frommer Vater,« erwiderte der Sakristan, »und außer stande, den Weg hierher zu machen.«

»Wirklich? Ei, nun, dann muß sich freilich einer unsrer Brüder auf den Weg zu ihr machen. ...Weißt Du nicht, ob sie von dem andern Avenel, ihrem Schwager, eine Art Leibgeding erhalten hat?«

»Das ist sehr karg bemessen,« erwiderte der Sakristan, »seit ihres Mannes Tode hat sie in Glendearg gewohnt und fast ausschließlich von der Milde einer Witwe, der Frau Elspath Glendinning, das Leben gefristet.«

»Haha!« lachte der Abt, »Du kennst ja alle Witwen des Sprengels, haha!« und er schüttelte über den derben Spaß den stattlichen Schmerbauch.

Der Sakristan wiederholte das Lachen des Abtes in jenem Tonfall, der sich dem Untergebenen gegenüber dem Vorgesetzten schickt, und setzte dann mit erheucheltem Seufzer und schelmischem Augenblinzeln hinzu: »Es ist doch unsre Pflicht, hochwürdiger Vater, den Witwen in ihrer Not beizustehen und ihre Schmerzen zu lindern.«

Er stimmte jedoch das Lachen, mit dem er diese Rede zu schließen gedachte, wesentlich herunter, weil der Abt dem Ausspruch seine Billigung noch nicht gezollt hatte.

»Hahaha!« lachte dann wieder der Abt. »Aber jetzt Spaß beiseite! Zieh Deinen Reitkittel an, Pater Philipp, und begib Dich auf den Weg, der Dame von Avenel die Beichte abzunehmen.«