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»Aber ...« warf der Sakristan ein.

»Komm mir mit keinem Aber,« fiel der Abt ein. »Wenn und Aber ziemen sich nicht zwischen Abt und Mönch. Die Bande des Gehorsams, Pater Philipp, dürfen sich nicht lockern, denn die Macht der Ketzerei will wachsen gleich einem Schneeball im Rollen. Das Volk begehrt Beichte und Predigt von den Benediktinern sowohl als von den Bettelmönchen, und wir dürfen nicht feiern im Weinberge des Herrn, wenn wir auch unter der Last der Arbeit erliegen.«

»Und wenn es der heiligen Stiftung so wenig nützt ...« warf der Sakristan wieder ein.

»Schön, Pater Philipp!« sagte der Abt; »aber weißt Du nicht, daß es wohlgetan ist, Reue zu verhüten? ... Dieser Julian von Avenel führt ein leichtsinniges Lotterleben, und wenn wir der Witwe seines Bruders den geistlichen Zuspruch verweigern wollten, möchte es ihm wohl beikommen, einen Streifzug in unser Gebiet zu unternehmen, und am Ende wüßten wir gar nicht, wo wir uns verstecken sollten. Zudem ist es unsre Pflicht dem alten Geschlecht gegenüber, das seinerzeit zu den eifrigen Wohltätern unsres Stiftes gehört hat. Drum brich augenblicklich auf, lieber Bruder in Christo, reite Tag und Nacht, und zeige aller Welt, wie angelegen es sich der Abt Bonifazius sein läßt, den ihm obliegenden geistlichen Pflichten gerecht zu werden, und wie redlich ihn seine frommen Brüder darin unterstützen. Keine Mühsal hält sie auf, denn das Tal ist mehrere Stunden lang; kein Schrecken hemmt sie in ihrem Berufe, denn es sollen in den Gründen und Schluchten dort böse Geister ihr Wesen treiben; nichts erschüttert sie auf den Wegen ihres seelsorgerischen Amtes, zur Beschämung verleumderischer Ketzer und zur Erbauung und Stärkung aller getreuen und gläubigen Kinder der katholischen Kirche. Es soll mich wunder nehmen, was Pater Eustachius dazu sagen wird.«

Außer Atem geraten durch diese Schilderung der Gefahren seiner Kirche und des Ruhmes seiner Kirche, begab sich Abt Bonifazius in das Refektorium, um seinen Morgenimbiß, einzunehmen, und der Sakristan begleitete, mehr unwillig als willig, den greisen Schäfer Martin. Was jedoch auf dem Ritte des Mönchs und des Schäfers nach Glendearg die meiste Mühe verursachte, war die Schwierigkeit, die Gangart des wohlgefütterten Maultiers, das der Mönch ritt, auf das langsamere Tempo des abgemagerten Kleppers herabzuschwächen, den der greise Schäfer Martin ritt. Aber sie kamen in Zeit von etwa drei Stunden nach der Feste von Glendearg, und hier weilte Pater Philipp eine reichliche Stunde an geheimer Unterhaltung mit der ehemaligen Schloßherrin von Avenel.

In unmutiger Stimmung trat er nach kurzer Zeit wieder ein und sank in trübes Sinnen. Frau Glendinning hatte für den frommen Gast allerlei Erfrischungen aufgetragen und betrachtete ihn mit großer Unruhe. Es ängstigte sie, daß er einen so hohen Grad von Verlegenheit zeigte, denn sie meinte in seinen Zügen zu lesen, daß er weit eher aussah, wie wenn er das Bekenntnis eines grausigen Verbrechens vernommen hätte, als die Beichte eines dem Tode nahenden einfachen Durchschnittssünders, der sein Herz für den Eingang in den Himmel erleichtern will.

Nach langem Zaudern konnte sie schließlich nicht umhin, an den frommen Mann eine Frage zu richten. Sie müsse wohl glauben, daß der Dame von Avenel die Beichte nicht leicht geworden sei, aber sie habe nun ganze fünf Jahre mit ihr zusammen gehaust und könne nichts anders sagen, als daß die Dame sich in dieser Zeit als eine durchaus brave und fromme Frau erwiesen habe, über deren Wandel sich nie die geringste Klage habe führen lassen.

»Weib!« erwiderte der Mönch mit strenger Stimme, »was hilft es, ein Gefäß nach außen hin rein zu halten, wenn es doch im Innern mit Ketzerschmutz besudelt ist!«

»Unsre Tische mögen ja so sauber nicht sein, wie Eure Ehrwürden es gern sehen möchten,« erwiderte die Frau, »die nur halb den Sinn seiner Worte erfaßte und sich bemühte, den Staub, auf den sie seinen Tadel bezog, mit der Schürze abzuwischen.

»Ihr seid im großen Irrtum, Frau Elspath,« erwiderte der Mönch, »Eure Schüsseln sind so rein, wie es bei Holzgerät und Zinnkrügen nur eben sein kann. Die Unsauberkeit, von der ich rede, ist die ketzerische Seuche, die sich mit jedem Tag und jeder Stunde mehr in unsre heilige schottische Kirche einschleicht, die wie der Krebs sich weiter frißt, den ganzen Körper zu einer fauligen Masse verheerend, von dem er ein Glied befallen hat.«

»Heilige Gottesmutter!« schrie Frau Glendinning, »mit einer verketzerten Frau hätt ich Haus gehalten?«

»Nicht doch, nicht doch,« versetzte der Mönch, »solchen Ausspruch über die beklagenswerte Dame fällen zu wollen, wäre ungerecht von mir, aber ich wünschte, es sei mir vergönnt, sie von ketzerischen Ideen frei zu machen. Ach, sie fliegen ja umher wie die Sommerfäden und verschleiern den Blick des Frommen, sie schleichen herum wie Seuchen, und stecken die schönsten und besten Schafe einer Herde an. Das kann man sehen an dieser Dame, die erhaben ist an Verstand, nicht minder als an weltlichem Range.«

»Und sie kann lesen und schreiben, fast hätt ich gesagt, ebenso gut, wie Euer Ehrwürden,« erwiderte Frau Glendinning.

»An wen schreibt sie?« fragte der Mönch eifrig, »und was liest sie?«

»Daß ich sie jemals schreiben gesehen hätt, nein, das kann ich nicht sagen,« erwiderte die Frau, »aber ihre Magd, – sie dient nur im Hause – die sagt, daß ihre Herrin auch schreiben könne, und gelesen, uns vorgelesen hat sie oft recht schöne Sachen und kluge Worte aus einem dicken, schwarzen Buche, das durch eiserne Schließen zusammengehalten wird.«

»Zeigt mir das Buch,« rief der Mönch hastig, »bei Eurer Verbindlichkeit als getreue Vasallin der Kirche, bei Eurem Glauben als rechtgläubige Christin – zeigt es mir auf der Stelle – ich muß es sehen, ich muß es sehen!«

Betroffen über die Art, wie der Beichtvater ihre Aeußerung aufgenommen hatte, schwankte Frau Glendinning eine Weile hin und her. Zudem war sie der Meinung, daß eine so brave Frau, wie die Dame von Avenel, die so fromme Andachten hielt, sich mit keinem Buche befassen werde, das Böses oder Versuchung zum Bösen enthielte. Allein die heftige Weise des Mönches, wie er nach dem Buche begehrte, seine Ausdrücke, die sich wie Drohungen anhörten, brachten sie endlich zu dem Entschlusse, das Buch herbeizuschaffen. Es war leichte Mühe, es der Dame wegzunehmen, denn sie lag jetzt, erschöpft von der langen Unterredung mit dem Beichtvater, fast bewußtlos auf ihrem Bett, und in das kleine, runde Turmkämmerchen, wo sie das Buch mit ihren andern Habseligkeiten zu verwahren pflegte, konnte man durch eine Nebentür gelangen. Zwar fühlte Frau Elspath noch immer Gewissensbeklemmungen, daß sie sich unrechterweise an fremdem Besitztum vergreife, aber der Nachdruck, mit welchem der geistliche Obere, der ja auch ihr weltlicher Grundherr war, das Buch von ihr gefordert hatte, und, wenn ich es auch ungern hier verzeichne, jene ihr als Evastochter angeborne Neugierde wirkten endlich entscheidend auf sie, und sie begab sich in das kleine Turmgemach, das Buch zu holen. ...

Kaum hatte sie es, mit einer Empfindung halb Reue, halb Wißbegier, dem Mönch in die Hand gegeben, kaum hatte es dieser aufgeschlagen, und das Titelblatt gelesen, als er entsetzt ausrief:

»Beim heiligen Orden, dem ich angehöre, es ist so, wie ich ahnte! Mein Maultier! mein Maultier! Hier mag ich nicht länger weilen. Du hast wohl daran getan, das gefährliche Buch mir zu überantworten.«

»Ist es denn ein Teufels- oder gar Hexenwerk?« fragte die Frau, bis auf den Tod erschrocken.

»Bewahre, bewahre!« antwortete der Mönch, »es ist die Heilige Schrift, aber übertragen in die Landessprache, und darum taugt es, nach dem Ausspruch der heiligen katholischen Kirche nicht in die Hände der Laien.«

»Aber die Heilige Schrift ist doch zu unser aller Seligkeit der Menschheit offenbart worden,« wandte Frau Elspath ein; »frommer Vater, belehrt mich eines Bessern in meiner Unwissenheit! Mangel an Verstand kann keine Todsünde sein, und fürwahr! ich wäre selbst in meinem einfältigen Sinne voller Freude, wär ich im stande, in der Heiligen Schrift zu lesen.«