»Das glaub ich schon, daß Dir das recht sei,« erwiderte der Mönch, »ganz so verhielt es sich auch mit unsrer Mutter Eva, als sie Gutes und Böses erkennen wollte. Dadurch kam die Sünde in die Welt, und die Sünde brachte den Tod in die Welt.«
»Ja, ja, so ists, so ists,« pflichtete die Frau dem Mönche bei, »ach, hätte sie sich doch an den Rat des heiligen Petrus und Paulus gehalten!«
»Hätte sie die Gebote des Himmels gehalten,« sagte der Mönch, »der ihr unter Bedingungen, wie sie am besten mit seinem heiligen Willen übereinstimmen, Dasein, Leben und Glück verlieh, dann, Frau Elspath, wär sie heut besser dran! Ich sage Dir, Weib, das Wort tötet! das ist der Buchstab allein, wenn er gelesen wird mit Augen, die nicht erleuchtet, mit Lippen, die nicht heilig sind! das Wort ist gleich einer starken Arznei, die ein Schwerkranker auf ärztliche Vorschrift nimmt. Ein solcher Kranker wird genesen und gedeihen; wer aber Arznei nehmen und brauchen will nach eignem Ermessen und Gutdünken, der wird durch sich selbst umkommen.«
»Gewiß, Euer Ehrwürden, gewiß!« pflichtete die Frau bei, »wer wüßte es besser als Ihr!«
»Nicht ich weiß es am besten,« erwiderte Pater Philipp mit aller Demut, die er mit seiner Würde als Sakristan des Sankt Marien-Klosters für vereinbar hielt, »nicht ich, sondern der heilige Vater der Christenheit und unser heiliger Vater, der hohe Abt von Sankt Marien, die wissen es besser! Ich, der arme Sakristan, kann nur wiedersagen, was ich von den Lippen meiner Obern vernommen habe. Aber, gute Frau, das nehmet für gewiß an! das Wort, das bloße Wort tötet! Daher sendet die Kirche ihre Diener, daß sie es der gläubigen Gemeinde erläutern und auslegen; und solches künde nicht sowohl ich, meine geliebten Brüder – meine geliebte Schwester, wollte ich sagen – denn er war unwillkürlich in den gewohnten Schlendrian seiner Predigt geraten – solches künde nicht sowohl ich, sondern solches kündet durch meinen Mund der heilige Orden der Benediktiner, verbessert nach den Regeln Bernhards von Clairvaux, daher Cistercienser genannt, welcher Orden, geliebte Brüder – geliebte Schwester in Christo, wollte ich sagen – als heiliger Diener unsrer Frau der Gegend zum höchsten Ruhme gereicht, da er, wie ich sagen muß, wenn auch als unwürdiger Bruder, mehr Heilige, mehr Bischöfe, mehr Päpste der Welt geschenkt hat – ach, daß wir dies mit Dank gegen unsre Fürsprecher erkennen möchten! – als irgend welche andre heilige Station Schottlands. Und deswegen – aber ich sehe, Martin hat mein Maultier gezäumt. So will ich, geliebte Schwester, denn weiter ziehen und Abschied von Euch nehmen mit brüderlichem Kuß, dessen sich keiner von uns beiden zu schämen brauchet, und will meinen Rückweg antreten, ehe es Nacht wird, denn das Tal ist in bösem Leumund, weil Höllengeister dort ihr schlimmes Wesen treiben sollen. Zudem möcht ich nicht allzu spät an die Brücke kommen, weil ich sonst genötigt sein könnte, den Bach, der, wie ich wahrgenommen habe, angeschwollen ist, zu durchwaten.«
So verabschiedete sich Pater Philipp von Frau Elspath Glendinning, die noch ganz betäubt stand von dem Sermon, den er ihr gehalten hatte, aber von schwerer Unruhe geplagt war über das Buch, das sie, wie ihr Gewissen ihr vorhielt, nicht hätte in fremde Hände überantworten sollen.
Trotz der Eile, die den Pater trieb, zu den Fleischtöpfen Aegyptens zurückzugelangen, denn an die magre Kost, die ihm in Glendearg vorgesetzt worden war, war er nicht gewöhnt, – trotz dem eifrigen Wunsche, der ihn beseelte, seinem Abte den Beweis dafür zu erbringen, daß jenes gefürchtete Werk einer Bibel in englischer Sprache seinen Weg nach Schottland hinein gefunden hätte, und trotz der Angst, die ihn beherrschte, vor den Spukgeistern im Talgrunde, und die ihn zur Eile förmlich jagte, war doch zufolge der unsäglichen Hindernisse, die der Weg bereitete, wie auch zufolge der geringen Uebung, die der Sakristan als Reiter besaß, so viel Zeit über seinem Ritt durch das Tal hingegangen, daß die Dämmerung bereits hereinbrach, ehe er den Fuß an die jenseitige Grenze des Tales setzte.
Es war im wahren Sinne des Wortes ein schauerlicher Ritt gewesen. Auf beiden Seiten rückten die Bergwände so dicht aneinander, daß bei jeder Wendung, die der Fluß machte, der Schatten des westlichen Ufers das östliche in dichte Nacht hüllte. Aus jedem Dickicht raschelte und rauschte es von Blätterlaub, und die Felsklippen und Bergspitzen drohten dem Mönch grausiger und schroffer, als es ihm bei Tageslicht und in der Gemeinschaft mit dem Schäfer Martin gedäucht hatte. Pater Philipp war darum von Herzen froh, als er das enge Tal hinter sich hatte und in die offne Ebene des Tweed hinaustrat, der in stolzem Laufe bald einen Landsee bildet, bald mit einer Würde seine Fluten dahinführt, wie sie keinem Strome Schottlands mehr eigentümlich ist. Denn alle andern trocknen zur Sommerszeit in der Regel aus, der Tweed führt aber, mit nur ganz seltnen Ausnahmen, sein Bett voll Wasser und läßt die Schilfdickichte nicht aufkommen, die die Ufer manch andrer berühmter Flüsse Schottlands verunzieren.
Da der Mönch, wie alle seine Zeitgenossen, für diese großartigen Schönheiten keinen Sinn und kein Verständnis besaß, und zufolgedessen um so stärkern Eindruck von der grausigen Natur des Tales bekommen mußte, war es kein Wunder, daß er sich wie von einem Alp erlöst vorkam, als er ein andres Bild vor den Augen hatte. Er zog den Zügel an und ließ sein Maultier im gewöhnlichen Paßgange laufen. Auch dem Tiere schien es behaglicher zu werden, denn es fiel von selbst aus dem unruhigen Tempo heraus, das es auf den unwegsamen Bergpfaden hatte einhalten müssen. Der Mönch wischte sich wiederholt den Schweiß von der Stirn, den Unruhe und Anstrengung dort erzeugt hatten, und gemächlich schaute er in das Licht des vollen hellen Mondes, der eben aufgegangen war und sein Licht mit dem Abendrot vermischte. Ueber Feld und Wald, über Dorf und Burg ergoß er sein mildes Licht, und rückte vor allem das große Abteikloster in volle Beleuchtung.
Aber das Schlimmste für den Mönch bei diesem herrlichen Naturbilde war, daß das Kloster drüben auf der andern Flußseite lag, und daß damals von den vielen schönen Brücken, die sich heute über den Fluß schwingen, noch keine einzige stand. Dagegen stand dort freilich eine Brücke, die jetzt nicht mehr dort sichtbar ist, obgleich ihre Trümmer noch immer von Neugierigen untersucht werden.
Es war ein wunderlicher Bau. Dort, wo der Fluß die geringste Breite zu haben schien, war hüben und drüben ein starkes Gemäuer vorgeschoben worden. Auf einem Felsen in der Strommitte war ein weiteres Gemäuer aufgeführt worden, das wie ein Brückenpfeiler gebaut war, der mit einer Ecke in den Fluß vorspringt. Dieses Mauerwerk stieg so weit in gedrungnem Bau empor, bis es auf gleicher Höhe mit den Mauern hüben und drüben stand. Von da ab begann es in Form eines Turmes aufzuragen. Dessen untres Geschoß bildete bloß einen Torweg durch den Bau, an dessen beiden Enden je eine Zugbrücke mit Gegengewichten hing, die, wenn sie heruntergelassen war, den Brückenpfeiler mit dem jenseitigen Rande verband, auf welchem das Ende der Zugbrücke ruhte. Waren beide Zugbrücken heruntergelassen, so befand sich die Brücke in vollkommnem Stande.
Der Brückenmeister, der bei einem der benachbarten Barone in Dienst stand, bewohnte mit seinen Hausgenossen das zweite und dritte Geschoß des Turmes, der, sobald die beiden Zugbrücken aufgezogen waren, eine Inselfestung in der Strommitte bildete. Der Brückenmeister war berechtigt, von jedem Passanten einen kleinen Brückenzoll zu erheben, um dessen Entrichtung es oft zu Zank und Streit zwischen ihm und den Passanten kam. Daß der Brückner sich bei solchen Vorkommnissen immer im Vorteil befand, war klar, da er den Wanderer, wie es ihm paßte, entweder auf der andern Seite stehen oder bis zur Weghälfte passieren lassen und dann in seinem Turme festhalten konnte, bis es ihm gefiel, das Brückengeld zu entrichten.