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Am allerhäufigsten aber kam es zu Hader wegen dieses Brückengeldes zwischen dem Brückner und den Mönchen des Sankt Marien-Klosters. Die frommen Brüder bettelten so lange, bis sie endlich das Recht freier Passage für sich erwirkt hatten. Darüber war nun begreiflicherweise der Brückner erbost; aber ganz außer sich geriet er darüber, daß die Mönche nun auch noch für die zahlreichen Pilger, die nach dem Heiligtume wallfahrteten, die gleiche Vergünstigung durchzusetzen versuchten, und erklärte kurz und bündig, sich darauf nun und nimmer einzulassen. In dieser Halsstarrigkeit wurde er durch den Baron, in dessen Diensten er stand, weidlich unterstützt. Die Erbitterung wuchs auf beiden Seiten zu einer Höhe an, daß der Klosterabt auf diese Weigerung des Brückners mit dem Kirchenbanne drohte, und wenn sich auch der Brückner nicht in der Lage befand, mit einer gleichen oder ähnlichen Schurigelei großen Stils hierauf zu antworten, so ließ er hinfort wenigstens jeden Mönch, der die Brücke passieren mußte, durch eine Art Fegfeuer wandern, ehe er sich dazu bereit finden ließ, die Passage zu gewähren. Diese Beschwerde wäre für das Kloster und seine Brüder noch weit erheblicher gewesen, wenn der Fluß nicht bei niedrigem Wasserstande für Menschen und Pferde durchwatbar gewesen wäre.

Es war, wie schon bemerkt, eine herrliche Vollmondnacht, als Pater Philipp an die Brücke gelangte, deren seltsame Einrichtung einen richtigen Begriff von der Unsicherheit jener Zeit gibt. Der Strom war nicht ausgetreten, aber er stand höher als sonst, wenn es auch noch kein Hochwasserstand war, und der Mönch verspürte keine sonderliche Neigung, hindurchzureiten, sobald er irgendwie Aussicht hatte, auf eine bequemere Weise hinüber zu kommen.

»Mein lieber Freund Peter,« rief der Sakristan mit lauter Stimme, »ich bins, Peter, hörst Du denn nicht? Dein Gevatter ists, Pater Philipp, der Dich ruft.«

Peter hörte ihn zur Genüge, und sah auch recht gut, in welcher Bedrängnis sich der Sakristan befand. Da er aber recht gut wußte, daß es grade dieser war, dem er den Streit mit dem Kloster wegen des Brückenzolls verdankte, ging er mit der größten Seelenruhe zu Bett, nachdem er zuvor sich noch einmal nach dem Mönche umgeguckt und zu seiner Frau gesagt hatte, solch ein Ritt durch den Fluß bei Mondenschein könne dem Sakristan gar nicht so übel bekommen, da werde er am besten einsehen lernen, was eine Brücke wert sei, über die man bei allem Wetter, ob zur Sommers- oder zur Winterszeit, über den Fluß hinüber könne.

Noch immer bot der Sakristan allen Atem auf, um durch Bitten und Drohungen den »Brückenpeter«, wie der Mann in der Umgegend hieß, zu erweichen; der aber ließ ihn bitten und betteln, soviel er wollte, so daß dem Mönch schließlich nichts weiter übrig blieb, als zur Furt hinunter zu reiten. Das tat er auch, freilich nicht, ohne den halsstarrigen Brückenvogt in Grund und Boden hinein zu verwünschen, aller christlichen Milde ungeachtet, die ihm von Glaubens- und Ordenswegen vorgeschrieben war. Je näher er aber der Furt kam, desto vertrauter machte er sich mit dem Gedanken, sie heute einmal benutzen zu müssen, und er sagte sich, daß die Passage durch den Fluß nicht bloß völlig gefahrlos, sondern auch in vieler Hinsicht recht amüsant sei. Es kam ihm vor, als spiegelten sich heute abend grade die überhängenden Klippen und Bäume weit stärker als sonst in den Fluten des dunkeln Stromes, und das stille, freundliche Bild wirkte um so stärker auf sein Gemüt, als es im schroffsten Gegensatze stand zu Glendearg und zu der Talschlucht, und zu den letzten Erlebnissen dieses Tages, zu den Aufregungen und eindringlichen Bitten, mit denen er den halsstarrigen Brückenvogt zu erweichen versucht hatte.

Als Pater Philipp an der Furt angekommen war, da sah er dicht am Ufer, an einen großen, hohlen Eichstamm gelehnt, eine Frauengestalt stehen, die wehklagend und jammernd die Hände rang und die Blicke nicht von der Flut wandte. Den Mönch wunderte es nicht wenig, zu solcher abendlichen Stunde und an solcher Oertlichkeit ein weibliches Wesen zu finden. Aber er war in allen Ehrendiensten gegen das zarte Geschlecht – und wenn er einmal in dieser Hinsicht vielleicht auch über das Ziel hinausgeschossen hat, so mag er es mit sich selbst oder vielmehr mit seinem Gewissen abmachen – ein treu ergebner Schildknappe. Und so beobachtete er das Mägdelein einen Augenblick, während es seine Gegenwart nicht zu gewahren schien, und Mitleid mit ihrer Verlassenheit zog in sein Herz, und er faßte den Entschluß, ihr beizustehen.

»Jungfer,« sprach er, »Du bist wohl in recht schwerer Bedrängnis? Der garstige Brückenvogt hat wohl Dir wie mir die Zugbrücke nicht heruntergelassen? Mir scheint, als liege Deinem Wunsche, über den Fluß zu setzen, ein Gelübde zu grunde? oder vielleicht irgend ein andrer wichtiger Auftrag?«

Die Maid stieß ein paar unverständliche Worte hervor, blickte nach dem Flusse, und dann dem Sakristan ins Auge. Da fiel diesem plötzlich ein, daß im Kloster seit einiger Zeit dem Besuch eines Häuptlings entgegengesehen wurde, der ein Gelübde im Heiligtum der Gottesmutter lösen wollte, und daß am Ende gar dieses Mädchen zu seiner Sippe gehöre, vielleicht selbst ein Gelübde erfüllen wolle oder durch einen Unfall von dem Gefolge des Häuptlings getrennt worden sei und nun allein die Reise fortsetze. Er gelangte im Verlauf dieser Gedanken zu der Meinung, daß es für ihn nur geraten sein möge, dem Mädchen alle Hilfe zu erweisen, die in seinen Kräften stehe, um so mehr, als ihr ja auch die Kenntnis der Landessprache zu mangeln schien.

Das wenigstens war der Grund, den sich der Sakristan selbst einredete, und wenn er noch einen andern Grund dafür »in petto« hatte, so ist das eine Sache, um die wir uns hier nicht zu kümmern haben, und die ihn völlig allein angeht.

Der Sakristan versuchte nun, sich dem Mädchen verständlich zu machen, indem er sich verschiedner Zeichen bediente, die als gemeinsame Völkersprache zu gelten haben. So wies er zuerst auf den Fluß, dann auf den Rücken seines Esels, dann machte er der einsamen Jungfrau auf so zarte Weise, wie er es irgend im stande war, begreiflich, daß sie hinten aufsitzen möge. Sie schien auch ganz gut zu verstehen, was er im Sinne hatte, denn sie richtete sich in die Höhe, wie zum Zeichen dafür, daß sie danach handeln wolle, und während der Mönch, der, wie wir schon bemerkt haben, ein höchst ungeschickter Reiter war, sich allerhand Mühe gab, sein Maultier so zu drehen, daß das Mädchen bequem in den Sattel gelangen konnte, schnellte sie plötzlich wie eine Sprungfeder von dem Erdboden in die Höhe, schwang sich mit einem Satze hinter den Mönch auf den Rücken des Maultiers und lieferte hierdurch den schlagenden Beweis, daß sie der bessere Reiter von beiden war. Das Maultier schien indessen mit seiner Bürde gar nicht recht zufrieden zu sein, es bockte, es bäumte sich, es sprang bald rechts, bald links, und hätte den Pater Philipp sicher abgeworfen, wenn ihm nicht das Mädchen mit kräftiger Hand in den Sattel hinauf geholfen hätte.

Endlich wurde der störrische Gesell andern Sinnes, fing an zu schnopern, schien den heimischen Stall zu wittern, und war im Nu im Wasser. Im Galopp setzte er durch das erste Stück hindurch, dann gewann aber die Furt an Tiefe, und das Tier mußte schwimmen. Zum Schrecken für den Mönch ging es aber tiefer und tiefer, die Flut schoß wirbelnd gegen die Flanken des Tieres und reichte höher und höher an ihm herauf, sodaß es bald nur noch mit dem Kopfe herausreichte. Viel Geistesgegenwart besaß Pater Philipp an und für sich nicht, es ging ihm nun aber auch das bißchen verloren, dessen er sich vielleicht zu rühmen haben mochte, sein Maultier war nicht mehr im stande, gegen die Flut anzukämpfen, sondern mußte der Gewalt der Fluten sich fügen, und da nun der Reiter nicht darauf achtete, ihm den Kopf in der Richtung gegen die Flut zu halten, so glitt das Tier alsbald von der Furt ab, verlor den Grund und fing an, mit dem Strome zu treiben. Was aber das Seltsamste an dem ganzen Vorgange war, in demselben Augenblick, als das Maultier mit dem Strome zu treiben anfing, fing das Mädchen zu singen an, und das mußte begreiflicherweise die Angst des würdigen Sakristans auf eine schier unausstehliche Höhe treiben.