Und was das Mädchen sang, war die folgende Ballade:
»Wir schwimmen lustig, der Mond scheint hell,
Im Lichte da tanzen Flut und Well',
Wir haben den Nachtraben aufgestört,
Den habe ich am Eichbaume krächzen gehört,
Und der Baum streckt die Zweige daher so breit,
Und ihr Schatten tanzt auf dem Strome so weit.
»Wer weckt mir die Brut?« hat der Rabe gefragt,
»Ich sauge sein Blut, noch ehe es tagt,
Denn Kadaver sind leckere Speise, traun,
Und ich picke mein Teil mir mit Schnabel und Klau'n.
Wir schwimmen lustig, der Mond scheint hell,
Ein Goldschimmer liegt auf der Höhe so grell,
Durch die Erlen zieht ein silberner Guß,
Wie durch trauernde Weiden, wogend im Fluß.
Ich seh' mit Mauer und Turm die Abtei,
Die Vesper zu feiern strömt alles herbei,
Zur Kirche eilen die Mönche schon hin:
»Wo ist Vater Philipp, die Glocke zu zieh'n?«
Wir schwimmen lustig, der Mond scheint hell,
Durch Licht und Schatten gleiten wir schnell,
Der Strudel dort schläft unter Fels und Stein,
Tief, schweigend und fern vom Tagesschein.
Der Nixe hat aus dem Teich sich gereckt,
Hat die Todeskerze schon angesteckt,
Schau, Vater, schau nur, und wundert's Dich nicht,
Wie er gafft und starrt Dir ins Angesicht?
Gut Glück zum Fischfang! Wem gilt es heut Nacht?
Ists ein Armer, oder ein Mann von Macht?
Muß Pfaff oder Laie in feuchte Schlucht,
Oder ists ein Buhle, der sein Liebchen besucht?
Hörst Du, wie der Nixe sich hören läßt?
»Heil dem Mann, der die Brücke verschloß so fest;
Was der Höhle nur naht, das muß hinein,
Verliebte und Mönche, Priester und Lai'n.«
Wie lange die Maid noch weiter gesungen oder wo die Fahrt des von Entsetzen geschlagnen Mönches ihr Ende gefunden hätte, das zu bestimmen, entzieht sich der Macht des Erzählers. Noch als sie die letzte Strophe sang, da gelangten sie an oder vielmehr in einen weiten, stillen Wasserspiegel, der von einem festen Wehr gebildet wurde, das quer über den Strom lief und von da ab als ein breiter Wasserfall über den Stamm stürzte. Das Maultier suchte, ob nun freiwillig oder durch den Strom getrieben, den Graben zu gewinnen, der zur Klostermühle hin führte, und gewann ihn auch, halb schwimmend, halb watend, wobei es aber den armen Mönch auf die abscheulichste Weise hin und her schüttelte.
Hierbei löste sich nun sein Gewand, und über der Anstrengung, es zu halten, entglitt seiner Hand das Buch der Dame Avenel, das er im Brustlatz getragen hatte. In dem nämlichen Augenblick stieß ihn das Mädchen, das mit ihm im Sattel saß, in die Flut hinein, packte ihn am Kragen und tauchte ihn ein paarmal kräftig unter, so daß jegliches Glied seines Leibes der Taufe teilhaftig wurde; aber erst dann ließ sie ihre Beute den Händen entgleiten, als er so nahe an dem Ufer war, daß er mit geringer Mühe, denn große konnte er nicht aufwenden, ans Land hinauf klettern konnte. Das gelang ihm auch, und als er sich nun umsah, um zu ermitteln, was aus seiner Begleiterin geworden, da erblickte er nicht das Geringste mehr von ihr, sie war vollständig verschwunden. Aber ein paar letzte Strophen ihrer Ballade klangen von dem Wasserspiegel noch zu ihm herüber, die sich mit dem brausenden Anschlag der Wellen einten, das letzte Bruchstück ihres schauerlichen Gesanges:
»Gelandet! das schwarze Buch hats getan,
Sonst kämst Du im Frühlicht zu Berwick an!
Sei lustig und fröhlich, und wünsche Dir Glück,
Denn wer mit mir wegschwimmt, kommt selten zurück.«
Es war dem Pater Philipp nicht länger möglich, das gräßliche Grausen zu ertragen. Schwindel packte ihn, er taumelte, dann stieß er gegen eine Mauer und schlug bewußtlos zu Boden.
Sechstes Kapitel
In der Klosterkirche war der Vesperdienst zu Ende, der Abt hatte sein köstliches Feierkleid ausgezogen und seine Werktagstracht angezogen, die in einem schwarzen Gewände, über einem weißen Leibrock getragen, bestand und ganz danach angetan war, die stattliche Gestalt, die ihn auszeichnete, in ein höchst vorteilhaftes Licht zu setzen.
In ruhigen Zeiten hätte man sich unmöglich einen bessern Mann als intulierten Abt denken können, denn diese Würde bekleidete Abt Bonifazius,, als diesen verdienten Prälaten. Freilich nahm er es mit sich selbst nicht allzu scharf, sondern ließ gar oft fünf grade sein und überließ sich Gewohnheiten, wie einsame Menschen sie gern annehmen. Zudem war er ein eitler Herr, und wenn ihn jemand, wie es ja auch geistlichen Herren zuweilen passieren soll, einmal hart anließ, dann fing er an, ängstlich zu werden, eine Eigenschaft, die sich freilich weder mit den hohen Anforderungen, die die Kirche an ihn stellte, noch mit dem pünktlichen Gehorsam, den er von seinen geistlichen Untergebenen verlangen mußte, in Einklang setzen ließ. Im übrigen war er ein gastfreier Herr und ein wohltätiger Herr, und seine Ansicht als Privatmann ging dahin, daß es immer klüger und besser sei, mit strengem Vorgehen so lange wie möglich hintanzuhalten. Das lieh sich nun freilich in seiner amtlichen Tätigkeit nicht gut durchführen, und vor allem nicht in solchen Zeiten, wie sie unter seinem Regiment herrschten; indessen wird auch hieraus erhellen, daß er, wie gesagt, auch in andern Zeiten die Obliegenheiten solches hohen Kirchenamts mit ganz demselben Ansehen und ganz derselben Würdigkeit verträumt und vertrödelt haben würde, wie manch andrer Abt und Kirchenfürst im Purpur, der gemütlich und behaglich und doch geziemend sein Leben hinbringt, nachts und nachmittags sein Schläfchen macht und höchstens einmal mit Träumen sich herumplagt.
Aber die schwere Erschütterung, die durch die fortschreitende Reformation im Schöße der römischen Kirche bewirkt worden war, hatte auch den frommen und stillen Abt Bonifazius peinlich in seiner Ruhe gestört und ihm ein überweites Gebiet von Pflichten und Sorgen eröffnet, von denen er vordem nicht die geringste Ahnung gehabt hatte. Da gab es Meinungen zu widerlegen und zu bekämpfen, Bräuche und Gepflogenheiten zu untersuchen und festzustellen, Ketzer ausfindig zu machen und zu prozessieren, da mußten Abtrünnige zurückgerufen, zum Abfall Neigende gestützt werden, da galt es, der Verderbnis der Geistlichkeit zu steuern und die Strenge des kirchlichen Gesetzes wieder herzustellen. Da kamen Sendboten über Sendboten, bald vom geheimen Kirchen-, bald vom hohen Staatsrate, da wollte der Fürstprimas umgehenden Bescheid hierüber, ein Vertreter der Königin-Regentin darüber haben, da wollte einer eine Petition befürwortet haben bei dieser, ein andrer bei jener Behörde, da kamen Anfragen hierüber und Bescheide darüber, da mußten Nachforschungen angestellt werden, bald über dies, bald über andres – kurzum, die Amtsgeschäfte wuchsen dem armen Abt Bonifazius über den Kopf, und der scharfblickende Lordprimas von Schottland erkannte bald die Unzulänglichkeit seines Würdenträgers für die dem Sankt Marien-Kloster anheimfallenden Pflichten und Geschäfte und stellte ihm einen Adlatus in der Person eines Unterpriors aus dem Orden der Cistercienser mit Namen Eustachius, der die nötigen Fähigkeiten und Kenntnisse besaß, nicht allein den Abt vorkommendenfalls zu unterstützen, sondern auch zu vertreten und zu ersetzen, auch ihn zu mahnen an die Erfüllung der Gesetze, wenn es ihm beikäme, aus Gutmütigkeit oder Schwäche dagegen zu verstoßen.