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Pater Eustachius trat in dem Sankt Marien-Kloster in ganz der gleichen Rolle auf, die ein alter Feldherr in einem von irgend welchem Prinzen von Geblüt befehligten Heere zu erfüllen hat, der bloß dem Namen nach das Kommando führt, und sich hat verpflichten müssen, ohne den Beirat des ihm an die Spitze gestellten eigentlichen Heerführers nicht das Geringste zu unternehmen, und er trug auch das Geschick solcher Beigeordneten, von ihren Scheingebietern ebenso bitter gehaßt wie herzlich gefürchtet zu werden. Aber der Lordprimas erreichte seine Absicht: es kam Ordnung in die Geschäfte der Abtei, und Pater Eustachius wurde der ewige Gedanke und zuweilen auch der Popanz des würdigen Prälaten, der sich zuletzt nicht mehr getraute, sich im Bett auf die andre Seite zu legen, ohne an die Meinung und Miene des frommen Pater Eustachius zu denken. Bei jedem schwierigen Falle wurde Pater Eustachius zu Rate gezogen, aber kaum war ein solcher schwieriger Fall wieder überwunden, so wurde auch schon wieder gesonnen und getrachtet, wie man ihn loswerden könne. In jedem Schreiben, das der Abt an die vorgesetzten Behörden zu richten hatte, empfahl er den Abt Eustachius zur Berücksichtigung bald dieses, bald jenes wichtigen Kirchenamtes oder dieses Bistums und jener Abtei, und als all diese Empfehlungen von seiner Seite nichts halfen, sondern Pater Eustachius ständig übergangen wurde, um auf seinem Adlatus-Posten in der Abtei Sankt Marien zu bleiben, da fing der Abt Bonifazius langsam an, sich in den Gedanken einzuleben, daß dem Unterprior die Abtei Sankt Marien als eine Art Leibgedinge ausersehen worden sei, und darüber klagte er in seinem Unmut dem Pater Sakristan auch des öftern sein Herzeleid.

Aber noch weit schmerzlicher würde es ihn betroffen haben, wenn er eine Ahnung davon gehabt hätte, daß das Streben des Paters Eustachius auf seine Insul gerichtet sei, die ja, wenn gewisse Vorboten nicht trügten, die von dem Abte selbst weniger ernst, von seinen Freunden jedoch um so ernster genommen wurden, und die auf baldigen Eintritt von Schlagfluß zu deuten schienen, in verhältnismäßig kurzer Zeit erledigt sein konnte. Aber die feste Zuversicht auf seine Gesundheit, die der Abt mit vielen andern geistlichen Würdenträgern teilte, ließ den Gedanken, daß die Zähigkeit des Paters Eustachius damit in Zusammenhang stände, in dem Abte nicht aufkommen.

Weil sich nun der Abt in wirklich schwierigen Fällen mit der Notwendigkeit abzufinden hatte, bei seinem Adlatus sich Rat zu holen, lag der Gedanke für ihn nahe, alle leichtern Amtsgeschäfte ohne dessen Vorwissen zu besorgen. Immerhin wurde er aber auch in diesen Fällen den Gedanken an den Pater Eustachius, was der dazu sagen, wie der darüber denken würde, nicht los. Und so hatte er es auch verschmäht, den Unterprior von der Absendung des Sakristans nach Glendearg zu unterrichten. Als nun aber die Versperstunde herankam und der Sakristan noch immer nicht zum Vorschein kam, da wurde ihm doch sehr unbehaglich zu Mute, und zwar um so unbehaglicher, als sein Gemüt auch von andern Dingen noch schwer belastet wurde.

Die Zwistigkeit mit dem Brückenvogt drohte eine gefährliche Wendung zu nehmen, denn der kriegerisch veranlagte Baron, in dessen Dienst der Brückenvogt stand, konnte sich jederzeit in den Streit einmischen, und von dem Lordprimas waren auch Schreiben höchst unangenehmen Inhalts eingelaufen. Und gleich dem vom Zipperlein geplagten Kranken, der sich auf seine Krücken stützt, die Krankheit aber, die sie ihm aufnötigt, zu allen Geiern wünscht, fand sich der Abt, wenn auch mit Widerstreben, in der unangenehmen Notwendigkeit, den Pater Eustachius nach dem Gottesdienst in sein Haus oder vielmehr in seinen Palast, der einen Teil des Klosters ausmachte, zu bitten.

Abt Bonifazius sah in seinem hohen Sessel, dessen seltsam geschnitzte Lehne in einer Bischofsmütze auslief, vor einem tüchtig lohenden Feuer. Neben ihm standen auf einem eichnen Tische die Ueberreste eines gebratnen Kapauns, den Hochwürden zum Abendbrot verzehrt hatten. Daneben stand eine stattliche Flasche Bordeaux-Wein mit köstlicher Blume. Nachlässig blickte er ins Feuer, sinnend über sein einstiges und über sein zukünftiges Geschick und Glück, hin und wieder auch Kirchen und Türme in die glühende Herdasche mit seinem Stocke zeichnend. Und dann malte er sich aus, in diesen feurigen Bildern die friedlichen Bilder von Dundrennan zu sehen, wo er die Tage verlebt hatte, in denen er noch nicht zu Glanz und Ehre, noch nicht zu Unruhe und Verdruß ausersehen worden war. »Wir waren eine friedliche Brüderschaft,« sprach er bei sich, »die ihre Mönchspflichten regelmäßig erfüllte, und die, wenn einmal menschliche Schwäche unter ihnen sich eindrängte, sich unter einander absolvierte. Was wir im Grunde nur fürchteten, waren die Sticheleien im Konvent, die es dann über einen dummen Streich, den einer von uns gemacht hatte, zu setzen pflegte. Ach, ists mir doch im Grunde, als säh ich den Klostergarten vor mir mit den Birnbäumen, die ich selbst noch gepflanzt habe. Wozu muß, ich mit Geschäften überladen werden, die mich nichts angehen? was soll mir der Titel Mylord Abt?... um mich vom Pater Eustachius am Gängelbande führen zu lassen! Ach, wenn bloß diese Türme die Abtei Aberbrothock wären und Pater Eustachius dort Abt! oder möcht er hier irgendwo im Feuer liegen und schmoren, oder sonst wo stecken, damit ich ihn los wäre! Der Lordprimas behauptet zwar, unser heiliger Vater der Papst habe auch einen Adlatus; wenn der, aber so ist, wie meiner, dann könnt ers doch ganz gewiß nicht acht Tage mit ihm aushalten! Und bekommt denn jemand von ihm Auskunft früher, als bis er ihm unumwunden seine Not bekennt? Mit keinem Wink geht er einem von selbst an die Hand, sondern ist der richtige Geizhals, der erst dann in seinen Beutel greift, wenn ihm die Gabe abgedrungen wird! Und dann werde ich doch auf diese Weise in den Augen all meiner Brüder zum richtigen Popanz, keiner hat noch Respekt vor mir, jeder, sieht mich an, wie unter Kuratel gestellt, wie einen Idioten, der gar keine selbständige Meinung mehr hat und mehr haben darf. ... Nein, das ertrage, wer will! Ich kanns nicht mehr ertragen! ... Bruder Bennett!« ... ein Laienbruder gab Antwort auf seinen Ruf, »sage doch dem Pater Eustachius, ich hätte keinerlei Verlangen mehr nach ihm.«

»Eben wollte ich Euer Hochwürden melden, daß der Pater Eustachius aus dem Kloster herüberkommt.«

»Wenn es an dem ist, dann soll er mir willkommen sein,« erwiderte der Abt, »da, räume diese Dinge weg, oder lege lieber ein Messer her! der fromme Vater könnte ja hungrig sein. – Aber nein, räume doch lieber ab! es ist ja doch keine gesellige Ader in ihm! Bloß, die Weinflasche laß stehen und setze noch einen Becher mit her!«

Der Laienbruder führte diese widersprechenden Befehle aus, wie es ihm geziemend erschien. Er nahm das halb abgeknabberte Gerippe des Kapauns hinweg und setzte dafür zwei Becher neben die Weinflasche.

Und jetzt trat der Pater Eustachius ein.

Es war ein schmaler, kleiner, magerer Herr, mit scharf geschnittnem Profil und stechenden, kleinen Augen, die denjenigen, auf den sie sich wandten, durch und durch zu bohren schienen. Das Fasten, das er mit strengster Gewissenhaftigkeit innehielt, hatte im Verein mit der unermüdlichen Geistesarbeit, der er sich unterzog, seinen Körper intensiv abgemagert.

Mit mönchischer Demut verbeugte er sich vor seinem Vorgesetzten, und wie man sie nun einander gegenüber stehen sah, konnte man sich einen schärfern Kontrast nicht gut vorstellen, als er sich hier in diesen beiden Gestalten zum Ausdruck brachte. Das gutmütige Gesicht des greisen Abtes mit dem rosigen Hauch, den so gern feiste Gesichter annehmen, die heiter blickenden Augen, die selbst die große Bedrängnis der gegenwärtigen Zeit nicht hatte trüben können, und die bleichen, dürren Wangen mit den hohlen, stechenden Augen des Unterpriors, aus denen der forschende, kühne Geist sich so energisch kündete ... wirklich, etwas von schärferem Gegensätze ließ sich nicht vorstellen.