Выбрать главу

Der Abt eröffnete das Gespräch, indem er den Mönch einlud, sich zu setzen und einen Becher Wein anzunehmen. Das Erbieten wurde mit Demut, doch mit dem Hinweise abgelehnt, daß die Vesper bereits vorüber sei.

»Um des Magens willen,« sagte der Lord-Abt lächelnd. »Ihr kennt ja doch den Wortlaut des Textes.«

»Und doch ist es gefährlich, es allein zu tun und zu so später Stunde,« erwiderte der Prior. »Der Wein ist ein gefährlicher Gesell in der Einsamkeit, und deshalb meide ich ihn.«

Der Lord-Abt hatte sich einen Becher eingegossen, der etwa ein halbes englisches Maß fassen mochte, ließ ihn aber, entweder gekränkt durch die Weigerung oder beschämt über den stillen, in den Worten des andern gelegnen Vorwurf, stehen, ohne ihn anzurühren. Hierauf wechselte er sogleich das Gesprächsthema.

»Der Lordprimas hat uns geschrieben, daß wir in unserm Sprengel die schärfste Nachsuchung halten sollen nach ketzerischem Volk, vornehmlich nach den in diesem Verzeichnis namhaft gemachten Personen, die sich der gerechten Strafe, die über sie verhängt worden, entzogen haben. Es sei wahrscheinlich, daß sie über die Grenzen nach Frankreich zu fliehen beabsichtigen, und in dem Schreiben wird verlangt, ich solle darüber wachen und es verhindern.«

»Allerdings, und so gehört es sich, denn die Obrigkeit soll das Schwert nicht umsonst tragen.«

»Ja, aber wie soll mans denn anfangen?« rief der Abt ungeduldig. ... »O, heilige Jungfrau, steh uns bei! Ich bin doch kein weltlicher Baron, der über Kriegsmarinen gebietet! Der Primas sagt, zieh aus und reinige das Land! halte alle Ausgange besetzt! Ja, du lieber Gott! können denn Mönchskutten und Skapuliere den Weg versperren?«

»Euer Vogt, ehrwürdiger Vater, steht doch im Rufe eines wackern Kriegers, und Eure Vasallen sind zu Kriegsdiensten verpflichtet, wenn es die Verteidigung der heiligen Kirche gilt. Unter dieser Bedingung ist ihnen der Besitz kirchlichen Gutes gewährt worden. Wollen sie diese Bedingung nicht halten, dann gebt Ihr Land an andre Leute!«

»Wir werden nichts unterlassen, was der heiligen Kirche dienen und frommen kann,« erwiderte der Lord-Prior mit Würde, »Du selbst, Eustachius, sollst die diesbezüglichen Befehle an unsern Vogt und an die Lehnsmannen überbringen. Aber dann bleibt noch die leidige Differenz mit dem Brückenvogt und dem Baron von Meigallot. Ach, heilige Jungfrau! wie mehren sich doch die Bedrängnisse über unserm Haupte und der Menschheit! man weiß ja nicht mehr, wohin man blicken, wohin man sich wenden soll! Du sagtest doch, Pater Eustachius, Du wolltest unser Begehr, die gefallsfreie Passage unsrer Wallfahrer betreffend, durchsetzen?«

»Ich habe in den alten Briefen und Urkunden des Klosters nachgesehen,« sagte der Abt, »und habe eine schriftliche, formell verbindliche Urkunde aufgefunden, kraft deren nicht allein die zu dieser Abtei gehörenden Geistlichen oder Brüder, sondern, auch alle diejenigen, die sich als Pilger ausweisen, sowohl dieser Abtei wie der Abtei Ailford, frei sein sollen von Brücken- und andern Abgaben. Die Urkunde ist ausgefertigt am St. Brigitten-Abend im Jahre 1137, mit dem Siegel und der Unterschrift des Karl von Meigallot, der diese Vergünstigung einräumt, gezeichnet. Es war der Ururgroßvater des jetzigen Barons. In der Urkunde steht, daß die Vergünstigung gewährt werde um seines eignen Seelenheils willen wie um des Seelenheils seines Vaters, seiner Mutter, seiner Ahnen und Abkömmlinge willen, so lange es Barone von Meigallot gebe.«

»Aber er sagt, die Brückenvögte seien im Besitz dieses Gefälls und hätten es geltend gemacht seit über fünfzig Jahren. Der Baron droht mit Gewaltmaßregeln. Inzwischen wird die Wallfahrt unsrer Pilger gestört zum Schaden ihres Seelenheils und zum großen Nachteil für unser Kloster. Der Sakristan rät, ein Boot auszusetzen, aber der Vogt, dessen Gottlosigkeit bekannt ist, hat geschworen, der Teufel solle ihn lebendig holen, wenn er ein Boot auf dem Strome seines Herrn leide. Er will es kurz und klein schlagen. Und dann sagen wieder andre, wir täten klüger, die Gefällsforderung des Barons durch eine kleine Pauschalsumme abzulösen.«

Hier wartete der Abt augenscheinlich auf eine Antwort seines Amtsbruders, und da er keine erhielt, fragte er:

»Nun, was meinst Du, Pater Eustachius, warum verhältst Du Dich so schweigsam?«

»Weil mich die Frage wundert, die der Lord-Abt unsers Klosters an den jüngsten seiner Ordensbrüder richtet.«

»Der jüngste der Zeit des Eintritts nach gerechnet, Bruder Eustachius, aber nicht dem Alter und der Erfahrung nach,« erwiderte der Abt ... »zudem der Unterprior dieser Abtei.«

»Ich staune darüber,« sagte Pater Eustachius, »daß der Abt dieses ehrwürdigen Klosters irgend jemand die Frage vorlegen kann, ob er das Erbe unser heiligen Beschützerin schmälern oder gar einem gewissenlosen, vielleicht ketzerischen Baron die Rechte abtreten solle, die sein frommer Ahnherr der Kirche überließ. Das verpönen doch Päpste und Konzilien! Ermannt Euch, ehrwürdiger Vater, und fasset nicht Zweifel an einer gerechten Sache! Zieht das Schwert und richtet es gegen die Gottlosen!«

Der Abt Bonifazius sagte:

»Das ist alles ganz schön gesprochen, wenn man es nicht zu machen braucht; aber ...« hier unterbrach ihn Bruder Bennett, welcher ungestümer, als es sich für einen Klosterbruder geziemt, in das Zimmer hereintrat ... »Der Esel,« meldete er, »auf dem der Sakristan heute morgen ausgeritten ist, kommt eben pitschnaß in den Stall gerannt. Aber der Bruder Sakristan sitzt nicht drauf ...«

»Heilige Gottesmutter!«, rief der Abt, »unser geliebter Bruder ist unterwegs umgekommen!«

»Vielleicht auch nicht,« sagte Pater Eustachius schnell, »laßt die Glocke läuten! die Brüder sollen die Gegend mit Fackeln absuchen! das Dorf soll alarmiert werden! eilt hinunter zum Flusse! ich eile allen voran dorthin!«

In stummer Bestürzung stand der Abt, als er auf einmal inne wurde, daß alles, was von ihm hätte befohlen werden sollen, ausgeführt wurde auf den Befehl des jüngsten seiner Klosterbrüder. Allein, ehe noch einer der befohlenen Schritte zur Ausführung gebracht worden war, erschien der Bruder Sakristan und machte alle Maßregeln unnötig.

Siebentes Kapitel

Gleichzeitig von Frost und Entsetzen geschüttelt, stand der betrübte Sakristan und lehnte sich auf den Arm des treuen Klostermüllers. Er war ganz durchnäßt und vermochte nicht ein Wort zu seinem Obern zu sagen. Mehrmals setzte er an, und endlich gelang es ihm, die Worte zu stammeln:

»Wir schwimmen gar fröhlich, und hell scheint der Mond!« »Wir schwimmen gar fröhlich?« wiederholte der Abt verdrießlich. »Ihr habt Euch für Eure Schwimmübung einen lustigen Abend ausgesucht und begrüßt Euern Vorgesetzten ja recht geziemend.«

»Unser Bruder ist mißgestimmt,« meinte Eustachius. »Sprecht, Vater Philipp, was ist Euch?«

»Fein hat sichs gefischt heut!« fuhr der Sakristan fort, und der Versuch, die Stimme seiner absonderlichen Gefährtin nachzuahmen, mißlang ihm kläglich.

»Fein hat sichs gefischt?« wiederholte der Abt mit steigendem Unwillen. »Bei meinem Orden, der Mann ist voll von süßem Weine, und er wagt es, vor uns zu treten, da ihm noch die aufgeschnappten Narreteien in der Kehle sitzen! Wenn dieser Wahnsinn sich mit Brot und Wasser austreiben läßt –«

»Mit Verlaub, hochwürdiger Herr,« unterbrach ihn der Unterprior, »Wasser hat unser Bruder genug gekriegt, und wie mir scheint, rührt der verstörte Blick seiner Augen mehr von Schreck her als von irgend einer seines Standes unwürdigen Ursache. Müller Hob, wo habt Ihr ihn angetroffen?«

»Mit Verlaub, Euer Ehrwürden, ich war gerade dabei, die Schleuse meiner Mühle zu schließen, und wie ich unterwegs bin nach meiner Schleuse, da höre ich ganz in meiner Nähe ein Grunzen, und ich dachte mir nichts andres, als daß es eins von den Schweinen des Giles Fletcher sei, denn, mit Verlaub, Euer Ehrwürden, dieser – dieser Schweinehund macht nie sein Gatter zu. Ich hatte schon die Hand erhoben und wollte was dorthin werfen, wo das Gegrunze herkam, – verzeih mir die heilige Jungfrau! – aber als wenn die Heiligen das hätten verhüten wollen, hör ich noch einmal ein Aechzen, das so klang, als habe ein lebender Mensch es ausgestoßen. Da rief ich denn meine Knechte herbei, und da fanden wir den Vater Sakristan – ganz naß und bewußtlos lag er unter der Mauer unseres Backofens. Wir standen ihm bei und brachten ihn ein wenig zu sich – da bat er uns, wir möchten ihn zu Euer Hochwürden bringen, aber unterwegs kam es mir ganz so vor, als habe er völlig den Verstand verloren, und erst als wir hier waren, kam wieder ein bißchen Sinn und Vernunft in sein Gerede.«