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Die Frau schwieg – sie wollte dem Mönch nicht widersprechen – aber es war ihr nicht verständlich, aus welchem Grunde sich das Müllermädchen so weit von der Heimat entfernen und in einen abgelegenen Winkel wagen sollte, bloß um drei Kindern, vor denen sie doch verborgen bleiben wollte, ein altes Buch wiederzugeben. Es war ihr auch nicht erklärlich, warum das Mädchen nicht, da Frau Glendinning doch mit der Familie bekannt war, sich bei ihr aufgehalten, ausgeruht und etwas zu sich genommen hätte.

Aber gerade diese Einwürfe überzeugten den Mönch nur noch mehr, daß er mit seiner Vermutung recht habe.

»Nun will ich die Dame sprechen,« sagte er, »doch geht erst hinein und bereitet sie auf meinen Besuch vor.«

Nach einer Weile, während der Mönch in tiefem Sinnen hin und her gegangen war und sich überlegt hatte, wie er sich wohl der schweren Pflicht, die ihm auferlegt war, mit Erfolg entledigen könne – kehrte Frau Glendinning mit Tränen in den Augen zurück und winkte ihm, daß er ihr folgen solle.

»Wie?« fragte der Mönch. »Steht ihr Ende so nahe bevor? – Nun, die Kirche darf nicht wüten und verwunden, sobald sie noch trösten kann.«

Und er vergaß seinen Eifer und eilte in das kleine Gemach, wo auf dem kargen Lager, das ihr im Turme von Glendearg hergerichtet war, die Witwe Walters von Avenel eben ihre Seele ausgehaucht hatte.

»Vater im Himmel!« rief der Unterprior. »So ist sie infolge meines unglückseligen Zögerns ohne den Trost der Kirche dahingegangen? Seht doch zu, Frau,« setzte er in großer Unruhe hinzu, ob kein Funke von Leben mehr in ihr ist! Kann sie nicht mehr zum Bewußtsein gebracht werden? – und sei es auf wenige Minuten? Ist kein Odem mehr in ihr?«

»Nie wieder wird sie Odem haben,« sagte die Frau des Hauses. »Ach, des armen vaterlosen Mädchens! sie ist nun ganz verwaist! und die gütige Gefährtin, die ich so viele Jahre um mich hatte, soll ich nun nie wiedersehen! Aber wenn eine Sterbliche in den Himmel kommt, so wird sie in den Himmel kommen, das ist gewiß – denn eine Frau, die einen bessern Lebenswandel –«

»Wehe mir!« rief der Mönch, »wenn sie nicht in froher Zuversicht von hinnen gegangen ist! Wehe dem pflichtvergessnen Schäfer, der es geschehen ließ, daß der Wolf ein Schaf aus der Hürde wegtrug, während er seine Zeit damit vergeudete, die Schleuder und den Stab zu säubern, womit er das Ungeheuer bekämpfen wollte! Ach, wenn im unendlichen Jenseits diese arme Seele das Heil nicht findet, was habe dann ich verschuldet, indem ich gezögert habe? Den schweren Verlust einer unsterblichen Seele!«

Er trat, erfüllt von Gewissensbissen, an den Leichnam, der mit einem friedlichen Lächeln auf den dünnen Lippen dalag. Dann forderte er Frau Elspath auf, alles, was sie über den Lebenswandel der Toten wisse, ihm zu erzählen. Da hörte er denn nichts als Lobenswertes, und er lauschte begierig auf alles, was ihm die Gewißheit geben konnte, daß die Dame wenigstens in den Hauptgrundsätzen rechtgläubig geblieben sei. Eine Stunde etwa verweilte der Mönch noch allein bei der Leiche und betete, dann kehrte er in die Halle zurück, wo er die Freundin der Verstorbenen noch immer in Tränen fand. Sie hatte ein Mahl für ihn bereitet, das er aber mit den Worten ablehnte:

»Ich darf heute bis Sonnenuntergang keine Speise zu mir nehmen, denn ich muß sühnen, was ich durch Nachlässigkeit verschuldet habe. Aber, liebe Frau,« setzte er hinzu, »ich darf in meiner Sorge um den Leichnam nicht vergessen, das Buch mitzunehmen, welches für die Unwissenden dasselbe ist, was für die Stammeltern des Menschen der Baum der Erkenntnis war – das heißt, an sich vortrefflich, aber schädlich und verderblich, wenn es diejenigen gebrauchen, denen es verboten ist.«

»Mit Freuden, ehrwürdiger Vater,« erwiderte die Witwe Simon Glendinnings. »Ich will Euch das Buch geben, wenn ich es nur den Kindern wegnehmen kann, aber freilich, sie schwimmen jetzt in Tränen, und man könnte ihnen wohl das Herz aus dem Leibe nehmen, ohne daß sie es gewahrten.«

Der Mönch rief nach seinem Maultiere und wollte Abschied nehmen, als eben ein Ritter in voller Rüstung und Bewaffnung in den kleinen Hof, der den Turm umgab, hereingeritten kam.

Neuntes Kapitel

Die Gesellen oder Knappen von Großgrundbesitzern oder Häuptlingen hießen in Schottland »Eisenwämser«, weil sie als Rüstungen Wämser mit Stahlfütterung trugen. Diese Söldner benahmen sich gegen erwerbtreibende Leute aus dem Volke mit der größten Rücksichtslosigkeit und fanden sich stets dazu bereit, die gesetzwidrigsten Befehle ihrer Gebieter auszuführen. Christie von Clinthill war ein solcher Kumpan und an den eisernen Platten auf seinen Schultern, den verrosteten Sporen und dem verrosteten Speer zu erkennen. An seiner eisernen Sturmhaube, die nicht allzu blank geputzt war, trug er als Kennzeichen einen Zweig der Stechpalme – das Insignium des Hauses Avenel. An der Hüfte hing ein zweischneidiges Schwert mit eichnem Griff. Sein Roß war jämmerlich abgemagert, er selber sah hager und wild aus, was auf eine nur geringe Ergiebigkeit seines Handwerks zu deuten schien.

Er begrüßte Frau Glendinning nicht allzu höflich, und den Mönch noch unhöflicher, denn die wachsende Geringschätzung mönchischer Orden mußte vor allem in den Kreisen solcher verwilderten Menschen Platz greifen.

»So? also ist unsre Edelfrau tot,« sagte der Knappe, »mein Herr schickt Euch eben einen fetten Ochsen, – der kann nun zu ihrem Leichenmahl dienen – ich habe ihn oben in der Schlucht gelassen – er ist mit Brandzeichen versehen, aber je eher die Haut an ihm herunter ist und er im Pökel liegt, desto weniger Schererei habt Ihr mit dem Vieh. Ihr versteht schon, wie ich das meine. Und nun gebt mir Hafer für meinen Gaul und Fleisch und Bier für mich. Denn ich muß noch ins Kloster – doch den Ritt könnte ich mir ersparen, der Mönch hier wird meine Botschaft ausrichten.«

»Deine Botschaft, unverschämter Patron,« sagte der Unterprior und runzelte die Stirn.

Die arme Frau Glendinning befürchtete, es möchte zwischen den beiden Männern zum Streit kommen.

»Du liebe Güte, Christie,« sagte sie, »das ist ja der Herr Unterprior – Hochwürdiger Herr, das ist der Christie von Clinthill, der Führer von den Eisenwämsern des Lairds, und Ihr wißt ja, von diesen Leuten kann man wenig Anstand erwarten.«

»Ihr seid ein Söldner des Lairds von Avenel,« wandte der Mönch sich an den Reitersmann, »und führt eine so große Sprache gegen einen Bruder des Klosters unsrer lieben Frauen, dem doch Euer Herr so sehr verpflichtet ist.«

»Er hegt die Meinung, Euerm Kloster in noch höherm Maße verpflichtet zu werden,« antwortete der Eisenwams. »Da er vernahm, daß seine Schwägerin, die Witwe Walters von Avenel, auf dem Totenbette liege, so hat er mich zu dem Herrn Abt und den Brüdern gesandt mit der Botschaft, daß er willens sei, das Leichenmahl in ihrem Kloster abzuhalten und mit etwa zwanzig Pferden und einigen Freunden auf drei Tage und drei Nächte Quartier zu nehmen. Er erwarte, daß Ihr die Pferde umsonst füttern und die Leute umsonst bewirten werdet. Aus diesem Grunde melde er diese seine Absicht schon jetzt an, damit Ihr Zeit genug habt, Euch darauf einzurichten.«

»Das denke nicht, Freund,« versetzte der Unterprior, »daß ich dem Abt eine Botschaft überbrächte, die ihn so tief kränken muß. Meinst Du, die Güter der Kirche seien nur dazu da, von ruchlosen Laien vergeudet zu werden, die mehr Gesellen in ihrem Dienste halten, als sie auf ehrliche Weise besolden können? Entbiete Deinem Herrn von dem Unterprior des Klosters unsrer lieben Frauen, daß wir vom Primas Befehl erhalten hätten, uns dergleichen gewaltsame Erpressungen des Gastrechts nicht länger gefallen zu lassen. Unsre Güter und unser Vermögen sind bestimmt, Pilger und notleidende Jünger zu unterstützen, und nicht für rohe Kriegerhaufen Gelage auszurichten.«

»Mir das?« versetzte der grobe Eisenwams. »Mir und meinem Herrn das? So paßt denn auf, Herr Unterprior, ob Ihr mit Euren Aves und Credos die Ochsen in den Ställen zurückhalten und die Scheunen vorm Feuer werdet schützen können!«