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»Bedrohst Du das Gebiet der heiligen Kirche mit Raub und Brand?« entgegnete der Unterprior. »Ich rufe alle, die die Worte dieses Räubers gehört haben, zum Zeugen wider ihn! Bedenke wohl, Lord James hat zwanzig solcher Gesellen wie Du im schwarzen Teich bei Jeddart ersäufen lassen. – Bei ihm und beim Primas will ich Klage erheben!«

Der Kriegsmann antwortete nicht, sondern drehte seinen Speer herum und zielte damit auf den Mönch.

Frau Glendinning begann um Hilfe zu schreien.

»Tibb Tacket! Martin! wo seid Ihr alle? – Christie, um Himmelswillen! bedenkt doch, er ist ein Diener der heiligen Kirche!«

»Ich fürchte mich nicht vor seiner Waffe,« sagte der Unterprior. »Wenn ich erschlagen werde, während ich die Rechte und Privilegien meines Stifts verteidige, so wird der Primas wissen, wie er dafür Rache zu nehmen hat.«

»Der mag sich selber schützen,« entgegnete Christie, aber er lehnte doch seinen Speer gegen die Mauer. »Er ist in Fehde mit dem Normannen Lestie, und der wird ihm schon zu schaffen machen, denn Lestie ist ein wahrer Bluthund, der sich festbeißt. Aber es war nicht mein Wille,« setzte er hinzu, »den heiligen Vater zu beleidigen. Ich bin ein rauher Mann und zu Speer und Steigbügel erzogen. Da verstehe ich nicht, mit Priestern und Schriftgelehrten zu verkehren. Wenn ich etwas Ungehöriges gesagt habe, so will ich gern den heiligen Vater um Verzeihung und um seinen Segen bitten.«

»Um Gotteswillen, Ehrwürden,« flüsterte die Witwe von Glendearg dem Unterprior zu, »gewährt ihm Verzeihung! – wie sollen wir armen Leute in den dunklen Nächten ruhig schlafen, wenn die Kirche mit solchen Kerlen wie dem da in Zwist lebt?«

»Ihr habt recht, liebe Frau,« sagte der Unterprior. »Eure Sicherheit muß uns zuerst am Herzen liegen. – Kriegsmann, ich verzeihe Dir, Gott segne Dich und mache Dich zu einem ehrlichen Manne.«

Christie neigte unwillig den Kopf ein wenig, wobei er vor sich hinbrummte: »Das will gerade soviel besagen wie: Gott möge Dich verhungern lassen. – Und nun, Herr Priester, was soll ich meinem Herrn für Bescheid auf seine Botschaft bringen?«

»Daß die Leiche der Witwe Walters von Avenel, wie es ihrem Stande zukommt, in der Gruft neben ihrem tapfern Gatten beigesetzt werden soll. Was den beabsichtigten Besuch Eures Herrn mit Gefolge anbelangt, darüber zu entscheiden, bin ich nicht befugt – diese Botschaft Eures Herrn müßt Ihr dem hochwürdigen Herrn Abt selber vortragen.«

»So muß ich eben hinreiten,« sagte der Krieger, »aber es läßt sich heute noch abmachen.«

Während Frau Elspath dem Söldner das Mahl zurichtete, war der Unterprior bemüht, sich in den Besitz des Buches zu setzen, das der Sakristan am verflossenen Abend mitgenommen hatte und das auf so seltsame Weise in den Turm von Glendearg zurückgelangt war.

Edward, der jüngere von den Knaben der Frau Glendinning, war nicht damit einverstanden, das Buch herzugeben, und Mary hätte ihm hierin wahrscheinlich beigestimmt, wenn sie nicht in ihrem Schlafgemach gewesen wäre, wo Tibb sich alle Mühe gab, sie über den Verlust ihrer Mutter zu trösten. Allein der jüngere Glendinning nahm ihre Eigentumsrechte mit einer Entschiedenheit wahr, die sonst nicht seiner Gemütsart entsprach, und erklärte, nach dem Tode der Mutter gehöre dieses Buch nur der Mary, und sie allein solle es behalten. Erst nach vieler Mühe gelang es dem Unterprior, den Knaben zur Herausgabe des Buches zu bewegen. Um nun nach dem Kloster zurückzukehren, ohne noch einmal dem wilden Kriegsmanne zu begegnen, stieg der Unterprior auf sein Maultier und trat den Heimweg an.

Er hatte sich im Turme aber doch länger aufgehalten, als eigentlich seine Absicht gewesen war, und so neigte der Novembertag sich schon seinem Ende zu, als er die Rückkehr antrat. Ein unheimlicher Ostwind heulte in den verwelkten Blättern und warf sie in Schauern auf den Boden.

Während der Priester nachdenklich dahinritt, weckte ihn das Getrappel eines hinter ihm herkommenden Pferdes aus seinen Gedanken, und er erblickte denselben wilden Kriegsmann, den er im Turme zurückgelassen hatte.

»Guten Abend, mein Sohn! Segne Dich Gott!« sagte der Mönch.

Aber der rohe Söldner dankte kaum durch ein flüchtiges Kopfnicken für den Gruß, gab seinem Pferde die Sporen und hatte binnen kurzem den Mönch und sein Maultier ein gutes Stück hinter sich gelassen.

»Dieses Gesindel,« dachte Vater Eustachius bei sich, »ist eine Landplage. Die Freiherrn von Schottland sind zurzeit die abgefeimtesten Diebe und Bösewichter. Ich fürchte, mit meinem Rat, diesen Landstreichern Widerstand zu bieten, komme ich beim Abt zu spät, aber ich muß mich beeilen.«

Er trieb sein Maultier an, aber das Tier scheute plötzlich, und so sehr sich der Reiter auch anstrengte, es war nicht mehr vom Flecke zu bringen.

Gleichzeitig begann eine Stimme, die wie die Stimme eines Weibes klang, dicht neben ihm zu singen:

Guten Abend, Herr Priester, im nächt'gen Gefild –

Du reitest so schön in den Mantel gehüllt.

Doch ob auf dem Berg, ob im Tal du magst reiten –

's ist jemand befugt, Dir zur Seite zu schreiten.

Das schwarze Buch gib mir zurück Im Augenblick!

Es ist mir betraut, und ich bring es zurück!

Der Unterprior sah sich um, aber es war weder ein Gebüsch noch ein Gestrüpp in der Nähe, wo eine Sängerin sich hätte verstecken können.

»Unsre liebe Frau möge mich beschützen!« sagte Vater Eustachius. »Ich hoffe, ich werde nicht den Verstand verlieren, aber es ist nicht gut möglich, daß meine Gedanken sich von selber zu Reimen zusammenfügen, die ich doch so sehr verachte, und zu Musik, von der ich nichts halte; oder wie sollte der Klang einer Frauenstimme, deren Wohllaut so lange Zeit keinen Reiz auf mich gehabt hat, meinem Begriffsvermögen ein Schnippchen schlagen, und sollte die Vision des Vaters Philipp auch an mir sich vollziehen? – Hollah, mein Maultier, zieh eiligst von dannen, so lange wir noch Herren unsrer Sinne sind.«

Aber das Maultier stand wie angewurzelt und wollte nicht von der Stelle, es legte die Ohren zurück, die Augen traten ihm fast aus den Höhlen und es verriet alle Anzeichen eines heftigen Entsetzens.

Während der Unterprior mit Drohen und Bitten das verhexte Tier dazu zwingen wollte, seine Pflicht zu tun, erklang abermals dicht neben ihm die sonderbar wohllautende Stimme:

Wie konntest Du, Priester, Dich unterstehn,

Ein Buch auf dem Totenbett zu erflehn?

Nimm ja Dich in acht und hör meinen Rat:

Kehr um, sonst büßest Du schwer Deine Tat!

Zurück! Dir droht

Ein schneller Tod,

Befolgst Du nicht gleich

meines Meisters Gebot!

»Und beim Namen meines Herrn und Meisters,« rief der verblüffte Mönch, »vor dessen Namen alles, was Odem hat, erbebt, beschwöre ich Dich: Sprich, wer bist Du, die Du hier mich heimzusuchen wagst!«

Dieselbe Stimme erwiderte:

Ein Wesen, weder schlecht noch gut,

Weder Himmelsgebilde, noch Höllenbrut,

Ein Nebelstreif – ein Wasserschaum –

Halb wacher Gedanke – halb schlummernder Traum –

Ein Gebild so fein,

Du siehst es allein,

Wenn Du blinzelst

im Abendsonnenschein.

»Das ist kein leeres Spiel der Phantasie!« sagte der Unterprior und raffte sich auf, denn bei aller ihm innewohnenden Beherztheit sträubte sich ihm doch das Haar, und Entsetzen befiel ihn, als er sich einem übernatürlichen Wesen so nahe fühlte. »Ich gebiete Dir,« rief er endlich mit lauter Stimme, »was Du auch im Schilde führen mögest, entweiche und belästige mich nicht mehr. Geist der Lüge, Dir ist nur Macht über die gegeben, so ihrer Pflicht vergessen!«