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Die Stimme antwortete sogleich:

Mir zu entreißen gelingt Dir nicht,

Ich fahr durch die Nacht wie ein Irrlicht.

Ich tanz auf dem Strom, ich reit auf dem Wind,

Ich durchstreife die Welt mit dem Alp geschwind.

Ein zweites mal –

An der Biegung im Tal –

Am Bache dort

sehn wir uns noch einmal!«

Wie es schien, war die Straße jetzt frei gegeben, denn das Maultier kam zu sich und begann langsam weiter zu schreiten, aber es schnaubte heftig, zitterte an allen Gliedern, und man merkte es ihm an, daß es in Todesängsten geschwebt hatte.

»Bis jetzt hab ich von Kabbalisten und Rosenkreuzern nichts gehalten,« sagte der Unterprior, »aber bei meinem heiligen Orden, hier weiß ich nicht mehr, was ich denken soll. – Mein Puls ist ruhig – meine Hand ist frei von Hitze – ich erkenne jeden Gegenstand – ich bin im Besitz meiner Geisteskräfte wie sonst – entweder ist es da einem Geist der Hölle erlaubt, mich an der Nase herumzuführen, oder die Ammenmärchen von Paracelsus und andern sind doch nicht ganz ohne Begründung. Wo das Tal eine Biegung macht? – Sollte ich den Weg vermeiden? Aber ich stehe im Dienste der Kirche, und die Hölle hat mir nichts an!«

Er sah sich vorsichtig und ein wenig furchtsam um, und so ritt er etwa eine Meile, ohne daß ihn etwas aufgehalten hätte. Als er an die Stelle kam, wo der Bach an den Rand des Hügels in einer plötzlichen Wendung so dicht herantritt, daß ein Pferd kaum passieren kann, verriet das Maultier wieder dieselben Anzeichen des Entsetzens und blieb stehen. Der Prior gab sich diesmal gar nicht erst die Mühe, es vorwärts zu treiben, sondern wandte sich sogleich an das Wesen, das ohne Zweifel abermals die Ursache für seinen Aufenthalt bildete, die feierlichen Beschwörungsworte sprechend, welche für solche Vorkommnisse die römische Kirche vorschreibt.

Die Stimme antwortete singend:

Die guten Leute sind dreist, doch redlich –

Die rohen Leute sind wild, doch nicht schädlich.

Doch liege Du In guter Ruh,

Daß niemand Dir ein Leides tu!

Der Unterprior wandte den Blick nach der Stelle, von wo die Laute zu kommen schienen, und nun war es ihm, als ob etwas gegen ihn rauschend heranströmte, und plötzlich fühlte er sich mit sanfter, doch unwiderstehlicher Gewalt aus dem Sattel geschoben. Ehe er zu Boden fiel, verließ ihn die Besinnung und er lag bewußtlos da. Als er vom Maultier fiel, war die Sonne noch nicht hinter den Hügeln am Horizont versunken, und als er wieder zu sich kam, stand der blasse Mond über der Landschaft.

Er erwachte – noch saß ihm das Entsetzen in den Gliedern, und er vermochte nur langsam sich von dieser Empfindung zu befreien. Er richtete sich auf und nahm wahr, daß er völlig unversehrt war, nur war er infolge der herrschenden strengen Kälte ganz erstarrt. Ein Geräusch dicht bei ihm jagte ihm von neuem das Blut zu Herzen, aber er raffte sich mit Gewalt empor und entdeckte nun zu seiner Beruhigung, daß eben dieses Geräusch von den Tritten seines eignen Maultieres herrührte, das bei seinem bewußtlosen Herren gewartet hatte und jetzt ruhig das Gras abweidete, das an diesem abgelegnen Flecke üppig wuchs.

Er dauerte noch ein Weilchen und kostete ihn auch noch einige Anstrengung, ehe er das Tier wieder besteigen konnte. Dann grübelte er über sein sonderbares Abenteuer nach und zog seines Weges weiter.

Er war mit sich uneinig, ob er den Vorfall berichten oder geheim halten sollte, entschied sich aber in edler Selbstverleugnung schließlich für das Letztere. Er wollte der Wahrheit die Ehre geben und eine vollkommene Beichte ablegen, obgleich ihm nun dasselbe zugestoßen war, worüber er am Tage vorher noch so gespottet hatte, denn es war ihm nun klar, daß dem Sakristan das gleiche Abenteuer widerfahren war.

»Der Himmel hat mich,« dachte er bei sich selber, »gerade in dem bestraft, worin ich am meisten mich selbst überhoben habe, in meiner geistlichen Dünkelhaftigkeit und meiner irdischen Weisheit. Ueber die Unerfahrenheit meiner Brüder habe ich gelacht und gespottet. Nun muß ich mich selber ihrem Spotte preisgeben. Ich werde erzählen, was mir niemand glauben kann – ich werde beteuern, was sie nur aus kläglicher Feigheit oder absichtlicher Lüge werden erklären können – ich werde die Schmach eines lächerlichen Träumers oder eines wissentlichen Betrügers auf mich nehmen. Sei es! aber ich will meine Schuldigkeit tun und ein vollständiges Bekenntnis ablegen. Wenn ich auch nach dieser schweren Erfüllung meiner Pflicht in diesem Hause meiner Aufgabe nicht mehr genügen kann und mein Ansehen dahin ist, so werden Gott und unsre liebe Frau schon einen andern Platz für mich finden, wo ich ihnen besser und segensreicher dienen kann.«

Als er sich der äußern Klosterpforte näherte, erblickte er zu seiner Verwunderung helles Fackellicht, bei dessen Schein er Männer zu Pferde und zu Fuß, und mehrere Mönche versammelt sah. Der Unterprior wurde mit einstimmigem Freudengeschrei empfangen, aus dem er ersah, daß die Leute um ihn selber in Sorge gewesen waren.

»Da ist er ja! da ist er ja! Gott sei Dank!« schrien die Lehnsleute, während die Mönche riefen: »Te deum laudamus – kostbar ist das Blut Deiner Diener in Deinen Augen!«

»Was ist denn los, Kinder? was bedeutet das, liebe Brüder?« fragte der Unterprior, indem er am Tore vom Maultiere stieg.

»Wenn Du noch nichts davon weißt, so wollen wir es Dir erst erzählen, wenn Du im Refektorium bist,« erwiderten die Brüder. »Der Abt hat hier diese unsre dienstwilligen Lehnsleute aufgeboten, daß sie Dich suchen sollen, um Dich aus großer Gefahr zu erretten. – Ihr könnt nun wieder heimkehren, Kinder, und morgen kann ein jeder, der sich heute abend hier eingefunden hat, ein Rindviertel und eine Kanne Doppelbier in der Klosterküche abholen lassen.«

Mit lautem Beifallsgeschrei zerstreuten sich die Lehnsmänner, und mit ebenso großem Jubel führten die Mönche den Unterprior ins Refektorium.

Zehntes Kapitel

Kaum trat der Unterprior in Begleitung seiner fröhlichen Brüder ins Refektorium; so hefteten seine Blicke sich auf einen Mann, in dem er sofort Christie von Clinthill erkannte. Er saß in Fesseln und unter Bewachung in der Ecke am Kamin, und aus seinen Zügen sprach der Trotz und finstre Starrsinn, denen so verhärtete Bösewichter ihre Strafe auf sich nehmen. Als der Mann aber den Unterprior erblickte, verzog sich sein Gesicht zum Ausdruck des wildesten Entsetzens und er rief:

»Der Teufel, der Teufel selber macht die Toten wieder lebendig!«

»Nein!« antwortete der Mönch, »sage Du lieber, unsre gebenedeite Frau macht die Anschläge der Gottlosen wider ihre gläubigen Diener zu nichte, denn unser treuer Bruder lebt und atmet noch.«

»Lebt und atmet noch!« rief der Bösewicht, sprang auf und nahte sich wankend dem Unterprior, soweit es ihm bei seinen Fesseln möglich war. – »Nein! keinem Eichenspeer und keiner Stahlspitze will ich mehr traun. Es stimmt!« setzte er hinzu, indem er den Unterprior verdutzt musterte. »Kein Fleck und keine Wunde – nicht einmal ein Ritz in der Kutte!«

»Und wer sollte mich denn verwundet haben?« fragte Vater Eustachius.

»Hier, dieser gute Speer, der noch nie zuvor sein Ziel verfehlt hat,« antwortete Christie von Clinthill.

»Der Himmel möge Dir verzeihen, wenn Du diese Absicht gehabt hast,« sagte der Unterprior. »Hattest Du vor, einen Diener des Altars zu erschlagen?«

»Warum denn nicht?« entgegnete Christie, »die Leute von Fife sagen: Und wenn Euer ganzes Gezücht umgebracht würde, bei Flodden hätten noch mehr dran glauben müssen.«