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»Bube! bist Du auch ein Ketzer obendrein, außer daß Du ein Mörder bist?«

»Nein, beim heiligen Aegidius, das bin ich nicht,« antwortete der Eisenwams. »Wohl habe ich den Laird von Monnance gern reden hören, daß Ihr alle Schelme und Betrüger wäret, aber als er verlangte, ich sollte einem Allwissenden, einem Bibelleser, wie sie die Kerle nennen, zuhören, da habe ich mich ebenso wenig beschwatzen lassen, wie ein wildes Roß, wenn es eben einen Reiter abgeworfen hat, sich gleich darauf von einem andern besteigen läßt –«

»So hat er doch noch ein Gutes,« sagte der Sakristan zu dem Abt, der in diesem Augenblick hereinkam, »er hat sich geweigert, einem ketzerischen Prediger zuzuhören.«

»Um so besser für ihn, wenn er im Jenseits sein wird,« antwortete der Abt. »Mein Sohn, bereite Dich zum Tode vor. Wir überliefern Dich dem weltlichen Arme unsers Klostervogts, auf daß er Dich morgen bei Tagesanbruch auf dem Galgenberge hinrichte.«

»Amen!« sagte der Räuber. »Früher oder später mußte es mit mir ein solches Ende nehmen – und es ist mir einerlei, ob ich den Raben beim Liebfrauenkloster oder bei Carlisle zum Fraße diene.«

»Mit Verlaub, Euer Hochwürden,« sagte der Unterprior, »ich möchte um einen Augenblick Geduld bitten, da ich erst untersuchen möchte –«

»Wie?« rief der Abt, der ihn erst jetzt erblickte. »Unser lieber Bruder! So ist er uns wieder geschenkt, da wir ihn schon zu den Toten zählten! – Nein, beuge nicht das Knie vor einem Sünder, wie ich einer bin. Steh auf – Du hast meinen Segen! – Als dieser Bösewicht, von den Furien seines schuldbeladnen Gewissens getrieben, ans Tor heransprengte und rief, er habe Dich ermordet, da glaubte ich, der Pfeiler unsers Chorgangs sei zusammengebrochen. Wir wollen verhüten, daß hinfort ein so kostbares Leben gefährdet sei in diesen abenteuerlichen Grenzlanden, wir wollen nicht länger einen vom Himmel Geliebten und Beschützten in einer so niedrigen Stellung belassen, wie er sie als Unterprior bekleidet, – wir wollen uns beim Primas um Deine schleunige Versetzung und Beförderung verwenden.«

»Ei, nicht doch!« unterbrach ihn der Unterprior. »Laßt mich zuvor hören, ob dieser Kriegsknecht wirklich behauptet, er habe mich getötet?«

»Im vollen Galopp habe er Dich durchbohrt mit seinem Speer,« versetzte der Abt. »Als Du aber, zu Tode getroffen, vom Maultier sankst, da sei ihm, wie er behauptet, unsre hochgebenedeite Beschützerin erschienen.«

»Fällt mir gar nicht ein, solches Zeug zu behaupten,« warf der Gefangne ein, »ich habe bloß gesagt, eine weißgekleidete Frau hätte mich gestört, als ich gerade dabei war, die Kutte dieses Priesters zu untersuchen, weil die in der Regel sehr fett gespickt sind. Das Frauenzimmer hatte ein Binsenrohr in der Hand und hat mich mit einem einzigen Streich mit diesem Binsenrohr so glatt vom Gaule herabgeworfen, wie man ein vierjähriges Göhr mit einer Eisenkeule zerschlagen könnte, und dabei sang sie mir vor wie ein echter Singpopanz, und so einer war sie auch:

Danks dem Schmuck auf Deinem Kopf,

Dem Stechpalmzweig!

Sonst erschlüg Dich armen Tropf

Ein Binsenstreich!

Ich aber raffte mich auf, stieg zu Pferde und ritt hierher wie vom Teufel besessen, in der wackern Absicht, mich hängen zu lassen!«

»Du siehst, verehrter Bruder,« sagte der Abt zum Unterprior, »wie hoch Du bei unsrer hochgebenedeiten Schutzfrau in Gunst stehst, denn sie wacht selber über Dir auf Schritt und Tritt. Seit unser Stift gegründet ist, hat sie noch niemand so sichtbarliche Gnade zuteil werden lassen. Wir sind nicht würdig, geistliche Oberherrschaft über Dir zu haben, darum bereite Dich auf Deine schleunige Versetzung nach Aberbrothock vor.«

»Herr und Vater!« sagte der Unterprior, »Deine Worte verwunden mich im Innersten der Seele. Unter dem Siegel der Beichte will ich Euch jetzt bekennen, warum ich mich weit eher von einem Geiste ganz andrer Art besessen wähne, als daß ich mich für den Schützling himmlischer Mächte halte. Vorerst aber laßt mich ein paar Fragen an diesen unglückseligen Menschen stellen.«

Darauf wandte er sich an den Eisenwams.

»Aus welchem Grunde hast Du die Absicht gehegt, einen Mann zu töten, der Dir noch nie ein Leid angetan hat?« fragte er ihn.

»Aber Du hast mir gedroht,« erwiderte der Räuber, »und ein Narr, wer sich zweimal drohen läßt! Denke nur daran, was Du vom Primas und vom schwarzen Teich in Jeddart gesagt hast? Dachtest Du, ich würde warten, bis ich in den Sack gesteckt oder an den Galgen geknüpft worden wäre?«

»Also nur wegen des einen Wortes, das in einem Augenblick des Unmuts gesprochen wurde und schon wieder vergessen war, ehe es verklang?« fragte Vater Eustachius.

»Ja, das war der Grund,« antwortete Christie von Clinthill. »Und weil mir Dein goldnes Kruzifix gefallen hat.«

»Gerechter Himmel – und ist Dir denn über dem gleißenden Metall, über der schimmernden Erde jeder Gedanke daran, was es vorstellt, abhanden gekommen? – Vater Abt, als besondre Gnade erbitte ich es, daß Ihr diesen Verbrecher mir überliefert.«

»Eurem Gericht, Bruder,« erwiderte der Abt, »doch nicht Eurer Barmherzigkeit. Bedenkt, wir stehen nicht alle gleich hoch in der Gunst unsrer gebenedeiten Frau; auch ist nicht zu glauben, daß jede Kutte sich als eiserne Rüstung erweist, wenn ein Speer dagegen fährt.«

»Eben deswegen möchte ich es vermeiden,« erwiderte der Unterprior, »daß wegen meiner unwürdigen Person sich die ganze Brüderschaft mit Julian von Avenel, dem Gebieter dieses Menschen, entzweite. Mit Verlaub des Herrn Abtes wünschte ich daher, daß diesem Manne die Fesseln abgenommen würden und man ihn seines Weges ziehen ließe. Und hier, mein Freund,« setzte der Unterprior hinzu, indem er ihm das goldne Kruzifix gab, »da hast Du das Kleinod, das Dich zu einer Untat verlocken wollte. Schau Dirs ordentlich an, und möge es Dich zu andern und bessern Gedanken leiten, als von einem bloßen Stücklein Goldes ausgehen können. Es war ein Andenken, das mir ein geliebter Freund gab; aber es kann mir keinen bessern Dienst leisten, als wenn es dem Himmel eine verlorne Seele zuführt.«

Der Räuber, der jetzt von den Fesseln befreit war, starrte von dem Prior auf das Kruzifix.

»Beim heiligen Aegidius!« murmelte er. »Ihr seid mir ein Rätsel! Dafür, daß ich die Lanze gegen Euch richtete, gebt Ihr mir Gold – ei, was würdet Ihr mir wohl dafür geben, wenn ich damit einem Ketzer den Garaus machte?«

»Die Kirche will erst durch geistliche Strafen versuchen,« erwiderte der Unterprior, »ob sie verlorne Schafe wieder in die Hürde bringen kann, ehe sie zum Schwerte des heilgen Petrus greift.«

»Das heißt aber,« versetzte Christie, »der Primas empfiehlt selber, neben den Strafreden auch ein bißchen zu verbrennen und mit dem Schwerte zu strafen. Aber lebt wohl, ich verdanke Euch mein Leben, und ich werde allzeit Euer Schuldner sein.«

Pfeifend verließ er das Gemach. Der Abt entließ die Brüder, aber der Unterprior blieb noch zurück, und da der Abt wollte, fiel er vor ihm auf die Kniee und bat ihn, daß er ihm unter dem Siegel der Beichte anvertrauen dürfe, was ihm an diesem Tage widerfahren sei.

Seine Hochwürden gähnten und hätten gar zu gern unter dem Vorwande der Ermüdung die Sache verschoben, aber vor Vater Eustachius wollte er nicht gern im Lichte der Gleichgültigkeit erscheinen, er nahm daher die Beichte entgegen, in der Vater Eustachius getreuen Bericht über alle Vorfälle dieses Tages abstattete.

Als der Abt ihn fragte, ob er sich vielleicht einer geheimen Sünde bewußt sei, durch die er sich auf eine Zeitlang den bösen Geistern in die Hände gegeben habe, gab der Unterprior unumwunden zu, er glaube, sein hartes, unbrüderliches Urteil über Bruder Philipps Erzählung habe ihm diese Strafe eingetragen.

Für den Abt war es gleichzeitig ein süßer Stolz, eine erfreuliche Bekräftigung seines Urteils, als er den Unterprior sich selber jener Fehler zeihen hörte, die er ihm im stillen vorwarf. Aber das Bewußtsein, daß er das Recht hatte, stimmte ihn seiner Natur gemäß nur gutmütiger, als er zuvor schon gewesen war, und er dachte nicht daran, hart mit Vater Eustachius zu verfahren. In der Ermahnung, die er ihm zuteil werden ließ, kam seine geschmeichelte Eitelkeit und seine Besorgnis, dem Unterprior wehe zu tun, in etwas komischer Form zum Ausdruck.