»Mein Bruder,« sprach er, »bei Eurer einsichtsvollen Beobachtung müßt Ihr wohl gemerkt haben, daß wir oft uns in unserm Urteil von Euch haben leiten lassen, selbst in solchen Angelegenheiten, die die Brüderschaft in erster Linie angingen. Es wäre uns aber nicht lieb, wenn Ihr daraus etwa schließen wolltet, wir hielten unsre Meinung für weniger richtig, oder uns selbst für weniger einsichtsvoll als unsre Brüder. Unsre Absicht dabei war nur, unsern jüngern Brüdern – und zu denen gehört Ihr ja selbst, liebwerter Bruder – den Mut einzuflößen, daß sie ihre Ansichten frei aussprechen. Wir behalten oft unsre Meinung für uns, um unsre jüngern Brüder, vor allem unsern teuern Bruder Unterprior, zu bewegen, ihr Urteil uns ohne Scheu bekannt zu geben. Diese Nachsicht unsrerseits mag Euch wohl dazu verleitet haben, lieber Bruder, Eure Einsicht und Fähigkeiten zu überschätzen, so daß Ihr schließlich, wie es nun klar vor uns liegt, den Neckereien und dem Spott der höllischen Geister verfallen seid. Aber wir selbst haben nicht recht getan, indem wir Euch zu sehr nachgegeben haben, und so müssen wir denn beide unsre Fehler wieder gut machen, Ihr, indem Ihr weniger Euren irdischen Wissenschaften und Fähigkeiten vertraut, ich, indem ich mich weniger vom Urteil eines Mannes, der dem Amt nach mir untergeben ist, leiten lasse. Nichtsdestoweniger möchten wir nicht den großen Vorteil missen, den wir schon aus Euerm weisen Rat gezogen haben und noch werden ziehen können. Wir wollen daher bei wichtigen Geschäften Euch im geheimen zu uns rufen, wir werden Euern Rat hören, und wenn er mit unsrer Meinung übereinstimmt, werden wir danach handeln und den Beschluß als von uns allein herrührend ausdrücklich bezeichnen. Auf diese Weise bewahren wir Euch, lieber Bruder, vor schädlichem Hochmut und uns vor etwaiger Herabsetzung im Ansehen unsrer Brüderschaft.«
Als strenger Katholik hatte zwar Vater Eustachius eine hohe Meinung von der Beichte, doch sah er sich fast versucht, einem Gefühle der Lächerlichkeit Raum zu geben, als sein Oberer in solcher albernen Pfiffigkeit ihm den kleinlichen Plan anvertraute, die Erfahrung und Klugheit des Unterpriors sich zu nutze zu machen und doch das ganze Verdienst für sich einzuheimsen. Aber sein Gewissen ließ ihm sogleich erkennen, daß der Abt recht hätte.
Es war zu merken, daß von diesem denkwürdigen Abend ab der würdige Abt weit milder und freundschaftlicher mit dem Unterprior umging, als er in jenen Tagen pflegte, da er in ihm ein fleckenloses, unfehlbares Wesen erblickte, dessen Weisheits- und Tugendkleid kein Loch hätte. Aber diese Gesinnung brachte er des öftern in einer Weise an den Tag, die einem Manne von dem feinen Selbstgefühl des Vaters Eustachius peinlich sein mußte: so erwähnte er seiner gegen die andern Brüder nie ohne den Beisatz: »Unser lieber Bruder Eustachius, der arme Mann!« auch mahnte er hin und wieder die jüngern Brüder vor den Schlingen des geistigen Stolzes und der Ruhmsucht, die der Satan gern den Gerechten lege, und dabei warf er immer Blicke auf den Unterprior, die diesen als einen solchen bezeichneten, der in diese Schlingen gefallen sei. Solcherlei Vorfälle erheischten von Vater Eustachius den ganzen Gehorsam eines Mönches, die disziplinarische Unterwerfung eines Weisen, die Duldsamkeit eines Christen – ohne diese Eigenschaften wäre es ihm vielleicht nicht möglich gewesen, die prahlerische Herablassung seines biedern, aber gar sehr einfältigen Vorgesetzten zu ertragen. Nun wünschte er selber, aus dem Kloster versetzt zu werden, und mischte sich fortan nicht mehr in die klösterlichen Angelegenheiten in jener selbstbewußten vorschreibenden Art, wie er vorher getan hatte.
Elftes Kapitel
Zwei bis drei Jahre waren verstrichen, und der Sturm, der bald darauf die kirchliche Herrschaft zertrümmerte, meldete sich näher und näher an. In der Lebensweise des Unterpriors hatte sich manches geändert. Er blieb oft tagelang aus dem Kloster fort, und da das Abenteuer von Glendearg sich ihm tief ins Gedächtnis geprägt hatte, so fühlte er sich oft nach dem einsamen Turme hingezogen, und er widmete sich den Waisenkindern, die darinnen weilten.
Außerdem hätte er gar zu gern erfahren, ob das Buch, das er verloren hatte, als er auf so seltsame Weise vor der Lanze eines Mörders behütet worden war, wieder in den Turm von Glendearg zurückgelangt wäre. Aber so eifrig er auch nachforschte, so konnte er nicht erfahren, ob einer der Insassen des Turmes den Bibelabdruck, nach dem er so begierig fahndete, wieder zu Gesicht bekommen hätte.
Die häufigen Besuche des guten Vaters blieben nicht ohne Einfluß auf Edward Glendinning und Mary Avenel. Ersterer zeigte eine so rasche Auffassungsgabe, und Lernfähigkeit, daß Eustachius seine Freude an ihm hatte über diese seltne Vereinigung von Begabung und Fleiß in einem besonders von der Natur begünstigten Kopfe.
Vater Eustachius lag es am Herzen, die so früh entfalteten Gaben Edwards dem Dienste der Kirche zukommen zu lassen, und er glaubte, der junge Mann werde sich um so rascher hiermit einverstanden erklären, als er von nachdenklicher, versonnener Gemütsart war und die Pflege der Wissenschaften und ihre geistige Anneigung für die schönste Lebensfreude zu halten schien.
Auch hegte er nicht den mindesten Zweifel, daß die Mutter bei ihrer Verehrung für die Mönche des Liebfrauenklosters es mit Freude begrüßen würde, wenn einer ihrer Söhne in diese Brüderschaft Aufnahme fände. Aber in beiden Mutmaßungen hatte Vater Eustachius sich geirrt.
Wenn er mit Elspath Glendinning von dem sprach, was eine Mutter am liebsten hört: von den Fortschritten und Fähigkeiten ihres Sohnes – so lauschte sie mit Freude, aber wenn Vater Eustachius davon sprach, daß es eine heilige Pflicht sei, solche ausgezeichneten Gaben der Kirche zu weihen, da brachte die Mutter das Gespräch immer auf einen andern Gegenstand; und wenn er dann beharrlicher darauf bestand, so sprach sie von ihrer Schutzlosigkeit und sagte, sie könne ihr Besitztum nicht allein verwalten und freue sich schon darauf, daß Edward an die Stelle seines Vaters treten und, wenn sie einst sterben sollte, im Turme bleiben werde.
»Wenn Ihr mir Edward nehmet, guter Vater,« sagte sie, »so raubt Ihr meinem Hause den Halt und die Stütze, denn mir ahnet, Halbert wird dieselben Wege wandeln wie sein Vater, und desselben Todes sterben wie er.«
Wenn nun der Unterprior sich an den Sohn selber wendete, wenn er ihm darstellte, wie herrlich er seine Wißbegierde innerhalb der Ordens befriedigen könne, so begegnete er der gleichen Abneigung. Edward führte dagegen an, daß er sich zu einem so ernsten Berufe nicht geeignet fühle, daß er keine Lust habe, seine Mutter zu verlassen. Vater Eustachius hielt dies nur für Ausflüchte, konnte aber die wahren Beweggründe, aus denen der junge Mann sich gegen den Eintritt in den Orden erklärte, nicht aus ihm herausbekommen und blieb hierin auf unklare Vermutungen beschränkt.
Es ist ein altes, wahres Sprichwort: »Die größten Gelehrten sind nicht immer die klügsten Männer«, und wenn Vater Eustachius, statt hinter der Abneigung des jungen Mannes die Vorliebe für ketzerische Wissenschaft zu vermuten, nur ein wenig mehr auf das, was im Turme vorging, geachtet hätte, so dürfte er wohl in den Augen der Mary von Avenel, die nun ein Mädchen von 14 bis 15 Jahren war, den Grund entdeckt haben, aus dem sich die Abneigung des jungen Mannes gegen das Mönchsgelübde erklären ließ. Sie war selber eine vielversprechende Schülerin des guten Vaters, und ihre keusche kindliche Schönheit wirkte, ohne daß er es vielleicht selber merkte, tief auf ihn.
Ihr Stand und ihre Aussichten gaben ihr das Vorrecht, in Lesen und Schreiben Unterricht zu erhalten. Im Anfange dieses Unterrichts war sie mit Halbert zusammen unterwiesen worden, aber er war zu ungeduldig und zu kühnen Gemütes, als daß er Fortschritte hätte machen können. Der Unterprior kam nicht regelmäßig, und oft lagen ganze Wochen zwischen seinen Besuchen. Dann hatte Halbert nicht nur das nicht gelernt, was ihm aufgetragen war, sondern auch noch das wieder vergessen, was ihm zuvor beigebracht worden war. Er bereute das zwar jedesmal, doch besserte er sich nicht. Manchmal suchte er sogar seinen Bruder und Mary Avenel zum Müßiggang zu verlocken.