Das Allerseltsamste aber war, daß das schwarze Buch mitten im Feuer lag – ganz unversehrt und unberührt. Und doch schien die Flamme stark genug, Diamanten zu schmelzen.
Nachdem die weiße Dame ein Weilchen geschwiegen hatte, um dem jungen Glendinning Zeit zu lassen, sich umzuschauen, begann sie:
Hier liegt das Buch,
zu dem Du kühn gedrungen –
Rührs an und nimms –
nicht leicht wird es errungen.
Halbert glaubte nun an Wunder gewöhnt zu sein, auch erfüllte ihn die tolle Begier, den Mut, dessen er sich gerühmt hatte, nun auch zu zeigen, und er streckte ohne Zaudern die Hand in die Flamme, in der Hoffnung, mit einem raschen Griffe das Buch herauszureißen, aber er hatte sich getäuscht.
Die Flamme ergriff sofort den Rockärmel und versengte ihm, obwohl er die Hand schleunigst zurückzog, doch den Arm so furchtbar, daß er vor Schmerz laut aufgeschrien hätte. Aber er bezwang sich und zuckte mit dumpfem Aechzen zusammen.
Die weiße Dame strich mit ihrer kalten Hand über seinen Arm, und ehe sie noch ihre folgenden Worte gesungen hatte, war der Schmerz gestillt, und keine Spur mehr von einer Brandwunde vorhanden.
Kecke Tat,
Wenn man naht
Ewiger Glut
mit irdischem Kleid.
Weg mit dieser Hülle Tand,
Prüfe nochmals Deine Hand.
Soweit Halbert den Wink seiner Führerin zu verstehen glaubte, entblößte er den Arm bis zur Schulter, indem er die Fetzen des versengten Aermels herabriß. Als die Stücke zu Boden fielen, schrumpften sie zusammen, ohne daß man hätte sehen können, daß Feuer sie verzehrte, verwandelten sich in flatternden Zunder und zerstäubten in einem plötzlichen Luftzug, der durch die Grotte zog.
Als die weiße Dame das Erstaunen des Jünglings bemerkte, fuhr sie fort:
Was Ihr Menschen webt und schafft,
Hält nicht stand der Zauberkraft,
Was des Menschen Kunst erdacht,
Wird bei uns zu nichts gemacht.
Das Gold wird Staub, ists noch so rein,
Es schmilzt der blanke Edelstein,
Alles verwandelt sich, alles verweht,
Nur die Wahrheit allein besteht.
Wag noch einmal den Versuch,
Und vielleicht wird Dir das Buch.
Diese Worte machten Halbert Mut zu einem zweiten Versuch, er griff mit nacktem Arm ins Feuer und zog das heilige Buch heraus. Das Feuer hatte ihm nichts angetan, er verspürte nicht einmal die Hitze.
Er erstaunte, daß es ihm gelungen war, ja fast erschrak er darüber. Nun sah er die Flamme in sich zusammensinken, dann in einer jähen Lohe bis an die Decke emporschlagen, wieder zurückfallen und förmlich verlöschen. Undurchdringliche Finsternis war nun um ihn her, er hatte indes nicht Muße, sich zu bedenken, was er beginnen sollte, denn er fühlte sich von der weißen Dame bei der Hand erfaßt, und mit derselben Schnelligkeit, wie sie niedergefahren waren, stiegen sie wieder zur Erdoberfläche empor.
Sie standen beide an der Quelle von Corrinan Shian, und als der Jüngling sich bestürzt umschaute, bemerkte er, daß der Tag sich schon seinem Ende zuneigte. Er sah auf seine Führerin, als erwarte er eine Erklärung von ihr. Aber ihre Gestalt begann zu erblassen, ihre Züge verloren ihre Bestimmtheit, und sie verschwamm mit dem Nebel, der aus der Schlucht emporstieg.
»Bleibe doch!« rief der Jüngling. »Du mußt mich noch unterweisen in der Kunst, dieses Buch zu lesen. Was nützt es sonst, daß ich es habe?«
Aber die Gestalt zerfloß völlig und war nur noch wie ein blasser Fleck Mondlicht am Wintermorgen. Ehe sie ganz verschwand, sang sie noch die Worte:
Weh! nicht zu teil
Ward uns das Heil,
Zu verstehn die heilgen Zeichen.
Leer in Luft gemalte Wesen,
Sind wir nicht zu Glück erlesen,
Das die Menschen hier erreichen.
Sei stets bereit.
Der Herr verleiht
Den rechten Führer
Dir zur rechten Zeit.
Selbst die Stimme der Erscheinung verklang allmählich, ganz als ob das Wesen allmählich von der Stelle sich entfernte, wo es begonnen hatte.
Nun befiel das Entsetzen, das er so lange standhaft bezwungen, plötzlich mit aller Gewalt den jungen Mann, und er stand, von Schauer ergriffen, mit gesträubten Haaren und klopfendem Herzen da. Aber bald gewann er seine Fassung wieder und trat seinen einsamen Heimweg an, nicht mit der wilden Hast, in der er hergestürmt war, sondern ruhig und gelassen, wie ein Pilger, der unterwegs tiefen Gedanken nachhängt.
Dreizehntes Kapitel
Die Sonne war schon untergegangen, als Halbert Glendinning in seinem Elternhause eintraf. Das Mittagessen wurde zu dieser Jahreszeit um zwölf Uhr und das Abendessen eine Stunde vor Sonnenuntergang eingenommen. Zu erstern war Halbert nicht erschienen, was nichts weiter Ungewöhnliches war, da er oft, wenn er auf Jagd war oder sich sonst umhertrieb, das Essen versäumte, und wenn seine Mutter sich auch Sorgen machte, so war sie es doch so sehr gewöhnt, ihn nicht bei Tische zu sehen, daß sie ihm nur einen gelinden Verweis erteilte, wenn er zu spät nach Hause kam.
Jetzt war aber Frau Glendinning ärgerlicher als gewöhnlich, und zwar nicht bloß wegen der verschiedenen Hammel- und andern Braten, die für die Tafel bestimmt waren, sondern auch, weil eine so wichtige Person wie Müller Hob, denn so hieß der Mann in der allgemeinen Redeweise, wenn auch sein eigentlicher Name Happer war, sich in Glendearg eingefunden hatte.
Was den Müller zu der Reise nach Glendearg veranlaßte, waren mancherlei Gründe, dem Anschein nach kam er freilich nur, um seine Bekannten und guten Freunde im Klostersprengel wieder einmal heimzusuchen und an den Erntefesten in den einzelnen Dorfschaften teilzunehmen, auch wohl um alte Bekanntschaften durch wiederholten Besuch aufzufrischen; in der Hauptsache aber kam er, um nachzusehen, wie die Ernte bei den einzelnen Lehensmännern ausgefallen war, und was sie an Getreide eingefahren hatten, um sich des ihm zukommenden Mahlzinses zu vergewissern.
In allen schottischen Dominien, gleichviel ob sie weltliches oder geistliches Besitztum waren, bildete es nämlich eine Gerechtsame für den Bezirks- oder Sprengelmüller, daß jeder Landwirt des Sprengels oder Bezirks sein Getreide nirgends wo anders als bei ihm mahlen durfte, und dafür hatten wieder diese Sprengel- oder Bezirksmüller eine bedeutende Abgabe, den sogenannten »städtischen Mahlgroschen« an ihre vorgesetzte Behörde zu entrichten. Wer von den Bewohnern eines Bezirks oder Sprengels hiergegen verstieß, verfiel in eine hohe Strafe, wie auch, wenn sie mit ihrem Korn etwa von einem Jahre zum andern hatten warten wollen. Nun lag bei Glendearg, und zwar in einer von Glendearg besser und bequemer zu erreichenden Gegend, die Mühle eines weltlichen Barons, und der Müller war ein sehr freundlicher Mann, der auch einen geringern Mahlgroschen nahm als der Klostermüller, und so war es für den Meister Hob eine Pflicht der Selbsterhaltung, all seine Wachsamkeit aufzubieten, daß sich keiner der Klostervasallen einfallen ließ, mit seinem Korn in jene andre Mühle zu gehen.
Als das beste Mittel, sich hierin vor Schaden zu bewahren, war ihm bisher die Pflege guter Kameradschaft und nachbarlicher Freundschaft erschienen, und unter diesem Deckmantel hielt er nun in jedem Jahre seinen Kreuzzug durch die Klosterherrschaft, zählte jeden Kornhaufen und berechnete seinen Inhalt auf die Metze, so daß es ihm ein leichtes war, festzustellen, ob alles Korn aus dem Sprengel zu ihm in die Mühle gebracht worden war oder nicht.