Gleich den andern Lehnsleuten im Sprengel mußte auch Frau Glendinning diese Besuche als Höflichkeitsbeweise gelten lassen, indessen waren sie seit dem Tode ihres Mannes nicht wieder vorgekommen, wohl weil ihr Gut gar so weit und ungünstig für solchen Besuch gelegen war, und weil nur wenig Ackerfeld dazu gehörte. In diesem Jahre hatte man jedoch auf den Rat des Schäfers Martin hin ein paar Scheffel Korn in das sogenannte »Ausfeld« gesät und hatte bei der milden Witterung in diesem Jahre eine ganz leidliche Ernte erzielt. Und dieser Umstand mochte wohl den Müller veranlaßt haben, sich wieder einmal in Glendearg sehen zu lassen.
Frau Elspath hieß den Gast heute herzlich bei sich willkommen, während sie sich sonst wohl nur geduldig drein gefunden hätte. Diese andre Gemütsbeschaffenheit der Frau Glendinning hatte ihren Grund, wenn auch nicht allein, so doch zumeist in dem Umstande, daß der Müller seine Tochter Mysie mitgebracht, von der sie dem Unterprior wohl seinerzeit erzählt, deren Gesicht sie ihm aber nicht hatte beschreiben können.
Bisher hatte sich die Witwe um das Mädchen wohl kaum gekümmert, aber die Erkundigungen, die der Unterprior unter der Hand, und mit solchem Eifer anstellte, hatten ihr die Müllerstochter in den Kopf gesetzt. Hin und wieder, wenn auch nur allmählich, hatte sie wohl die Rede auf sie gebracht; sie hatte aber durch all diese Weisen nichts weiter erfahren können, als daß die Mysie eine schwarzäugige Dirne sei mit ein Paar Wangen, rot wie Kirschen, und einer Haut, so weiß wie das feingesiebte Mehl, aus dem sich der Klosterabt seine Frühsemmeln backen ließ; daß sie von Gemütsart das lustigste, munterste Ding sei, und vom hellen Morgen bis in den späten Abend singe und lache; was aber bei ihr noch ein gar gewichtiges Wort mitspräche, sei das hübsche Erbe, worauf sie einmal rechnen dürfe, und das sich nicht allein auf ein reiches Stück Bargeld erstrecken werde, das der Müller, wie es bei den Leuten hieß, mit »seinem Golddaumen« zusammengescharrt habe, sondern auch auf ein tüchtiges Stück Ackerboden mit Jagdgerechtsame und auf die einträgliche Klostermühle, die für einen mäßigen Pachtgroschen, wenn man rechtzeitig beim Unterprior darum einkäme, auch auf einen Schwiegersohn des Müllers übergehen dürfe.
Frau Glendinning hatte sich all diese Punkte reiflich überdacht und war hierdurch auf den Gedanken gekommen, daß es für ihren Sohn Halbert weit gescheiter sei, sich einmal um des Müllers Mysie zu bemühen und in die Mühle einzuheiraten als sich von dem gefahrvollen und immer uneinträglicheren Grenzreiterleben zu ernähren.
So war ihr der Müller ein recht willkommner Gast, und Müllers Mysie mit den frischen Wangen und dem üppigen schwarzen Haar entsprach dem Ideal eines Mädchens, wie es Frau Glendinning sich auszumalen liebte, so vollständig, daß sie sie schnell in ihr Herz geschlossen hatte; und kaum eine halbe Stunde war sie bei Glendinnings im Hause, so erschien es der Witwe schon so gut wie ausgemacht, daß für ihren Halbert Müllers Mysie die rechte Frau sein werde. Freilich kam es ihr ja so vor, wie wenn Mysie sich ebenso gern im Tanz um einen Maienbaum drehen, wie eine Hauswirtschaft führen möchte, aber schließlich war es doch seit jeher nicht anders, als daß ein Müller ein handfester Mann und eine Müllerin ein lustiges Weiblein sein müsse, und sollte es schließlich mal im Haushalte nicht so recht zusammenklappen, so könne ja doch die Mutter des Müllers mit zugreifen, usw.
»Ich will den jungen Leuten ganz gern mit wirtschaften helfen, denn bei mir im Turm ists doch gar zu einsam geworden,« dachte Frau Glendinning so bei sich, »und dann ist mir auf meine alten Tage auch die Nähe der Kirche recht tröstlich. Ueber das Turmleben mag sich Edward mit seinem Bruder vergleichen, ist er doch der Liebling des Unterpriors; und mag er dann, wie sein braver Vater, weiter im Turm hausen. Wer weiß denn, warum die Mary Avenel, so hoher Abkunft sie auch ist, sich immer so in die Kaminecke setzt? Freilich, arm ist sie wie eine Kirchenmaus, aber soviel Schönheit und Anmut und Verstand ist mir, so alt ich bin, noch nicht vor die Augen gekommen, und ich kenne doch alle Dirnen im Sprengel mitsamt ihren Müttern ... ja, sie ist eine gar schmucke Dirne, und wenn ihr ihr Onkel auch ihr Gut noch vorenthält, wer weiß, ob nicht auch einmal ein befiederter Schaft den Weg durch seinen Panzer findet, wie es, leider Gottes, doch soviel bessern Männern auch ergangen ist. Und wollten sie mit ihrem Stammbaum und ihrer Vornehmheit gar zu hoch hinaus, dann könnte Edward doch recht gut sagen: Wer war ihr denn der beste Freund, als sie bei Nacht und Nebel ins Tal hinunterkam, auf der jämmerlichsten Schindmähre, wie es je eine gegeben? Und sollten sie ihm Bauernblut vorwerfen, so kann ja Edward ganz gut sagen, abgesehen von dem alten Sprichwort: Wer adlig tut, hat adlig Blut, daß von Glendinning und Brydone kein Bauernblut herkommt, denn ...«
Hier wurde Frau Glendinning durch die rauhe Stimme des Müllers aus ihren Gedanken geweckt, und daran erinnert, daß sie den Grund zum Aufbau solcher Luftschlösser, wenn es ihr ernstlich darum zu tun wäre, doch bei dem Müller und seiner Tochter selbst legen müsse, und daß sie dann beide nicht mehr so vernachlässigen dürfe, wie sie es bisher getan hatte, sondern daß sie im Gegenteil um ihre Gunst und ihr Wohlwollen werben müsse. Und da wurde sie sich mit einem Male bewußt, daß sie die beiden Leutchen in ihren Reisekleidern hatte sitzen lassen, was doch ganz den Eindruck bei ihnen erwecken mußte, als wenn sie sie am liebsten so schnell wie möglich wieder ziehen sähe, und das war ihr passiert einzig und allein, weil sie sich gar zu sehr in das Sinnen um die Zukunft ihrer beiden Knaben vertieft hatte. ...
»Und das laßt Euch nun wenigstens sagen, Frau Glendinning,« schloß der Müller seine Rede, deren Sinn der Witwe völlig verloren gegangen war, weil sie sie tatsächlich so gut wie gar nicht gehört hatte, »da Euch Eure Wirtschaft den Kopf gar zu dick macht, so will ich mit meiner Mysie zum Haus Broxmouth hinreiten, der uns freundlichst eingeladen hat, für heute sein Gast zu sein.«
Frau Espath wurde hierdurch so rauh aus ihren Träumen von Heirat und Hausstand und Müllergerechtsame gerissen, daß es ihr eine Weile zu Mute war, wie dem Milchmädchen in der Fabel, als es mit all seinem Sinnieren und Träumen den Topf zerschlagen hatte. Anstatt sich aber, so weit es anging, wegen ihrer Geistesabwesenheit und Zerstreutheit bei ihrem Gast und seinem Töchterchen zu rechtfertigen, schien sie es für klüger zu erachten, auf solche Weise, die ihr vielleicht nicht recht bequem war, oder vielleicht etwas zu schwer fallen mochte, zu verzichten, und statt ihrer lieber zur Offensive zu greifen. Sie glich hierin ganz einem geschickten Feldherrn, der es für geraten erachtet, seine Schwäche durch einen kühnen Ausfall zu verbergen.
Das erste war ein kräftiger Ausruf, dann hielt sie dem alten Freunde mit heftigen Vorwürfen seine lieblose Art und Weise gegen sie vor, und wie er nur einen Augenblick an ihrer freundlichen Gesinnung habe zweifeln können, und wie er auf den Gedanken kommen könne, statt den Tag bei ihr zu verleben, sich zu dem alten Broxmouth zu setzen, der alte Turm von Glendearg stände doch heute noch an seiner alten Stelle, und wenn es noch so schlimme Zeit gäbe, Platz für ein paar so alte Freunde sei da doch allemal, usw., und diese Vorwürfe brachte sie mit solchem Ernst vor, daß zu guter Letzt der Müller, der kein Mensch war, alles auf die Goldwage zu legen, und dem im Grunde genommen gar nicht viel daran lag, sich von Glendearg nach einem andern Nachtquartier auf den Weg zu machen, sich dadurch ebenso irreführen ließ, wie sie sich selbst dadurch irreführte.
Auf all diese Worte der Frau Glendinning begnügte er sich, in der ruhigsten Weise zu erwidern, daß er ja gar nicht habe wissen können, ob die Frau Nachbarin noch Korn für ihn zu mahlen habe? »denn Ihr tatet ja ganz, wie wenn man Euch nicht recht käme; Ihr konntet doch auch daran denken, was ich mit Eurem alten Martin über die letzte Gerstenaussaat gesprochen habe. ... Im übrigen weiß ich freilich, daß Ihr nicht gern was davon hören wollt, einem andern Müller das Mahlgeld und an die Klostermühle den Mahlzwang zu entrichten.«