Auf Anraten des Obristen lehnte Waverley das Gesuch des Burschen, ihn wieder in seinen Dienst zu nehmen, ab. Der Obrist wies darauf hin, welche Verantwortung er einesteils auf sich nehme, den Menschen in eine solche Lage zu verstricken, und daß doch anderseits die Aussagen desselben von reinigender Art für ihn selbst sein müßten, wenn sie völlig unbeeinflußt vor den Augen seiner Richter erschienen.
Dagegen riet er Waverley, einen Brief an seine Verwandten aufzusetzen und durch Hudges an sie zu schicken, worin er ihnen über seine bisherigen Schicksale angemessne Aufklärung geben, sie aber gleichzeitig bitten solle, zurzeit ihm nicht Antwort zu geben. Der Obrist seinerseits schrieb ein paar Zeilen an einen der Kapitäne, unter deren Kommando die beiden Kriegsschiffe an der Küste kreuzten, worin er die Bitte aussprach, den Ueberbringer dieses Schreibens in Berwick ans Land zu setzen, und ihn mit einem Passe nach ...shire zu versehen. Daraufhin wurde der Bursche instruiert, wie er sich im allgemeinen zu verhalten habe, um bis zu seinem Ziele, dem Edelsitze Waverley-Würden, zu gelangen. Dann wurde er mit dem notwendigen Reisegelde versehen und mit dem Auftrag entlassen sich von einem Fischerboot, gleichviel, was der Bootsmann dafür fordere, bei Nacht nach einem der Schiffe übersetzen zu lassen.
Sodann entließ Waverley den bisherigen Diener Callum-Beg, den er schon eine geraume Zeit im Verdacht der Zwischenträgerei hatte, und mietete sich einen jungen Burschen aus Edinburg, der in einem Anfalle von Mißlaune und Eifersucht die weiße Kokarde angesteckt hatte, weil seine Liebste mit einem Korporal von den englischen Füsilieren zu Tanze gewesen war.
Siebzehntes Kapitel
Obrist Talbot wurde Waverley gegenüber immer offner und freundlicher, seit ihm dieser mit vollem Vertrauen entgegengekommen war. Anfangs schien in seinem strengen Wesen das Gegenteil zu liegen, aber er hatte sich durch die lange Gewohnheit zu befehlen, eine gewisse Härte angeeignet, und war überhaupt durchaus verschieden als Soldat von den Kameraden, die Waverley bisher gehabt hatte. Er war in allen Hinsichten der richtige Repräsentant des englischen Offiziers, mit ganzer Seele dem Dienste seines Königs und Vaterlandes geweiht, ohne sich auf die theoretischen Fachkenntnisse so viel zu gute zu tun, wie der Baron von Bradwardine, der gewiß auch ein sehr tüchtiger Soldat war, oder wie der Major Melville sich mit den praktischen Kleinigkeiten viel zu befassen, oder wie der Häuptling Glennaquoich all sein Wissen auf die Förderung seiner ehrgeizigen Absichten zuzuspitzen. Hierzu kam noch, daß der Oberst ein Mann von ausgebreiteten Kenntnissen war und über einen sehr feinen Geschmack in allen Dingen gebot, wenngleich er auch von den Vorurteilen nicht frei war, die dem Engländer und nicht zum wenigsten dem Engländer als Offizier anhaften.
Allmählich wurde Edward der Charakter des Obristen Talbot klar, denn die Hochländer vergeudeten mehrere Wochen auf die Belagerung des Schlosses, und Waverley hatte unterdes weiter nichts zu tun, als den Vergnügungen nachzugehen, die in Edinburg veranstaltet wurden. Er hätte seinen neuen Freund gern mit einigen seiner schottischen Freunde bekannt gemacht, aber schon nach den ersten Versuchen lehnte der Oberst alle weiteren Bemühungen Waverleys in dieser Hinsicht ab, ja er machte nicht das geringste Hehl aus seiner feindseligen Gesinnung gegen den Baron von Bradwardine sowohl als ganz besonders gegen den Häuptling von Glennaquoich. Wenn er sich darauf beschränkte bei dem erstern, ihn als Sklaven der Form, wie man ihn sich greulicher gar nicht denken könne, zu bezeichnen, so nannte er den andern einen »zum Franzosen gewordnen Schotten, der sich ganz das lackierte, gleisnerische Wesen der Nation angeeignet habe, bei der er erzogen worden sei, während er von der Nation, der er durch Geburt angehöre, den Dünkel, die Rachsucht und den unruhigen Geist in vollstem Maße überkommen habe. Wenn der Satan einen Sendboten ausschicken wollte,« schloß er seine Rede, »dies unglückliche Land in grenzenlosen Jammer zu stürzen, so konnte er schwerlich ein besseres Werkzeug dazu finden als diesen Menschen, der Rührigkeit und Geschmeidigkeit mit Bosheit verbindet und auf den promptesten Gehorsam dieser Sorte von Gurgelabschneidern rechnen darf, der Ihr so hohe Bewunderung zollt, und an der Ihr eine so ungeteilte Freude zu empfinden scheint.«
Auch die Damen der Gesellschaft entgingen seiner scharfen Beurteilung nicht. Er ließ gern gelten, daß Flora Mac-Ivor ein schönes Weib sei, Rosa von Bradwardine dagegen ein recht niedliches Kind, aber die erstere zerstöre den Eindruck ihrer Schönheit durch affektierte Manieren, wahrscheinlich ein Erbstück ihres Aufenthalts in Saint-German an dem Afterkönigshofe, der dort noch immer zur Blamage für Frankreich gehalten würde, und Rosa Bradwardine sei doch noch viel zu harmlos, um irgendwie ernsthaft genommen zu werden; das bißchen Erziehung, über das sie gebiete, stände schließlich ihrem Geschlecht und ihrem Alter gerade so unvorteilhaft, wie wenn sie sich von ihrem Vater die alte Felduniform anzöge.
Allerdings mochten diese Urteile zum großen Teil ihren Grund in dem Spleen und in den Vorurteilen des trefflichen Mannes haben, dem eine weiße Kokarde an der Brust oder eine weiße Rose im Haar, wie das Wörtchen »Mac" vor einem Namen jeden Engel zu einem Teufel verwandelt hätte, dem sogar Venus unausstehlich gewesen wäre, wenn sie sich ihm als Miß Mac-Jupiter in einem Courzimmer hätte vorstellen wollen.
Daß Waverley auf die Namen mit ganz andern Augen blickte, werde ich dem Leser nicht erst zu erzählen brauchen. So lange die Belagerung dauerte, machte er täglich Besuche bei den Damen, trotzdem er zu seinem Leidwesen die Bemerkung machte, daß all seine Mühe, bei Flora in bessre Gunst zu kommen, gänzlich umsonst war, und sie ihm nach wie vor mit unveränderter Gleichgültigkeit begegnete. Dagegen gewann Rosa Bradwardine täglich in seiner Achtung, und zu wiederholten Malen fand er Gelegenheit zu der Wahrnehmung, daß ihr Wesen außerordentlich gewann, sobald sie ihre große Schüchternheit bezwingen konnte, und daß die Erschütterungen dieser stürmischen Zeit eine Würde über ihr ganzes Wesen breiten, die ihm bislang immer an ihr entgangen war, sowie daß sie keine Gelegenheit vorbeigehen ließ, die sich ihr zur Mehrung ihrer Kenntnisse wie zur Verfeinerung ihres Geschmacks bot.
So wurde langsam Rosa für Waverley zu einem Wesen von ganz andrer Bedeutung, als sie bisher gewesen war. Sie war jung und harmlos, und infolgedessen noch außer stande, die Wirkung zu beobachten, die sie in der Gesellschaft übte. Auch die Wandlung, die sich in Waverley vollzog, mochte ihr nicht bewußt werden, und ihr Vater war zu sehr in seine Lieblingsthemata vertieft, als daß er sich um die Empfindungen hätte bekümmern können, die sie weckte und selbst hegte. Dagegen hatte sie Flora gegenüber aus dem Zustand ihres Herzens keinerlei Hehl gemacht, und die kluge und scharfsichtige Freundin hatte es sich nicht bloß nicht nehmen lassen, Rosa in diesen Empfindungen zu bestärken, sondern hatte vielmehr dem Bruder wenn er durchblicken ließ, daß er selbst Absichten auf Rosa habe, manchmal im Scherz, manchmal im Ernst, das Unpraktische solcher Gedanken ernstlich vorgehalten. Wußte sie doch zu gut, daß ihr Bruder im Punkte der Frauen und gar der Ehe Gesichtspunkte hatte, die in den auf dem Kontinent, vornehmlich an den Höfen zu Versailles oder Saint-Germain, vorhandenen Anschauungen fußten. Zudem kam die gewiß nicht unwichtige Frage noch in Betracht, die Mehrung von Ansehen und Vermögen betreffend. Denn vom Baron von Bradwardine war doch die Marotte, seine Besitzungen als Mannslehen zu betrachten, sattsam bekannt. Dadurch allein schon verbot es sich für Fergus, sich ernstlich mit solchem Gedanken zu befassen. In seinem Kopfe gärte es außerdem ununterbrochen von Plänen und Entwürfen und Ränken aller möglichen Art, aber fast immer reifte bei ihm kein Gedanke recht aus, sondern machte schnell wieder einem andern Platz, sobald sich ihm ernstliche Schwierigkeiten in den Weg stellten. Infolgedessen ließ sich fast nie voraussagen oder erraten, wie er sich definitiv zu einer Frage stellen oder welchen Entschluß er letzter Stunde fassen werde.