»Nun, wenn Ihr ein Freund von der Jagd seid,« meinte Frau Glendinning, »dann wird Euch der Halbert schon gefallen! Er weiß all die Ausdrücke für Falkenbeize und hohe und niedre Jagd, ganz ebenso gut wie der Wildmeister von unserm Abt, der Tom mit dem grünen Zweige.«
»Kommt er denn nicht zum Essen heim, Frau?« fragte der Müller, »bei uns in Kennaghueir wird um zwölf Uhr zu Mittag gegessen.«
Daraufhin mußte die Witwe freilich bekennen, daß Halbert zu dieser Hauptmahlzeit des Tages in der Regel abwesend zu sein pflege, worüber der Müller den Kopf schüttelte und sagte, da hielte es Halbert wohl, wie das Sprichwort von Mac Farlanes Gänsen sage, »die lieber spielen als fressen.«
Damit aber der Müller nicht noch verdrießlicher über Halbert werden sollte, ließ Frau Glendinning schnell Mary Avenel kommen, damit sie sich mit Mysie Happer unterhalte. Dann eilte sie selbst in die Küche und fing an, mit Tellern und Schüsseln herum zu wirtschaften, Töpfe vom Feuer zu reißen, Pfannen und Roste darauf zu stellen und einen Befehl über den andern hervorzupoltern, bis schließlich der guten Tibb die Geduld riß.
»So ein Aufstand,« rief sie, »weil ein alter Mehlsack mitessen will. Das ist ja grad, als wär ein schottischer Häuptling zu Gaste.«
Vierzehntes Kapitel
»Was ist denn das für ein hübsches Kind?« sagte der Müller Hob, als Mary von Avenel in die Stube trat, um Frau Elspath Glendinning zu vertreten.
»Das ist die junge Dame von Avenel, Vater,« sagte die kleine Müllerstochter mit einem tiefen Knicks.
Der Müller zog die Mütze und machte einen tiefen Diener, vielleicht nicht so tief, als wenn das junge Mädchen im Glanze ihres Ranges und Reichtums aufgetreten wäre, doch tief genug, daß die Reverenz als gebührende Huldigung vor der hohen Geburt der schottischen Edeldame gelten konnte.
In der Tat hatte Mary Avenel teils von ihrer Mutter, deren Beispiel sie so lange Zeit vor Augen gehabt hatte, teils aus eingebornem Sinn für Anstand und Würde sich ein Benehmen angeeignet, in welchem ein berechtigter Anspruch auf Hochachtung sich äußerte, und das jeden Versuch einer vertraulichen Annäherung von seiten derer, die in ihrer gegenwärtigen Lage wohl ihre Gefährten sein mochten, aber unter keinen Umständen sich für ihresgleichen halten durften, von vornherein ausschloß.
Sie war von Charakter sanft, sinnig und nachdenklich, sie liebte die Einsamkeit und saß gern in sich gekehrt, den üblichen Zerstreuungen war sie abhold.
Es war bekannt geworden, daß sie zu Allerheiligen geboren worden war, und ihr infolgedessen Gewalt über die unsichtbare Welt verliehen sei. Sie war unter ihren Altersgenossen deswegen der Geist von Avenel genannt worden, ganz, als wenn die liebliche, aber allzu gebrechliche Gestalt, die zarte, doch etwas zu bleiche Wange und das dunkelblaue Auge mehr der geistigen als der körperlichen Welt angehörten. Die allgemein verbreitete Sage von der weißen Frau, die über dem Glück des Hauses Avenel walten sollte, verlieh diesem ländlichen Gerede eine gewisse Bedeutung.
Dieser geheimnisvolle Nimbus, die Vorliebe des Unterpriors für die Familie, der furchtbare Name Julian von Avenel, den jedes neue Ereignis in diesen bewegten Zeiten nur berüchtigter machte, – dies alles verlieh dem jungen Mädchen eine gewisse Bedeutung, und manche trachteten aus Stolz nach ihrer Bekanntschaft, während andre, namentlich die furchtsameren unter den Vasallen, ihren Kindern empfahlen, der edeln Waise mit Achtung zu begegnen.
So wurde das Fräulein, das wenig beliebt war, weil es fast gar keine persönlichen Bekannten hatte, mit abergläubischer Scheu betrachtet, teils aus Furcht vor den Kriegern ihres Oheims, teils auf grund ihres eignen zurückhaltenden Wesens.
Von dieser Scheu mochte sich auch wohl Mysie befallen fühlen, als sie sich mit einem solchen, dem Stand und der Lebensart von ihr so verschiednen Mädchen allein sah; denn ihr biedrer Vater hatte den ersten besten Anlaß benutzt, zu verschwinden, um sich zu erkundigen, wie es mit der Scheune stände und ob seine Mühle gutes Korn erwarten könne.
Die beiden Mädchen kamen indessen recht gut miteinander aus. Sie befaßten sich mit Dingen, wie sie ihrem Alter zukamen: sie sahen sich Marys Tauben an, die diese mit der Sorgsamkeit einer Mutter pflegte, dann wühlten sie in ihrem Schmuckkästchen herum, in welchem sich, so unbedeutend sonst auch die Kleinodien des Mädchens sein mochten, doch einige Sachen befanden, die ihre Gespielin bewunderte. Ein goldner Rosenkranz und ein paar Stücklein von Frauenzierat waren im Augenblicke des größten Unglücks durch Tibbs Geistesgegenwart gerettet worden, während die Herrin selber in ihrem tiefen Kummer an derlei Dinge nicht im geringsten gedacht hatte.
Das Wesen der beiden Mädchen bildete einen auffallenden Gegensatz: die Müllerstochter in ihrer Gutmütigkeit, die immer mit dem Lachen bei der Hand war, und alles, was sie schön fand, ungezwungen angaffte, und die ruhige, gesetzte Würde der Mary, die ein Stück nach dem andern vorzeigte, und bei all ihrer Gelassenheit doch nicht ganz über die Freude am Erstaunen ihrer Gespielin erhaben war.
Der Hufschlag von Pferden unter der Pforte des Turmes unterbrach die beiden Mädchen in ihrer Beschäftigung.
Mysie eilte in zwangloser Neugier ans Fenster.
»Heilige Jungfrau, gnädiges Fräulein!« rief sie, »da kommen zwei feine Herren auf stattlichen Rossen. Kommt doch her und seht sie Euch an!«
»Nicht doch,« entgegnete Mary Avenel, »Ihr könnt mir ja sagen, wer es ist!«
»Wenn ichs nur wüßte!« erwiderte Mysie. »Aber ich kenne sie ja nicht. Doch halt! Ja! den einen kenne ich, und Ihr kennt ihn auch, Fräulein. Das ist gar ein fideler Kauz, er hat ein bißchen lange Finger, aber das schadet bei den Herren heutzutage nicht viel. Er ist ein Dienstmann bei Euerm Herrn Oheim und heißt Christie von Clinthill. Er trägt heute nicht sein altes grünes Wams, sondern hat einen scharlachroten Rock mit Silberbesatz an und einen Brustharnisch, der ist so blank, daß man sich darin spiegeln könnte. Kommt doch bloß ans Fenster und seht ihn Euch an.«
»Sofern es wirklich der Mann ist, Mysie,« antwortete die Waise von Avenel, »denn Ihr mir nanntet, so werde ich ihn immer noch allzu früh zu sehen bekommen.«
»Nun, wenn Ihr Euch den schmucken Christie nicht anschauen wollt,« sagte die Müllerin, deren Angesicht von Neugierde glühte, »so sagt mir doch wenigstens, wer der hübsche Herr ist, der mit ihm gekommen ist so einen schneidigen, liebenswürdigen Burschen, habe ich ja noch nie gesehen.«
»Das ist mein Pflegebruder Halbert Glendinning,« entgegnete Mary mit scheinbarer Gleichgültigkeit – es war ihre Gewohnheit, die Kinder Elspaths ihre Pflegegeschwister zu nennen.
»Nein, der ist das nicht,« antwortete Mysie. »Die beiden Glendinnings kenne ich doch sehr gut, dieser Reiter aber ist gewiß nicht aus unserm Lande. Er hat ein karmoisinrotes Barett auf, unter dem das Haar lang und braun hervorfällt, er trägt auch einen Stutzbart. Das Kinn aber ist rein und glatt rasiert. Er hat ein himmelblaues Wams an, das mit weißem Atlas besetzt und gefüttert ist. Er hat ein Paar Pumphosen und seine einzigen Waffen sind Dolch und Degen. Wer mag das nur sein?«
»Ich kann mirs nicht denken,« antwortete Mary, »aber nach seinem Kameraden zu schließen, dürfte nichts weiter dran liegen, ob man es weiß oder nicht.«
»Er ist doch gar zu schmuck!« sagte Mysie. »Wenn er bloß hier vom Pferde steigen wollte! Aber, so kommt doch bloß mit ans Fenster und seht ihn Euch einmal an!«
Mary von Avenel mochte wohl meinen, daß sie Gleichgültigkeit zur Genüge gezeigt hatte und sich nun wohl die Männer ansehen dürfe. Sie sah nun in der Gesellschaft Christies einen Ritter, der sehr stattlich und schmuck herausgeputzt war und, nach seinem vornehmen Wesen, wie nach der prächtigen Tracht und dem schönen Sattelzeug auf dem wundervollen Rosse zu schließen, in der Tat ein Mann von edler Herkunft sein mußte. Auch Christie schien nicht wenig stolz darauf, daß er mit einem solchen Manne hergekommen war, denn er schrie noch lauter als gewöhnlich nach der Dienerschaft.