Als die Pferde abgeführt worden waren, stellte Christie der Frau Glendinning den fremden Herrn als Sir Pircie Shafton vor, einen Freund von ihm selbst und seinem Herrn. Der Herr wolle, ohne der Familie große Umstände zu machen, drei bis vier Tage im Turme Quartier nehmen.
Die gute Frau könnte zwar nicht verstehen, was ihr eine so große Ehre verschaffte, sie hätte sich wohl gern damit entschuldigt, daß sie nicht auf die Bewirtung eines so vornehmen Gastes eingerichtet sei, und der Fremde, der die kahlen Wände betrachtete und das ärmliche Gerät des Zimmers beaugenscheinigte, schien selber einzusehen, daß er der Hausfrau Ungelegenheiten machen und so ein Aufenthalt in diesem alten Gemäuer auch ihm zur Last fallen würde, allein sie hatten es beide mit einem unerbittlichen Gesellen zu tun, der alle Einwände mit den Worten zurückwies: »Mein Herr will es so!«
»Und ganz abgesehen davon, daß der Wille meines Herrn auf zehn Meilen in der Runde als unumstößliches Gesetz zu gelten hat,« setzte er hinzu, »so habe ich außerdem hier ein Schreiben von Eurem Baron im Weiberrock, dem Lord-Priester, der Euch befiehlt, ihm den Gefallen zu tun und den wackern Mann hier so gut zu bewirten, wie es in Euren Kräften steht. Und Ihr selber, Sir Piercie Shafton, wandte er sich an diesen, »müßt ja am besten wissen, ob es für Euch mehr auf weiße Betten und gute Kost als auf Zurückgezogenheit an einem entlegnen, versteckten Fleck ankommt. Ueberdies dürft Ihr nicht nach dem Aussehen hier ungünstige Schlüsse auf das Vermögen der guten Frau ziehen, sie wird uns gleich ein Essen auftragen, an dem Ihr erkennen werdet, daß die Speicher von Vasallen der Kirche ganz hübsch gefüllt sind.«
Frau Glendinning erkundigte sich bei ihrem Sohn Edward, was es mit den Befehlen des Abtes für eine Bewandtnis habe, und sah ein, daß ihr in der Tat nichts weiter übrig bliebe, als es dem fremden Manne so bequem wie möglich zu machen. Er selber schien zu begreifen, daß auch ihm nichts weiter übrig bleibe, als die Gastfreundschaft anzunehmen, die die Frau ihm ziemlich gleichgültig antrug.
Das Mittagsmahl, das bald darauf vor den versammelten Gästen dampfte, war wirklich vorzüglich und machte der Kochkunst der Frau Glendinning alle Ehre.
Während des Mahles bot Sir Pircie Shafton alle Galanterie auf, um Mary von Avenel zu unterhalten, die er allein seiner Ansprache würdigte.
Edward Glendinning fühlte sich zuerst beschämt, daß er so langsam und schwerfällig redete, während der junge Höfling mit einer Leichtigkeit und Gewandtheit, von der er zuvor noch keine Ahnung gehabt hatte, die hochtrabendsten Artigkeiten in seinen glatten, wenn auch nichtssagenden Reden herausschwatzte. Bei seinem gesunden Verstande begriff Edward allerdings bald, daß es alles Unsinn sei, was der jugendliche Geck plapperte, aber wenn er das Geschwätz nun auch verachtete, so beneidete er doch den jungen Menschen um den gewandten Vortrag, die einschmeichelnde Anmut seines Ausdrucks und um die elegante Ungezwungenheit seines Benehmens.
Diese Eigenschaften erweckten Edwards Verdruß, um so mehr, als der junge Mann damit sich bei Mary beliebt zu machen trachtete, und obwohl Mary nur darauf einging, weil sie seine Aufmerksamkeiten sich nicht gut verbitten konnte, so gab der junge Mensch doch auf diese Weise zu erkennen, daß ihm daran gelegen sei, Marys Gunst zu gewinnen, weil sie in seinen Augen die einzige Person war, die einer solchen Bewerbung würdig war. Sein Titel, sein Stand, seine wirklich ausgezeichnete Bildung und einige Funken von Geist und Witz, die aus dem großen Wust von Unsinn, den er vorbrachte, hindurchblitzten, verliehen ihm in der Tat einen gewissen Nimbus und mochten ihm wohl für Damenaugen einen großen Reiz zu geben, so daß der arme Edward in all seiner selbst erworbnen Wissenschaft und bei all seinen tüchtigen Eigenschaften in seinem Hausrock, seiner blauen Mütze, seinen ledernen Hosen sich wie ein Bauernjunge neben dem Hofmann ausnahm und im Herzen bittern Groll wider den Ritter häufte, der ihn so tief in Schatten stellte.
Gegen Christie, der ab und zu dem Edelmann gegenüber in plumpe Vertraulichkeit fallen solle, zeigte Sir Pircie Shafton eine stolze Verachtung, indem er ihm stets durch völlige Vernachlässigung oder durch lakonische Antworten zu verstehen gab, daß er sich nicht erdreisten solle, sich auf gleichen Fuß mit ihm zu stellen.
Der Müller verhielt sich ganz still, denn da er im allgemeinen nur von seiner Mühle und seinen Einnahmen zu reden wußte, so verspürte er hier keine Lust, in Gegenwart von Christie von Clinthill seinen Reichtum auszukramen, oder dem Ritter zur Last zu fallen.
Erst als Halbert hinzugekommen war und eine Weile dem inhaltlosen Geschwätz zugehört hatte, fand der junge Höfling einen Gegner, der sich von seiner überlieferten Art nicht verblüffen ließ.
»Herr Ritter,« sagte Halbert bei passender Gelegenheit, »wir haben hier in Schottland ein altes Sprichwort: Den Busch, der Dich verbirgt, sollst Du nicht verachten. Wenn das Gesinde mir richtigen Bescheid gegeben hat, so seid Ihr hierher gekommen, um im Hause meines Vaters Schutz zu suchen; macht Euch also nicht lustig über die Einfachheit derer, die darin wohnen. Ihr hättet lange am Hofe von England bleiben können, ehe wir uns um Eure Gunst beworben oder Euch mit unsrer Gesellschaft behelligt hätten. Nun aber hat das Schicksal Euch in unsre Mitte versetzt, daher nehmt nun Vorliebe mit der Kost und der Unterhaltung, wie wir sie Euch zu bieten vermögen, und dankt uns nicht für unsre Güte mit Euerm Hohne, denn die Schotten haben kurze Geduld, aber lange Schwerter.«
Aller Augen waren auf Halbert gerichtet, der in Haltung und Sprache eine Würde an den Tag gelegt hatte, wie man sie zuvor nicht an ihm gemerkt hatte. Ob diese würdevolle Festigkeit in seinem Benehmen auf sein Zusammentreffen mit der wunderbaren Erscheinung oder auf das Bewußtsein, mit übernatürlichen Dingen vertraut zu sein, zurückzuführen ist, möge dahingestellt sein. Fest steht, daß von diesem Tage ab eine Veränderung im Wesen Halberts allen auffiel, in seinem Handeln lag jetzt eine so rasche Entschlossenheit, eine solche Umsicht und Energie, wie sie sonst nur dem reiferen Alter zu eigen ist.
Der Ritter ließ sich die Zurechtweisung gefallen.
»Bei meiner Ehre, Du hast recht, junger Mann!« erwiderte er. »Doch wenn ich ein wenig gespottet habe über das Dach, das mir Schutz gewährt, so gereicht es ja bloß Dir zum Lobe, da Du ja unter diesem Dache geboren bist und Dich doch aus seiner Niedrigkeit emporschwingen kannst, gleichwie die Lerche, die in niedrigen Furchen nistet, und sich, trotz des Adlers, der aus Felsen seinen Horst baut, zur Sonne erhebt.«
Nach beendeter Mahlzeit zerstreute sich die Gesellschaft, die jungen Leute gingen auf ihre Stuben, die ältern Leute machten sich an ihre Hausarbeiten, und während Christie sich um sein Pferd kümmerte, machte sich Edward über sein Buch her, und Halbert, in Kopfarbeit bisher kein Held, dafür aber um so geschickter in aller Handarbeit, machte sich dabei, in seinem Stübchen eine Diele aufzureißen, um in dem dadurch gewonnenen Versteck das Exemplar der Heiligen Schrift zu verbergen, das er auf so merkwürdige Weise aus den Händen von Menschen und Geistern gewonnen hatte.
Inzwischen saß Sir Piercie Shafton starr wie ein Steinblock auf seinem Stuhl, hielt die Hände über der Brust gefaltet, die Beine gradaus vor sich gestreckt und auf die Fersen gestemmt, und die Augen nach der Decke hin gerichtet, wie wenn er dort jede Spinnweb zählen wollte, die an den Schwibbogen hing, aber mit einer Miene so feierlicher, unerschütterlicher Ernsthaftigkeit, als hinge von der Genauigkeit seines Exempels sein Leben ab.
Es war kaum möglich, ihn aus diesem Zustande von Versunkenheit so weit aufzurütteln, daß er sich mit an den Tisch setzen konnte, auf dem das Abendbrot hergerichtet war, das übrigens die jüngern Damen nicht mit einnahmen. Sir Piercie sah sich wohl ein paarmal um, wie wenn ihm was fehle; aber er stellte keine Fragen, sondern meinte nur, die rechten Zuhörer seien wohl darum nicht da, weil es ihm an dem rechten Geiste fehle, nahm das Wort fast immer nur, wenn man ihn ein paarmal drum angegangen hatte, und gab dann nüchterne Antwort, in schlichtem, allgemein verständlichem Englisch, das niemand besser reden konnte als er, wenn er nur wollte.