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Als sich Christie infolgedessen im ungeteilten Besitze der Aufgabe sah, die Unterhaltung zu führen, gab er allerhand Episoden aus seinem rohen, unrühmlichen Kriegsleben zum besten, daß, sich Frau Elspath die Haare sträubten, während Frau Tibb Tacket, froh, wieder einmal mit einem »Stahlwams« zusammen zu sein, den Worten desselben lauschte, wie Desdemona den Heldentaten ihres Othello.

Die Brüder Glendinning saßen inzwischen jeder vertieft in die Betrachtungen, die sie beschäftigten, und nur die Aufforderung, zu Bett zu gehen, konnte sie darin stören.

Fünfzehntes Kapitel

Am andern Morgen war Christie von Clinthill nirgendswo zu sehen. Da es aber nicht in der Art dieses schmucken Gesellen lag, auszuposaunen, was er vorhatte, zeigte sich kaum jemand über sein Verschwinden nächtlicherweile überrascht, wenn auch die Frage, ob er mit leeren Händen gegangen sei, einige Unruhe wachrief. Man fand jedoch alles in Ordnung, der Stallschlüssel lag über der Tür, der Schlüssel zum Gatter steckte innen im Schloß, und so fand sich tatsächlich keine Ursache zur Klage über den Mann.

Halbert, der heute darauf verzichtete, zu Büchse und Armbrust zu greifen und, seiner Gewohnheit gemäß, eine Streife ins Freie zu unternehmen, machte sich zufolge der anständigen Art und Weise, wie sich Christie von Clinthill entfernt zu haben schien, an eine Besichtigung des ganzen Turmplatzes, und verfügte sich dann in die Eß- oder Wohnstube, wo früh um sieben das Essen bereit gehalten wurde.

Dort fand er den Schönredner wieder in derselben Versunkenheit, wie abends zuvor, mit den Armen über die Brust verschränkt, unter dem gleichen Winkel wie abends zuvor, mit den Augen auf die gleichen Spinngewebe gerichtet, und die Fersen auf den gleichen Fleck gestemmt wie abends zuvor.

Halbert fühlte sich von diesem ewigen Einerlei in Haltung und Wesen seines Gastes schließlich so angeödet, daß er es für das Geratenste hielt, das Eis kurz entschlossen zu brechen und festzustellen, welchen Umständen die Anwesenheit dieses gebieterischen und schweigsamen Gastes im Turme von Glendearg beizumessen sei.

»Herr Ritter,« hub er an, »ich hab Euch heut morgen ein paarmal guten Morgen gewünscht, aber Ihr seid so geistesabwesend, daß Ihr es nicht gehört zu haben scheint, und daß Euch eine Erwiderung des Grußes nicht möglich gewesen ist. Es steht Euch ja allerdings frei, einer Höflichkeit gegenüber Euch zu verhalten wie Ihr wollt; aber was ich Euch weiter zu sagen habe, betrifft Euch persönlich so ausschließlich, daß ich Euch schlechterdings um ein wenig Aufmerksamkeit bitten muß, denn Worte an ein Bild von Stein zu vergeuden, ist keine Sache nach meinem Geschmacke.«

Infolge dieser unvermuteten Ansprache riß Sir Pircie Shafton die Augen auf und maß den Jüngling mit strengem Blick. Als aber Halbert weder eine verlegne noch eine verwirrte Miene zeigte, da mochte es dem Ritter als geraten erscheinen, eine andre Stellung einzunehmen. Er schlug die Augen empor, zog die Beine an und richtete den Blick auf den jungen Glendinning, wie jemand, der sich anschickt, aufzupassen auf das, was ihm ein andrer sagen will. Ja, er hielt es sogar für geraten, den Entschluß, den er gefaßt hatte, noch schärfer zu markieren, dadurch, daß er sagte:

»Sprich! wir leihen Dir Ohr!«

»Herr Ritter,« nahm nun Halbert das Wort, »es ist im Sprengel des Sankt Marien-Klosters Brauch und Sitte, den Gast, der beherbergt wird, nicht mit Fragen zu belästigen, sobald über seinen Aufenthalt die Sonne nicht öfter als einmal untergeht. Es ist uns recht gut bekannt, daß Verbrecher und Schuldner hier eine Freistatt suchen, und von einem Pilgrim, den uns der Zufall als Gast schickt, etwa gewaltsam in Erfahrung zu bringen, was ihn zu uns führt, liegt uns völlig fern. Wenn hingegen jemand höhern Standes als wir, Herr Ritter, und vornehmlich ein Herr, der auf den Besitz solches Vorrangs hält, die Absicht verrät, länger unser Gast zu sein, dann pflegen wir ihn nach seiner Heimat und nach Grund und Zweck seiner Reise zu fragen.«

Der Ritter gähnte ein paarmal, ehe er Antwort gab. Dann erwiderte er in höhnischem Tone:

»Wahrlich, mein edler Villaggio, Eure Frage hat was an sich, das in Verlegenheit setzt, denn Ihr fragt da nach Dingen, auf die ich noch gar nicht recht Antwort weiß, wenn ich es überhaupt für angemessen halte, darauf zu antworten. Begnüge Dich damit, mein lieber Junge, daß Dir der Lord-Abt aus Herz gelegt hat, mich recht freundlich zu bewirten, was aber im Grunde genommen zuweilen nicht so geschehen ist und geschieht, wie es ein Herr von meinem Stande zu erwarten berechtigt ist.«

»Ich verlange eine bestimmtere Antwort als diese, Herr Ritter,« antwortete der junge Glendinning.

»Freundchen,« erwiderte der Ritter, »keine solche ehrenrührigen Redensarten! bei Euch im Norden mag es ja Sitte sein, sich frecherweise in die Geheimnisse von Standespersonen einzudrängen, etwa wie eine Laute in ungeschickter Hand bloß Mißtöne weckt...«

In diesem Augenblick ging die Stubentür auf, und Mary Avenel trat herein.

»Aber wer kann da von Misstönen reden,« fuhr der Ritter fort, indem er seinen scherzhaften Ton wieder anschlug, »wenn die Seele der Harmonie, in überschwengliche Schönheit gehüllt, zu uns hernieder sich neigt! Gleichwie Füchse, Wölfe und andre empfindungs- und vernunftslose Tiere die Erscheinung der glänzenden Himmelssonne fliehen, wenn sie emporsteigt in ihrer Herrlichkeit, so entweicht der Zorn, so flüchten alle unedlen Leidenschaften; denn was, die Wärme, die das Auge des Tages spendet, für die materielle und physische Welt ist, das ist das Auge, vor dem ich mich jetzt neige, für die Welt des intellektuellen Mikrokosmus.«

Hier schloß der Ritter mit einer tiefen Verbeugung.

Mary Avenel betrachtete einen nach dem andern. Da sie aber deutlich sah, daß zwischen ihnen etwas vorgefallen sein mußte, brachte sie weiter nichts über die Lippen als:

»Um Gottes willen, was soll das vorstellen?«

Diesmal versagte der Takt, den sich Marys Pflegebruder seit kurzem angeeignet hatte, und er wußte nicht recht, wie er einem Gaste gegenüber sich verhalten solle, der auf der einen Seite solch erhabnen Ton heuchlerischer Ueberlegenheit und Wichtigkeit anschlug, auf der andern hinwiederum in seinen Reden ein so geringes Maß von Ernst zeigte, daß man schlechterdings nicht wußte, ob es ihm Ernst oder Scherz damit sei. Nichtsdestoweniger war er fest entschlossen, Sir Piercie Shafton bei angemessner Veranlassung und wenn er sich an schicklicherem Orte mit ihm zusammenfände, zur Rede zu stellen, vorläufig aber die Sache auf sich beruhen zu lassen, zumal jetzt auch der Müller mit seiner Mutter, die in der Scheune den ungefähren Ernteertrag ermittelt hatten, in die Stube zurück kamen.

Der Müller hatte gerechnet und gerechnet und war schließlich zu der Ueberzeugung gelangt, daß der Witwe Glendinning nach Abzug der Schuld, die sie noch bei der Abtei zu tilgen hatte, und nach Erstattung all dessen, was an ihn selbst noch zu entrichten war, ein ganz erklecklicher Ueberschuß bleibe. Ob nun eine solche Erwägung bei dem Müller ähnliche Pläne wachrief, wie die Witwe sie im Herzen trug, darüber kann ich mir kein Urteil bilden, soviel aber darf ich versichern, daß der Müller eine Einladung der Witwe, sein Töchterchen auf ein paar Wochen in Glendearg zu lassen, mit unverhohlener Freude entgegennahm.

Da sich solcherweise die Hauptpersonen dieser kleinen Komödie in der fidelsten Stimmung untereinander befanden, durfte man sich beim Morgenimbiß ungeteilter Freude hingeben, und Sir Piercie Shafton erwies sich über die Aufmerksamkeiten, mit der ihn die dunkle Mysie bedachte, so entzückt, daß er ihr, ohne seiner hohen Abkunft und seines hohen Standes zu gedenken, ein paar ganz ungewöhnlich schöne Redebilder widmete.