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Mary Avenel, die sich infolgedessen von diesem Schwatzmichel erlöst sah, stellte sich so, als sei es ihr nicht unlieb, ihm zuzuhören, und der wackre Ritter, durch solchen Beifall von zwei Seiten ermutigt, und zwar von jenem zarten Geschlecht, um deswillen er sich als Schönredner ausgebildet hatte, ließ alsbald durchblicken, künftig mehr aus sich heraus zu treten, als es in seinen, auf Glendinnings Fragen erteilten Antworten geschehen war, und gab zu verstehen, daß ihn nur dringende Gefahr bestimmt hätte, sich bei ihnen als Gast wider Willen einzufinden.

Nach dem Frühstück hieß es, auseinander zu gehen. Der Müller machte sich reisefertig, Mysie hatte für den Aufenthalt, der sich so unerwarteterweise ihr bot, mancherlei Vorsorge zu treffen, Edward wurde von Martin um Rat in manchen Wirtschaftsfragen angegangen, um die sich Halbert niemals kümmerte, Frau Glendinning wurde durch häusliche Geschäfte in Anspruch genommen, und Mary wollte ihr nachgehen, als ihr einfiel, daß dann Halbert und der fremde Ritter wieder allein zusammen blieben, also die schönste Gelegenheit bekämen, ihren Zwist von heute früh fortzusetzen. Gleich drehte sie infolgedessen um und nahm auf einem kleinen Fenstersitz Platz, mit dem festen Willen, dem ungestümen Halbert die Zügel straff zu halten.

Dem fremden Ritter entging das Benehmen des Mädchens nicht, aber er meinte, die Wandlung ihres Entschlusses auf Rechnung seiner Schönrednerei und auf das Wohlwollen, das sie in seiner Gesellschaft fände, setzen zu sollen. Aus diesem Grunde, vielleicht auch noch aus dem weitern, daß es ihm ritterliche Artigkeit verbot, eine Name allein sitzen zu lassen, stand er auf und setzte sich neben sie, um die folgende Unterredung mit ihr zu eröffnen:

»Schönes Fräulein, glaubt mir,« sagte er, »es bereitet mir hohe Freude, daß mich mein Schicksal von dem Herde heimischer Freuden verbannt hat, hierher in diese düstre Waldhütte des Nordens, wo es mir vergönnt ist, eine so schöne Gestalt und ein so offnes Herz zu finden, ein Herz, dem ich meine verwandten Gefühle offenbaren kann. Indessen vergönnt mir, mein schönstes, huldvollstes Fräulein, gemäß der an unserm Hofe, dem Garten des feinen Witzes, herrschenden Sitte, die besondre Bitte, einen Beinamen mit mir tauschen zu wollen, der Euch deutlich sagen kann, wie treu ergeben ich Euch bin. Ich möchte ersuchen, hinfort an Euch unter dem Namen »Protektion« mich wenden zu dürfen, mich selbst hingegen als Eure »Affabilität« gelten zu lassen.«

»Die ländlichen Sitten des Nordens, Herr Ritter, erlauben, uns nicht solche Beinamen mit Personen zu tauschen, die uns vollständig fremd sind,« erwiderte Mary.

»Ei, seht doch, wie Euch, das gleich in Rage setzt!« sagte der Ritter, »Ihr kommt mir ganz so vor, wie ein ungebändigtes Roß, das vor einem wehenden Schnupftuch beiseite springt, aber der fliegenden Fahne, sobald die Zeit gekommen ist, doch entgegensprengen muß. Nennt doch Elisabeth von England ihren Philipp Sidney nicht anders als ihre »Courage«, während er seine Fürstin nur als seine »begeisternde Genia« kennt. Deshalb also, meine schöne Protektion – – denn mit diesem Beinamen werde ich Euch hinfüro nennen –«

»Doch wohl nicht ohne des gnädigen Fräuleins Einwilligung, Sir,« bemerkte Halbert; »Eure so überaus galante Verkehrsmanier wird hoffentlich nicht gegen solches Grundgesetz des Umgangs verstoßen!«

»Redlicher Eigentümer eines gemeinen Lehnguts,« versetzte der Ritter, mit der gleichen Kälte und Höflichkeit, doch mit etwas vornehmerm Tone, als er ihn gegen die Dame angeschlagen hatte, »wir Leute im Süden pflegen uns nur mit Leuten einzulassen, mit denen wir auf ungefähr gleichem Fuße stehen, mit andern Leuten im Grunde nicht, oder nur wenig, und ich muß Dich nach allen Regeln der Kunst bitten, mein Sohn, dem Drange der Umstände Rechnung zu tragen, der uns zu Bewohnern ein und derselben Hütte gemacht hat, ohne uns jedoch gesellschaftlich auf das gleiche Niveau zu setzen.«

»Bei der heiligen Jungfrau,« versetzte der junge Glendinning, »das ist denn doch der Fall, denn dem schlichtesten Verstand muß es wohl einleuchten, daß wenn jemand hier eine Freistätte sucht, er sie nur demjenigen verdankt, der sie ihm gewähren kann und gewährt, und daß wir uns so lange in ganz dem gleichen Range befinden, als uns doch das gleiche Dach bedeckt.«

»Mein Sohn und Freund, Du befindest Dich in einem höchst seltsamen Irrtume,« erwiderte Sir Piercie Shafton; »um Dich aber zur Einsicht in unser beiderseitiges Verhältnis zu bringen, so laß Dir sagen, daß ich mich nicht als Deinen Gast betrachte, sondern als den Gast Deines Grundherrn, des Lord-Abts vom Sankt Marien-Kloster, der aus Gründen, die ihm und mir bekannt sind, Dich, seinen Hörigen und Knecht, dazu anhält, mir gegenüber Gastrecht zu üben. Du bist demnach sehr einfach in diesem Falle nichts weiter als das gemeine Werkzeug eines Höhern, und für mich ganz dieselbe Null, wie dieses Spinnweb an der Wand, oder im Punkte meiner Bequemlichkeit aufgefaßt, wie dieser ungehobelte Stuhl hier, auf dem ich grade sitze, oder der gewöhnliche Holzteller, von dem ich eben ordinäre Speisen gegessen habe. Darum, schönste Dame, oder, wie ich ja hinfüro Sie anreden will, meine allergnädigste und allerliebenswürdigste Protektion ...«

Mary Avenel wollte ihm eben antworten, als Halbert ihr das Wort abschnitt durch den grimmigen Ruf:

»Nicht vom Könige von Schottland ließe ich mir, wenn er am Leben wäre, solches bieten!«

»Ums Himmels willen, Halbert! bedenke, was Du tust!« rief angsterfüllt Mary Avenel und warf sich zwischen ihn und den fremden Ritter.

»Seid ohne Furcht, allerschönste und allerlieblichste Protektion!« erwiderte hierauf Sir Piercie Shafton mit der höchsten Frohlaune, »es wird diesem bäuerischen, ungehobelten Jünglinge nicht gelingen, mich zu irgend einer Handlung in Eurer Gegenwart zu bringen, die sich mit meiner Würde nicht vertrüge. Eher könnte der Zündstock eines Musketiers einen Eiszapfen in Flammen setzen, als daß der Funke der Leidenschaft mein Herz entzündete, das zur höchsten Sanftmut gestimmt wird durch den Respekt vor der Gegenwart meiner allergeneigtesten Protektion ...«

»So könnt Ihr die Dame ja freilich nennen, Herr Ritter,« warf Halbert ein, »denn, beim heiligen Andreas! es ist ja das einzige gescheite Wort, das ich ans Eurem Munde vernommen habe; indessen könnten wir einander wohl anderswo treffen, wo Euch ein solches Protektorat von recht wenig Nutzen sein möchte.«

»Meine allerhuldvollste Protektion,« fuhr der Galanthomme fort, ohne die Drohung Halberts nur eines Zuckens seiner Miene zu würdigen, geschweige einer weitern Erwiderung, »zweifelt nicht, daß Eure getreueste »Affabilität« sich durch die Worte dieses Flegels stärker reizen ließe als der klare, heitre Mund sich durch das Bellen eines Hofhunds irritieren läßt, der aus Stolz über die Höhe seines Misthaufens in dem Wahne sich befindet, er stände der majestätischen Lichtscheibe um einige Stufen näher.«

Zu welchen Schritten solches Gleichnis Halbert Glendinning noch getrieben hätte, läßt sich schwer sagen, aber in demselben Augenblick kam Edward in die Stube gestürzt mit dem Rufe, die beiden vornehmen Klosterbrüder, der Küchenmeister und der Tafeldecker, seien mit einem wohlbeladnen Maultiere eingetroffen und hätten die Nachricht mitgebracht, daß sich der Lord-Abt, der Unterprior und der Sakristan auf dem Wege nach Glendearg befänden. Von solch merkwürdigem und außerordentlichem Umstande wußten weder Chroniken noch Annalen zu berichten, seit das Sankt Marien-Kloster stand, und auch in keiner Sage von Glendearg erklang davon ein Laut, wenn auch in dem Turme von Glendearg sich ein schwaches Gerücht erhalten hatte, daß in alten Zeiten ein Lord-Abt sich einmal auf einem Jagdzuge verirrt und in dieser Wildnis des Nordens zu Mittag gespeist hätte. Daß aber ein Lord-Abt eine freiwillige Reise nach solch schauerlicher Gegend, dem richtigen Sibirien des Klostersprengels, unternehmen werde, das hätte sich kein Klosterbruder jemals träumen lassen, so wenig wie jeder andre Mensch, und diese Meldung, mit der jetzt Edward in die Stube hineinschneite, war für alle Familienglieder, einzig Halbert ausgenommen, im höchsten Grade überraschend.