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Diesen ungestümen Jüngling beschäftigte die erlittne Kränkung seiner Ehre zu stark, als daß er an etwas andres als Rache hätte denken können.

»Das ist mir lieb,« rief er, »daß der Abt nach Glendearc hinauf zu kommen geruht. Von ihm werde ich hören, mit welchem Recht uns der fremde Ritter auf den Hals geschickt worden ist, um unter dem Dache unsrer Väter zu kommandieren, als seien wir seine Knechte und nicht freie Männer. Ich will dem stolzen Priester ins Gesicht hinein sagen ...«

»Aber, lieber Bruder Halbert,« sagte Edward, »bedenke doch, wie teuer Dich solche Worte zu stehen kommen können ...«

»So teuer wohl kaum,« erwiderte Halbert, »daß ich vor einer Begegnung mit dem Abte mein menschliches Gefühl und meinen gerechten Zorn opfern sollte!«

»Bedenke doch unsre Mutter!« rief Edward, »wenn sie ihres Obdachs beraubt würde! wenn sie aus ihrem Eigentum vertrieben würde um Deiner Unbesonnenheit, um Deines Jähzorns willen! Wie könntest Du denken, so schweres Vergehen je sühnen zu können?«

»Beim Himmel!« rief Halbert, sich vor die Stirn schlagend, »Du sprichst nur allzu wahr!«

Im nächsten Augenblick aber stampfte er mit dem Fuß auf den Boden, auf seinem Gesicht stand in grimmer Deutlichkeit der Ausdruck gewaltsam zurückgedrängter Leidenschaft ... mit einem Ruck drehte er sich um und verließ das Zimmer.

Mary Avenel blickte den fremden Ritter an. Es sah aus, wie wenn sie einer Bitte Ausdruck geben wollte, er möge die Heftigkeit ihres Pflegbruders nicht dem Abte mitteilen und dadurch die ganze Familie in Elend und Ungemach bringen. Aber Sir Piercie, diese echte Blume ritterlicher Höflichkeit, deutete sich ihr Anliegen aus ihrer Verlegenheit und wollte sie der Mühe, es in Worte zu kleiden, überheben.

»Allerliebste Protektion,« sagte er, »Eure Affabilität bringt es nicht über das Herz, etwas von unziemlicher Art zu sehen oder zu hören, geschweige auszusprechen oder zu wiederholen, das sich ereignen könnte, während ich mich des Elysiums Eurer Gegenwart zu erfreuen das Glück fand. Es mag sein, daß roher Menschen Busen auf rohe Weise bewegt wird; aber das Herz eines Mannes, der sich bei Hofe bewegt, ist so fein ziseliert, daß ihm dergleichen nichts anhaben kann. Genau wie der gefrorne See den Einfluß des Lüftchens nicht spürt, das über ihn streicht, genau so ...«

Da verlangte ein gellender Aufschrei die Hilfe Mary Avenels. Aus dem Munde der Frau Glendinning war er gekommen. Mary gehorchte auf der Stelle, von Herzen froh, der galanten Reden und Gleichnisse dieses höfischen Stutzers überhoben zu sein. Und für den Ritter war es eine Erleichterung nicht geringerer Art, denn kaum hatte Mary Avenel die Schwelle überschritten, als er die zeremonielle Miene höfischer Artigkeit aus seinem Gesichte förmlich mit einem Strich entfernte und eine Miene äußerster Abspannung und grenzenloser Langweile an ihre Stelle setzte. Dann gähnte er ein paarmal auf die schlimmste Weise, daß man gewissermaßen fühlte, es bärge sich hinter diesem Ausbruch von geistiger Oede irgend ein schweres Unglück, und dann brach er in folgendes Selbstgespräch aus:

»Daß der böse Feind diese Dirne hierher führen mußte, als ob es nicht Plage genug wäre, in einem Loche zu hausen, das in England kaum gut genug wäre als Hundestall, sich anschnauzen zu lassen von einem rohen Bauernlümmel und sich der sogenannten Treue eines feilen Gauners überliefert zu wissen. Kann ich doch nicht einmal in Ruhe über mein Pech nachdenken, sondern muß hier sitzen und einem bleichen, hektischen Gespenst zu Ehren in aller Erhabenheit und lebendigem Redeflusse Vortrag halten, weil adliges Blut in ihren Adern rinnt. Bei meiner Ehre! diese Müllers Mysie ist, alles Vorurteil beiseite gesetzt, der weit bessre Happen. Doch Geduld, Piercie Shafton! Deinen wohlerworbnen Ruf als galanten Diener des schönen Geschlechts darfst Du Dir nicht verkürzen lassen, sondern Du mußt nach wie vor der elegante Witzbold, der vollendete Hofmann bleiben, der Du immer gewesen! Danke lieber dem Himmel, Piercie Shafton, daß er Dir in dieser Avenel, deren Herkunft aus dem Uradel des Landes ja über allen Zweifel erhaben ist, einen Wetzstein gespendet hat. Deine galanten Artigkeiten, Deinen scharfen Witz zu schleifen, ohne Dir in Deinem Range etwas zu vergeben. Denn gleichwie eine Damaszenerklinge um so blanker und schöner wird, je länger man sie reibt ...aber wozu den Schatz meiner Gleichnisse in Selbstunterredungen verschleudern? Dort kommt der Pfaffenzug, einem Dutzend Krähen vergleichbar, die nach ihrem Horste ziehen! Die Kerle werden doch in ihrer Fürsorge um meinen Wanst nicht meinen Koffer vergessen haben? Da wär ich ja fein dran, wenn der Krempel unter dem spitzbübischen Grenzvolk Malheur gelitten hätte!«

Beunruhigt durch diesen Gedanken, rannte er wie im Sturm die Stufen hinunter und ließ sein Pferd satteln, um den Lord-Abt und sein Gefolge im Tale zu erreichen und sich Gewißheit über diesen für ihn wichtigen Punkt zu verschaffen. Kaum etwa eine Stunde war er unterwegs, als er auf den Pfaffenzug, wie er sich ausgedrückt hatte, stieß, der sich mit all der Langsamkeit und all dem Wohlanstand entlang bewegte, wie es seiner Würdigkeit und seinem Stande zukam. Der Ritter ermangelte nicht, den Lord-Abt mit jener zeremoniellen, Höflichkeit zu bekomplimentieren, die zu damaliger Zeit vornehme Herren einander zu erweisen pflegten. Zum Glück fand er auch seine Koffer vor unter dem Gepäck des Zuges, und infolge dieser tröstlichen Zuversicht wandte er sein Pferd und gab dem Lord-Abt das Geleit zum Turme von Glendearg.

Groß war unterdes die Unruhe der braven Frau Glendinning und ihrer Gehilfinnen, um alles zum würdigen Empfange des hohen Besuches herzurichten. Die Mönche hatten kein großes Vertrauen in ihre Küche gesetzt, und doch war sie mit Gerichten beschäftigt, die ihr den Dank und Beifall ihrer Lehnsherren eintragen sollten. So gebot sie Halbert, als er ihr mit zornglühendem Gesicht in den Weg lief, schleunigst in den Wald hinaus zu eilen und nicht ohne Wildbret nach Hause zu kommen. Der Müller, der sich nun schnell zur Heimreise anschickte, versprach, ihr einen Salm herauf zu schicken, und Frau Glendinning, die nun alle Hände voll zu tun hatte, fing es schon an, leid zu tun, daß, sie Müllers Mysie eingeladen hatte, ja sie befaßte sich schon mit dem Gedanken, wie sie sie am Ende, ohne bei dem Vater gar zu scharf anzustoßen, bald heimschicken könne; aber die unvermutete Artigkeit des Vaters machte vorderhand jede Unartigkeit gegen die Tochter zur Unmöglichkeit, und so machte sich denn der Müller allein auf den Heimritt.

Aber diesmal sollte die Gastlichkeit der Frau Glendinning einen schnelleren Lohn finden, als sie sich hatte träumen lassen, denn Jungfer Mysie erwies sich als eine recht geschickte Köchin, die allerhand seine Leckereien und Zuspeisen, wie blancmanger und dergleichen, von denen die wackre Witwe bisher keine Ahnung gehabt hatte, zu bereiten verstand, und so pries denn die Witwe den Himmel und alle Heiligen, daß ihr der Gedanke, das Mädchen in Glendearg zu behalten, gekommen war. Als sie eine so tüchtige Stellvertreterin am Kochherde wußte, verließ, sie die Küche und putzte sich nun aufs beste als Frau vom Hause heraus, um sich dann mit klopfendem Herzen an der Tür ihres kleinen Turmes zu postieren, in der Absicht, dem Lord-Abt, sobald er ihrem Hause nahte, die tiefste Reverenz zu machen. Neben, ihr stand Edward mit nicht minder klopfendem Herzen. Er mußte jetzt lernen, wieviel Zeit Vernunft braucht, um über die Macht äußrer Verhältnisse obzusiegen, und in welchem starken Maße unser Gefühl durch Neuheit animiert, durch Brauch und Gewohnheit abgestumpft wird.

Jetzt sah er zu seinem Staunen den Lord-Abt herannahen, der aus etwa einem halben Dutzend Reiter in langen, schwarzen Tataren bestand, die durch die weißen Skapuliere nur wenig aufgehellt wurden. Das Ganze glich mehr einem Leichenzuge, als irgend etwas anderm, bloß Sir Piercie Shafton brachte durch seine Gegenwart eine wohltuende Abwechslung in das düstre Einerlei, denn er trug eifrig Sorge dafür, daß seine ziemlich bedeutende Reitkunst ebenso zur Wirkung gelangte, wie er all seine andern Künste und Fertigkeiten während seines kurzen Aufenthalts zu zeigen bemüht gewesen war, freilich oft genug zum starken Verdrusse des Lord-Abts, dessen Zelter durch die Lebhaftigkeit des andern Rosses auch lebhaft zu werden drohte.