»Die heilige Jungfrau erhalte uns unsre fünf Sinne!« rief der gute Abt aus, der über den Wortschwall des Ritters fast den Verstand verloren hatte. »Wie kann bloß in dem Kopfe eines Mannes weiter nichts sein als seidne Kleider, Stickereien und der Himmel weiß, was für Plunder! Wie konnte bloß der Earl von Northumberland einen solchen Flederwisch zu seinem Vertrauten in lebenslänglichen Komplotten machen!«
»Wenn er ein andrer Charakter wäre,« erwiderte der Unterprior, »so hätte er sich für die Rolle des Sündenbocks, zu der ihn allem Anschein nach der Earl für den Fall eines Mißlingens von vornherein auserlesen hatte, nicht so vortrefflich geeignet. Er ist weiter nichts als ein Stutzer. Aber wir haben nur mit den Folgen zu rechnen, die es für uns haben kann, wenn wir uns seiner annehmen. Welche Strafe könnte uns treffen, wenn man uns überführen könnte, daß wir einem Staatsverbrecher Obdach gewährt hätten? Es fänden sich wohl viele schottische Schmarotzer, die sich sogleich die Güter unsrer Stiftung erbetteln würden, und ein englisches Heer wäre sofort zur Stelle, unsern heiligen Bezirk mit Feuer und Schwert heimzusuchen. Wir müssen auf der Hut sein, und dürfen diesen Menschen, ich meine, den Sir Piercie Shafton, nicht in unsern Klostermauern beherbergen.«
»Was sollen wir aber mit ihm tun?« erwiderte der Abt. »Sein Gönner, der Earl von Northumberland, war uns immer wohlgesinnt, er kann uns nützen und uns schaden, je nachdem wie wir mit seinem Verwandten umgehen.«
»Laßt ihn hier bleiben,« erwiderte der Unterprior. »Der Ort hier ist entlegen und versteckt, und wenn er auch nicht seinem Stande gemäß bewirtet wird, so braucht er dafür auch weniger eine Entdeckung zu befürchten. Wir müssen eben dafür sorgen, daß er hier so gut wie möglich aufgehoben ist.«
»Nun Wohl, Vater Eustachius, ich billige Deinen Vorschlag,« antwortete der Abt. »Wir werden ihm insgeheim Wein und Weißbrot schicken. Doch da kommt der Tafeldecker mit den Speisen. Ich muß gestehen, ich bin recht hungrig nach dem langen Ritte.«
Siebzehntes Kapitel
Gleich nach seinem Zwiste mit dem neuen Gaste Piercie Shafton hatte Halbert Glendinning den Turm von Glendearg verlassen. Als er mit rüstigen Schritten das Tal hinan schritt, kam ihm der alte Martin nach und bat ihn, ein wenig langsamer, zu gehen.
»Halbert,« sagte der Greis, »Ihr werdet gewiß nicht so lange leben, bis Euer Haar weiß geworden ist, wenn Ihr gleich bei jeder Gelegenheit aufbraust.«
»Und warum solchen Wunsch, guter Alter?« entgegnete Halbert, »soll ich die Zielscheibe sein, nach der jeder Narr seinen Pfeil ungestraft schießen darf? Was hast Du davon, Alter, daß Du läufst, schläfst und wachst, ißt und trinkst, und Dich dann auf Dein hartes Lager wirfst? Wie kanns Dich Vergnügen, daß Dich jeder Morgen zu des Tages Last und Mühen ruft, und Dich der Abend wieder an Dein dürftiges Lager holt? ... Wärs nicht besser, Du schliefest ein, um nicht wieder aufzuwachen, statt dieses ewigen Einerleis von Arbeit und Oede und Oede und Arbeit?«
»Daß mir Gott helfe!« sagte Martin, »es mag wohl sein, wie Du sagst! aber laufe bloß nicht so geschwind! mit Deinen jungen Beinen kommen doch meine alten Beine nicht mehr fort.«
»Vergiß doch nicht, daß wir Wild herbeischaffen sollen, um die fromme Sippschaft, die heut schon einen mehrstündigen Ritt hinter sich hat, zu stärken und laben. Und wenn wir nicht bis in die Heide von Brucksburn laufen, so wird sich wohl kaum ein Hirschkalb auftreiben lassen.« Nach einer Weile fragte er plötzlich: »Sage doch, Martin, findest Du nicht, daß ich seit einiger Zeit anders geworden bin?«
»Das wohl,« versetzte Martin, »ich hab Euch immer gekannt als ungestüm, jäh und unbedacht, als rauh und zu hastiger, unbesonnener Rede geneigt; aber seit einiger Zeit hat sich Euer Wesen, wie mich bedünkt, geändert, ist kräftiger und ernster geworden, ohne an seinem natürlichen Feuer eingebüßt zu haben. Ich möchte fast sagen, Ihr seiet als roher Bursch schlafen gegangen und als feiner Herr erwacht.«
»Was weißt denn Du von feinem Herrn, Martin?« fragte Halbert.
»O, so manches, so manches!« erwiderte der Greis, »hab ich doch mit dem Ritter von Avenel, meinem lieben und guten Herrn, mehr als eine Reise gemacht in ferne Länder, und hab manche große und schöne Stadt gesehen, wenn er mir auch nicht mehr hat zeigen können, als Weideplätze von einem Hügel für etwa drei Dutzend Schafe. ... Aber, mir kommt doch vor, wenn ich so mit Euch rede, als redete ich gar nicht die rauhe Sprache unsers Nordens ... wie es kommen mag, kann ich mir freilich nicht erklären.«
Halbert besann sich eben auf eine schickliche Antwort, da sprang ein Stück Wild über den Weg. Im Nu hatte der Jüngling die Armbrust angelegt, der Bolzen pfiff, und das Wild lag tot am Boden.
»Da liegt der Wildbraten, wie ihn unsre Herrin braucht,« sagte Martin; »wer hätte sichs träumen lassen, daß sich ein Hirsch um diese Jahreszeit so weit ins Tal verlaufen würde? Und obendrein ein so fetter Hirsch – drei Finger dick ist der Speck auf dem Bruststück! Ihr habt doch wirklich Glück, Halbert, wo Ihr geht und steht. Wenn Ihr nur wolltet, Ihr könntet einer von den Hofjägern des Abtes werden.«
»Still, guter Alter,« unterbrach ihn Halbert, »ich will einmal der Königin dienen, sonst keinem Menschen. Geh, bring das Wild in den Turm, man wartet dort darauf. Ich gehe jetzt nach dem Moor, vielleicht kann ich dort noch ein paar Hühner erlegen.«
Während Martin mit der Beute nach Glendearg zurückkehrte, ging Halbert leichtern Herzens seines Weges, weil er sich nun wieder allein wußte.
»Dienstmann eines Priesters!« murmelte er bei sich selber. »Ha! Wenn ich nicht einen Widerwillen gegen nächtliche Räubereien fühlte, weiß der Himmel, lieber zöge ich das Wams an, griffe zur Lanze und würde Grenzreiter! – Aber es muß etwas geschehen. Ich will nicht länger hier leben, daß sich jeder fremde Fant aus dem Süden über mich lustig machen kann, bloß weil er Sporen an den Stiefeln hat! Jenes Wesen aber, jene Erscheinung, muß ich noch einmal beschwören, komme, was da wolle. Seit ich diese Frau gesehen habe und ihre Hand mich berührt hat, sind in mir Gedanken und Empfindungen rege geworden, wie sie mir früher selbst im Traume nicht in den Sinn gekommen sind. Das Tal meines Vaters ist meinem hochfliegenden Geiste zu enge geworden, und ich will nicht das Gespött dieses flittrigen Hofnarren mir gefallen lassen, obendrein in Gegenwart von Mary Avenel! Nein, so will ich mich nicht erniedrigen!«
So mit sich redend, kam er in das entlegne Tal von Corinan-Shian. Es war gerade die Mittagsstunde. Er stand ein Weilchen und blickte in die Quelle und fragte sich, wie ihm wohl diesmal die weiße Frau begegnen würde. Sie hatte ihm zwar nicht ausdrücklich verboten, sie nochmals zu beschwören, aber ihre Worte zum Abschied, mit denen sie ihm empfahl, auf einen andern Führer zu warten, hatten doch eine Art von Verbot in sich geschlossen.
Halbert Glendinning konnte sich aber nicht länger bezwingen. Tollkühnheit war der vorstechende Zug seines Charakters, und diese Verwegenheit war, seit seine Gesinnung so vervollkommnet und umgewandelt worden war, eher noch ausgeprägter geworden, statt sich zu verringern. Er zog das Schwert, entledigte sich des rechten Halbstiefels, neigte sich dreimal vor der Quelle und dreimal vor der Stechpalme und sprach, wie er es das letzte Mal getan hatte, die Verse:
Dreimal der Stechpalme hier,
Dreimal dem Quell!
Ich bitte Dich, erscheine mir,
Weiße Maid von Avenel!
Mittag schimmert aus dem Teich,
Mittag glüht am Felsen grell,
Erschein', erscheine allsogleich,
Weiße Maid von Avenel!
Bei den letzten Worten heftete er den Blick auf den Dornbusch, und Schaudern ergriff ihn, als er die Luft zwischen seinem Auge und der Stechpalme sich verdunkeln und sich zu der unklaren Erscheinung einer Gestalt verdichten sah, durch die aber – so dünn und durchsichtig war sie zuerst – das Gezweig des Strauches, wie durch einen feinen Schleier erkenntlich blieb. Allmählich nahm die Erscheinung mehr körperliche Form an, und mit zürnendem Angesicht stand schließlich die weiße Frau vor ihm. Sie redete, und immer noch sang sie, wenn sie sprach: