Schwieriger fällt es, zu schildern, wie sich die Seele des jungen Glendinning Ausdruck durch die Augen schuf, als er sich so unvermuteterweise Personen gegenüber sah, die er von frühester Jugend mit Ehrfurcht zu behandeln gelehrt worden war. Aus seiner Haltung sprach ein gewisser Grad von Verlegenheit, doch lag in derselben weder ein knechtischer Sinn, noch eine auffällige Verwirrtheit. Sie war vielmehr nicht größer, als sie sich für einen Jüngling schickt, der mit Hochherzigkeit und Freimut einen kühnen Geist verbindet, aber nicht über das geringste Maß von Lebenserfahrung gebietet, und zum ersten Male sich in einer solchen Gesellschaft befindet und unter solchen für ihn doch recht ungünstigen Verhältnissen zum ersten Male selbständig denken und handeln soll. In seinem ganzen Benehmen kam nicht der geringste Grad von Voreiligkeit oder Schüchternheit zum Ausdruck.
Er kniete nieder und küßte dem Abte die Hand, dann richtete er sich auf, trat ein paar Schritte zurück und verneigte sich respektvoll vor der versammelten Gesellschaft, ließ ein weiches Lächeln auf seine Lippen treten, als ihn ein ermutigender Blick aus den Augen des Unterpriors traf, und errötete, als er Mary Avenels besorgten Blicken begegnete, die der Prüfung, die ihr Pflegebruder bestehen sollte, mit einem gewissen Grade von Bangigkeit entgegensah. Er faßte sich aber bald, die Ergriffenheit infolge des Blickes aus diesem Mädchenauge schwand, und nun stand er gelassen und ruhig da und harrte der Anrede des Lord-Abts.
Sichtlich machte er auf die geistlichen Herren einen günstigen Eindruck. Der Abt blickte um sich und tauschte mit seinem Berater, dem Pater Eustachius, einen befriedigenden Blick des Einverständnisses, wenngleich die Anstellung eines Forstadjunkten oder Bogenführers schwerlich zu jenen Dingen gehörte, bei denen er auf den Rat seines Unterpriors zurückgreifen mußte. Allein der günstige Eindruck, den die äußere Erscheinung des Jünglings machte, legte es ihm näher, sich zu dem Funde einer für solchen Posten so trefflich geeigneten Persönlichkeit zu gratulieren, als daß er sich zu andern Regungen hätte bestimmt fühlen sollen. Pater Eustachius empfand jene Freude, die in ein freundlich besaitetes Gemüt einzieht, wenn es sich dem Glück eines jungen Menschen gegenüber fühlt, denn da er dem Jüngling seit jenem Wechsel der Umstände, die in seine Anschauungen und sein Wesen solche Wandlung gebracht hatten, nicht mehr begegnet war, hegte er nicht den mindesten Zweifel, daß ihm das Amt eines Forstadjunkten im Dienste des Klosters als ein Glück erscheinen werde. Dem Küchenmeister sowohl als dem Tafeldecker gefiel der Jüngling dermaßen, daß sie zu meinen schienen, Sold und Einkünfte, Portionen, Weide, Rock und Hosen hätten keinem Bessern angeboten werden können, als dem Jüngling mit der muntern, lebensvollen Gestalt, die jetzt vor ihnen stand.
Im Gegensatze zu ihm schien Sir Piercie das Interesse an dem Jüngling, vielleicht weil er zu tief in seine persönlichen Betrachtungen versenkt war oder auch, weil er den Gegenstand nicht für bedeutend genug hielt, sich mit ihm zu befassen, nicht zu teilen. Die Augen halb geschlossen, die Hände verschränkt über der Brust haltend, saß er da, wie in weit tiefere Betrachtungen versunken, als sich aus der gegenwärtigen Szene schöpfen zu lassen schienen. Indessen war, trotz der scheinbaren Versunkenheit und Zerstreutheit, ein Zug von Eitelkeit aus der Haltung des Ritters nicht verschwunden, wenigstens nahm er eine galante Stellung nach der andern an, wenn er sie auch vielleicht nur allein in diesem Sinne auffaßte, und heftete pausenweis verstohlene Blicke auf die Damen der Gesellschaft, in der Absicht, sich Gewißheit darüber zu verschaffen, inwieweit es ihm glückte, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, die von diesem Teile in weit höherm Maße den wenn auch nicht so regelmäßigen, aber um so energischeren und männlicheren Zügen Halberts geschenkt wurde.
Von den zur Glendearger Familie gehörigen Frauen war allein die Müllerstochter in der angenehmen Stimmung, die Posituren, in die der Ritter sich setzte, mit Muße zu betrachten, beziehungsweise zu bewundern; denn Mary von Avenel und Frau Glendinning sahen mit ängstlicher Besorgnis der Antwort entgegen, die von Halbert auf das Erbieten des Abtes erteilt werden würde, und erwogen voller Furcht die Folgen, die sich aus seiner etwaigen Weigerung, darauf einzugehen, für ihn und sie alle ergeben möchten. Ganz anders als Halbert benahm sich der jüngere Bruder Edward. Von Natur schüchtern, um nicht zu sagen blöde und scheu, hatte er bislang so gut wie unbeachtet in einer Ecke des Raumes gestanden, und der Abt, übrigens erst infolge einer unmittelbaren Anregung seines Unterpriors, hatte sich nur flüchtig bei ihm erkundigt, wie weit er im »Donat« und im »Promptuarium Parvulorum« [lateinische Schulbücher der damaligen Zeit] vorgedrungen sei, ohne die Antwort des jungen Burschen übrigens abzuwarten. Aus diesem Winkel hatte sich nun Edward an die Seite des Bruders geschlichen und sich hinter ihn postiert, dann verstohlen mit der linken Hand nach seiner rechten gegriffen und ihm durch einen sanften Druck, den der andre gleich kräftig und frisch erwiderte, zu verstehen gegeben, daß er Anteil an der Lage nehme, in die er durch den Zufall geraten sei, und daß er willens sei, das Los, das ihn treffen werde, mit ihm zu teilen.
In dieser Weise hatte die Gesellschaft sich gruppiert, als der Abt nach einer Pause von ein paar Minuten, die er brauchte, um behaglich seinen Becher auszuschlürfen, sich mit geziemender Würde anschickte, seinen Antrag zu stellen.
»Mein Sohn,« hub er an, »wir, Euer rechtmäßiger Oberherr, und nach Gottes Willen und Beschluß Abt der Brüderschaft zur heiligen Jungfrau, haben von Euren mancherlei ... hm, hm ... geschickten Fähigkeiten, vornehmlich das Weidwerk anbelangend, Kunde erhalten, insonderheit von der echt jagdgerechten Weise, wie Ihr das Wild zu schießen versteht, ehrlich und recht, wie es sich für einen redlichen Freisassen schickt, ohne des Himmels Gaben und Geschenke zu mißbrauchen durch Schädigung des Fleisches, wie dies von seiten nachlässiger Jäger so häufig geschieht, ... hm, hm!«
Der Abt machte eine Pause, fuhr aber, als er wahrnahm, daß sich Halbert Glendinning, statt zu antworten, mit einer Verbeugung begnügte, in seiner Ansprache fort wie folgt:
»Mein Sohn, Eure Bescheidenheit finden wir löblich, nichtsdestoweniger ist es unser ausdrücklicher Wunsch, daß Ihr Euch frei und unbehindert äußert zu der Beförderung, die wir Euch zugedacht haben, zu dem Amt eines Bogenführers und Forstadjunkten über sämtliche Jagden im Forste, mit denen unser Kloster ausgestattet worden ist durch Schenkungen frommer Könige und Adeliger, deren Seelen jetzund die Früchte ihres Edelmuts gegen die Kirche in wahrer Himmelsfreude genießen, wie auch über all jene andern Jagden und Forste, die uns nach dem ausschließlichen Eigentumsrecht auf alle Zeiten gehören. So kniee denn nieder, mein Sohn, auf daß wir Dich eigenhändig und ohne Zeitverlust in Dein Amt einweihen können.«
»Kniee nieder!« sagte der Küchenmeister auf der einen und sagte zugleich der Tafeldecker auf der andern Seite des Abtes.
Halbert Glendinning jedoch blieb stehen.
»Wollte ich Euer Hochwürden und Herrlichkeit meine Dankbarkeit und Erkenntlichkeit bezeugen,« nahm nun er das Wort, »so läge der Boden nicht tief genug für mich zu knieen, und die Zeit wäre nicht lang genug, Euch meine Demut zu bezeugen. Allein ich kann weder das eine noch das andre tun, denn ich darf die Belehnung mit Eurer edlen Gabe nicht entgegennehmen, Mylord und Abt, weil ich bereits andre Entschlüsse, mein Glück in der Welt zu suchen, gefaßt habe.«
»Was sind das für Reden, Freund?« versetzte, die Stirn runzelnd, der Abt: »habe ich richtig verstanden, was Ihr sagtet? Ihr, als Vasall unsers Klosters geboren, könntet in dem Augenblick, da ich Euch solch großmütiges Zeichen meines Wohlwollens gebe, statt in meine Dienste in fremde treten wollen?«
»Mylord und Abt,« nahm Halbert Glendinning wieder das Wort, »es schmerzt mich, denken zu müssen, daß Ihr mich für fähig halten werdet, Euren liebreichen Antrag für gering zu achten oder fremden Dienst dem Eurigen vorzuziehen. Nein, Mylord und Abt, Euer edler und großmütiger Antrag beschleunigt nur die Ausführung eines Entschlusses, den ich schon seit langer Zeit in meinem Herzen gefaßt habe.«