»Wirklich, mein Sohn?« erwiderte der Abt; »ei, Du hast ja beizeiten gelernt, Dich über den Rat derjenigen Personen hinwegzusetzen, von denen Du von Rechts wegen abhängig bist. Aber wie steht es denn im Grunde um den Entschluß, den Du in Deiner eignen Weisheit gefaßt hast?«
»Mein Entschluß, heiliger Vater, geht dahin, allen Anteil, der von dem durch meinen Vater Simon Glendinning hinterlassenen Lehen mir gehört, an meine Mutter und meinen Bruder abzutreten, an Eure Herrlichkeit die demütige Bitte zu richten, Ihr möget beiden ein so gütiger und edelmütiger Oberherr bleiben, wie bisher und wie es Eure Vorgänger, die würdigen Aebte des Liebfrauenklosters, meinem im Kampfe für klösterliche Interessen auf dem Blachfeld gebliebenen Vater immer gewesen sind, und was dann mich Persönlich angeht, mein Glück auf dem besten Wege, der sich mir öffnet, zu versuchen.«
Von mütterlicher Besorgnis gequält und angefeuert, wagte hier die Witwe das Schweigen, das sie bisher gewahrt hatte, zu brechen durch den Ausruf: »O, mein Sohn! mein Sohn!« und Edward, der sich an den Bruder klammerte, flüsterte ihm ängstlich zu: »Aber, Bruder! Bruder!«
Der Unterprior meinte auf grund der Teilnahme, die er der Glendearger Familie allezeit bewiesen hatte, zu Worten herben Tadels berechtigt zu sein und sprach in strengem Tone:
»Eigenwilliger Jüngling! welcher törichte Sinn kann Dich bestimmen, die Hand von Dir zu stoßen, die sich Dir zur Hilfe entgegenstreckt? Welches Ziel schwebt Dir vor, daß Du ein Anerbieten verächtlich von der Hand weist, das Dir eine anständige Stellung und unabhängige Zukunft sichert?«
»Vier Mark jährlich auf den Tag!« bemerkte, zu seiner Litanei wieder ansetzend, der Küchenmeister.
»Viehweide, Rock und Beinkleid!« setzte der Tafeldecker hinzu.
»Still, meine Brüder!« sagte der Unterprior. »Eure Herrlichkeit möchte ich aber bitten, dem eigenwilligen Jüngling einen Tag zur Ueberlegung zu vergönnen. Ich will dann versuchen, ihn eines Bessern darüber zu belehren, was er auf solches Anerbieten seines Lehnsherrn seiner Familie und sich selbst schuldig ist.«
»Eure große Güte, ehrwürdiger Vater, verpflichtet mich zu außerordentlichem Dank, ist sie doch die Fortsetzung einer ganzen Reihe von Wohltaten, deren sich unsre Familie von Eurer Seite zu erfreuen gehabt hat, Wohltaten, denen ich nicht das geringste als Gegenleistung zu bieten habe. Es ist das Mißgeschick, das sich an meine Fersen heftet, und nicht Eure Schuld, hochwürdiger Herr, wenn Eure Absicht vereitelt wird. Aber mein gegenwärtiger Beschluß steht fest und ist unwandelbar. Ich kann also den gütigen Antrag des Lord-Abtes nicht annehmen, denn mein Los ruft mich auf eine andre Stätte, wo ich entweder mein Leben anders gestalten oder beschließen werde.«
»Bei der heiligen Jungfrau,« rief der Abt, »ich glaube, diesen jungen Menschen hat die Tarantel gestochen? oder er ist wirklich, wie Ihr vorhin sagtet, Herr Ritter Piercie, für solche Auszeichnung untauglich. Sagt mir doch, habt Ihr etwa seine verkehrte Art schon früher gekannt, als es uns beschieden ist, sie kennen zu lernen?«
»Nein, nein, Mylord-Abt,« versetzte der Ritter mit der von ihm bei solchem Anlaß immer sehr geschickt gespielten Gleichgültigkeit, »ich taxiere ihn einzig und allein nach seiner Herkunft und Erziehung, denn aus einem gemeinen Habichtsei wird wohl nie ein Edelfalke herauskommen.«
»Du bist selbst ein gemeiner Habicht!« rief dem Ritter der Jüngling zu, ohne sich einen Augenblick zu besinnen.
»Solche Rede in unsrer Gegenwart solchem vornehmen Herrn?« sprach der Abt, indem ihm das Blut die Wangen purpurn färbte.
»Jawohl, hochwürdigster Herr,« erwiderte Halbert, »gerade in Eurer Gegenwart will ich diesem stattlich herausstaffierten Musje den Schimpf heimzahlen, den er in so grundloser Weise auf meinen Namen gehäuft hat. Ich bin solche Abfindung schon allein meinem braven Vater schuldig, der es durch seinen Tod in der Schlacht wahrlich nicht verdient, von solchem Hansdampf in seiner Ehre gekränkt zu werden.«
»Unerzogener Knabe!« rief der Abt.
»Hochwürdigster und gnädigster Herr Abt,« wandte sich der Ritter an den geistlichen Würdenträger, »werdet, bitte, diesem Bauernbub nicht böse! Und was meine Person in diesem Falle anbetrifft, so darf ich Euch versichern, daß eher der Nordwind einen Felsen aus seinen Grundfesten heben wird, als daß den Ritter Piercie Shafton irgend welches Wort aus solches Bauernflegels Munde, und sei es noch so flegelhaft, in seiner Ruhe zu stören vermöchte.«
»So stolz Ihr auch tut, Herr Ritter,« erwiderte Halbert, »so solltet Ihr in Eurer eingebildeten Ueberlegenheit doch nicht allzu fest darauf bauen, daß Ihr absolut nicht verwundbar seiet.«
»Von Deiner Seite,« entgegnete der Ritter, »kann mich nichts verwunden!«
»Nun, kennst Du dieses Zeichen?« rief der junge Glendinning, indem er dem Ritter die silberne Nadel vor Augen hielt, die ihm die weiße Frau gegeben hatte.
Solch jähen Uebergang aus einer Stimmung in die andre, wie sie sich jetzt bei dem Ritter vollzog, der aus dem Stadium hochmütigsten Frohsinns in das der unsinnigsten Leidenschaftlichkeit verfiel, dürfte noch kaum erlebt worden sein. Er erinnerte in diesem Augenblick an zwei Kanonen, von denen eine geladen in der Schießscharte steht, die andre von der Lunte unter Feuer gesetzt wird. Bebend vor Wut an allen Gliedern, stand er da wie außer sich, während in seinem vom Grimm verzerrten Gesicht ein Grad von Wildheit zum Ausdruck gelangte, der ihm mehr mit einem Besessenen als einem mit seinen fünf gesunden Sinnen ausgestatteten Menschen Ähnlichkeit gab. Er ballte die Fäuste, streckte sie weit vor sich und hielt sie dem jungen Glendinning vor die Augen, der über solchen Ausbruch von Wahnwitz und Raserei selbst ganz außer sich geriet. Auf einmal aber zog Sir Piercie die geballten Fäuste wieder an sich, gab sich mit der offnen Hand einen Schlag vor die Stirn und rannte im Zustande maßlosester Erschütterung aus dem Gemache. Dies alles geschah so plötzlich, daß sich kein Mensch hineinzumischen vermochte.
Nach dem Verschwinden des Ritters trat auf einen Moment vollständige Stille ein. Dann wurde allseitig die Forderung laut, daß Halbert Glendinning ohne Säumen erklären solle, wie er imstande gewesen sei, eine so unbedingte Wandlung in dem Betragen des Ritters mit solcher Plötzlichkeit zu bewirken.
»Ich habe nichts weiter mit dem Ritter gemacht,« antwortete er, »als was Ihr gesehen habt. Soll ich Rede und Antwort stehen für seine wunderlichen Grillen?«
»Knabe,« entgegnete der Abt in dem strengsten Tone, den seine Würde ihm lieh, »mit dergleichen Ausflüchten wirst Du bei mir keinen Erfolg haben. Sir Piercie ist kein Mann, der sich durch eine augenblickliche Laune dermaßen aus der Fassung bringen ließe. Du allein bist die Veranlassung dazu gewesen, Du mußt also Aufklärung geben können über den Fall. Ich befehle Dir, mir auf der Stelle zu sagen, wie Du unsern Freund in solcher Weise aufzuregen vermochtest. Wir dulden nicht, daß unsre Gäste in unsrer Gegenwart durch unsre Vasallen in solche an Wahnsinn streifende Aufregung versetzt werden, während wir selbst nicht einmal die Mittel kennen, wodurch solches bewerkstelligt wurde.«
»Bei meinem Leben, heiliger Vater,« rief Halbert Glendinning, »ich habe dem Ritter weiter nichts gezeigt, als dieses Ding hier,« erwiderte Halbert, indem er die Nadel dem Abte übergab, der sie mit aufmerksamen Blicken betrachtete und dann mit Kopfschütteln, ohne jedoch ein Wort hinzuzusetzen, dem Unterprior einhändigte.
Pater Eustachius betrachtete das geheimnisvolle Ding ebenfalls auf das aufmerksamste, dann sprach er ernst und gemessen zu Halbert:
»Junger Mann, sofern Du in dieser Sache nicht eines merkwürdigen Betruges verdächtig bleiben willst, so laß uns unverzüglich wissen, auf welche Weise Du in den Besitz dieses Gegenstandes gelangt bist, und wie es kommt, daß es auf den Ritter von solch merkwürdigem Einfluß ist?«