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»In meiner Haltung,« dachte Halbert stolz, »soll er nicht das geringste lesen, was ihm die Meinung wecken könnte, als sei ich auch nur ein Körnchen weniger gleichgültig als er.«

Und dann trat er an einen Wandsims und nahm einen Beutel herunter, der mit allerhand Gerätezeug angefüllt war, und machte sich eifrig an die Herrichtung von einigen Angeln. Als er etwa ein halbes Dutzend fertig haben mochte, sang Sir Piercie die letzten Strophen seines Gesanges von Asphodel. Auf diese Art bekundete er seine Kaltblütigkeit gegenüber dem am nächsten Tage zu erwartenden Ereignisse.

Inzwischen war es spät geworden, und die Hausgenossenschaft ging auseinander. Sir Piercie wandte sich zu der Frau vom Hause mit dem Anfang einer Unterhaltung: »Ihr Sohn Albert –»meinte er.

»Halbert,« verbesserte ihn mit Nachdruck die Witwe, »nach seinem Großvater Halbert Brydone ...« »Na, auch gut,« antwortete Sir Piercie, »ich habe Euren Sohn Halbert gebeten, morgen bei Sonnenaufgang mit mir auf die Jagd zu gehen. Wir wollen einen Hirsch vom Lager scheuchen, und Euer Sohn will mir den Beweis erbringen, daß er wirklich ein so tüchtiger Weidmann ist, wie die Leute sagen.«

»O, Herr Ritter, das ist er freilich,« erwiderte die Frau, »und Ihr sagt ihm doch bei dieser Gelegenheit, daß er dem Herrn Abt, unserm gnädigen Herrn, Gehorsam schuldig ist, und redet ihm zu, die Stellung eines Bogenschützen im Dienste der Abtei anzunehmen. Nicht wahr?«

»Verlaßt Euch nur auf mich, liebe Frau,« versetzte Sir Piercie, »ich werde ihm schon beibringen, wie er sich gegen feine Leute und Vorgesetzten zu benehmen hat.«

Dann wandte er sich zu Halbert.

»Also bei Tagesgrauen treffen wir uns?« sagte er wieder.

Halbert nickte zustimmend, und der Ritter fuhr fort:

»Indem ich noch meiner allerschönsten Protektion all jene fröhlichen Träume wünsche, die das Lager schöner Huldinnen umgaukeln, dieser anmutigen Demoiselle Mysie hingegen süße Ruhe in Morpheus' Armen und allen übrigen Herrschaften die im allgemeinen übliche gute Nacht, suche ich für mich selbst um die gütige Erlaubnis nach, mich nach meiner Ruhestatt verfügen zu dürfen, wenngleich ich mit dem Dichter sagen darf:

Ach Ruh! nur Lag' und Ort getauscht, doch Ruh' nicht –

Ach Schlaf! nur Ohnmacht der Natur, doch Schlaf nicht –

Ach Bett! nur Pfühl von Steinen, doch nicht Bett –

Bett, Schlaf und Ruhe kennt nicht der Verbannte!

Darauf ein anmutiges Kompliment, und der Ritter war aus dem Gemache verschwunden. Frau Glendinning gab nun das Zeichen zum Auseinandergehen, befahl noch Halbert, den Ritter ja pünktlich bei Tagesgrauen zu erwarten und begab sich dann zur Ruhe.

Halbert, der neben seinem Bruder auf dem Strohlager ruhte, konnte keine Ruhe finden. Der Zwist mit dem Ritter nahm seinen Geist noch immer rege in Anspruch, und je mehr er sann, desto deutlicher wurde ihm, was der Geist dunkel angedeutet hatte, daß er, wenn er ihm die Gabe bewillige, die von ihm ebenso unvorsichtig und ungestüm begehrt werde, mehr zu seinem Schaden handle als zu seinem Nutzen, und er erkannte nun zu spät, welche Gefahren und Schwierigkeiten seinen liebsten Freunden durch diesen Zweikampf drohten, gleichviel, ob er als Sieger aus demselben hervorginge oder den Tod dabei fände. Welches traurige Vermächtnis von Kummer und Wirren mußte sein Tod für seine Mutter werden! Und Mary von Avenel? So gewiß er über das Haus, in welchem sie seit ihrer Kindheit Schutz und Zuflucht gefunden hatte, und über sie selbst unnötigerweise Unheil und Unfrieden brachte, ebenso gewiß konnte er ihr, wenn er in dem gegenwärtigen Kampfe unterlag, weder Hilfe noch Beistand noch Schutz mehr gewähren!

So verzweifelt aber seine Aussichten waren, im Fall er den kürzeren zog, so winkte ihm anderseits, wenn er als Sieger aus dem Zweikampfe hervorging, auch keine andre Aussicht, als daß er das Leben rettete und seinem Stolze Befriedigung schuf. Seiner Mutter und seinem Bruder hingegen, desgleichen auch Mary von Avenel, mußten, wenn er siegte, weit schwierigere Verhältnisse erwachsen, als wenn er in dem Zweikampfe den Untergang fand, denn der englische Ritter konnte im letztern Falle recht wohl sich für verpflichtet erachten, ihnen seinen Schutz fernerhin angedeihen zu lassen. Fiel hingegen der Ritter, so konnte wahrscheinlich nichts die Rache hintanhalten, die der Abt und das Kloster an den Vasallen nehmen würden, in deren Haus ihr Gast statt Beschützer Mörder gefunden hatte! Dieser Gedanke, daß den Seinigen auf jeden Fall, gleichviel, welchen Ausgang der Zweikampf für ihn nähme, Not und Verderben erwachsen müßten, wandelte jeden Strohhalm seines Lagers zu einem scharfen Dorn und jagte allen Frieden aus seinem Gemüt und allen Schlaf aus seinen Augen.

Und nur ein einziger Weg zeigte sich ihm aus diesem Wirrsal, aber es war ein Weg herber Erniedrigung, und ein Weg, nicht frei von Gefahr, selbst wenn er ihn wandelte. Er mußte dann dem englischen Ritter bekennen, durch welche seltsamen Umstände er bestimmt worden war, ihm die silberne Nadel zu zeigen, und von wem er sie bekommen hatte. Aber zu solchem Bekenntnis konnte sich sein Stolz nicht herablassen, und dann mußte er sich auch sagen, wenn er seinen Verstand dabei zu Rate zog, – und Verstand ist in solchen Fällen doch immer gar zu sehr geneigt, Stolz zu beraten – daß solche Erniedrigung ebenso unnütz wie überflüssig sein würde; »denn erzähle ich,« dachte er bei sich, »solch seltsame Geschichte, so werde ich doch unfehlbar entweder als Lügner gebrandmarkt oder als Zauberer bestraft, und wenn Sir Piercie Shafton so großmütig und edel wäre wie die Kämpen in Romanen, dann ließe sich vielleicht sein Ohr gewinnen und aus der Lage gelangen, in der ich stecke, ohne daß ich mich erniedrigen müßte, aber er ist doch so eingenommen von sich, so eitel und anmaßend und hochmütig, daß ich mich ganz ohne Frage vergeblich vor ihm beugen würde ... nein,« rief er plötzlich energisch und war mit einem Satze aus dem Bett, »ich beuge mich nicht!« und er packte sein großes Schlachtschwert und schwang es in dem Mondschein, der sich durch die offne Nische ergoß, die als Fenster diente ... als er zu seinem namenlosen Entsetzen dicht vor sich ein luftiges Gebilde erblickte, dessen flüchtig und leise wie ein Hauch zu ihm herüber dringende Stimme ihn im Nu dahin aufklärte, daß er die weiße Frau wieder vor sich hatte. Um so grausiger war ihm ihr Anblick, als sie diesmal ihm ungerufen erschien; es war ihm, als wecke sie Ahnungen in ihm von einem unmittelbar bevorstehenden Unglück, und der Gedanke, daß er sich mit einem Dämon verbrüdert habe, über dessen Macht und Eigenschaften er sich vollständig im unklaren befand, war von so furchtbarer Wirkung auf ihn, daß er vom Schreck wie gefesselt war und wie entgeistert die Gestalt anstarrte, die den Vers hersang oder im rhythmischen Maße hersprach:

Nicht vor Blutvergießen beben