Darf, wer Rache sinnt, denn eben
Knoten, die die Zunge fitzte,
Löst man nur mit Schwertes Spitze.
»Hebe Dich weg von mir, Du falscher Geist!« rief Halbert, »hab ich Deinen Rat doch schon so teuer erkauft! ... Fort, fort von mir, Du trügerisches Gebilde! fort, fort im Namen Gottes!«
Das Gespenst schlug eine gräßliche Lache auf, und ihr schriller Klang hörte sich weit grausiger an, als der sonstige so melancholische Laut seiner Stimme:
Du riefst mich einmal, riefst mich zweimal zu Dir,
Und ungerufen steh ich jetzund hier.
Du kamest ungebeten, unbegehrt ins Tal,
Und ungebeten, unbegehrt komm ich nun mal.
Vor Schreck schier außer sich, rief Halbert seinem Bruder zu:
»Edward, Edward! wache auf, wache auf! Siehst Du denn niemand in der Stube?«
Edward richtete sich auf und sah sich um.
»Nein,« sagte er, »ich sehe nichts.«
»Was? nichts auf dem Boden vor Dir im Mondschein?« fragte Halbert.
»Nein, ich sehe nichts, nichts als Dich, gestützt auf Dein bloßes Schwert. Glaub mir, Halbert, Du solltest mehr Deinen geistigen Waffen vertrauen als den Waffen von Stahl und Eisen, die Du so liebst. In so mancher Nacht schon bist Du aus Deinem Schlafe aufgefahren und hast laut gesprochen von Schlachten und Gespenstern und Kobolden, hast keine Erquickung im Schlafe gefunden, hast Dich gewälzt von einer auf die andre Seite. Glaub mir, Halbert, bete Dein Vaterunser und Dein Credo, gib Dich in Gottes Obhut, und Du wirst gesund schlafen und gestärkt erwachen.«
»Das kann schon sein,« antwortete Halbert langsam, aber sein Blick wich nicht von der weißen Gestalt, die in voller Sichtbarkeit vor ihm stand, »das kann schon sein. Aber, Edward, sag mir bloß eins: siehst Du wirklich nichts auf dem Boden als mich?«
»Nichts als Dich,« wiederholte Edward, indem er sich auf die Ellbogen stützte, »Bruder, leg Deine Waffe beiseite, sprich Dein Gebet und leg Dich zur Ruhe.«
Während dieser Worte Edwards stand auf dem Gesichte des Geistes dasselbe verächtliche Lächeln wie vordem, und bevor dieses Lächeln schwand, war zuvor die bleiche Wange in dem Mondlicht geschwunden, und Halbert erblickte die Erscheinung jetzt selbst nicht mehr, um derentwillen er sich so ängstlich an die Aufmerksamkeit seines Bruders gewandt hatte.
»Gott bewahre mir meinen Verstand!« sagte er, indem er sein Schwert abgürtete und sich wieder auf das Lager warf.
»Amen, mein Bruder, Amen!« erwiderte Edward; »wir dürfen jedoch den Himmel nicht herausfordern in unsrer Anmaßung, wenn wir auch zu ihm flehen in unsrer Not. ... Zürne mir nicht, lieber Bruder! ... Aus welchem Grunde hältst Du Dich seit einiger Zeit so fern von mir? Freilich, Du bist von Kind auf stark und beherzt gewesen, ich aber nicht, doch hattest Du bis vor kurzem noch immer ein paar Augenblicke tagsüber für mich. Warum ist das mit einem Male so ganz anders geworden, Bruder? Glaub mir, Halbert, ich habe manche Träne deshalb geweint, wenn ich es auch immer vermied, mich in Deine Geheimnisse zu drängen. ... Wirf doch die Arme nicht so wild um Dich, Bruder!« fuhr Edward fort, »Du hast, scheint es, seltsame Träume! Ich fürchte, Deine Nerven sind erschüttert. Rück näher an mich heran! Ich will Dich mit meinem Mantel zudecken.«
»Laß mich in Ruhe, Edward,« versetzte Halbert, »Deine Sorge ist unnütz. Deine Klagen sind grundlos, Du brauchst Dich wahrlich nicht solchen Befürchtungen hinzugeben um meinetwillen.«
»Bruder Halbert,« nahm da Edward das Wort, »gib mir ein paar Augenblicke Gehör! Wenn Du im Schlafe sprichst oder in wachen Träumen liegst, dann weilst Du bei Wesen, die nicht von dieser Welt sind und nicht zum Menschengeschlechte gehören. Unser frommer Pater Eustachius sagt, wir sollten freilich nicht uns mit Sagen von Kobolden und Gespenstern abgeben, denn es sei eitler Kram, aber wir müßten anderseits der heiligen Schrift gemäß für wahr halten, daß der böse Feind in Wüsten und an einsamen Stätten sich gern einnistet, und daß, wer sich allein dorthin wagt, auch leicht solchem schweifenden Satan in die Hände gerät. Darum, Bruder, bitte ich Dich, geh nicht wieder allein in das einsame Tal hinunter, sondern nimm mich mit. Wenn Du auch meinen Schutz nicht brauchst, so weißt Du doch, wie übel berüchtigt viele Stellen dort unten sind, und daß solchen Gefahren der besonnene Mensch besser gewachsen ist als der verwegene. Ich habe gewiß noch keinerlei Recht, mir auf meine Weisheit etwas einzubilden, aber was uns aus gelehrten Büchern der verwichnen Zeiten darüber zu Gebote steht, das ist mir doch bekannt geworden.«
Fast hätte Halbert sich versucht gefühlt, seinem Bruder, als er diese freundlichen Worte aus seinem Munde vernahm, alles zu vertrauen, was sein Herz so seltsam schwer bedrückte. Aber im nächsten Augenblick erinnerte Edward daran, daß doch eben ein hoher Festtag angebrochen sei, daß er alles andre beiseite lassen und eilen müsse, nach dem Kloster zu gelangen, da er beim Pater Eustachius für die Beichte vorgemerkt sei. Da regte sich Halberts Stolz wieder, und er nahm sich vor, seinen Entschluß nicht mehr zu ändern.
»Nein,« sprach er bei sich, »ich mag nicht fliehen vor diesem Engländer, denn sein Arm und sein Schwert können nicht besser sein als mein Arm und mein Schwert. Meine Väter haben schwereren Kampf bestanden, und daß er wirklich ein so guter Fechtmeister ist, als wie er von sich sagt, das mag er nur erst mal beweisen.«
Stolz, sagt man, behütet Mann und Weib vorm Falle, Stolz erweist sich aber noch von stärkerm Einfluß auf die Seele, wenn er sich auf die Seite der Leidenschaft schlägt, denn dann siegt er über Vernunft und ertötet das Gewissen. So auch bei Halbert, der nun, wenn auch zum Schlimmern, entschlossen war. Zuletzt aber überkam auch ihn der Schlaf, und er wurde erst mit Tagesanbruch wieder munter.
Viertes Kapitel
Kaum graute der Morgen, so war Halbert auf den Beinen und fuhr geschwind in die Kleider. Dann gürtete er sein Schwert um und griff nach seiner Armbrust, ganz so, wie wenn er seinem gewöhnlichen Zeitvertreib nachgehen wollte. Er tappte die finstre Wendeltreppe hinab, schob behutsam von dem innern Tor die Riegel zurück und stand auf dem Hofe. Als er nun sich umsah und auch zum Turme hinauf blickte, bemerkte er, daß jemand mit einem Schnupftuch aus dem Fenster winkte. Er dachte im ersten Augenblick, sein Widersacher sei es, und blieb stehen, um auf ihn zu warten. Aber es war Mary Avenel, die wie ein Geist unter dem niedrigen, grob gezimmerten Torwege hervorschlich.
Halbert schreckte zusammen. Es war ihm ganz so zu Mute, wie einem, der sich auf einem verbotenen Wege ertappt findet. Noch nie zuvor war ihm die Gesellschaft des jungen Mädchens so peinlich gewesen wie in diesem Augenblicke. Und um so peinlicher wurde sie ihm, als in dem Tone, in welchem sie ihn anredete, sich Besorgnis mit Vorwürfen zu mischen schien. Sie fragte ihn ernst und eindringlich, was er zu beginnen gedächte. Halbert zeigte auf die Armbrust, und wollte eben eine Ausflucht machen, als Mary ihm ins Wort fiel.
»Laß doch das sein, Halbert!« sagte sie; »Deine Rede war immer bisher ja ja, nein nein, und strenge Wahrheit. Ausflüchte sind eines rechten Mannes unwürdig. Deine Gedanken sind heut nicht auf Wild gerichtet, das unsre Wälder belebt. Du suchst nach anderm Ziele ... Du willst einen Zweikampf ausfechten mit dem Fremden!«
»Und aus welchem Grunde sollte ich Händel suchen mit unserm Gaste?« fragte Halbert, während tiefe Glut in seine Wangen stieg.
»Du hast mehr denn einen Grund dazu, Halbert, aber noch mehr Gründe ließen sich für Dich finden, solchem Vorhaben nicht nachzugehen!« versetzte das Mädchen, »und jeder dieser letztern wöge für sich allein die sämtlichen andern auf. Und doch begibst Du Dich jetzt auf den Weg, solchen unseligen Zwist auszufechten?«
»Wie kannst Du bloß solche Dinge vermuten, Mary?« erwiderte Halbert, eifrig bemüht, sein geheimes Vorhaben zu verbergen, »der Ritter ist der Gast meiner Mutter, genießt den Schutz des Abtes und der gesamten Klosterbrüderschaft, er ist von hoher Geburt, und Du kannst trotz alledem meinen, ich wollte mir herausnehmen, ein hastiges Wort aus seinem Munde, das vielleicht mehr im Uebermut seines Witzes gefallen ist, als daß es die wirkliche Meinung seines Herzens gegen mich wäre, zu ahnden?«