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»Halbert, Halbert!« rief das Mädchen, »diese letzte Frage macht mir, was ich ahnte, zur Gewißheit. Du warst von Kind auf verwegen. Du hast immer die Gefahr gesucht, statt ihr aus dem Wege zu gehen, hast Dich allezeit gefreut über alles, was waghalsig und gefahrvoll war! Du wirst auch, was Du jetzt vorhast, nicht aus Furcht aufgeben. Aber, Halbert, tu es aus Mitleid, aus Mitleid mit Deiner bejahrten Mutter, die Dein Tod des Trostes und der Stütze beraubt, und Dein Sieg nicht minder.«

»Meine Mutter,« erwiderte Halbert, sich abwendend, »hat ja doch noch meinen Bruder Edward!«

»Allerdings bleibt ihr noch der sanftmütige, edelgesinnte und besonnene Edward,« antwortete Mary, »der Deinen Mut besitzt, Halbert, doch ohne Dein Feuer, ohne Deinen Wagemut, der den gleichen hohen Sinn hat wie Du, aber ihn mit bessrer Vernunft zu regieren weiß. Er hätte seiner Mutter schon sein Ohr geliehen, er hätte seine Pflegeschwester nicht umsonst bitten lassen, wenn sie ihn beide gebeten hätten, sich nicht in solches Verderben zu stürzen, nicht all ihre Hoffnungen zu vernichten!«

Mit herber Unruhe im Herzen erwiderte Halbert auf diese Worte:

»Nun wohl, Mary! was ist der Sinn all dieser Reden? Ihr behaltet ja doch denjenigen von uns beiden, der in Euren Augen der Bessere ist, der Klügere, der Mutigere ... wenn Ihr beide diesen Beschützer behaltet, was braucht Ihr dann mich? was schert Ihr Euch dann noch um mich?«

Er wandte sich zum Gehen, aber Mary Avenel legte ihre weiche Hand so sanft auf seinen Arm, daß er den Druck kaum fühlte, wohl aber, wie schwer, wie unmöglich es ihm sei loszukommen. So stand er denn, mit einem Fuß bereit, den Hof zu verlassen, und doch so unschlüssig, daß er den Eindruck eines Menschen machte, der von einem Platz weg will, den aber ein Zauber an den Boden bannt, so daß er den Fuß nicht weiter zu setzen vermag.

Mary Avenel nahm seine Unschlüssigkeit wahr und drang weiter in ihn.

»Höre mir zu, Halbert,« sagte sie, »bloß ein paar Worte noch! Ich bin eine Waise, und selbst der Himmel erhört die Waisenkinder ... ich war die Genossin Deiner Kindheit, und wenn Du mir nicht solche Liebe erweisen willst, mich einen Augenblick anzuhören, wer anders soll mir dann solche geringfügige Gabe gewähren? wen anders soll ich darum angehen?«

»Ich höre Dir ja doch zu,« erwiderte Halbert, »aber, liebe Mary, fasse Dich kurz! Du bist im Irrtum darüber, was ich heut vorhabe. Es handelt sich um nichts weiter zwischen uns beiden Männern als um einen einfachen Frühspaziergang an dem schönen Sommermorgen.«

»Sprich nicht so zu mir,« erwiderte Mary, ihn unterbrechend, »nicht so zu mir! Andre kannst Du ja zu täuschen versuchen und täuschen, aber nicht mich! Seit meiner frühesten Jugend regt sich, wenn ich mich einer Falschheit gegenüber sehe, in meinem Herzen eine Stimme, die mich warnt, vor der aller Trug zerstiebt, vor der alle List zu nichte wird. Zu welchem Zweck mir das Schicksal solche Kraft verliehen hat, weiß ich freilich nicht; aber trotzdem ich in diesem weltfremden Tale in Unwissenheit erzogen worden bin, erkennen meine Augen doch gar häufig, was die Menschen sich bemühen zu verheimlichen. Auch unter der heitersten Stirn bleibt mir das düstre Vorhaben nicht verborgen, das der Mensch in seinem Herzen brütet, und ein einziger Blick meines Auges sagt mir mehr, als andern Menschen Eide und Versicherungen.«

»Ei, ei, liebe Mary,« erwiderte Halbert, »bist Du solche Herzenskünderin, dann sage mir, was liest Du wohl in meinem Herzen? Sag mir nur eins, daß, was Du hier in diesem Busen liest, Dich nicht kränkt. Bloß dieses eine sag mir, und Du sollst hinfort meines Herzens Lenkerin und meines Tuns und Lassens Seele sein, sollst mich, ganz nach Deinem Gefallen und Willen, leiten können zu Ehre oder Unehre.«

Bei diesen Worten des Jünglings schoß in Marys Wangen zuerst eine jähe Röte, die aber ebenso schnell einer Leichenblässe wich. Als er sich aber dann umdrehte in der Absicht, ihre Hand zu fassen, antwortete sie, indem sie sich sanft von ihm losmachte:

»In den Herzen, Halbert, kann ich nicht lesen; ich möchte auch in Deinem Herzen nichts lesen, als was sich für uns beide geziemt; bloß auf Zeichen, Worte und Handlungen von geringerer äußerer Bedeutung verstehe ich mich besser als meine Umgebung, wie ja auch meine Augen, wie Du weißt, Dinge gesehen haben, die andern niemals sichtbar geworden sind.«

»So richte sie denn auf jemand, den sie nimmer wieder sehen werden!« erwiderte Halbert, wandte sich von ihr und stürzte, ohne sich noch einmal umzusehen, zum Hofe hinaus.

Mary von Avenel stieß einen matten Schrei aus und preßte die Hände an die Stirn. Kaum eine Minute mochte sie so gestanden haben, als hinter ihr sich eine Stimme vernehmlich machte:

»Es ist sehr edelmütig von meiner gütigen Protektion, diese leuchtenden Augen vor jenen um so vieles gemeineren Strahlen zu verhüllen, die eben den östlichen Horizont mit ihrem Golde säumen wollen. Freilich könnte es wohl geschehen, daß Phöbus, außer stande, den stärkern Strahlenglanz zu ertragen, mit beschämtem Angesicht seinen Wagen umlenkte und lieber die Welt in Dunkelheit ließe, als die Schmach solcher Begegnung auf sich nähme. Glaubt mir, meine liebwerte Protektion ...«

Als nun aber Sir Piercie Shafton, denn der Leser wird an dieser blumenreichen Rede sicher den Sprecher erkannt haben, die Hand der jungen Dame ergreifen und seine Ansprache fortsetzen wollte, da machte sie eine flinke Wendung beiseite und eilte, mit einem Blicke, aus dem Schrecken und Bewegung zugleich sprachen, an ihm vorbei und in den Turm zurück.

Der Ritter blickte ihr nach mit einer Miene voll Verachtung und gleichzeitig auch Verdruß, und rief dann:

»Bei meiner Ritterschaft! ich habe an diese bäurische Phidele eine Rede weggeworfen, die von der erhabensten Schönheit an Felicias Hofe ... so möge man mir hinfort das Elysium zu nennen erlauben, aus dem ich verwiesen worden ... als Cupidos Frühmesse bezeichnet worden wäre. Ja, mein Piercie Shafton, das Schicksal hat sich recht herbe gegen Dich erwiesen, indem es Dich hierher bannte in diesen einsamen Winkel, wo Du Deinen herrlichen Witz vergeuden mußt an Bauerndirnen und Dich messen mußt mit vierschrötigen Gesellen. Aber für solchen Schimpf, und wär er mir zugefügt worden von dem gemeinsten Plebejer, gibt es keine andre Remedur als den Tod. Von meiner Hand soll er sterben, der Wicht, die Maßlosigkeit der Beleidigung gleicht den Unterschied im Stande hier vollständig aus. Zudem glaube ich, daß sich der Flegel und Prahlhans zu Hieben wohl ganz ebenso bequemen wird, wie zu Spott und Hohn.«

Unter solchem Selbstgespräch eilte der Ritter nach dem kleinen Birkengebüsch, das zwischen den beiden Widersachern als Stätte des Rendezvous gewählt worden war. Als er dort hinkam, fand er den Gegner schon anwesend. Er grüßte ihn höflich und begleitete den Gruß mit den Worten:

»Ich ersuche Euch, mein junger Herr, nicht unbeachtet zu lassen, daß ich vor Euch den Hut ziehe, trotzdem Ihr mir an Rang so tief nachsteht. Indessen hat die Ehre, die ich Euch dadurch erwiesen habe, daß ich Eure Herausforderung annahm, uns nach dem besten Urteil aller Kämpen gewissermaßen, wenigstens für die Zeit unsres Zwistes, auf gleiche Stufe miteinander gestellt. Diese Ehre muß Euch, meine ich, höchst wohlfeil dünken, selbst wenn sie Euch das Leben kosten sollte, was im bevorstehenden Kampf allerdings hohe Wahrscheinlichkeit für sich haben dürfte.«

»Diese Gnade von Eurer Ehren,« versetzte Halbert, »habe ich wohl lediglich dem geringfügigen Dinge aus Silber zu verdanken, das ich Euch zeigte?«

Im Nu verfärbte sich der Ritter und knirschte vor Wut mit den Zähnen.