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»Was jedoch hier nicht zuträfe,« erwiderte Halbert, »denn die Burg ist von den ersten Lords von Avenel erbaut worden, die im ganzen Land zu Friedenszeiten ebenso beliebt wie in Kriegszeiten gefürchtet waren. Der Mann, der sich auf räuberische Weise jetzt in den Besitz ihres Erbteils gesetzt hat, hat keine größere Ähnlichkeit mit ihnen, als die räuberische Eule mit dem Falken hat, wenn sie auch auf den gleichen Felsen horsten.«

»Also ist Julian Avenel bei seinen Nachbarn nicht gut angeschrieben?« fragte der Greis.

»So schlecht angeschrieben ist er,« erwiderte Halbert, »daß ich mit Ausnahme der Wamsmänner und Reisigen, mit denen er gemeinsame Sache zu machen pflegt, kaum noch jemand kenne, der sich mit ihm abgeben möchte. Zu wiederholten Malen schon ist er in England wie in Schottland geächtet worden, seine Güter sind für verfallen erklärt und über ihn selbst die Acht verhängt, ja auf seinen Kopf sogar ein Preis gesetzt worden. Aber in Zeiten, wie den unsrigen, findet ein Mann von solcher Verwegenheit, wie Julian Avenel, immer ein paar gute Freunde, die ihn mit Freuden gegen die Strafe des Gesetzes in Schutz nehmen, vorausgesetzt daß er im stillen zu Gegenleistungen sich bereit finden läßt.«

»Du schilderst ihn mir als einen recht gefährlichen Menschen,« meinte Heinrich Warden.

»Das könnt Ihr leicht selbst erfahren,« antwortete der Jüngling, »sofern Ihr nicht ordentlich auf Eurer Hut seid. Indessen kann es ja doch auch sein, daß er sich unsrer Kirchengemeinschaft entfremdet hat und auf dem Pfade der Ketzerei wandelt.«

»Was Du in Deiner Verblendung so nennst,« belehrte ihn der Reformator, »ist einzig und allein der richtige Weg zum wahren Glauben. Gebe der Himmel, der Mann wäre von keinem andern schlechten Geiste beseelt als diesem! Mir persönlich ist der Baron von Avenel völlig unbekannt. Er gehört weder zu unsrer Vereinigung noch zu unserm Rat. Und doch habe ich Schreiben an ihn von Personen, die er, wenn nicht fürchten, so doch achten muß, und im Vertrauen darauf begebe ich mich zu ihm in seine Behausung ... Kommt, wir wollen weiter gehen. Die kurze Pause, die wir uns gegönnt haben, hat mich hinreichend gestärkt.«

»Laßt Euch wenigstens noch folgendes raten, frommer Vater,« sagte Halbert, »Ihr dürft wohl glauben, daß das, was ich Euch sage, sich auf den Brauch gründet, der in diesem Lande und bei seinen Bewohnern herrscht. Könnt Ihr es aber wagen, den Fuß in die Burg zu setzen, dann versucht wenigstens, sichres Geleit von ihm zu erreichen, und laßt nicht eher ab, als bis ers Euch zuschwört beim schwarzen Kreuze. Achtet auch darauf, ob er mit Euch zusammen an der gleichen Tafel ißt und ob er Euch zutrinkt. Unterläßt er es, Euch diese Zeichen des Willkomms zu bieten, dann will er Euch auch nicht wohl, und Ihr tut gut, auf Eurer Hut zu sein.«

»Leider habe ich zurzeit keine bessre irdische Zukunft als diese drohenden Türme, aber im Vertrauen auf jenen andern Beistand, der nicht von dieser Erde ist, setze ich den Fuß hinein. Du aber, mein wackrer Jüngling, mußt denn auch Du Dich den Gefahren dieser Höhle aussetzen?«

»Ich bin nicht in Gefahr,« erwiderte Halbert Glendinning, »denn ich bin gut bekannt mit einem Reisigen Julians, mit Christie von Clinthill. Und was mich persönlich am besten schützt, ist der Umstand, daß ich nichts an mir habe, was Bosheit wecken und Raubgier locken könnte.«

Vom See her wurden in diesem Augenblick Hufschläge laut, und als sie sich umdrehten, erblickten sie einen Reiter, dessen Stahlhelm und Lanzenspitze im Schein der untergehenden Sonne glitzerten. Er kam rasch auf sie zugeritten, und Halbert erkannte auf der Stelle Christie von Clinthill in ihm. Er unterrichtete geschwind seinen Kameraden, daß es Julians Reisiger sei, der auf sie zukäme.

»Ei, ei, mein Bürschchen,« rief Christie dem jungen Glendinning zu, »hast Du Dich nun doch noch besonnen und kommst, Dienst bei meinem edlen Herrn zu nehmen? Als wir letzt zusammen sprachen, warst Du ja noch recht widerhaarig! Aber sollst an mir einen treuen Kameraden finden, und noch vorm Sankt Barnabas-Tage alle Schleichwege zwischen Millburn Plain und Netherby so genau kennen, als wärst Du mit dem Wams auf dem Leibe und mit der Lanze in der Faust auf die Welt gekommen. ... Was bringst Du uns denn aber für einen alten schwarzen Knaben mit ins Haus? Zu der Brüderschaft vom Liebfrauenkloster gehört er doch nicht, denn ich sehe ja das Brandmal dieser schwarzen Biester nicht an ihm.«

»Es ist ein Pilger, der mit dem Ritter von Avenel etwas zu erledigen hat, geschäftlicher Natur, also brauchst Du Dich nicht so zu haben! Und was mich selbst angeht, so will ich nach Edinburg hinunter, um mich mal bei Hofe umzusehen. Wenn ich wieder heimkomme, will ich zusehen, was sich zu Deinem Vorschlag sagen läßt. Für heute nacht jedoch will ich von Deiner häufigen Einladung, Dich mal auf der Burg zu besuchen, Gebrauch machen und um Unterkunft für den Greis und mich bitten.«

»Du bist willkommen, junger Kamerad,« sagte hierauf Christie, »aber für Pilger oder Leute, die wie Pilger aussehen, haben wir auf der Burg kein Gelaß.«

»Mit Verlaub, mein Lieber,« nahm Heinrich Warden das Wort, »ich habe von einem vertrauten Freunde Empfehlungsschreiben an Euren Herrn, und darf wohl annehmen, daß er sich demselben durch ernstere Dinge gefällig erweisen möchte, als daß er mir auf kurze Zeit Schutz und Unterstand gewährt. Ich bin kein Pilger, im Gegenteil den Wallfahrten mit ihren abergläubischen Bräuchen streng abhold.«

Mit diesen Worten reichte er dem Reisigen die Papiere, der sie wohl nahm, aber den Kopf schüttelte und sagte:

»Damit muß sich mein Herr selbst befassen. Er wird sie wohl lesen können. Für mich sind Schwert und Lanze Buch und Psalter und sind es schon seit meinem zwölften Jahre. Aber in die Burg hinauf führen will ich Euch, der Baron von Avenel mag Euch selbst bescheiden, ob er Euch aufnehmen will oder Euch lieber den Laufpaß gibt.«

Inzwischen hatte der kleine Trupp den Damm erreicht, der die Verbindung zwischen dem Felseneiland und dem Ufer des festen Landes herstellte. Er trabte Christie voraus und meldete den Burgwächtern seine Ankunft durch einen schrillen Pfiff. Die vordere Zugbrücke wurde niedergelassen, der Reiter trabte hinüber und verschwand auf der andern Seite unter der finstern Pforte. Glendinning und sein Kamerad folgten ihm langsam zu Fuße, denn der Weg über den holprigen Damm war beschwerlich, aber auch sie kamen bald unter den düstern Torweg, über welchem sich, in tiefrote Quadern gehauen, das alte Wappen des Geschlechtes der Avenel zeigte. Dasselbe stellte eine weibliche Gestalt vor in dichter Vermummung durch eine Art Schleier oder Umhang oder beides, die das Wappenfeld vollständig einnahm. Warum das Geschlecht derer von Avenel zu solch seltsamem Wappenbilde gekommen war, entzog sich der Betrachtung ebenso, wie was dasselbe bedeuten sollte; aber die Rede ging allgemein, daß die Wappenfigur die weiße Frau darstellte, jenes geheimnisvolle Wesen, dem in allen Wandlungen, die das alte Geschlecht betroffen hatte, eine weissagende, zum Teil sogar tätige Rolle beigemessen wurde. Halbert dachte beim Anblick dieser wunderlichen Wappenfigur an die mancherlei Umstände, die sein Schicksal und das der Mary von Avenel mit dieser Erscheinung in Beziehung gesetzt hatten, und es fiel ihm ein, daß er diese Figur schon auf dem bei der Plünderung des Schlosses nach Walter von Avenels Tode geretteten und von seiner Witwe mit nach Glendearg gebrachten Siegelringe dieses letzten direkten Sprossen des berühmten schottischen Geschlechts gesehen hatte.

»Warum seufzest Du so schwer, mein Sohn?« fragte der Greis, der den Eindruck, den die Figur auf das Gemüt des Jünglings gemacht hatte, wohl bemerkte, aber den Grund dazu mißverstand; »wenn Du Dich fürchtest, den Fuß hinein zu setzen, so können wir ja noch immer umdrehen.«

»Das müßt Ihr nun schon bleiben lassen,« meinte Christie von Clinthill, der eben aus einer Seitentür unterhalb des Gewölbes wieder zum Vorschein kam, »denn guckt Euch doch um! entweder müßt Ihr wie ein paar Wildenten durch das Wasser paddeln oder wie ein paar Regenvögel durch die Luft streichen, denn was andres bleibt Euch, wenn Ihr zurück wolltet, wohl nicht übrig.«