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»Was soll das heißen, zum Teufel, daß Ihr keine Antwort gebt?« fragte Avenel in einem weniger herrischen Tone nach einer Weile.

»Wenn Ihr fertig seid mit Eurer Rede,« erwiderte Warden, in dem ruhigen Tone, der bisher seine Worte ausgezeichnet hatte, »dann ist es ja Zeit genug für mich, Euch zu antworten.«

»Dann rede, Mönch, ins Teufels Namen! aber nimm Dich in acht, daß Du nicht bettelst, sei es auch bloß um einen Bissen, den kein Hund von mir möchte!« »Ich bin kein Bettler und auch kein Mönch,« erwiderte Warden, »und wär Euch um keines Wortes willen wider Mönche gram, wenn Ihr reden möchtet um christlicher Liebe willen.«

»Nun, was bist Du anders?« rief Avenel, »und was hast Du hier in unserm Grenzlande zu suchen, wenn Du es weder als Mönch noch als Soldat und Bettler betrittst?«

»Ich bin ein Prediger des heiligen Wortes, und dieses Schreiben hier von einem sehr vornehmen Herrn wird Euch über den Grund meiner Anwesenheit unterrichten.«

Mit diesen Worten übergab er dem Baron einen Brief, und dieser betrachtete nicht ohne Ueberraschung das Siegel und las mit immer wachsenderer Verwunderung den Inhalt. Dann heftete er einen grimmigen Blick auf den Greis und rief in warnendem Tone:

»Du nimmst Dir hoffentlich nicht heraus, mich zu täuschen oder gar zu hintergehen?«

»Ich bin der Mensch nicht, der solches im stande wäre,« versetzte kurz der Prediger.

Julian trat ans Fenster und las den Brief noch einmal oder stellte sich wenigstens so, denn sein Blick schweifte verstohlen von dem Brief auf den Fremden, wie wenn er den Inhalt mit dem Gesicht desselben vergleichen wolle. Endlich rief er der schönen Frau zu:

»Käthe, hol mir doch einmal geschwind den Brief, den Du in dem Kästchen aufheben solltest, weil es mir an einem geeigneten Orte, ihn aufzuheben, fehlte.«

Katharina stand schnell auf, und nun wurde jener veränderte Zustand, der einen weiteren Rock und Gürtel forderte, in welchem die Frau eine erhöhte Sorgfalt und Liebe vom Manne zu erwarten hat, noch sichtbarer als bisher. Sie war zwar schnell mit dem geforderten Papiere wieder zur Stelle, aber der ganze Dank, den sie dafür erhielt, bestand in den Worten:

»Ich danke Dir, Weib; Du bist ein gewissenhafter Sekretär.«

Auch dieses zweite Papier las er mehr denn einmal durch und warf auch während dieser Lektüre von Zeit zu Zeit einen vergleichenden Blick auf den Prediger, der aber trotz aller Gefahr seiner Lage die Ruhe wahrte, wie bisher, und vor dem Geierblick des Barons unentwegt standhielt. Zuletzt faltete der Baron die Papiere zusammen und schob sie in die Rocktasche. Dann sagte er mit einem fröhlichen Anstrich zu seiner Gefährtin:

»Käthe! ich habe den guten Mann verkannt; ich habe ihn für einen von den römischen Faulpelzen gehalten, aber er ist ein Prediger von ... von der neuen Lehre der Kongregation.«

»Von der Lehre der heiligen Schrift,« erwiderte der Prediger, »die geläutert worden ist durch menschliche Erfindungen.«

»Ja, so ist wohl die Bezeichnung,« antwortete Julian von Avenel, »meinetwegen nenne es, wie es Dir beliebt! mir ists recht, weil wir dadurch die albernen Träumereien von Heiligen, Engeln oder Teufeln los kriegen, und die mönchischen Tagediebe überflüssig werden, die uns mit ihren Leichenmessen und Opfern und Zehnten das Geld aus der Tasche und mit ihren zehn Geboten und Psalmen den Mut aus dem Herzen holen! Die neue Lehre räumt ja auf mit all dem Kram von Taufen und Bußen und Beichten und Ehen, und was es an sogenannten Sakramenten sonst noch gibt!«

»Mit Verlaub,« sagte Warden, »nicht gegen die Grundlehren der Kirche kämpfen wir, sondern gegen die Verderbnis der Kirche; nicht abschaffen wollen wir die Grundlehren, sondern vielmehr festigen.«

»Ruhig, Pfaffe!« rief der Baron, »uns Laien ists ganz gleichgültig, was Ihr macht und wie Ihrs macht. Unser Beruf ists, die Welt von oben nach unten zu kehren, denn wenn alles drunter und drüber geht, dann leben wir am lustigsten.«

Warden wäre ihm die Antwort hierauf wohl kaum schuldig geblieben, aber der Baron ließ ihm keine Zeit dazu, sondern schlug mit dem Dolch auf den Tisch und rief:

»Heda, ihr langsamen Schufte! tragt das Essen auf! Seht Ihr denn nicht, daß der fromme Mann ganz ausgehungert ist? Habt Ihr je von einem Pfaffen gehört, der nicht fünfmal am Tage gefuttert hätte?«

Die Diener brachten mehrere dampfende Schüsseln herein, in denen große Stücke Rindfleisch, teils gebraten, teils gekocht, lagen, aber ohne alle Zutat, ohne Gemüse sowohl als Brot, bloß ein paar Haferkuchen wurden in einem Korbe auf die Tafel gesetzt. Der Ritter hielt es für angemessen, sich bei Heinrich Warden deshalb zu entschuldigen.

»Ihr seid von jemand, den wir außerordentlich achten und schätzen, unsrer Fürsorge empfohlen, Herr Prediger, da dies nun doch einmal Euer Titel ist,« sagte Julian von Avenel.

»Ich bin der Zuversicht, daß der edle Lord ...« sagte Warden.

»Pst, pst!« fiel ihm der Ritter in die Rede, »was brauchen Namen genannt zu werden? Wir verstehen einander ja doch! Ich wollte bloß erwähnen, daß er Euch unsrer Hut empfiehlt. Nun, was diesen Punkt anbetrifft, so braucht Ihr ja bloß auf unsre Mauern und auf den See um unsre Burg herum zu blicken; aber der Lord legt uns auch ans Herz, für Eure Bequemlichkeit zu sorgen. Und da muß ich Euch denn sagen, daß wir selbst kein Korn bauen, und daß sich Mehlsäcke aus dem Süden nicht so leicht wegschaffen lassen wie Rindvieh, denn Rindvieh hat Beine und läßt sich treiben, und Mehlsäcke wollen geschleppt sein. Aber einen Becher Wein sollst Du haben, Pfaffe, und sollst auch zwischen mir und meiner Käte obenan am Tische sitzen. Du aber, Christie, nimmst den jungen wilden Schößling in die Schere, verstehst Du? Es soll ihm an nichts fehlen; laß Dir vom Kellermeister auch eine Flasche vom besten für ihn geben.«

Der Baron nahm seinen gewohnten Platz zu oberst der Tafel ein, Frau Käthe saß weiter unten, zeigte aber dem Gaste höflich einen Platz zwischen ihnen. Warden jedoch weigerte sich, trotz Durst und Hunger, der Aufforderung Folge zu leisten.

Siebentes Kapitel

Julian Avenel nahm mit Erstaunen wahr, daß der fremde Greis an der Tafel nicht Platz nehmen wollte.

»Zum Henker!« rief er aus, »haben unsre neumodischen Pfaffen etwa auch Fastenzeit? Fast möcht ich drauf wetten. Unsre alten Schwarzkittel überließen solche Faxen den Laien, fraßen sich selbst aber die Hucke voll.«

»Wir kennen dergleichen Gesetze nicht,« erwiderte der Prediger. »Unser Glaube schreibt keine Fastenzeit vor; aber wenn wir fasten und Buße tun, dann zerreißen wir nicht unsre Kleider, wohl aber unsre Herzen.«

»Gut für Euch, doch schlimm für Euren Schneider,« erwiderte der Baron; »nun aber komm her und setz Dich! Mußt Du uns aber von Deinem Amt ein Pröbchen geben, dann murmle Deinen Spruch her!«

»Herr Baron,« versetzte der Prediger, »ich bin in fremdem Lande, wo man weder mein Amt noch meine Lehre kennt, ja, wo beide, wie es scheint, falsch aufgefaßt und mißverstanden werden. Mir liegt die Pflicht ob, mich so zu benehmen und so zu verhalten, daß die Würde meines heiligen Herrn in meiner Person, so unwürdig sie auch sein mag, geachtet werde, und daß die Zügel der Ordnung nicht erschlaffen und die Sünde sich nicht überhebe und breit mache.«

»Laß das! laß das!« erwiderte der Baron; »Du bist hierher geschickt worden um Deiner Sicherheit willen, aber wohl nicht, damit Du mir die Moral liest oder den Aufseher über mich spielst. Was hast Du, Pfaffe, denn im Sinn? Laß nicht außer acht, daß Du mit einem Manne sprichst, der nicht viel Geduld hat, dem jede Minute, die ihm seinen Genuß verkürzt, leid tut.« »Nun, dann seien wir kurz!« erwiderte in strengerem Tone der Prediger ... »diese Frau hier ...«

»Was willst Du von der Frau?« fuhr der Baron grimmig auf, »was willst Du von dieser Dame wissen?«

»Ist sie Deine Hausfrau?« fragte der Prediger nach kurzem Schweigen, nach dem passendsten Ausdruck auf der Suche zur Bezeichnung dessen, was er zur Sprache bringen wollte, »ist sie Dein Eheweib?«