Darauf der Ritter trotzig: »Es sei doch nichts Ungewöhnliches, den Rasen dort blutig zu finden, wo Jäger ein Stück Wild zur Strecke gebracht hätten!«
»Und habt Ihr Euer Wild ebenso gut verscharrt, wie Ihr es geschossen habt?« fragte der Mönch. »Wir verlangen Auskunft von Euch, wer in dem Grabe liegt, das neben der Quelle ausgeschachtet worden ist! ... Ihr entrinnt mir nicht, Sir Piercie, wie Ihr wohl seht. Drum rate ich Euch, seid aufrichtig und erzählt uns, was dem unglücklichen Jüngling geschehen ist, dessen Leiche doch sicher unter dem blutgetränkten Rasen ruht.«
»Dann müßte ihn grade jemand lebendig begraben haben,« erwiderte Sir Piercie, »denn ich schwöre Euch, heiliger Vater, daß der Bauernbub ganz fidel und munter war, als er sich von mir trennte. Laßt doch das Grab öffnen und durchsuchen, und falls Ihr die Leiche, die Ihr vermutet, darin finden solltet, dann mögt Ihr mit mir schalten nach Belieben.«
»Ueber Dein Schicksal zu bestimmen, Herr Ritter, ist nicht meines Amtes, das wird dem hochwürdigen Abt und dem hohen Kapitelstuhle anheimfallen. Mir liegt lediglich die Pflicht ob, die Voruntersuchung des Falles zu führen.«
»So möchte ich noch zuvörderst Angeber und Zeugen wissen, die solchen unsinnigen Verdacht gegen mich wachgerufen haben,« sagte Sir Piercie Shafton.
»Das wird gleich geschehen,« antwortete der Unterprior, »es soll ja auch nichts Euch vorenthalten bleiben, was Ihr zu Eurer Verteidigung wahrnehmen könnt. Das hier im Turme aufhältliche Fräulein Mary von Avenel hat Euch, weil sie Schlimmes argwöhnte, den alten Martin Tacket nachgeschickt mit dem Auftrage, Unglück, das vielleicht im Werke sei, zu hindern. Indessen scheint Ihr Eurer Leidenschaft sehr schnell die Zügel freigegeben zu haben, denn als der Mann den Platz erreichte, wohin ihn Eure Fußspuren führten, da hat er weiter nichts mehr gefunden als blutigen Rasen und ein zugeworfnes Grab. Er hat noch geraume Zeit nach Euch und dem jungen Glendinning gesucht, aber weder von ihm noch von Euch etwas entdecken können und ist dann, die Erfolglosigkeit weiterer Mühe einsehend, hierher zurückgeeilt, um der Jungfrau, die ihn ausgeschickt hatte, die schmerzliche Kunde zu bringen.«
»Hat er denn mein Wams nicht gesehen?« versetzte Sir Piercie Shafton; »denn als ich meine Besinnung wiederfand, da sah ich, daß ich in einen Mantel gewickelt war, aber mein Unterkleid nicht mehr anhatte, wie Euer Ehrwürden sich ja überzeugen können.«
Mit diesen Worten riß er seinen Mantel auf, ohne bei der ihm eignen Unvorsichtigkeit daran zu denken, daß er auf diese Weise sein blutiges Hemd zeigte.
»Wie? Du grausamer Mensch!« rief lebhaft erzürnt der Mönch, als er diese Bestätigung seines Argwohns wahrnahm, »Du willst Deine Schuld in Abrede stellen und trägst das vergossne Blut an Deinem Leibe? ... Du willst noch leugnen, daß Deine überschnelle Hand eine Mutter ihres Sohnes, unsre Gemeinde eines Vasallen und die Königin von Schottland eines Untertanen beraubt hat? Wessen kannst Du Dich sonst gewärtig halten, als daß wir Dich zum wenigsten, als unsers weitern Schutzes unwert, an England ausliefern werden?«
»Bei allen Heiligen!« rief da der Ritter, aufs äußerste drangsaliert, »sofern dieses Blut Zeugnis wider mich ablegt, so ist es rebellisches Blut, denn es ist diesen Morgen noch, so wahr mir Gott helfe, in meinen Adern geronnen.«
»Wie sollte dies der Fall sein können, Sir Piercie Shafton?« entgegnete der Mönch; »sehe ich doch keine Wunde an Deinem Leibe, aus der es geflossen sein könnte!«
»Das ist die geheimnisvolle Seite dieses Ereignisses,« versetzte Sir Piercie. »Seht hierher!«
Sein Hemd aufreißend, wies er die Stelle, die Halberts Schwert getroffen hatte, die jedoch schon vernarbt war und wie eine längst geheilte Wunde aussah.
»Das, Herr Ritter, muß meine Geduld erschöpfen,« rief der Unterprior, »denn Ihr fügt zu Gewalttat noch Kränkung durch Spott! Haltet Ihr mich für ein Kind oder für einen Tropf, daß Ihr mir zumutet, ich solle glauben, das frische Blut, das Euer Hemd befleckt, rühre von einer Wunde her, die seit Wochen und Monaten schon vernarbt ist? ... Unseliger Spötter, meinst Du uns dergestalt zu blenden? Laß ab von diesem Lug, denn wir wissen nur allzu gut, daß dieses Blut herrührt von Deinem Schlachtopfer, das in verzweifeltem Kampfe mit Dir rang, und das Du erschlagen hast in unehrlichem Zweikampf.«
Der Ritter nahm jetzt einen andern Ton an und wandte sich in ruhigerer Stimmung zu dem Prior: »Ich will offen sein, Pater. Laßt diese Leute so weit zurücktreten, daß sie uns nicht hören, und ich will Euch alles mitteilen, was mir von diesem geheimnisvollen Vorgange bekannt ist. Aber zürnet mir nicht, guter Vater, wenn Euer Beistand es nicht zu deuten vermag, denn ich muß bekennen, daß es für den meinigen zu dunkel ist.«
Der Mönch winkte hierauf Edward und den beiden Hörigen, aus dem Gemache zu treten, aber er mußte Edward die Erlaubnis geben, vor der Tür stehen zu bleiben, weil sich derselbe nur unter der Bedingung dazu verstehen wollte, daß er sicher sein könne vor jedem Fluchtversuch des Ritters. Der Mönch versicherte ihm, daß seine Unterhaltung mit dem Gefangnen nur kurz sein werde, und gab ihm die verlangte Erlaubnis. Draußen aber besann sich Edward eines andern und schickte an ein paar Familien des Klosterbannes, deren Söhne mit seinem Bruder und ihm öfter verkehrt hatten, Boten ab mit der Nachricht, daß Halbert Glendinning von einem Engländer erschlagen worden sei, und daß er sie auffordern lasse, sich ohne Aufschub im Turme von Glendearg einzufinden. In solchen Fällen galt die Pflicht der Rache für so heilig, daß Edward keine Sekunde im Zweifel war, sich dieses weitern Beistandes versichert halten zu dürfen. Darauf untersuchte er die Türen des Turms nebst dem Hoftor, und begab sich dann zu den Frauen des Hauses, um sie zu trösten wie auch zu versichern, daß er für den gemordeten Bruder heilige Rache nehmen werde.
Neuntes Kapitel
»Wie Ihr wißt, ehrwürdiger Vater,« begann Sir Piercie Shafton die Unterhaltung, »hatte jener Bauernbursche mir in Gegenwart Eures verehrten Obern und Eurer selbst und andrer würdigen Männer, der jungen Dame von Avenel nicht zu vergessen, die ich mit aller Ehrerbietung als meine Protektion bezeichnen darf, eine so bittre Kränkung zugefügt, daß ich mich in Rücksicht auf Zeit und Ort wohl der mir zustehenden Rache auf eine gewisse Zeit enthalten konnte, zuletzt aber zu dem Entschlusse kommen mußte, ihm das Vorrecht eines Ebenbürtigen einzuräumen, ihm also die Eigenschaft der Satisfaktionsfähigkeit zuzusprechen.«
»Ihr laßt zwei Umstände dabei unaufgeklärt, Herr Ritter,« fiel ihm der Mönch ins Wort, »erstens, warum das kleine Ding, das der Jüngling Euch zeigte, Euren Grimm in solch maßloser Weise wachrufen konnte, und zweitens, woher der Jüngling, mit dem Ihr doch erst ein paarmal höchstens zusammengewesen sein konntet, von Eurer Vergangenheit so viel wußte, daß er Euch solcherweise zu erregen vermochte?«
Der Ritter wurde von tiefer Röte übergossen.
»Eure erste Frage, ehrwürdiger Vater,« antwortete er, »möchte ich, als zur Sache nicht gehörig, übergehen, und in betreff der andern beteure ich, daß ich die Mittel und Wege, wie er zu solcher Kenntnis gelangt ist, ebenso wenig begreife wie Ihr selbst, ja daß ich mich fast geneigt fühle zu der Annahme, er müsse es mit dem Satan halten. Indessen davon nachher ein Weiteres. ... Zur Sache denn, Herr Prior! An jenem Abend habe ich, wie es bei uns Kriegsleuten so Brauch ist, meine Absicht hinter allerhand Tändelei mit meiner schönen Protektion versteckt, die für ihre unerfahrenen Ohren köstliche Musik sein mußten. Am Morgen darauf habe ich meinen Gegner getroffen, von dem ich übrigens sagen muß, daß er sich für einen ungehobelten Villaggio so wacker benommen hat, wie man nur eben wünschen kann. . . . Als es nun zum Zweikampfe ging, maß ich den Wert seiner Klinge durch ein Halbdutzend simpler Stöße, und hätt ihn mit einem jeden derselben auf den Rasen strecken können, wenn mir daran gelegen gewesen wäre, mich solch verabscheuenswerten Vorteils zu versichern. Ich dachte statt dessen Gnade für Recht ergehen lassen zu sollen und suchte ihm bloß einen geringfügigen Denkzettel zu erteilen. Er aber häufte, während ich so gelind mit ihm verfuhr, weitere Beleidigungen auf mich und jagte mich in Wut. Ich mache eine Parade, gleite dabei aus, aber nicht durch einen Fehler meiner- oder einen Trick seinerseits, sondern weil, wie gesagt, der Teufel sein Spiel dabei haben mußte, vielleicht den Rasen genäßt oder sonst was angestellt hatte, so daß der Bursche, ehe ich meine Stellung wiedergewinnen konnte, mir das Schwert so entgegenhält, daß ich mit dem Unterleib hineinrenne, und, wie es mir vorkommt, mitten durch gestochen werde. Ganz außer sich über diesen ihm selbst höchst unvermuteten Ausgang unsers Kampfes, reißt der Bursche aus und läßt mich in meinem Blute liegen, so daß ich infolge starken Blutverlusts in Ohnmacht falle. Als ich hierauf endlich wieder zu mir komme, da sehe ich, daß mich jemand in meinen Mantel gewickelt und an den Fuß einer der Birken getragen hat, die unfern von der Quelle in einer Gruppe stehen. Ich drehe mich um und lege meine Hand an die Wunde, ich fühle wenig Schmerz, aber große Schwäche, die Wunde ist, wie ich merke, schon wieder zugeheilt und vernarbt, genau so, wie ich sie Euch vorhin zeigte; ich stehe auf und komme hierher ... und was dann hier noch geschehen ist, das wißt Ihr ja!«