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Ohne Zögern erwiderte Mysie, daß sie die Kühe ins Freie hinaus treibe, weil noch niemand anders im Hause am Gange sei und die Tiere ja hungern müßten.

»Schönen Dank, gutes Mädchen,« erwiderte Edward, aber im andern Augenblick wurde er wieder stutzig. »Was hast Du denn für ein Weibsbild bei Dir?« fragte er wieder.

Mysie wollte Antwort geben, aber Sir Piercie kam ihr zuvor, weil er nicht leiden mochte, wie es den Anschein hatte, daß das große Werk seiner Befreiung vollständig ohne sein Zutun ins Werk gesetzt werde, und rief ihm vom Hofe aus zu:

»Ich bins, mein schöner Hirtenknabe, dessen Aufsicht die milchreichen losen Mütter der Herde von Glendearg unterstellt worden sind.«

»Holla, holla!« schrie Edward, von Grimm und Staunen zugleich ergriffen, »das ist ja Piercie Shafton! Verrat, Verrat! Holla, Dan! holla, Kaspar! holla, Martin! Der Schurke entwischt!«

»Zu Pferd! zu Pferd!« rief, Mysie und saß im Nu hinter dem Ritter, der sich bereits in den Sattel geschwungen hatte. ... Und los ging es nun auf Tod und Leben.

Edward hatte die Armbrust ergriffen und schoß. Dicht an Mysies Ohr schwirrte der Bolzen vorbei.

»Flugs, flugs!« rief sie dem Gefährten zu, »der nächste Bolzen fehlt uns sicher nicht. Hätte Halbert an Edwards Stelle geschossen, dann lägen wir schon im Sande!«

Der Ritter preßte dem Pferde die Sporen in die Weichen, daß das Blut herausschoß. Er sprengte an den Kühen vorbei und sauste den Hügel hinunter, auf dem der Turm stand. Dann nahmen sie ihren Weg ins Tal hinein, und bald brachte das flinke Tier seine doppelte Last weit genug, daß von dem Lärm, der nun im Turme von Glendearg entstand, nichts mehr zu den Ohren des Ritters und des Mädchens drang.

Auf solch wunderliche Weise geschah es, daß ein Menschen-Paar zu gleicher Zeit in verschiedner Richtung von dannen floh, von welchem jeder als des andern Mörder betrachtet wurde.

Elftes Kapitel

Sir Piercie Shafton ritt in so flottem Tempo, wie es die Straße erlaubte, bis er das Tal von Glendearg überwunden und das breite Tal des Tweed gewonnen hatte. Bald erschien am jenseitigen Ufer das hohe graue Kloster zu Unsrer lieben Frau, dessen Türme und Zinnen die Strahlen der aufgehenden Sonne eben trafen. Er setzte seinen Ritt am nördlichen Ufer hinab fort, bis sie dem Wehr ungefähr gegenüber waren, wo Pater Philipp seine ungewöhnliche Wasserfahrt beendigt hatte. Ohne eigentlich zu wissen, wohin er seinen Ritt lenken sollte, war Sir Piercie bis hierher gekommen. Der Anblick des Klosters erinnerte ihn aber an die Gefahr seiner Lage und an die Notwendigkeit, einen festen Plan für seine Rettung zu fassen. Zudem nahm er jetzt auch wahr, daß seine Begleiterin bitterlich weinte und seufzte und das Haupt auf seine Schulter stützte.

»Schöne Molinara, was fehlt Dir?« fragte er. »Kann Piercie Shafton seine Dankbarkeit auf irgend eine Weise bezeigen?«

Mysie zeigte über den Strom, getraute sich aber nicht, den Blick dorthin zu richten.

»Sprich deutlich, edelste aller Jungfrauen, was Du mit Deinem Wink meinst?« sagte der Ritter.

»Dort drüben liegt meines Vaters Haus,« sagte Mysie schluchzend.

»Und ich führte Dich so weit hinweg von dieser Stätte Deiner Wiege?« rief Sir Piercie in dem Wahne, die Quelle ihres Kummers gefunden zu haben. »So steige denn ab, holde Mysinda,« denn so beliebte es ihm, sie umzutaufen, »oder wär es Dir lieber, wenn ich Dich heim zu Deinem kornmahlenden Vater brächte? Sprich ein Wort, Du Süße, und ich trotze gern allen Gefahren, die mir durch Mönch oder Müller drohen.«

Tief errötend schlug Mysie die Augen zu Boden, während Sir Piercie im Tone verlegener Artigkeit fortfuhr: »Weine doch nicht so, Du liebe Molinara, wir werden uns ja wiedersehen, wenigstens hoffe ich es fest und zuversichtlich.«

»Ach,« sagte Mysie, von deren Wangen jetzt das Scharlachrot wich, um langsam fahler Blässe Platz zu machen, »ich hab jetzt keine Heimat mehr.«

»Was? keine Heimat mehr?« rief Shafton. »Spricht meine Molinara das im Ernst, da doch drüben ihres Vaters Haus und Mühle steht?«

»Ach,« versetzte die Müllerstochter, »mein Vater ist doch der Abtei untertan. Ich aber habe den Abt beleidigt, und komme ich jetzt nach Hause, so bringt mich der Vater doch sicher um.«

»Ich schwöre Dir, meine teure Mysinda, er soll Dir nichts zu leid tun,« rief Sir Piercie. »Vergiß nicht, daß Dir ein Mann zu Dank verpflichtet bleibt, der das leiseste Unrecht zu rächen gewillt ist, das jemand Dir zufügen wollte!«

Hiermit sprang er vom Pferde, ergriff die Hand des Mädchens, blickte in ihre großen, schwarzen Augen, die an den seinigen mit einem Ausdruck hingen, den man auch unter dem Schleier mädchenhafter Verschämtheit nicht mißverstehen konnte, blickte auf die Wangen, die ein Hoffnungsstrahl wieder mit ihrer natürlichen Färbung zu beleben anfing, und auf ein Paar Lippen, die sich, Rosenknospen gleich, halb erschlossen und eine Reihe perlengleicher Zähne zeigten. Das war alles nicht ungefährlich anzuschauen, und so war es schließlich kein Wunder, daß der für solche Dinge überempfängliche Sir Piercie Shafton schließlich seine Frage, ob er seine Mysinda nach dem Vaterhaus zurückbringen solle, dahin änderte, ob etwa Mysinda willens sein sollte, mit ihm zu gehen. ... »Wenigstens so lange,« setzte er hinzu, »bis es mir möglich geworden, Mysinda, Euch an einen sichern Ort zu schaffen?« ... Darauf erteilte Mysinda keine Antwort, gab aber, errötend vor Scham und Freude, dadurch, daß sie ihr Bündel fester anzog, zu verstehen, daß sie dem Ritter aus dem Süden zu folgen bereit sei.

Sir Piercie Shafton machte nun die kostbare Kette mit dem Medaillon, deren bereits Erwähnung getan worden ist, von seinem Halse los und hing sie der schönen Mysinda um, ohne daß er sich an die Weigerung des Mädchens, sie zu nehmen kehrte, aber er mußte doch zuletzt dulden, daß sie die Kette wieder abnahm und in ihrem Bündel verbarg, mit dem ausdrücklichen Bemerken, sie nur so lange dort behalten zu wollen, bis Sir Piercie sich in Sicherheit befände; »denn die Mädchen in meiner Heimat,« sagte sie, »lassen sich von vornehmen Leuten nun einmal keine Geschenke machen, und um des heutigen Morgens eingedenk zu bleiben, bedarf es für mich keines Andenkens.«

Darauf setzten sie ihren Ritt fort. Mysie übernahm jetzt, gestützt auf die Ortskenntnis, die Führung, und Sir Piercie fand nun Muße, allerhand Anekdoten »vom Hofe Felicianas« zum besten zu geben, denen seine Begleiterin, obgleich sie kaum einen Begriff davon hatte, doch ein recht aufmerksames Ohr lieh.

So verging der Morgen, und am Mittag gelangten sie an einen andern Strom, an dessen Ufer sich ein altes Schloß, von Bäumen eingeschlossen, erhob. Unfern davon dehnte sich ein Dorf mit einer Kirche in der Mitte. »Dort sind zwei Wirtshäuser,« erklärte Mysie, »aber ich meine, für unsere Zwecke dürfte das geringere den Vorzug verdienen. Uebrigens ist mir dessen Wirt bekannt, denn er hat von meinem Vater Malz gekauft.«

Diese Mitteilung war nicht besonders glücklich für die Absicht, die Mysie verfolgte, denn ihr Begleiter, der infolge der muntern Unterhaltung, die sie zusammen unterwegs geführt hatten, allmählich dazu gelangt war, den zwischen ihm und seiner Begleiterin bestehenden Rangunterschied zu vergessen, wurde sich dessen hierdurch jäh wieder bewußt. Aber er ließ es sich nicht recht merken, am wenigsten hätte er ein Wort darüber fallen lassen mögen, denn für eine Müllerstochter war es ja doch nur natürlich, daß sie Bekanntschaft mit Leuten hatte, die mit ihrem Vater Geschäfte gemacht hatten; immerhin wäre es ihm unangenehm gewesen, und wer weiß, ob er seine Dankbarkeit bis zu solcher Selbstverleugnung ausgedehnt hätte, mit einer Müllerstochter hinter sich auf seinem Rosse durch das Dorf zu traben. Aber Mysie ersparte ihm jeden solchen Unglimpf, indem sie schon ein Stück vor dem Wirtshaus vom Pferde sprang und dem Wirt, der mit gaffendem Munde auf seine Schwelle trat, um einen so stattlichen Gast, wie den englischen Ritter, würdig zu begrüßen, flink ein geschickt ersonnenes Märchen aufband von einer Sendung des Klosters an den Hof von Schottland, und daß sie es auf den Wunsch ihres Vaters übernommen habe, den Ritter bis auf die rechte Straße zu führen, daß ihr aber unterwegs der Klepper müde geworden sei, und daß sie ihn deshalb im andern Dorfe auf der Waldseite gelassen habe. Ner Wirt möge vor allen Dingen nur für ein Abendbrot, wie es sich für einen solchen vornehmen Gast schicke, Sorge tragen, und wenn es in der Küche fehlen sollte, so sei sie gern bereit, auszuhelfen und so weiter, kurz, sie stopfte dem Wirt mit ihrer gewandten Zunge die Ohren so voll, daß er froh war, ihr zu entrinnen. Sir Piercie war schier außer sich vor Verwunderung über die Gewandtheit des Mädchens, sich aus einer Verlegenheit zu ziehen, und setzte sich mit unsagbarer Erleichterung an das von ihr schneeweiß und mit allerhand Leckerbissen geschmackvoll gedeckte Tischchen in der obern Gaststube, der sogenannten »Herrenstube«; und die flinke, dienstbereite Art, wie sie die Speisen auftrug und vorlegte, und das Glas mit edlem Bordeaux füllte, der freundliche Blick, mit dem sie ihn aufforderte, recht tüchtig zuzulangen, da sie noch eine gar tüchtige Strecke vor sich hätten, konnte unmöglich verfehlen, den für Frauenschönheit und Anmut empfänglichen Sir Piercie für seine schöne Molinara noch höher zu begeistern. Aber sich mit an das Tischchen setzen und an dem Mahle teilzunehmen, dazu wollte sich Mysie, aller freundlichen Einladung des Ritters zum Trotz, nicht verstehen, sie verschwand vielmehr alsbald aus der Gaststube und überließ den Schönredner seinen stillen Betrachtungen darüber, wie dies Verschwinden zu erklären sei und ob er richtiger täte, sich darüber zu ärgern oder zu freuen. Er sollte darüber nicht lange im Zweifel sein, denn die Tür ging auf, und der Wirt trat ein mit der Meldung, das Pferd stehe für Seine Gnaden wieder bereit. Auf seine Frage, wo denn das Frauenzimmer, »ich meine das Mädchen«, stecke, fragte der Wirt: