»Die Mysie Happer? wie? Na, heimgegangen!«
»So, heim?« murmelte Sir Piercie, ein paarmal hastig durch das Zimmer schreitend, »heim? na, mag sie! wär sie länger geblieben, hätte sie mir doch nur Schererei gemacht und sich selbst Unehre! Wie konnte ich mir die Sache bloß so umständlich denken, sie los zu werden! Sicher lacht sie jetzt über mich bei irgend einem Bäuerlein und wird sich über meine Kette freuen als Aussteuerstück! Aber Mercie, Piercie Shafton! wie kannst Du Deiner Retterin die Gabe mißgönnen, die sie doch so sauer sich, verdient hat? ... Doch was lohnt alles weitre Grübeln? Herr Wirt, macht mir die Rechnung, und laßt mein Pferd vorführen!«
»Was die Rechnung anbetrifft,« erwiderte der Wirt stockend, »na, so hat sie das Mädel schon bezahlt; aber wenn Euer Gnaden noch etwas zutun wollen, so dürft ichs wohl nehmen, denn die Mysie, die handelt und ist genauer als ihr Vater ...«
»Was? die Rechnung schon beglichen?« Der Ritter schüttelte den Kopf, warf aber dem Wirt einen Rosenobel hin, der die Rechnung für damalige Zeit jedenfalls über das Doppelte glich, trat vor das Gasthaus hinaus, stieg zu Pferde und schlug den Weg in nördlicher Richtung ein, der ihm als der kürzeste nach Edinburg angegeben wurde.
»Hm, ihr Verschwinden hat schließlich noch einen ganz andern Grund gehabt. Was meinst Du, Piercie?« sprach er bei sich und strich sich wohlgefällig die Seite; »beten wir: Führe uns nicht in Versuchung! und freuen wir uns, daß wir uns nicht weiter erst eingelassen haben, so empfindlich mir wohl bald ihr Verlust werden dürfte,« setzte er hinzu, denn vor ihm dehnte sich, so weit er blickte, Moorgegend, die mit Gestrüpp eingefaßt und von zahllosen kleinen Hügeln bedeckt war; »solche Ariadne, mich durch die Schlupfwinkel dieses Gebirgslabyrinthes zu leiten, wäre freilich im Grunde nicht grade übel.«
Da erklang hinter ihm Pferdegetrappel, und als er sich umdrehte, sah er auf einem Nebenpfade hinter dem Dickicht hervor einen schmucken Burschen, kaum über Jungengrüße, auf einem Pony gesprengt kommen. Als derselbe die offne Straße gewonnen hatte, ritt er zu dem Ritter heran, den sein Aeußeres, die saubre Pagentracht und die kecke Miene bestachen, so daß er ihm die Frage stellte, wohin er wolle und von wo er käme. Der Page gab mit abgewandtem Gesicht die Antwort, daß er unterwegs nach Edinburg sei, sich in einem vornehmen Hause einen Dienst zu suchen.
»Bist wohl Deinem letzten Herrn entlaufen, daß Du Dir nicht getraust, mir ins Gesicht zu sehen?« fragte Sir Piercie.
»Wahrlich nicht,« erwiderte der Page beschämt, indem er sich herumdrehte und sein Gesicht auf einen Augenblick zeigte. Nur einen Blick hatte Sir Piercie auf das Gesicht geworfen, aber er hatte hingereicht, ihm zu offenbaren, daß sich in der Pagentracht niemand anders verbarg, als seine holde Molinara. Das gab ein gar fröhliches Wiedersehen, und Sir Piercie hatte über dem glücklichen Bewußtsein, seine schöne Ariadne wieder zu haben, rasch alte Bedenken vergessen, mit denen er sich noch eben das Herz beschwert hatte.
»Aber woher so schnell die Tracht? woher das Pony?« fragte dann Sir Piercie.
Die Tracht, erklärte ihm die schmucke Müllerstochter, habe sie geliehen von einem mit ihrem Vater befreundeten Krämer im Dorfe, es seien die Sonntagssachen seines Sohnes, der mit seinem Lehnsherrn ins Feld habe ziehen müssen, und den Klepper habe sie geliehen vom Gastwirt, bei dem sie eben eingekehrt seien. Der möge ihn von der Rechnung streichen, die er beim Vater noch zu begleichen habe.
»Aber da leidet doch der Vater Einbuße?« sagte Sir Piercie.
»Was müßt Ihr jetzt von meinem Vater reden?« erwiderte verdrießlich das Mädchen, setzte aber gleich hinzu, im Tone tiefen Schmerzes:
»Was der Vater heut sonst verloren, dürfte ihm wohl den Verlust aller übrigen Habe leicht machen.«
Daraufhin meinte der Ritter, daß ihn Ehre und Gewissen verpflichteten, dem Mädchen Vorhaltungen zu machen, welchen Gefahren sie sich aussetze, und daß die Schicklichkeit ihre Rückkehr ins Vaterhaus verlange. Das Mädchen hörte seinen wie immer blumenreichen Darlegungen aufmerksam zu, senkte das Haupt, wie jemand, der tiefen Gedanken nachhängt, blickte dann ihren Begleiter gefaßt an und antwortete dann mit Festigkeit, daß, wenn er ihrer Gesellschaft müde sei, er es nur sagen solle, dann werde ihm die Müllerstochter nicht weiter lästig fallen; gleichwie er den Weg jetzt nach Edinburg allein finden könne, würde auch sie wissen, wohin sie sich zu wenden habe, und was er ihr in ihrer persönlichen Sache zu erwähnen für notwendig meine, habe sie sich alles schon reiflich überlegt. »Bloß eins will ich noch beifügen,« schloß sie, »Ihr seid hier nicht in Eurem englischen Lande, wo, wie es heißt, gegen hoch und niedrig die gleichen Maße gelten für Recht und Unrecht, sondern in einem Lande, wo die Stärke des Armes entscheidet, wo ein gutes Maß Schlauheit die beste Verteidigungswehr ist. Die Gefahren, denen Ihr hier ausgesetzt seid, kurz gesagt, kenne ich besser als Ihr.«
Ein Seitenblick auf seinen Pagen zeigte dem Ritter, mit welchem Geschick derselbe sein Pferd zu führen wußte, ein andrer Blick, auf die kräftig entwickelten Muskeln, daß er auch in Kämpfen und Spielen geübt sein müsse, wenigstens doch seinen Mann zu stellen vermöchte, und so gelangte er, alles in allem erwogen, zu dem Schlusse, daß er mit seiner Begleiterin doch besser zurechtkommen werde als ohne sie.
Das Paar ritt nun weiter, wie am Morgen, den ganzen Tag. Noch als es zu dämmern anfing, war die schöne Molinara von der Seite des Ritters verschwunden, und er sah sie erst am andern Morgen wieder, als die Pferde geschirrt vor dem Wirtshause standen, wo er die Nacht über geweilt hatte.
»Ein seltsames Geschöpf!« sprach er bei sich, »bei meiner Ehre, ebenso sittsam wie klug und gebildet. Keine Frage! es wäre gemein, ihr Schimpf und Schande anzutun!«
Zwölftes Kapitel
Mary Avenel war in das Gemach gebracht worden, worin sonst die Brüder Glendinning gehaust hatten. Tibbie, die treue Magd, hatte sich nach Kräften bemüht, sie zu beruhigen, und auch Pater Eustachius suchte sie durch Trostsprüche zu erheitern. Schließlich mußte man sich darein finden, sie ihrem Gram zu überlassen, der sich übrigens nicht in Seufzern und Tränen erschöpfte, sondern seine Quelle fand in ernsten Erwägungen der Lage, in die sie durch den Tod Halberts versetzt worden war. Sie berechnete, gleich einem bankerotten Schuldner, die ganze Höhe des Verlustes, der sie betroffen hatte. Es schien ihr, als sei mit diesem Bande alles zerrissen, was sie an die Erde gefesselt hatte. Wenn sie auch nie an die Möglichkeit eines ehelichen Bundes mit Halbert Glendinning gedacht hatte, so schien ihr doch jetzt der einzige Baum gestürzt worden zu sein, der sie vor Stürmen hätte schützen können. Sie achtete wohl den sanftern Charakter Edwards, des jüngern Bruders, sie glaubte schließlich, sich nach wie vor mit der rauhen, wenn auch mütterlichen Güte der Mutter der beiden Knaben abfinden zu können, aber für die männlichen Eigenschaften Halberts, die ihr als der letzten Erbin der Anschauungen eines stolzen und kriegerischen Geschlechts, vor allem sympathisch sein mußten, meinte sie, nun und nimmer Ersatz finden zu können. Eine Gemütsleere, wie sie aus der Unwissenheit, in welcher damals Rom die Kinder seiner Kirche hielt, notwendig entstehen mußte, versagte ihr Trost, und auch im Gebete ihn zu finden, war ihr nicht vergönnt, denn ihr Gebet war weiter nichts als Herlallen unbekannter Worte, deren sie sich nur aus Gewohnheit bediente; und so gelangte sie, unbekannt mit wahrer geistiger Andacht und außer stande, die Gnade göttlichen Wesens zu fassen, in ihrem Elend zu der Ueberzeugung, daß es auf Erden für sie keine Hilfe mehr gebe.