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Endlich befiel ein unruhiger Schlummer ihren erschöpften Geist und Leib, und sie schlief bis zum Tagesanbruch, um erst durch den Lärm geweckt zu werden, der im Turme sich über Sir Piercie Shaftons Flucht erhoben hatte. Rasch fuhr sie, in Furcht vor neuem Unheil, in die Kleider. Als sie aber zur Tür hinausstürzen wollte, vernahm sie von der Magd, die mit fliegenden Haaren, wild vor Aufregung, von einem Raum in den andern stürzte, daß der südländische Schuft entwichen sei, und daß Halbert Glendinning ungerochen in seinem blutigen Grase werde schlummern müssen. Gleich darauf aber war die Stimme des Unterpriors laut geworden, die Schweigen geboten hatte, und darauf hatte sich Mary Avenel, die sich nicht gestimmt fühlte, sich vor den Leuten zu zeigen oder gar an Erörterungen oder Beratungen teilzunehmen, wieder in ihrer Stube eingeschlossen.

Dadurch, daß Mysie die Tore von außen geschlossen hatte, saß die ganze Turmbewohnerschaft wie in einer Falle, und in Ermangelung von Werkzeug, die Eisenstäbe vor den Fenstern zu brechen, war ihnen auch dieser Ausweg ins Freie verschlossen. Wenn es ihnen auch gelang, die Bewohner der Hütten außerhalb der Hofmauer zu alarmieren, so waren dort doch nur Weiber und Kinder anwesend, da man die Männer zur Verstärkung der Wache für die Nacht in den Turm hinein befohlen hatte. In dieser allgemeinen Wirrnis kam die Mittagszeit heran, ohne daß man im stande gewesen wäre, das Geringste zur Verfolgung des flüchtigen Ritters zu unternehmen. Da nahte unvermutet Sukkurs von außen durch die Ankunft Christies von Clinthill, der an der Spitze eines kleinen Trupps Reisiger herangesprengt kam, die auf ihren Sturmhauben das Zeichen der Avenel, den Stechpalmzweig, trugen.

»Heda,« rief Cristie hinauf, »ich bring Euch einen Gefangenen!« »Besser wärs schon,« antwortete ihm Dan von Howlet-Hirst, »Ihr brächtet uns Freiheit.«

Verwundert über die Lage, in der er die Turmbewohner fand, rief Christie: »Und wenn mir der Galgen drohte, ich könnt mir das Lachen nicht verbeißen, Leute wie die Ratten durchs eigne Gitterloch gucken zu sehen! Der mit dem Barte dort sieht aus wie der echte Rattenkönig!«

»Schweig, Du Schelm! hier ist jetzt keine Zeit zu rohen Späßen!« rief Edward hinunter.

»Ei, ei, mein Jüngling,« rief Christie zurück, »auch obendrein noch naseweis? Immerhin, ich will die Worte heute nicht auf die Goldwage legen. Reicht mir einen Haken herunter! Damit werd ich Euch wohl Luft machen können. Bin doch schon in manch liebes Gitter eingebrochen!«

Christie hatte nicht zu viel versprochen, denn noch ehe eine halbe Stunde verstrichen war, stand das Gitter, das allen Anstrengungen von innen so lange getrotzt hatte, offen.

»Und nun zu Pferde, Kameraden! und hinter dem elenden Shafton her!« rief Edward, dem Stalle zurennend.

»Sachte, sachte,« erwiderte Christie, »Ihr werdet doch nicht Eurem Gaste, einem Freunde meines Herrn, nachsetzen? Mit so was ist ja nicht zu spaßen. Weshalb wollt Ihr ihm hinterher?«

»Der Schurke hat meinen Bruder ermordet! Also Platz da!« rief Edward.

»Was faselt der Mensch? Wer ermordet? und von wem ermordet?«

»Shafton hat heut morgen Halbert im Walde erschlagen,« sagte Dan.

»Ihr seid Wohl alle miteinander toll geworden?« rief Christie von Clinthill, »Ihr sitzt hier alle m Eurem Turm eingesperrt, ohne Euch rühren zu können, damit Ihr nicht Rache nehmt für einen Mord, der gar nicht verübt worden ist.«

»Ihr hört doch aber, daß dieser Hund von Shafton gestern früh meinen Bruder erschlagen hat,« rief Edward,

»Und ich sag Euch,« versetzte Christie, »daß ich gestern abend Euer« Bruder heil und gesund gesehen habe.«

Darauf schwiegen alle und gafften verwundert den Reisigen an, bis der Unterprior, der sich bisher von dem Manne ferngehalten hatte, auf ihn zutrat und ihn auf sein Gewissen fragte, ob er als wahr behaupten wolle und könne, daß Halbert Glendinning noch am Leben sei. »Ehrwürdiger Vater,« antwortete Christie mit einer Ehrerbietung, wie er sie außer seinem Herrn sonst niemand zu erweisen pflegte, »ich treibe manchmal meinen Spaß mit Leuten, die Kutten tragen, mit Euch aber nie! denn Euch hab ich, wie Ihr wohl noch wißt, mein Leben zu verdanken! Und Euch sag ich, Pater Prior, so wahr wie gestern abend die Sonne am Himmel untergegangen ist, so wahr ists, daß gestern abend Halbert Glendinning im Schlosse meines Herrn sein Abendbrot gegessen hat, und daß er dorthin gekommen ist in Gesellschaft eines Greises, den ich Euch hierher bringe, als Euren Gefangenen.«

Die letzten Worte überhörend oder auf sie kein Gewicht legend, fragte Pater Eustachius: »Und wo befindet sich Halbert jetzt?«

»Das kann Euch bloß der Teufel sagen,« versetzte Christie, »denn meiner Meinung nach muß die ganze Sippe seines Namens vom Teufel besessen sein. Der Junge ist über dies und das, was mein Herr gesagt hat, aus Rand und Band geraten, ist aus dem Schloß ausgebrochen, ist über den See geschwommen wie eine wilde Ente und ist nicht wieder aufgebracht worden, trotzdem ihm mehrere unsrer Reisigen auf Tod und Leben nachgesetzt sind.«

»Und warum hat ihm Euer Herr nachsetzen lassen? hat er was verbrochen?«

»Meines Wissens nicht. Aber der Ritter von Avenel ist seit einigen Tagen schier wie von der Tarantel gestochen,« sagte Christie, »und möchte jeden fressen, der ihm in den Weg tritt.«

»Edward,« fragte der Mönch jetzt den jüngern Glendinning, »wohin so eilig?«

»Nach Corinnan-Shian, Vater!« versetzte der Jüngling. »Martin, Dan, wenn Ihr Männer seid, so nehmt Hacke und Spaten und folgt mir!«

»Recht so,« sagte der Mönch, »und findet Ihr was, setzt uns sofort in Kenntnis.«

»Ungesalzen will ich fressen, was Ihr findet,« rief Christie, »wenn Ihr was findet, das mit Halbert Aehnlichkeit hat! ... Aber da bringen meine Reisigen Euren Gefangnen. Von ihm hätt ich schon lange reden sollen, aber Euer Krakehl hat mich noch nicht zu Worte kommen lassen.«

Zwei Avenel'sche Reisige ritten in den Hof, in der Mitte ein Klepper, auf dem der reformierte Prediger Heinrich Warden saß. »Mein Herr schickt Euch und Eurem Abt, um sich von böser Verleumdung zu reinigen, die ihn als Ketzer brandmarken möchte, den Mann, der mit seinen Predigten die Welt von oben zu unterst gekehrt hat. Ihr sollt mit ihm verfahren, wie es die heilige Kirche gebeut, und wie es Eure Ehrwürden und Seine Ehrwürden der Abt für recht und billig befinden werden.«