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»Ihr müßt fliehen, Obrist! ... Auf der Stelle ... um Eurer lieben Frau zu helfen und beizustehen. ... Noch ist es nicht zu spät, und wird, wie Gott es fügen möge in seiner Gnade, auch noch nicht zu spät sein!«

»Fliehen? Wie soll ich das? Ich bin Gefangner auf Ehrenwort!«

»Ich bin Euer Wächter, Oberst Talbot ... ich gebe Euch Euer Wort zurück. Ich trage die Verantwortung.«

»Ihr könnt nicht also gegen Eure Pflicht verstoßen! und ich kann keine Entbindung von meinem Worte durch Euch annehmen. Das verbietet mir die Rücksicht auf die eigne Ehre. Man würde sich doch an Euch halten.«

»Ich stehe, wenns sein muß, mit meinem Kopfe dafür ein,« erklärte Waverley feurig. »Ich bin die unglückliche Ursache gewesen, daß Ihr Euer Kind verlieren mußtet. Ich bin die Ursache, daß Eure arme Gattin in Krankheit hat fallen müssen. Macht mich nicht auch noch zum Mörder an Eurer Gattin!«

»Nein, lieber Edward,« sagte Talbot mit herzlichem Händedruck. »Euch trifft hieran keine Schuld, und wenn ich zwei Tage lang über den Brief geschwiegen habe, so tat ich es eben aus dem Grunde, nicht solche Gedanken in Euch aufkommen zu lassen. Ihr wußtet doch kaum etwas von mir, als Ihr den Fuß aus England setztet. Also konntet Ihr Euch doch auch mit mir in Euren Gedanken nicht befassen. Für uns Sterbliche ist es schon schwer genug, die Folgen von Handlungen zu vertreten, die wir bewußt vollziehen. Aber für mittelbare und zufällige Ereignisse hat jenes große Wesen, das allein Schicksale voraussieht, seinen schwachen Geschöpfen Verantwortlichkeit nicht beigemessen.«

»Aber wie konntet Ihr Eure Gemahlin in solcher Lage verlassen um eines Euch völlig fremden Menschen willen?«

»Was ich getan, war meine Pflicht und soll mich nie gereuen. Wäre der Pfad der Dankbarkeit immer eben und leicht zu wandeln, dann wäre Dankbarkeit kaum eine Tugend; drum nimmt er eben oft eine Richtung, die mit unsern Vorteilen und unsern Leidenschaften ebenso im Widerspruche steht, wie mit unsern bessern Empfindungen. Das sind eben Prüfungen des Lebens, und wenn die, die mich jetzt trifft, auch nicht die harmloseste oder geringste ist« – hier traten ihm wieder Tränen in die Augen – »so ist sie doch auch nicht die erste, die mir das Schicksal auferlegt hat. ... Aber morgen, morgen mehr davon!« schloß er, indem er Edward die Hand herzlich drückte. ... »Gute Nacht! sucht auf ein paar Stunden alles zu vergessen. Um sechs Uhr wird es Tag sein, und jetzt schlägt es zwei. Gute Nacht, mein junger Freund, gute Nacht!«

Ohne einen Laut zur Antwort zu finden, schied Edward von dem würdigen Manne.

Zwanzigstes Kapitel

Am andern Morgen hörte Oberst Talbot beim Frühstück von Waverleys Diener, daß dieser schon bei Tagesgrauen ausgeritten sei. Erst spät am Morgen kehrte er zurück; aber ganz außer Atem und so fröhlich und guter Dinge, daß Oberst Talbot ganz betroffen davon war.

»Hier ist ein bißchen Morgenarbeit,« rief er und warf ein Papier auf den Tisch. ... »Mick, hurtig die Bagage des Herrn Obersten in Ordnung gebracht! Hurtig, hurtig!«

Voll Erstaunen blickte Oberst Talbot auf das Papier. Es war ein Paß, den der Chevalier für den Obersten ausgestellt hatte und der nach Leith oder einem andern im Besitz der königlichen Truppen befindlichen Seehafen lautete und ihn an keine andre Bedingung band, als an sein Ehrenwort, binnen Jahresfrist die Waffen nicht gegen das Haus Stuart zu erheben.

Die Augen des Obersten blitzten vor Freude.

»Um Jesu Christi willen!« rief er aus, »wie seid Ihr zu solchem Papiere gekommen?«

»Ich war beim Lever des Chevaliers, so früh, wie er sonst immer aufzustehen pflegt, aber er war schön ausgeritten ins Lager nach Duddingston. Ich ritt ihm nach dorthin und bekam Audienz ... aber ich erzähle Euch kein Wort weiter, wenn ich nicht sehe, daß Ihr einpacken laßt.«

»Ich muß doch erst wissen, ob ich von diesem Passe Gebrauch machen darf, und wie Ihr ihn in Besitz bekommen habt?«

»O, Ihr könnt ja, wenns Euch dann nicht paßt, jederzeit wieder auspacken lassen! ... Nun, ich sehe, Ihr laßt den Anfang machen ... ich will also auch anfangen. Ich hatte kaum Euren Namen genannt, so leuchteten die Augen des Chevaliers auf, und er fragte, ob Ihr Euch für seine Sache entschieden hättet. Ich verneinte das und setzte hinzu, daß auch keinerlei Hoffnung bestände, Euch andrer Meinung zu machen. Dann sank seine Freude. Nun brachte ich mein Anliegen vor. Unmöglich, lautete seine Antwort; Ihr seiet eine zu wichtige Person um Eurer Verbindungen willen, als daß er daran denke, solches Gesuch zu bewilligen. Nun erzählte ich ihm, wie sich die Dinge zwischen uns verhielten, berichtete ihm von dem Briefe Eurer Schwester und bat ihn, sein Herz sprechen zu lassen. Und, Oberst Talbot, er hat ein Herz und ein gutes Herz, da mögt Ihr sagen, was Ihr wollt. Er griff nach einem Stück Papier und schrieb den Paß mit eigner Hand. »Mit meinem Kriegsrat will ich die Sache nicht erst verhandeln, denn er würde mich doch überstimmen; ich will aber nicht haben, daß ein Parteigänger von Eurem Wert in die Möglichkeit geraten könnte, sich durch weitere Unglücksfälle in der Familie des Obristen Talbot das Gewissen noch weiter zu beschweren. Auch will ich keinen ehrlichen Feind unter solchen Umständen gefangen halten. Zudem, schloß er, glaube ich meinen vorsichtigern Beratern gegenüber den Grund für mich anführen zu dürfen, daß solche Milde in dem hohen Adel Englands einen günstigen Eindruck für uns wecken dürfte.«

»Aha!« rief der Oberst, »da guckt der Politikus heraus!«

»Wenn auch,« so schloß er doch wie ein Königssohn: »Hier nehmt den Paß,« sprach er, »ich habe der Form halber eine Bedingung gestellt. Sollte sich Euer Freund aber daran stoßen, so mag er ohne Parole reisen. Ich bin nach Schottland gekommen, um gegen Männer zu kämpfen, aber nicht, um Herzeleid über Frauen zu bringen oder sie gar in Gefahren zu setzen.«

»Nun, hätte ich wohl je geglaubt, in solche Verbindlichkeit gegen den Präten ... «

»Gegen den Prinzen,« fiel ihm Waverley lächelnd ins Wort.

»Nun, sagen wir Chevalier. Dieses Namens, besonders gut unterwegs zu brauchen, können wir uns schon bedienen. ... Hat er noch weiteres gesagt?«

»Bloß die Frage stellte er noch, ob er noch auf andre Weise dienen könne. Als ich verneinte, drückte er mir herzlich die Hand und meinte, es würde für ihn eine Freude sein, wenn alle seine Freunde sich so taktvoll benehmen wollten, aber es seien einige dabei, von denen er das nicht sagen könne, die im Gegenteil Forderungen an ihn stellten, deren Befriedigung vollständig außerhalb seiner Macht lägen ... wahrlich, mein lieber Waverley, wenn Ihr wüßtet, was mir alles für Ansinnen im Lauf eines einzigen Tages gestellt werden. ... «

»Hm, hm, er fängt wohl allgemach an, die Schwierigkeiten seiner Lage zu erkennen, der arme junge Mensch!« meinte der Obrist, »aber von Euch, lieber Waverley, ist das wirklich höchst brav gehandelt und soll Euch von Philipp Talbot nie vergessen werden! ... Selbstverständlich nehme ich keinen Anlaß, mein Ehrenwort in diesem Falle zu geben ... « (er nahm ein Stück Papier und stellte es in der üblichen Form aus) »und nun: wann soll ich reisen?«

»Das ist alles schon im reinen, Herr Oberst!« versetzte Waverley, »Eure Bagage ist fertig, meine Rosse stehen bereit, und mit prinzlicher Erlaubnis habe ich ein Boot gemietet, das Euch an Bord der Fregatte ›Fox‹ hinüber schaffen soll. Mein Bursche ist bereits unterwegs nach Leith, den Kapitän zu unterrichten.«

»O, das ist ja brillant. Kapitän Beaver ist ein alter guter Freund von mir und wird mich schnell nach Berwick oder Shields hinüber fahren, wo ich die Post nach London erreiche ... aber, Waverley, das Paket mit Briefen, das Euch die Schwester jenes Hochlandsräubers zugeschanzt hat, das gebt mir mit auf den Weg. Ich glaube bestimmt, es wird sich Gelegenheit für mich bieten, von den Papieren zu Eurem Vorteil Gebrauch zu machen ... «