»Mit Verlaub,« sagte da Christie, »diese Sorge will ich auf mich nehmen. Wenn Ihr mir auch niemals sonderlich freundlich gesinnt gewesen seid, so darf ich doch nimmer vergessen, daß ich ohne Eure Dazwischenkunft schwerlich noch unter den Lebenden weilte. Und wenn anderseits jemand im stande ist, ihre Spur ausfindig zu machen, so bin ich dieser Jemand. Das behaupte ich vor jedermann im ganzen Grenzgebiet. Zuvor aber habe ich noch etwas mit Euch abzutun von seiten meines Herrn, sofern Ihr mir erlauben wollt, mit Euch das Tal hinunter zu reiten.«
»Ich dachte, mein Lieber,« erwiderte der Mönch, »Du müßtest Dir allein sagen, daß ich keine rechte Ursache habe, einem Kameraden wie Dir in solch einsamer Gegend mit Vertrauen entgegenzukommen.«
»Ehrwürdiger Herr,« antwortete der Reiter, »wollt ich solchen Versuch noch einmal riskieren, so ginge es mir selbst doch am schlimmsten dabei. Habe ich Euch denn im übrigen nicht schon oft genug gesagt, daß ich Euch mein Leben zu verdanken habe? Solchen Dienst bleibt aber Christie von Clinthill niemand schuldig, früher oder später kommt so was zum Ausgleich. Zudem hab ichs verschworen, jemals durch das einsame Tal wieder allein zu ziehen, auch nicht mit meinen Reisigen, denn sie sind doch alle Belialskinder wie ich. Was anders ist es, wenn Euer Ehrwürden mit Psalter und Rosenkranz dabei sind, dann könnt Ihr alle bösen Geister in die Lüfte verjagen, während ich mit meinem Speere alle irdischen Widersacher über Stock und Stein jage.«
Edward trat herein mit der Meldung, daß die Pferde gesattelt seien. Dabei fiel sein Auge auf seine Mutter, und sein Entschluß geriet ins Wanken, als ihm einfiel, daß er nun Abschied nehmen müsse. Der geistliche Herr, seine Verwirrung wahrnehmend, kam ihm zu Hilfe.
»Liebe Frau,« sagte er, »ich hatte vergessen, Euch davon zu unterrichten, daß Euer Sohn Edward sich mit mir in das Kloster hinüber begibt und vor ein paar Tagen nicht heimkehren wird.«
»Ihr wollt gewiß bei der Suche nach dem Bruder helfen. Gott und die Heiligen mögen Euch dafür belohnen!«
Der geistliche Herr nahm den Segen, der ihm diesmal recht unverdienterweise in den Schoß fiel, mit auf den Weg und trat mit Edward die Reise an. Dicht auf dem Fuße folgte ihm Clinthill mit seinen Reisigen, so daß man deutlich merkte, wie viel ihm daran gelegen, war, auf seinem Ritte durch das Tal geistliches Geleit wahrzunehmen.
»Euer Ehrwürden,« redete er den Prior an, sobald er in seine Nähe gelangt war, »ich war der Meinung gewesen, Euch mit dem alten Evangelischen ein passables Präsent gemacht zu haben. Da Ihr ihm aber so geringe Rücksicht schenkt, scheint Euch wenig daran gelegen zu sein.«
»So dürft Ihr die Sache doch eben nicht nehmen,« antwortete der Mönch. »Das Kloster wird Eurem Herrn diesen Dienst hoch anrechnen und auch gut vergelten. Aber der alte Mann ist vormals ein guter Freund von mir gewesen, und ich rechne darauf, ihn vom Wege des Verderbens abzubringen.«
»So ist mirs freilich vorgekommen, als ich sah, wie sich die beiden Herren begrüßten. Aber das ist meinem Herrn ganz gleich. Heilige Jungfrau,« rief er plötzlich, »was ist denn das dort?«
»Ein Weidenzweig, der zwischen uns und dem Himmel über dem Wege hängt,« antwortete der Mönch.
»Gott helf uns!« erwiderte der Reiter, »es sah doch ganz so aus, wie eine Menschenhand mit einem Schwert. ... Aber, um wieder auf meinen Herrn zu kommen, der hat sich als vernünftiger Mann in unfrei schwierigen Zeit so lange in der Schwebe gehalten, bis er genau zu unterscheiden vermochte, wo sich für ihn die größte Sicherheit bietet. Die Lords von der Kongregation hatten ihm ja ganz verlockende Anträge gestellt, und um es Euch rund heraus zu sagen, er hat sich auch eine Zeitlang mit dem Gedanken getragen, mit diesen Herren, die bei Euch ja Ketzer heißen, zu paktieren, hat er doch recht gut gewußt, daß Lord James an der Spitze eines ansehnlichen Reiterhaufens die Straße hier entlang ziehen werde. Anderseits hat aber auch Lord James so bestimmt auf ihn gerechnet, daß er diesen Warden, oder wie er sonst heißt, voraus schickte, mit dem Ansinnen, ihn als Freund in Schutz zu nehmen. Unterwegs aber ist der Lord ...«
»Bewahr uns die heilige Jungfrau!« rief der Mönch.
»Amen!« ergänzte der Reiter. »Haben Euer Ehrwürden was gesehen?« setzte er ängstlich hinzu.
»Nicht das mindeste,« sagte der Mönch; »Deine Erzählung hat mir den Ausruf abgenötigt.«
»Na, da mögt Ihr wohl auch im Recht sein, wenn Ihr Euch sorgt,« meinte der Reiter, »denn wenn Lord James den Weg hierher nehmen wollte, dann ginge Euer Kloster wohl in Feuer und Flammen auf. Aber seid gutes Mutes! denn wie auf dem Schlosse Avenel verlautete, ist der Lord wohl auf dem Marsche, aber in westlicher Richtung, nicht hierher, weil die Aufforderung an ihn gelangt ist, dem Lord Semple gegen Cassilis und die Kennedys zu Hilfe zu marschieren.«
»Darum also ist dem Prediger Warden eine so frostige Aufnahme auf dem Schlosse bereitet worden?« fragte der Mönch.
»Der Grund ist wohl ein andrer gewesen,« sagte der Reiter, »denn mein Herr konnte sich lange nicht darüber schlüssig werden, wie er sich am besten verhielte, und hätte sich ganz gewiß nicht darauf eingelassen, so mit einem Manne zu verfahren, der ihm vom Lord James zugeschickt wurde, wenn nicht irgend ein rühriger Teufel dem Manne zugesetzt hätte, sich mit einer Sache zu befassen, die ihn gar nichts anging, mit dem Verhältnis nämlich, in welchem mein Herr sich zu der Dame Katharina von Newport befindet. Die beiden leben nämlich zusammen, sind aber nicht verheiratet, wohl aber, nach schottischem Hochlandsbrauch, auf ein Jahr zusammen versprochen. Dagegen fing der Prediger an zu eifern, und mein Herr ist darüber in Wut geraten, und darüber ists auf einmal zwischen meinem Herrn und Lord James zu bösem Verdruß gekommen, denn Lord James hat noch nie jemand eine Beleidigung oder Kränkung verziehen. Seitdem steht aber mein Herr Euch mit allem, was sein ist, zu Gebote. Es bleibt ihm ja auch kaum was andres übrig, muß er doch damit rechnen, daß Lord James nicht früher mit der Fehde aufhört, als bis er mit meinem Ritter vollständig fertig ist, das heißt, bis er denselben vom Erdboden getilgt hat und mit ihm das ganze Geschlecht Avenel, denn wenn man das arme Mädel nicht mitrechnet, das hinten in Glendearg hockt, ist doch Ritter Julian der letzte Avenel. Hiermit habe ich Euch wohl mehr mitgeteilt, als meinem Ritter selbst recht sein dürfte; Ihr habt mir aber noch einmal großmütig durchgeholfen, und es könnte sich wohl treffen, daß ich nochmals auf Euren Beistand zu rechnen habe.«
»Es soll Euch nicht zum Nachteil sein, daß Ihr uns so aufrichtig Bescheid erteilt habt,« versetzte der Mönch, »denn in solch unsichern Zeiten muß der Kirche natürlich viel daran liegen, zu erfahren, was ihre Nachbarn im Schilde führen, und durch welche Triebfeder sie in Bewegung gesetzt werden. Aber was erwartet Euer Herr als Entgelt für seine Dienste? Ich halte ihn nämlich für einen von jenem Schlage, auf die das alte Wort: Kein Geld, kein Schweizer, zutrifft.«
»Nun, das kann ich Euch ganz genau sagen,« antwortete Christie von Clinthill, »Lord James hatte ihm für seine Parteigängerschaft einen schmucken Landstrich zugesagt, der an seine Herrschaft Avenel stößt, und dazu den mitten in seinem Gebiete gelegenen Distrikt Cranberry-Moor. Weniger dürfte er also von Euch auch nicht erwarten.«
»Aber was sollte dann mit dem alten Gilbert von Cranberry-Moor werden?« fragte der geistliche Herr.
»Ich sollte doch meinen, das Kloster besäße Land genug, um Gilbert, der doch nur knapp über ein paar lahme, gebrechliche Bauern verfügt, anderswo hinzusetzen, wenn auch Cranberry-Moor sein alter Erbsitz sein mag. Aber gegen meinen Herrn, der über fünfzig Berittne kommandiert, die alle schneidig einexerziert sind, kann doch der alte Krippensetzer nicht aufkommen! Zum wenigsten wird Euch wohl der Entschluß zwischen beiden nicht schwer fallen.«