»Mir ist von dem allen so dumm,« rief der Abt, »als ging mir ein Mühlrad im Kopfe herum!. Aber mein Entschluß steht fest, steht schon lange fest,« und bei diesen Worten stand er auf und trat mit all der Würde, die ihm seine stattliche Person vergönnte, einen Schritt vor, um dann fortzufahren: »Vernehmt zum letzten Male die Stimme Eures Abtes Bonifacius! Ich habe für Euch gearbeitet, so weit meine Kräfte es mir erlaubten. In ruhigeren Zeiten wäre mir manches wohl besser gelungen. Habe ich mich doch nur ins Kloster geflüchtet, um der Ruhe pflegen zu können, und das Kloster mußte gerade mir zu einer Stätte der Unruhe werden! Zudem wird es von Tag zu Tag in dieser Hinsicht schlimmer, und je höher ich im Alter herausrücke, desto geringer wird meine Fähigkeit, mich mit all dieser Plackerei zu befassen. Darum gebührt mir ein solcher Platz nicht mehr, denn ich kann die Pflichten, die er auferlegt, nicht mehr erfüllen. So habe ich mich denn entschlossen, mein Amt in die Hände des Paters Eustachius, unsers geliebten Priors, dem es nach der Rangordnung zunächst anheimfällt, niederzulegen. Ich freue mich, daß er noch nicht anderswo eine seinen Verdiensten angemessene Stellung zuerteilt bekommen hat, denn ich hoffe, daß er die Mitra und den Stab aus meinen Händen entgegennehmen werde.«
»Mylord-Abt,« nahm hierauf der Unterprior das Wort, »wenn ich von den Tugenden, die Euch bei Führung dieses hohen Amtes geziert haben, schwieg, so dürft Ihr nicht meinen, daß ich dieselben nicht zu würdigen wüßte. Gleich allen, die Euch kennen, bin ich mir des Umstandes wohl bewußt, daß kaum jemals ein Mitglied unsers Ordens zu diesem hohen Amt einen lauterern Willen besessen hat, allen Menschen wie allen Verhältnissen gerecht zu werden, und wenn auch Eure Amtszeit nicht ausgezeichnet war durch kühne Unternehmungen, wie diejenige manches Eurer Vorgänger, so sind hinwiederum Eurem Charakter die Fehler fremd gewesen, die den Charakter solcher Vorgänger verdunkelt haben.«
Der Abt richtete seine Blicke mit Verwunderung auf den Prior und sprach:
Daß auch Ihr, ehrwürdiger Vater, mir so viel Gerechtigkeit zu teil werden ließet, dessen bin ich mir nicht gewärtig gewesen.«
»Ich habe in Eurer Abwesenheit,« sagte der Prior, »diese Meinung noch kräftiger vertreten als in Eurer Gegenwart, und ich möchte nicht unterlassen, hochwürdiger Herr, Euch zu bitten, daß Ihr die gute Meinung, die allgemein über Euch herrscht, nicht dadurch beeinträchtigen möchtet, daß Ihr zu einer Zeit, da Eure Fürsorge gerade am notwendigsten ist, den Verzicht auf Euer Amt erklärt.«
»Aber, geliebter Bruder in Christo, ich trete doch mein Amt einem weit besser dafür geeigneten Mitgliede unsers heiligen Ordens ab!« sagte der Lord-Abt. »Zu einer Zeit, wie der jetzigen, bedarf unser Kloster einer kräftigeren Hand. Drum bestimme ich, daß Ihr noch heut abend Euer Amt als Abt antretet und alle notwendigen Anstalten trefft, damit morgen das Kapitel zusammentrete und Eure Wahl vollziehe! Und nun, geliebte Brüder, benedicite! Friede sei mit Euch! Ich bete mit Euch! Ich wünsche dem Anwärter der Abtswürde, daß er so sanft schlafen möge, wie der, welcher die Mitra niederzulegen im Begriffe steht.«
Fünfzehntes Kapitel
Der neu erwählte Abt traf alsbald die Vorkehrungen, die durch den Drang der Umstände geboten waren, und wer in seine Nähe kam, der konnte sehen, daß seine Falkenaugen seltsam blitzten und auf seine hagern, bleichen Wangen eine lebhafte Röte stieg. Kurz und bestimmt schrieb er an verschiedne Barone, um sie von dem bevorstehenden Einfall der Englischen zu unterrichten und um ihre Hilfe in solchem Notfalle anzugehen. Solchen, denen er nicht zutraute, daß sie sich um der bloßen Ehre halber verpflichten würden, bot er mancherlei Vorteile; bei allen aber appellierte er an die Vaterlandsliebe und an den eingeimpften Haß gegen alles Englische. Zu früherer Zeit wäre solcher Appell wohl kaum notwendig gewesen, aber die Unterstützung, die der reformierten Partei Schottlands durch die Königin Elisabeth von England zu teil geworden war, hatte sich von so bedeutenden Folgen erwiesen, daß sich nicht ohne Grund vermuten ließ, ein großer Teil der Edelleute würde sich diesmal neutral verhalten, wenn nicht gar eine Verbindung mit den Englischen gegen die Katholischen eingehen.
Als Abt Eustachius erwog, auf wieviel Klostervasallen er zu rechnen habe, erfüllte es ihn mit Betrübnis, daß er dieselben unter das Banner eines so wüsten und hochmütigen Mannes wie Julian Avenel stellen solle ... »Schade,« dachte er bei sich, »daß der junge, schwärmerische Glendinning nicht aufzufinden ist, ihm vertraute ich die Führung lieber an, trotz seiner Jugend, und möchte mich des himmlischen Segens für gewisser halten. Unser Vogt ist leider schon zu alt und zu schwächlich. Es wird sich also wohl kein andrer finden, der für das Amt eines Truppenführers sich eignete, als dieser Julian Avenel.«
Er klingelte und gebot dem eintretenden Bruder, Christie von Clinthill zu ihm zu führen.
»Du verdankst mir bis zu einem gewissen Grade Dein Leben,« redete der Abt den eintretenden Reiter an, »und wenn Du offen und ehrlich auf die Fragen, die ich Dir stellen werde, antwortest, so kann ich Dir eine Gefälligkeit andrer Natur erweisen.«
Christie hatte bereits ein paar Becher Wein geleert, und bei andrer Gelegenheit hatte er Wohl seiner Frechheit unbedenklich die Zügel schießen lassen. Hier aber erklärte er, daß er bemüht sein wolle, auf alle Fragen aufrichtige Antwort zu erteilen.
»Steht der Baron von Avenel zu Sir John Foster, dem Grenzwächter der westlichen Marken, in freundschaftlichem Verhältnis?« fragte der Abt Eustachius.
»Etwa wie Wildkatze und Dachshund,« erwiderte der Reiter.
»Er würde also mit ihm sofort aneinander geraten, wenn sie sich träfen?«
»Ganz gewiß.«
»Und würde er in einer Kirchenfehde mit Foster Händel anfangen?«
»Wenns bloß Fehde ist,« antwortete Christie; »welcher Art, danach früge er ganz gewiß nicht.«
»So wollen wir an ihn schreiben und ihm kund tun, daß er im Fall eines Einbruchs Fosters in unser Gebiet seine Mannen mit den unsrigen vereinigen und den Befehl über das vereinigte Korps übernehmen solle. Für diese Dienstleistung wollen wir ihm eine hohe Belohnung sichern, deren Bestimmung in seine Hände gelegt werden soll. Aber nun noch, ein weitres Wort! Du meintest den Aufenthalt des englischen Ritters Piercie auskundschaften zu können?"
»Allerdings. Ich schaffe ihn Euch, ob im Guten oder im Bösen, ganz wie es Euer Ehrwürden als das Bessere dünkt.«
»Gewalt soll ihm nicht angetan werden,« erwiderte der Abt. »Wie lange Zeit meinst Du dazu zu brauchen?«
»Etwa dreißig Stunden, falls er nicht schon Lothian hinter sich haben sollte,« erwiderte Christie. »Wenn Ihrs befehlt, dann setze ich mich sogleich auf und spüre ihn aus, wie der Hund den Landstreicher.«
»Bring ihn zur Stelle, und Du sollst rasche und gute Belohnung bekommen,« sagte der Abt.
»In dieser Hinsicht verlasse ich mich ganz auf Euer Ehrwürden. Wir Leute mit Schwert und Spieß ziehen ziemlich sorglos durch das Leben. Aber leben muß halt jeder, und das geht manchmal nicht grade.«
»Mach Dich also auf den Weg! Ich werde Dir einen Brief an den Ritter mitgeben.«