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Christie war fast ziemlich an der Tür, als er umdrehte und wie jemand, der, wenn er dürfte, gern einen derben Spaß machte, die Frage stockend stellte, was er denn mit Müllers Mysie anfangen solle, wenn er die beiden zusammen träfe?

»Soll ich sie etwa auch mit herbringen, Euer Ehrwürden?« schloß er.

»Hierher, Du loser Wicht?« herrschte ihn der Abt an; »weißt Du nicht, an wen Du das Wort richtest?«

»Na, böse wars ja nicht gemeint,« entgegnete Christie; »aber wenn Ihr sie nicht hier haben mögt, könnt man sie ja nach Schloß Avenel bringen, wo man eine schmucke Dirne immer ganz gern einziehen sieht.«

»Unterlaß Deine Späße!« sprach der Abt. »Nach ihres Vaters Hause bring das übelberatne Mädchen, und sieh zu, daß es in aller Sicherheit und in Ehren für sie geschieht.«

»Gegen die Sicherheit soll sich nichts sagen lassen,« erwiderte Christie; »was aber die Ehre anbetrifft, so läßt sich da nur sagen, daß ihr die bleiben soll, die sie noch hat. Und nun, Euer Ehrwürden, lebt wohl! ich muß zu Pferde sein, ehe der Hahn kräht.«

»Was? Im Finstern willst Du weg? Wirst Du den Weg auch finden?«

»Ich habe die Spuren von des Ritters Gaul bei der Furt gesehen, als wir vorbeiritten,« sagte Christie von Clinthill, »auch bemerkt, daß sie nach Norden ging. Also ist der Herr unterwegs nach Edinburg, dafür möcht ich die Hand ins Feuer legen. Und noch ehe der Tag anbricht, will ich dorthin auf dem Wege sein.«

Mit diesen Worten verließ er das Gemach.

»Schlimmer Anlaß, der es notwendig macht, sich solcher Werkzeuge zu bedienen,« sagte Abt Eustachius, indem er ihm nachsah. »Allein, da uns von allen Seiten und von allerhand Menschen der Angriff droht, welcher Ausweg bleibt uns dann offen? Aber ich muß nun zu dem allernotwendigsten schreiten, was mir noch zu tun bleibt.«

Er setzte sich an seinen Tisch und schrieb noch weitere Briefe, erließ Befehle und nahm die ganze Sorge auf sich für eine Anstalt, die dem Einsturz drohte, aber er verrichtete alles mit dem tapfern Geiste eines Festungskommandeurs, der sich auf die letzten Mittel, den Sturm hintanzuhalten, angewiesen sieht, dieweil sein Vorgänger Bonifacius, aller Sorgen und Beschwerden ledig, nach ein paar Stoßseufzern entschlummerte und den Schlaf des Gerechten schlief.

Sechzehntes Kapitel

Wir hatten Halbert Glendinning auf der Hochstraße nach Edinburg verlassen. Sein Zusammentreffen mit Heinrich Warden war so flüchtig gewesen, daß er nicht einmal von ihm hatte hören können, wie der Edelmann hieß, an den er empfohlen worden war. Er hatte nur so viel verstanden, daß er einem Ritter begegnen werde, der mit einem Trupp nach Süden zu unterwegs sei. Bei Tagesgrauen befand sich Halbert noch immer in dieser Ungewißheit. Hätte er eine bessre Schulkenntnis besessen, so hätte er sich durch die Aufschrift, die der Brief trug, belehren können, aber er hatte in dem Unterricht beim Pater Eustachius nicht so viel profitiert, daß er die Buchstaben hätte entziffern können. Indessen sagte ihm die angeborne Klugheit, daß es nicht gut sei, bei der Unsicherheit, die zurzeit überall im Lande herrsche, sich bei Leuten, die ihm unterwegs begegneten, zu erkundigen; als ihn aber nach langem Marsche unfern von einem Dorfe die Nacht überfiel, wurde er doch allgemach unsicher und ängstlich über den Ausgang seines Vorhabens. In einem armen Lande, wo Gastfreundschaft willig gewährt wird, fällt es nicht eben auf und erniedrigt auch nicht, wenn jemand um ein Nachtquartier bittet. Bei einer greisen Bäuerin fand er ein solches und brach am andern Morgen beizeiten auf. Sein Pfad führte durch Sumpf und Moor, bergauf, bergab, und endlich kam er an eine Höhe, die eine weite Aussicht über einen Strich wilden, wüsten Landes bot, das mit Schieferhügeln und seichten Lachen bedeckt war. Durch diese Oedenei zog sich schlangenartig ein kaum sichtbarer Weg. Unschlüssig, ob er gradeaus oder seitab gehen solle, machte Halbert hier Halt; aber er hatte noch nicht lange auf einem Baumstumpf gesessen, als er in nicht zu großer Ferne eine Staubwolke sah, die sich auf ihn zu bewegte, und bald erkannte er, daß sie aus etwa einem Dutzend Reiter sich zusammensetzte. Sie ritten in sehr schnellem Tempo, und ihre Helme und Lanzenspitzen blitzten im Sonnenschein.

Der vorderste des Zuges ritt auf der Stelle auf Halbert zu und stellte ihm die Frage, wer er sei? Halbert übergab dem Reiter seinen Brief, und alsbald erscholl von dem hinter dem Vortrab einhersprengenden Haupttrupp der Ruf: Halt! Dann kam der Befehl, daß hier eine Stunde gerastet werden solle. Gleich darauf wurde der junge Erbe von Glendearg auf eine Stelle geführt, die höher lag als der eigentliche Moorgrund. Hier war ein Teppich auf den Boden gebreitet worden. Die Führer der Reiterschar ließen sich rings um den Teppich nieder, um ihr Frühmahl zu halten, das aber kaum viel anders und besser sein mochte, als das, welches Halbert noch eben bei der greisen Bäuerin bekommen hatte.

Als Halbert herbeigeführt wurde, erhob sich ein Mann von schöner Gestalt, mit gebietender Haltung, aus dessen ganzem Wesen selbst Halbert trotz seiner Jugend auf der Stelle inne wurde, daß er dem eigentlichen Befehlshaber der Schar sich gegenüber befand. Er trug ein Büffelwams, das mit seidnen Schnüren besetzt war, an Stelle einer Rüstung, und um den Hals eine Kette von gediegnem Golde und ein Medaillon. Das schwarze Samtbarett, das auf seinem Haupte saß, war mit einer Schnur großer, schöner Perlen und mit einem Federstutz verziert, und um die Hüften gegürtet hing ihm ein Schwert an der Seite, das eine auffallende Länge zeigte und wuchtig niederhing. Goldne Sporen an den hohen Reiterstiefeln vervollständigten seine Rüstung.

Er winkte Halbert Glendinning, näher zu treten.

»Dieses Schreiben,« hub er an, »ist von dem wackern Gottesstreiter Heinrich Warden, junger Mann? nicht wahr?«

Halbert antwortete mit einem bestimmten Ja auf die Frage.

»Dem Anschein nach schrieb er an Uns im Zustande von Sorge und Bedrängnis und weist Uns betreffs näherer Auskunft an Euch. Laßt Uns also wissen, Jüngling, wie es mit ihm steht.«

Halbert erzählte nun nicht ohne Verwirrung, wie es sich gefügt hatte, daß Warden in Haft von dem Baron Avenel genommen worden war. Als er auf den Streit zwischen den beiden Männern über das Leben des Barons in wilder Ehe zu sprechen kam, machte ihn die ernste Miene des Grafen Murray so bestürzt, daß er in der Meinung, doch vielleicht etwas Unschickliches gesagt zu haben, fast gestockt hätte.

»Was fehlt denn dem Esel?« rief ein andrer Ritter, der neben dem stand, der mit Halbert sprach, und zog die dunkelroten Brauen finster zusammen, während sich auf der Stirn tiefe Falten zu graben anfingen. »Hast Du nicht gelernt, die Wahrheit zu sagen, ohne zu stocken?«

»Mit Verlaub,« erwiderte hierauf mit fester Stimme der Jüngling, »ich habe noch nie mit solchem Herrn gesprochen.«

»Wie mir scheint,« nahm hierauf der erste der Herren das Wort, – der kein andrer war als Lord Murray – indem er sich zu dem neben ihm stehenden Ritter wendete, »ist der Jüngling bescheidnen Sinnes, aber doch ein Mensch, der sich in einer guten Sache weder vor Freund noch Feind fürchtet. Sprich weiter, mein Sohn, freimütig und ehrlich.«

Nun berichtete Halbert weiter von dem Streit zwischen dem Baron Avenel und dem Prediger. Der Ritter hörte ihm zu, indem er sich auf die Lippen biß, und sich anscheinend zur Gleichgültigkeit zwang.

»Warden,« sagte er dann, nicht abgeneigt, sich auf die Seite des Barons Avenel zu schlagen, »ist zu eifrig in seinem Eifer, denn gewisse eheliche Beziehungen sind sowohl nach göttlichem als menschlichem Recht statthaft, auch wenn sie nicht der strengen bürgerlichen Form angemessen geschlossen worden sind, und die Nachkommenschaft, die solchen Verhältnissen entspringt, gilt nicht minder für erbfähig, als die aus den streng bürgerlich geschlossenen Ehen.«

Die allgemein gehaltne Meinung, die er mit einem Blick auf die bei dem Gespräch anwesenden Kriegsgefährten begleitete, fand die allgemeine Billigung, und alle, bis auf einen, der den Blick zu Boden schlug und schwieg, riefen: »Dawider läßt sich nichts vorbringen!«