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Es war ein düstres Bild, das sich vor seinen Augen hier entfaltete. Es war hart gekämpft worden, wie ja immer in diesen Grenzgefechten, bei denen tief eingewurzelter Haß die Waffen schärfte. In der Hütte des Blachfeldes lagen die Leiber von Soldaten, die im Handgemenge niedergemacht worden waren. Neben ihnen lagen Verwundete im Gebete oder bettelten um Wasser. Unsicher, in welcher Richtung er seinen Ritt fortsetzen solle, von Angst erfüllt, daß er den Bruder unter den Toten finden werde, anderseits unter der Annahme, daß er bei weiterer Annäherung sein Leben wie das seiner Mannschaft in die schlimmste Gefahr durch die siegreichen Engländer setzen müsse, beschloß er zu warten, bis Graf Murray mit seinen Streitkräften heran sein werde, und nahm auf einem günstigen Platze Posten, den die Schotten beim Anfange des Treffens innegehabt und, wie der Augenschein lehrte, hartnäckig verteidigt hatten.

Kurze Zeit nachher drang auf einmal an sein Ohr leises Wimmern, offenbar von einem Weibe herrührend. Außer stande, sich zu erklären, wie auf einem Kampfplatze, wo doch nur Männer gefochten haben konnten, ein Weib zugegen sein sollte, blickte er sich besorgt um und bemerkte endlich neben einem Ritter in glänzender Rüstung, dessen Helm trotz allem Schmutz, der auf ihm haftete, doch den hohen Rang deutlich erkennen ließ, der ihm gehörte, die Gestalt einer Frau, die, in einen Reitermantel gehüllt, ein Kind an ihrem Busen hielt.

Da warf er einen raschen Blick auf die Truppen der Engländer, die aber nicht im Vorrücken waren, sondern augenscheinlich alle Mühe hatten, sich wie er zu sammeln; wenigstens ließ sich das aus den Signalen ihrer Trompeten deutlich erkennen. Auf diese Weise gewann Halbert Zeit, sich um die Unglückliche zu kümmern, die neben dem Ritter lag. Er fragte sie, nachdem er sein Pferd einem Lanzenknecht gegeben, in freundlichem Tone, ob er ihr in ihrer Not beistehen könne. Er bekam nicht sogleich Antwort, denn das Weib war bemüht, dem Ritter, neben dem sie lag, die Springfedern von Helmsturz und Ringkragen zu öffnen, was aber ihrer ungeübten und zitternden Hand nicht gelingen wollte. Aber, nach einer Weile sagte sie im Tone schmerzlicher Ungeduld:

»Ach! er erholte sich gewiß bald, wenn ihm Luft verschafft werden könnte! Alles gäbe ich drum, wenn ich diese eisernen Platten lösen könnte, die ihm ja allen Atem benehmen!«

Halbert Glendinning bückte sich, den Helmsturz zu öffnen und den Ringkragen zu lösen und erkannte nun zu seinem namenlosen Erstaunen in dem am Boden liegenden Ritter den Baron Julian von Avenel. Sein bleiches Antlitz ließ deutlich erkennen, daß er den letzten Kampf gekämpft hatte, daß der wilde, ruhelose Geist mitten im Kampfe, den er ja immer geliebt hatte, von ihm gewichen war. ...

»Er ist tot!« sagte Halbert zu dem jungen Weibe, in welchem er nun ohne Mühe die unglückliche Konkubine des Ritters, Katharina, erkannte.

»Nein, nein, nein!« rief das Weib, »sprecht nicht so! er ist nicht tot, er ist bloß ohnmächtig. Ich habe selbst schon einmal so da gelegen, und damals hat mich seine Stimme ins Leben zurückgerufen, als er freundlich zu mir sprach: Blick auf, Katharina! mir zu lieb! Und nun rufe ich, Julian! blick auf, Julian, mir zu lieb! ...« und sie betastete den leblosen Leib, »ich weiß ja, Julian, daß Du nicht tot bist! ... nein, nein, Du tust ja bloß so, Du stellst Dich ja bloß so, um Schreck einzujagen, aber Du kannst mir nicht Angst machen, Julian;« und sie versuchte krampfhaft zu lachen ... dann wechselte sie die Stimme und bat: »Sprich! o, sprich! und wärs auch nur, meine Torheit zu verhöhnen! Ach, Julian, alle rauhen Worte, die Du mir gesagt hast, sie würden mir klingen, wie die liebsten und teuersten, die Du an mich richtetest, ehe ich Dir alles, alles gab. ... Ach, hab Mitleid mit mir und geh nicht so von mir!« und dann wandte sie sich zu Halbert: »Ach, so hebt ihn doch auf! hebt ihn auf! um Gottes willen! habt Ihr denn gar kein Mitleid in Eurer Brust? ... Ach, er hat mir versprochen, mich zur Frau zu nehmen, mich zur Gattin zu machen, wenn ich ihm einen Sohn brächte, und nun bring ich ihm einen! einen, der ihm ähnlich sieht, wie aus den Augen geschnitten! Ach, wie soll er sein Wort halten können, wenn Ihr ihn nicht wieder zu sich bringen wollt! Ach, Christie von Clinthill, Rowley, Hutcheon, Ihr habt an seinen Festen teilgenommen, habt mit ihm geschmaust und gezecht, aber in der Schlacht, da habt Ihr ihn verlassen, da seid Ihr von ihm gewichen, Ihr falschen Schurken! da habt Ihr nicht gesorgt, daß ihn kein Stahl treffe!«

»Ich nicht, beim Himmel! ich nicht!« lallte ein im Sterben liegender Krieger unfern von ihm, der sich auf den Ellbogen zu stützen suchte, und in welchem Halbert die ihm wohlbekannten Züge des Knappen Julians erkannte, »ich bin keinen Fußbreit von ihm gewichen, aber der Mann kann nicht länger fechten, als er Atem hat, und mir geht der Atem schon aus. So, mein junger Freund?« sagte er, mit einem Blick auf Glendinning, als er dessen Rüstung erblickte, »hast Du wirklich noch den Helm genommen? Na, es lebt sich besser darunter als es sich stirbt! ... Na, ich hätts lieber gesehen, der Zufall hätte Deinen Bruder hergeführt, an Stelle von ... hm, in dem steckt noch was Gutes ... aber Du ... Du bist von so wildem Sinne ... und wirst bald ganz ebenso gottvergessen sein wie ich ... ganz ebenso gottver...«

»Da sei Gott vor!« rief Halbert.

»Amen, von Herzen Amen!« lallte der Verwundete, »dort wohin ich komme, wird es Gesellschaft geben auch ohne Dich genug. Aber, Gott sei gelobt! an dieser Schändlichkeit trifft mich keine Schuld!« sagte er, mit einem Blick auf die arme Katharina, und mit einem Gemurmel zwischen den Lippen, das sich halb wie ein Gebet, halb wie ein Fluch anhörte, wandte er sich ... und dann entfloh ihm die Seele. ...

Einen Augenblick lang vergaß Glendinning seine Lage und seine Pflicht, denn der Vorgang war von zu erschütternder Wirkung gewesen ... dann aber wurde er durch Pferdegestampf und durch den Schlachtruf: »Sankt Georg für England!« wieder in die Gegenwart zurückgerufen. ... Seine paar Leute, denn die meisten waren in Erwartung von Murrays Ankunft zurückgeblieben, hielten sich mit gelüfteten Lanzen im Sattel, des Befehls gewärtig, ob sie kämpfen oder sich ergeben sollten.

»Da steht unser Hauptmann,« sagte einer von Halberts Leuten, als ein an Zahl weit überlegner Trupp Engländer, der Vortrab von Fosters Zuge, heranrückte.

»Euer Hauptmann?« wiederholte höhnisch der englische Führer, »oho! mit dem Schwert in der Scheide! und angesichts des Feindes zu Fuße? ... Muß ja ein recht grimmiger Soldat sein! ... Na, junger Frosch!« wandte er sich höhnend an Halbert, »seid Ihr nun fertig mit Träumen? ... wollt Ihr mir nun wohl sagen, ob Ihr fechten ober ausreißen wollt?«

»Weder das eine noch das andre!« versetzte Halbert Glendinning mit großer Ruhe.

»Dann tu Dein Schwert ab und ergib ich!« sagte der Engländer.

»Erst, wenn ich anders nicht kann,« versetzte Halbert, noch immer mit der gleichen Ruhe.

»Stehst Du auf eigne Faust hier, oder bist Du in eines andern Dienst?« fragte der englische Hauptmann.

»Im Dienste des Grafen von Murray,« erwiderte Glendinning.

»«So? Na, dann hast Du Dir ja den besten Dienst ausgesucht!« sagte der Hauptmann, »das ist ja der treuloseste aller Edelleute unter Gottes Sonne! falsch wie Galgenholz, und zwar gegen England sowohl als gegen Schottland!«

»Du lügst!« rief Glendinning, ohne Bedacht auf die Folgen zu nehmen.

»Oho! jetzt so hitzig, und vor einer Minute noch so kalt?« versetzte der Hauptmann, ... »so? ich lüge? ... willst Du diesen Vorwurf auf mir sitzen lassen oder vom Leder ziehen?«