»Reißt der Betze den Mantel von der Fratze!« rief Sir Foster, »und dann jagt sie hinter zu den Stallknechten, denn aus bessrer Gesellschaft kommt sie ja doch nicht. Mein Wort darauf!«
Sogar der Graf von Murray fühlte sich über diese Täuschung des Hüters der englischen Reichsgrenze zum Lachen gereizt, was bei ihm nicht grade häufig war. Allein daß der schönen Molinara, die nun zum zweiten Male Sir Piercie Shafton dadurch vor schwerer Gefahr behütete, daß sie sich auf der Flucht für ihn ausgab, irgend welches Leid angetan werde, das litt seine ritterliche Ehre unter keinen Umständen.
»Ihr habt nun des Unheils mehr, weit mehr angerichtet, als sich verantworten läßt,« sagte der Earl; »wollte ich jetzt noch dulden, daß diesem jungen Frauenzimmer auch nur ein Haar gekrümmt werde, würde ich Schmach und Unehre auf mich häufen.«
»Mylord,« sagte Morton, »wenn Sir John sich dazu verstehen will, auf ein Weilchen mit mir beiseite zu reiten, so werde ich ihm Gründe genug namhaft machen, daß er es für geraten ansehen wird, das Feld zu räumen.«
Der Graf winkte zustimmend mit der Hand, und der Earl von Morton nahm nun den Hüter der englischen Reichsgrenze beiseite.
»Sir Foster,« erklärte er ihm, »es nimmt mich Wunder, daß ein Mann wie Ihr, der doch seine Königin kennen sollte, sich in Dinge einläßt, die ihr nicht allein keinen Nutzen, sondern im Gegenteil Verdruß und Schaden bringen müssen, indem sie sie in Zwistigkeiten mit ihren Nachbarn verwickeln. Ich will Euch unverhohlen die Wahrheit bekennen, Herr Ritter. Hättet Ihr wirklich bei solch törichtem Einfall den richtigen Sir Piercie Shafton erwischt, und wäre es durch Eure Heldentat, wie doch bestimmt zu erwarten stand, zu einem tatsächlichen Bruche zwischen den beiden Reichen gekommen, so würde die weltkluge Fürstin und ihr nicht minder weltkluger Kronrat dem Ritter Sir John Foster es schwerlich Dank gewußt haben. Sie hätte wohl eher ihn in Ungnade fallen lassen, als daß sie sich in einen zweifelhaften Krieg mit Schottland eingelassen hätte. Allein, nun da Ihr Euer Ziel nicht erreicht habt, dürft Ihr Euch verlassen drauf, daß Ihr Euch bloß in schweren Verdruß setzt, wenn Ihr die Sache noch weiter verfolgen wolltet. ... Ich will den Grafen Murray zu bestimmen suchen, daß er es durchsetzt, daß Sir Piercie Shafton den Boden Schottlands verläßt. Im weitern aber seid klug und laßt von Gewalt ab, denn wenn Ihrs drauf ankommen ließet, so würdet Ihr mit Euren geschwächten Leuten wohl kaum etwas ausrichten gegen unsre durchaus frische Mannschaft.«
»Eine verdammte Geschichte!« sagte Foster, nachdem er eine Weile mit gesenktem Haupte neben dem Earl gehalten hatte ... »ich werde für alle Plackerei, die ich heut gehabt habe, wohl nur wenig Dank ernten!«
Darauf ritt er zu dem Earl zurück und erklärte, daß er aus Rücksicht gegen Seine Herrlichkeit, wie auch mit Rücksicht auf die persönliche Verwendung des Earl von Morton sich dahin entschlossen habe, von allen weitern Feindseligkeiten Abstand zu nehmen und sich wieder über die Grenze zurückzuziehen.
»Einen Augenblick noch, Sir John!« sprach Murray, »es geht nicht an, daß ich Euch aus dem Reiche lasse, ohne daß Ihr mir eine Geisel stellt, als Sicherheit dafür, daß sich das Unheil, das Ihr über Schottland gebracht habt, nicht wiederhole ...«
»Das soll niemand in England von John Foster sagen,« rief der Hüter englischer Reichsgrenze, »daß er gleich einem Besiegten sich zur Stellung von Geiseln verpflichtet hätte ... obendrein auf einem Schlachtfelde, auf dem er den Sieg errungen hat. ... Indessen,« setzte er nach einigem Bedacht hinzu, »sollte sich mein Hauptmann Stalwarth Bolton dazu verstehen wollen, aus freien Stücken bei Euch zu verweilen, so hätte ich nichts dawider, und nach meinem Dafürhalten wäre es schon aus dem Grunde recht gut, wenn er hier bliebe, weil er sich doch mit eignen Augen überzeugen könnte, ob dieser Piercie Shafton, den er doch kennt, wirklich des Landes verwiesen wird.«
»Ich aber betrachte und behandle ihn, wie eine mir von Euch gestellte Geisel,« erklärte der Graf. Sir John Foster tat jedoch so, als hörte er die Worte nicht, sondern machte sich mit Stalwarth Bolton zu schaffen, dem er seine Weisungen erteilte.
»Da reitet ein getreuer Diener einer schönen, aber gestrengen Gebieterin,« sagte Murray beiseite zu Morton, »und doch weiß er nicht, der glückliche Mensch, ob ihm die Vollstreckung ihrer Befehle nicht am Ende gar den Kopf kostet. Eins aber hat er sicher, wenn er sie unvollstreckt läßt, und zwar die Ungnade seiner Gebieterin. ... Wahrlich, ein brillantes Glück, nicht bloß den Launen Fortunas unterworfen zu sein, sondern auch noch den Launen einer Königin, die der andern Donna hierin vielleicht noch voransteht!«
»Mylord,« bemerkte Morton, »auch wir dienen einer Herrscherin!«
»Freilich, Douglas, freilich,« antwortete Graf Murray mit unterdrücktem Seufzer ... »aber wie lange noch eine Frauenhand in solchem zerklüfteten Reiche wie unserm Schottland die Zügel der Regierung wird in der Hand behalten können, das wird die Zukunft wohl erst zu zeigen haben. Jetzt aber, Douglas, auf nach dem Liebfrauenkloster! wir müssen die Zustände, die dort eingerissen sind, mit eignen Augen sehen. ... Heda, Glendinning! kümmre Dich mal um das Frauenzimmer hier und nimm sie unter Deinen Schutz! Aber zum Teufel, Bursche! was hältst denn Du in den Armen? Ein Kind? Mord und Tod! wo hast Du denn das aufgegabelt? unter solchen Umständen, wie wir sie jetzt erlebt haben?«
Halbert Glendinning erzählte nun den Sachverhalt. Der Earl ritt zu der Stelle hin, wo die Leiche Julian Avenels lag, in den Armen der unglückseligen Gefährtin seines wilden Lebens, gleich dem Stamm einer vom Sturm entwurzelten Eiche ... niedergeschmettert mit dem an ihm rankenden Efeu, mit den aus ihm sprossenden Ranken ... Beide waren kalt, der Baron sowohl wie seine Konkubine ... kalt wie der Tod. ... Murray wurde von tiefem Herzweh erfüllt, als er sich bei diesem Anblick der eignen Herkunft erinnerte. ...
»Douglas,« sprach er, »was haben die zu verantworten, welche die süßesten Gaben der Zärtlichkeit auf solche Weise mißbrauchen?«
Der Earl von Morton, der eben so unglücklich war als Gatte, wie zügellos in seinen Leidenschaften, antwortete:
»Ja, Mylord, nach solchen Dingen erkundigt Ihr Euch wohl besser bei Leuten wie Heinrich Warden und John Knox. Denn ich maße mir in allem, was die Weiber angeht, kein Urteil an.« »Auf denn nach dem Liebfrauenkloster!« rief der Earl von Murray, »und Du, Glendinning, gib das Kind dem weiblichen Reitersmanne dort! Der mag dafür sorgen. Den Leichen aber laß keinen Unglimpf antun, sondern sorge dafür, daß sie ein schickliches Grab bekommen, wie es ihrem Ansehen und Stande zukommt! ... und nun vorwärts, Kameraden und Freunde!«
Achtzehntes Kapitel
Im Dorf und im Kloster von Kennaqhueir verursachte die Nachricht von dem verlornen Treffen die größte Bestürzung und Verwirrung. Der Sakristan riet zur Flucht, und nicht wenige Mönche pflichteten ihm hierin bei. Der Schatzmeister meinte, es werde am besten sein, alles Kirchensilber als Tribut zu spenden, um den englischen Befehlshaber günstig zu stimmen. Der Abt war der einzige, der den Mut nicht verlor, sondern Mut und Entschlossenheit wahrte.
»Meine Brüder,« sagte er, »Gott hat den Unsrigen nicht den Sieg verliehen, mithin legt er uns sicherlich den Kampf als Märtyrer auf, und in diesem edlen Kampfe kann uns nur eins um den Sieg bringen, und das ist unsre eigne Kleinmütigkeit. Laßt uns die Rüstung des Glaubens anlegen und uns bereiten zum Tod unter den Trümmern jener heiligen Stiftung, deren Dienste wir uns geweihet haben. Uns winkt hohe Ehre, von dem frommen Bruder Nikolaus an, dessen graues Haar ihm geblieben ist, daß es die Krone des Märtyrertums trage, bis zu meinem geliebten Sohne Edward hinunter, dem die Mitarbeit in unsern Hallen vergönnt wurde, wiewohl er erst in des Tages letzter Stunde Aufnahme gefunden hat im Weinberge unsers lieben Herrn. ... Aber seid alle gutes Mutes, meine Kinder und Brüder! freilich darf ich Euch nicht Rettung durch ein Wunder verheißen, wie es meinen gepriesenen Vorgängern so oft vergönnet war, denn wir sind solcher Auszeichnung längst nicht mehr würdig; drum müssen wir selbst zusehen, daß wir uns der Aufgabe würdig zeigen, die jetzt an uns herantritt! wir müssen sorgen, daß Euer Vater und Abt die Mitra weiter in Ehren auf seinem Haupte tragen könne, und daß diese Mitra nicht entehrt werde... Drum gehet in Eure Zellen, Kinder, und betet zu unserm Herrn, daß er uns stärke! Und dann legt Eure Chorröcke an, als solltet Ihr das hehrste unsrer Feste begehen. Haltet Euch bereit, dem Feinde, wenn das Geläut der großen Glocke ihn kündet, in feierlichem Ornate entgegenzuziehen! Lasset die Portale der Kirche öffnen, damit sie denjenigen unserer Vasallen eine Zuflucht gewähre, die infolge des unglücklichen Treffens und wegen ihres Anteils daran den Zorn des Feindes am ärgsten zu fürchten haben. ... Und – dann meldet dem Sir Piercie Shafton, wenn er dem Treffen glücklich entronnen sein sollte ...