»Hochwürdiger Abt, hier bin ich,« sprach Sir Piercie Shafton, »und falls es Euch schicklich erscheinen sollte, so will ich ohne Säumen alle Mannschaft sammeln, die dem Treffen entronnen ist, und den Kampf hier von neuem beginnen und fortführen bis zum letzten Hauche meiner Seele. O, hätte es Julian Avenel gefallen, nach meinem Rate zu handeln ... Ihr werdet von allen Ueberlebenden hören, daß ich meine volle Schuldigkeit in dieser Sache getan habe, ... hätte Julian Avenel, wie gesagt, nach meinem Rate gehandelt, hätte er sein Haupttreffen um einige Glieder zurückgehalten, wie Ihr ja sicher schon bemerkt haben werdet, wenn der Reiher dem niederschießenden Falken ausweicht, um ihn, statt mit den Flügeln, lieber mit dem Schnabel zu nehmen, so wären, meine ich, die Dinge wohl anders gekommen, und wir hätten uns ohne Frage auf eine weit kriegsmäßigere Weise geschlagen. Demungeachtet liegt es mir ferne, irgend welche geringschätzige Aeußerung über Julian Avenel zu tun, im Gegenteil, denn ich sah ihn in mannhaftem Kampfe fallen, mit dem Antlitz dem Feinde zugewandt, und das hat den häßlichen Ausdruck, den er mir zurief: »Vorlauter Naseweis«, wie ich sagen muß, in einem Momente der Unbedachtsamkeit, aus meinem Gedächtnis getilgt, wenn ich mir auch vorgenommen hatte, den trefflichen Menschen, wenn es dem Himmel und seinen Heiligen gefallen hätte, sein Leben zu verlängern, zur Rechenschaft zu ziehen ...«
»Sir Piercie Shafton,« sagte der Abt, indem er ihm endlich ins Wort fiel, »wir haben uns jetzt nicht damit zu befassen, was man hätte tun und lassen können ...«
»Ihr habt recht, hochwürdigster Herr und Vater,« erwiderte der unverbesserliche Schönredner, »das Präteritum, wie sich die Sprachlehrer auszudrücken lieben, kümmert die sterbliche Menschheit weit weniger als das Futurum, und im Grunde genommen beziehen sich unsre Gebauten vornehmlich auf das Präsens. Mit einem Worte, ich bin bereit, mich an die Spitze der Mannschaften zu stellen, die bereit sein sollten, mir Gefolgschaft zu leisten, um dem Vordringen der Engländer, trotzdem sie meine Landsleute sind, allen Widerstand entgegenzusetzen, der einem sterblichen Wesen möglich ist. ... Verlaßt Euch drauf, edler Abt, Piercie Shafton wird mit seiner Länge von fünf Fuß zehn Zoll eher den Boden messen, auf dem er steht, als um nur einen Zoll zurückzuweichen.«
»Ich zweifle nicht, Herr Ritter, daß Ihr Euer Wort auch einlösen würdet, allein es ist des Himmels Wille nicht, daß wir mit irdischen Waffen siegen sollen. Es ist uns bestimmt zu dulden, und darum steht uns kein Recht weiter zu, das Blut unsrer unschuldigen Gemeinde nutzlos zu vergeuden. ... Männern meines Standes ziemt unnützer Widerstand nicht ... Unsre Paniere sind von Gott und der Jungfrau gesegnet!«
»Bedenkt Euch noch, ehrwürdiger Herr,« wandte Piercie Shafton sehr eindringlich ein, »bevor Ihr auf Verteidigung verzichtet, die doch in Eurer Macht steht, daß es am Eingange des Dorfes mehrere Stellen gibt, an denen tapfere Männer viel vermögen gegen einen andringenden Feind, und daß ich noch einen andern Grund habe, auf die Verteidigung nicht zu verzichten, die Rücksicht auf die Wohlfahrt einer Freundin, die den Händen der Ketzer, wie ich hoffen will, entronnen sein wird ...«
»Ich verstehe, Sir Piercie, Ihr sprecht von der Tochter unsers Klostermüllers ...«
»Hochwürdiger Herr,« erwiderte Sir Piercie, diesmal nicht, ohne zu stocken, »die schöne Mysie ist die Tochter eines Mannes, so läßt sich in gewissem Sinne sagen, ... dessen Beruf es ist, auf mechanischem Wege Korn zu verarbeiten, so daß Brot aus dem Produkt gebacken werden kann, ohne welches die Menschen nicht zu bestehen vermöchten, so daß mithin sein Gewerbe nicht bloß ein höchst ehren- und segensreiches, sondern auch ein unentbehrliches ist. Wenn indessen die hehrsten Empfindungen eines adlig gesinnten Frauenherzens, das davon überströmt, gleich dem Diamant, der die Sonnenstrahlen widerspiegelt, im stande sind, ein Weib zu adeln, das allerdings die Tochter eines Korn auf mechanischem Wege verarbeitenden Müllers ist ...«
»Meine Zeit, Sir Piercie Shafton, ist zu kurz, mich mit dergleichen Dingen zu befassen. Laßt Euch darum an der Antwort genügen, daß wir nicht mehr mit irdischen Waffen fechten werden und dürfen. Wir Männer geistlichen Berufs werden Euch weltliche Leute lehren, wie man kalten Blutes stirbt, nicht mit geballter Faust, sondern mit gefalteten Händen, nicht mit haßerfülltem Herzen, sondern mit christlicher Sanftmut, nicht unter dem Lärm von sinnverwirrenden Kriegsdrompeten, sondern unter dem milden Klange frommen Hallelujahs ...«
»Lord-Abt,« erwiderte Sir Piercie Shafton, »dies kann an dem Schicksal unsrer Molinara nichts ändern, die ich, wie ich bitte, nochmals bemerken zu dürfen, nicht verlassen werde, so lange noch das goldne Heft und die stählerne Klinge meines Dolches zusammenhalten. ... Ich gab ihr den Befehl, uns nicht in die Schlacht zu folgen, und doch meine ich, sie in der Tracht eines Edelknaben unter dem Nachtrab bemerkt zu haben ...«
»Ihr werdet anderswo nach der Person suchen müssen, an der Euch so sehr viel gelegen zu sein scheint,« erwiderte der Abt, »indessen hindert Euch nichts, Euch in der Kirche nach ihr zu erkundigen unter den wehrlosen unsrer Vasallen, die sich dorthin geflüchtet haben ... Euch gebe ich den gleichen Rat, gleichfalls unter den heiligen Altar zu flüchten, im übrigen könnt Ihr Euch einer Sache versichert halten, Sir Piercie Shafton,« schloß er seine Rede, »geschieht Euch ein Leid, so leidet darunter die ganze fromme Brüderschaft, denn nie wird der Geringste von uns sein Heil erkaufen dadurch, daß er einen Gast oder Freund des Klosters ausliefert ... Und nun, mein Sohn, verlaßt uns! und seid Gottes Schutz empfohlen!«
Kaum war Sir Piercie Shafton aus der Zelle des Abtes verschwunden, als dieser, im Begriffe, sich in sein Ornat zu kleiden, von einem Unbekannten um eine Unterredung gebeten wurde. Als er diesem Wunsche willfahrte und er sich den Mann ansah, der zu ihm trat, erkannte er zu seinem nicht geringen Staunen den reformierten Prediger Heinrich Warden. Der Abt stutzte und rief voll tiefen Verdrusses:
»Ha! sollen die wenigen Stunden, die das Schicksal vielleicht dem Manne läßt, der wohl zum letzten Male den hehren Schmuck dieser heiligen Stätte tragen wird, noch durch die Zudringlichkeit der Ketzerei vergällt werden? Kommst Du, Dich der Hoffnungen zu freuen, die Deiner fluchwürdigen Sekte verstattet zu sein scheinen? kommst Du, den Besen zu führen, der unsre Heiligtümer hinwegfegen, unsre heilige Religion schänden soll? der die Zinnen dieses heiligen Gotteshauses zertrümmern helfen soll?«
»Ruhig, William Allan,« antwortete mit Fassung und Würde der protestantische Prediger, »aus solchem Grunde komme ich nicht! Freilich sähe ich gern diese heiligen Hallen der Götzenbilder beraubt, die nicht mehr betrachtet werden als Darstellungen guter und weiser Menschen, sondern die zu Gegenständen schändlichsten Mummenschanzes geworden sind! Nichtsdestoweniger tadle ich scharf all jene Verwüstungen, die das niedre Volk in seiner blinden Zerstörungswut begangen hat, indem es sich, von seinem Eifer gegen falschen Götzendienst zu blutigen Verfolgungen hinreißen läßt ...«