Auf dem Marktplatz des kleinen Dorfes Kennaqhueir, damals wie noch heutzutage sich durch ein uraltes Kreuz von prächtiger Schnitzerei auszeichnend, das neben einer vielleicht noch ältern, aber sicher ebenso hoch verehrten mächtigen Eiche stand, die wohl schon den Götzendienst der Druiden erlebt haben mochte, stellten die Mönche sich auf, das Te-Deum singend, und um sie her drängten sich alle diejenigen, die unter dem Banne des allgemeinen Schreckens standen. Dann trat eine feierliche Pause ein. Der Gesang der Mönche verstummte, die Wehklagen der Laien verstummten, und alles harrte in bangem Schweigen der Ankunft des ketzerischen Söldnertrupps. ... Endlich Stampfen und Wiehern von Rossen, dann blitzten hüben überm Dorfe Lanzen und Speere. Dann Waffengeklirr und laute Stimmen. Und nun zeigten sich am Hauptportal die ersten Reiter, die schnell zum Marktplätze hin sprengten. Paarweis, in geschlossener Ordnung, kamen sie, ritten um den Platz herum, bildeten Front nach der Straße zu, und so ging es fort in der gleichen Ordnung, bis sich der Marktplatz gefüllt hatte. Nun winkte der Abt leise, und gleich darauf stimmten die Mönche den feierlichen Gesang an: De Profundis clamari. ... Unterdes beobachtete der Abt die Reihen der Krieger, um zu erkennen, welchen Eindruck der Gesang auf sie mache. Alle wahrten Schweigen, aber auf manchem Gesicht malte sich deutlich die Verachtung, und fast alle andern zeigten Gleichgültigkeit, denn sie waren schon zu lange an ihr wildes Leben gewöhnt, daß durch Hymnen und Prozessionen noch ihre schlummernden bessern Gefühle hätten geweckt werden sollen. ...
Mittlerweile ritten langsam die Kommandanten heran, Earl Murray und Morton, beide in tiefem Gespräch begriffen, mit ihrem Gefolge, darunter auch Halbert Glendinning, bis in die Mitte des Platzes. Heinrich Warden, eben aus dem Kloster zurückgekehrt, gesellte sich sogleich zu ihnen. Er war übrigens der einzige, der bei der Unterredung der beiden Grafen zugegen sein durfte.
»Also seid Ihr wirklich entschlossen, Mylord,« sagte Morton, »die Erbin von Avenel mit all ihren Rechten und Ansprüchen diesem in Niedrigkeit gebornen jungen Menschen ohne Namen zu geben?«
»Hat Euch nicht Warden gesagt, daß sie zusammen aufgezogen worden sind?« fragte Murray, »und daß sie einander von Jugend auf in Liebe zugetan gewesen sind?«
»Nun, meiner Meinung nach recht romantische Gründe, Mylord von Murray, und kaum triftig genug, das junge Ding einem Bennygask zu weigern! Doch sagts nur unumwunden, Mylord! Ihr seht das feste Schloß lieber in den Händen eines Menschen, der, was er ist, Eurer Huld und Gnade verdankt, als in der Hand eines Douglas und meines engsten Verwandten!«
»Mylord von Morton,« sagte hierauf Graf Murray, »ich habe in der Sache nicht das geringste getan, was Euch kränken oder gar beleidigen könnte. Ich habe dem jungen Glendinning dieses Versprechen eigentlich schon gegeben zu Julians Lebzeiten, als er, außer der Lilienhand dieses Fräuleins, nichts zu erwarten hatte. Dahingegen habt Ihr für eine Heirat zwischen Mary Avenel und Eurem Verwandten ein Wort erst eingelegt, als Ihr Julian tot auf dem Schlachtfelde liegen sahet. Wahrlich, Mylord, Ihr erweist Eurem Vetter Bennygask nach meinem Dafürhalten keinen sonderlichen Gefallen, denn ihre Herkunft abgerechnet, ist sie doch nur eine Bauerndirne. Ich hätte gemeint, Ihr könntet für Eure Familie weit besser sorgen!«
Morton wollte eben hierauf erwidern, als sich Heinrich Warden, der protestantische Pfarrer, die Freiheit, die seinem Stande schon lange zustand, herausnahm zu einer Einmischung.
»Mylords,« sprach er, »ich muß der Pflicht gemäß, die mein Stand mir auferlegt, die beiden Edlen, die das Werk der Reformation so eifrig gefördert haben, ermahnen, sich nicht zu veruneinigen um eines alten Schlosses und einiger Sandhügel willen oder gar um einer alten Liebschaft willen, die zwischen einem geringen Lanzenreiter und einem in gleicher Niedrigkeit erzognen Mädchen sich gebildet hat ...«
»Edler Douglas,« sprach Murray, »ich glaube, unser frommer Warden hat im rechten Augenblicke das Wort genommen und hat mit dem wenigen, was er gesprochen, durchaus recht.« Hier reichte er Morton-Douglas die Hand. ... »Unsre Einigkeit ist für die gegenwärtige Lage unsers gemeinsamen Vaterlandes zu wichtig, als daß wir sie um geringfügiger Dinge wegen gefährden dürften. Dem Glendinning in diesem Falle den Willen zu tun, bin ich fest entschlossen. Ich kann nicht mehr anders, denn ich habe ihm mein Wort gegeben. Die Kriege, an denen ich beteiligt gewesen, haben manche Familie ins Elend gebracht. Laßt mir den Versuch, ob ich einmal eine Familie werde glücklich machen können! Es gibt Mädchen in Schottland genug, die sich besser schicken für Euern Vetter, und ich geb Euch das Versprechen, daß Bennygask eine treffliche Partie machen soll.«
»Mylord,« nahm Heinrich Warden wieder das Wort, »Ihr redet edel und wie ein echter Christ. O, laßt uns in diesem Lande des Blutvergießens die wenigen Spuren der Liebe nicht vertilgen, die sich noch darin vorfinden! Noch nun zu ...«
»Ich weiß, Warden, ich weiß! Dort steht der stolze Abt, von dem Ihr nun reden wollt. ... Aber Ihr habt nun schon so viel für ihn gesprochen, daß ich fast hätte sagen mögen: weniger wäre mehr gewesen! Sonst aber, Warden, hätt ich das Nest heut einmal richtig ausgehoben und all dies schwarze Gesindel hinausgeworfen.«
»Und ich meine,« sagte Morton, »das solltet Ihr jetzt auch noch tun! den Mönchen die Einkünfte nehmen, heißt ihnen die Fangzähne ausbrechen!«
»Nun, etwas rupfen wollen wir ihn doch, trotz aller schönen Worte unsers frommen Warden ... und wenn er in der Abtei verbleiben will, dann wird ihm nichts andres übrig bleiben, als uns den Piercie Shafton herauszurücken!«
Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so waren sie auf den Marktplatz gelangt, und im selben Augenblick sprengte ein Herold aus dem Zuge, der die beiden mächtigsten Edelleute des Reiches begleitete, und ritt zu den Mönchen hinüber.
»Dem Abte des Liebfrauenklosters wird hiermit befohlen, vor dem Earl von Murray, dem Landesverweser, zu erscheinen!«
»Der Abt des Liebfrauenklosters,« lautete dessen Antwort, »behauptet in seinem Stiftsgebiete den Rang vor jedem weltlichen Lord. Er läßt demzufolge dem Earl von Murray sagen, derselbe möge sich zu ihm verfügen!«
Murray vernahm diese Antwort mit Hohnlächeln. Dann schwang er sich aus dem Sattel und näherte sich in Begleitung von Morton-Douglas und mehreren andern den um das Kreuz versammelten Mönchen, die von Schrecken vor dem mächtigen Manne befallen zu werden schienen. Aber der streitbare Abt strafte sie mit einem tadelnden Blicke. Dann trat er aus ihren Reihen heraus und direkt vor die Edelleute.
»Lord James Stuart, oder Earl von Murray, sofern dies Euer Titel ist, mit welchem Rechte, frage ich, Eustachius, Lord-Abt des Liebfrauenklosters, Euch hiermit, überfallt Ihr mit streitbaren Haufen unser friedliches Kirchdorf? Weshalb umzingelt Ihr meine Brüder? Nie weigerten wir Euch, wenn Ihr darum ersuchtet, die Gastfreundschaft! Denkt Ihr aber Gewalt gegen friedfertige Geistliche zu gebrauchen, so saget uns zuvor den Grund hierfür und laßt uns auch Zweck und Ziel solches Tuns wissen!«